Dienstag, 17.10.2017
Meakusma

Gegen den Strich

Aufmacher_LeuffenWer sich heute hin und wieder in Kleinstädten oder der Provinz aufhält und deren subkulturelle Vielfältigkeit aus der Vergangenheit kennt, der wundert sich wie eintönig, matt und verloren jene Orte nun wirken. Nirgends sind Anzeichen einer Bewegung gegen herrschende Diskurse erkennbar. Falls diese doch existiert, so scheint sie im Verborgenen zu arbeiten.

Es gab aber mal eine Zeit, da verströmte auch so manche Kleinstadt einen Hauch von eigenwilliger DIY-Kultur, die sonst nur in weltgewandten Metropolen zu spüren ist. Kleine Clubs, Fanzines und unzählige Vinyl- und Kassettenlabels formten in den 1980ern auch jenseits der Ballungsräume an einem popkulturellen Underground, bei dem das Geschäft der kulturellen Geste untergeordnet war.

In den 1990ern, als die neue Hauptstadt Berlin langsam ihre Anziehungskraft auf jede Form von Querdenker entfaltete, das Musik-TV für kurze Zeit die lokale Peergroup ersetzte und das aufkeimende Internet anschließend neuartige globalisierte Lebenswelten formte, verschwand die Underground-Kultur jenseits der Großstädte fast vollständig. Doch nicht alle kleinstädtischen und ländlichen Oasen der Haltung und des kulturindustriellen Widerstands haben Dicht gemacht. Ein gutes Beispiel für provinzielles zeitgenössisches Kulturschaffen ohne Kalkül und Anschluss an gleichdenkende Emergente Ordnungen ist das belgische Label Meakusma.

„Ich kann nur unterschreiben, dass die DIY Kultur auf dem Land schwer nachgelassen hat. Ich würde diese These sogar noch erweitern, denn besonders bei Veranstaltungen behindert die Regulierungswut und die fehlende Anerkennung seitens der politischen Kräfte (in Deutschland noch viel schlimmer als in Belgien), die Arbeit sehr“, sagt Michael Kreitz, der Meakusma gemeinsam mit seinem Kumpel Christophe Houyon betreibt. „So entstand eine neue Form der Angepasstheit und Uniformierung junger Menschen. Wir haben manchmal den Eindruck, dass junge Menschen nicht mehr definieren können, wofür sie eigentlich stehen oder gegen was sie eigentlich sind. Sobald jemand eine Unangepasstheit verspürt, packt er heute seine Koffer, zieht in die Großstadt und muss sich somit vor Ort nicht mehr stellen. Hinzu kommt, dass heute auch noch die Vorbilder fehlen, die einen Antrieb geben in der Provinz aktiv zu werden. Ich erinnere mich, dass wir uns früher immer wieder auf die Szene um „Heimelektro Ulm“ bezogen haben, von ihr begeistert waren und inspiriert fühlten. Als wir anfingen Veranstaltungen zu machen, hatte dies für uns auch mit der Suche nach der eigenen Identität zu tun. Heute geht es uns eher um Standortverschönerung durch eine sinnstiftenden Zielutopie. Wir möchten vor Ort einfach eine Alternative zum gängigen Kulturprogramm anbieten und natürlich selber von diesem Programm profitieren.“

Schon vor der Firmengründung machten sich die beiden in ihrer heimatlichen Kleinstadt Eupen und der umliegenden Region nicht unweit der deutschen Grenze bei Aachen einen Namen als Party- und Konzertveranstalter für abseitige Musik. Ihr Label spiegelt mit so unterschiedlichen Künstlern wie Anno Stamm (aka Anstam), Harmonious Thelonious, dem Japaner Ryo Murakami oder der Brüsseler Band Different Fountains ihren nicht auszurechnenden musikalischen Geschmack als Veranstalter wieder.
„Wir organisieren in unterschiedlichen Formationen seit 1997 Partys und Konzerte in Eupen und Umgebung in leerstehenden Fabrikgebäuden, einem abgelegenen Bauernhof oder Militärbunker“, verrät Kreitz über sein Leben als DIY-Aktivist im deutsch-belgischen Grenzland. Zu Gast waren unter anderem schon Actress, Helena Hauff, Shackleton, Rustie, Swayzak, Mike Paradinas und viele mehr.
Ihre Veranstaltungen gaben schließlich auch den Anstoß ein Label zu gründen. „Meakusma haben mein Partner Christophe und ich in Zusammenarbeit mit dem schottischen Ampoule Label 2008 in Brüssel gegründet. Zu der Zeit hatten wir schon einige Jahre mit verschiedenen Mitstreitern Workshops und Partys organisiert“, führt Kreitz zur Gründung ihrer Plattenfirma und deren Diversität aus. „Wie man bereits an unseren ersten Veröffentlichungen erkennen kann, hatten wir nie vor ein klassisches Label zu sein, bei dem eine Handvoll Künstler veröffentlicht werden. Tanzmusik ist außerdem nur ein Teil unseres musikalischen Interesses, von daher hat sich der breite Künstlerkatalog von alleine ergeben.“
Ihre Veröffentlichungen bringen so unterschiedliche Künstler wie den US-Amerikanischen Outsider-House-Produzenten Madteo, den Detroiter Alien-Techno-Hustler Terrence Dixon, die szenische New Yorker Indie-Improvisationsband Georgia und das Hauptstadt Avant-Jazz-Electronic-Quartett Berliner Ring in direkte Nachbarschaft. Wer sich einen ganzen Tag für die mittlerweile 17 Meakusma Erscheinungen Zeit nimmt, der wird auf abenteuerliche Weise durch ein breites Feld musikalischer Ideen getragen, deren inspirative Atmosphären noch lange nach dem letzten Ton im Körper nach federn.

Anfang Dezember laden Michael Kreitz und Christophe Houyon nun in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut mal wieder zu einer besonderen Meakusma Nacht ein, dessen ambitioniertes Booking in dieser Form in benachbarten Großstädten wie Köln, Düsseldorf oder Brüssel lange nicht zu hören war. „Das Line-Up haben wir im Hinblick auf unseren persönlichen Geschmack und den gegebenen Räumlichkeiten ausgesucht“, erklärt Kreitz. „Wir haben nur Künstlern eingeladen, die für uns seit Jahren relevante Musik veröffentlichen beziehungsweise auflegen. Das macht die Künstler in unseren Augen auch so besonders.“ Mit den Krautrock-Ikonen Irmler & Liebezeit und Roedelius & Schneider treten live zwei Duos auf, bei denen die Musik die Musiker spielt und nicht umgekehrt, eine Interpretation, die man auch auf den ungarischen Saxofonisten, Lyriker und Komponisten André Vida anwenden kann, der sich mit ihnen eine Bühne teilt. Mit Ralf Köster alias Rüftata110 spielt zudem einer der zentralen Figuren hinter Hamburgs Golden Pudel Club, und der New Yorker Komponist Bryce Hackford stellt sein neues, im Frühjahr 2016 auf Meakusma erscheinendes Album „Behind“ vor.
Neben den Shows im Foyer und im Kühlraum des Alten Schlachthof von Eupen gibt es noch einen Floor, der sich ausschließlich an die Tänzer richtet. Hier spielen die Münchner Technobrüder Zenker Brothers, der Berliner DJ, Produzent und Kaput-Kolumnist Efdemin sowie der New Yorker Levon Vincent, Mann hinter dem vielleicht besten elektronischen Album 2015, das sich mit aufwühlender Emotion an der Schnittstelle von technoider Tanzbarkeit, Industrial-Melancholie und düsterer House-Euphorie bewegt.

Ein „Gegen-den-Strich“-Booking, das so nur entstehen kann, wenn sich jemand wohlfühlt in der kulturellen Diaspora und darüber nachdenkt ihr ein Ende zu bereiten. Nur deshalb veröffentlichen Michael Kreitz und Christophe Houyon auf Meakusma unbeirrt abseitige Musik von zeitgenössischer Dringlichkeit und laden sich deren Macher gleich noch vor die eigene Haustüre ein. Kaput Magazin fährt diesmal hin und feiert mit ihnen eine Nacht, deren Machart an jene Zeiten erinnert, als auch das Hinterland noch mehr sein wollte, als ein blinder Fleck in der Kulturlandschaft.

 

Goethe_PosterKaput präsentiert: Goethe-Institut Brüssel & Meakusma Night
5.Dezember 2015, 19 Uhr, Alter Schlachthof Eupen / Belgien
Infos: www.meakusma.org

Halle: Levon Vincent (Novel Sound, Deconstruct Records, Underground Quality), Efdemin (Dial, Naïf, Curle), Zenker Brothers (Ilian Tape, Tresor), Caspro (Moon Sounds)
Kühlraum: Irmler & Liebezeit (Can, Faust, Klangbad), Roedelius & Schneider (Cluster, Harmonia, Mapstation, Bureau B), André Vida (Entr’acte, Pan)
Foyer: Rüftata110 (Golden Pudel), Bryce Hackford (Prah, DFA, meakusma), Illustrations: Poste Aérienne

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