Dienstag, 30.05.2017
Messer über Boris Vian

Im Nebel

Messer_Fleischmann_02„Während ich noch das Verlangen habe /
Bist du schon auf dem Trip“
(Messer, „Tollwut“)

Boris Vian war ein Mann mit tausend Talenten: Jazz-Musiker, Literat, Schauspieler, Chansonnier, die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Der Pariser konnte alles und tauchte in den 40er und 50er Jahren in den verschiedensten Kontexten auf. Ein echter It-Boy – lange bevor es It-Boys gab!
Bei aller Heterogenität der Orte, an denen er in Erscheinung trat, eint sein Werk die klare Agenda, die in diesem angelegt ist. Es ging Vian um Wahrheitsfindung. Er nahm kein Blatt vor den Mund, er war „real“ – auch wenn er nicht immer real agierte. So veröffentlichte er beispielsweise vier hard-boiled Krimis unter dem Pseudonym Vernon Sullivan und nahm nach Außen hin lediglich die Position des Übersetzers ein; als Autor legte er eine afro-amerikanische Kunstfigur an, in Abgrenzung zu anderen, “weißen” Autoren jener Zeit (wie beispielsweise Henry Miller). In seiner inszenierten Funktion als Übersetzer charakterisierte Vian den Autor im Vorwort von „Ich werde auf eure Gräber spucken“ wie folgt vor:
„Er war der Meinung, dass man sich Schwarze vorstellen und ihnen sogar begegnen könne, die genauso ‚hart‘ sind wie die Weißen. Das hatte er auch persönlich in diesem kurzen Roman zu beweisen versucht.“

Die vier Krimis muss man für  ihre Obszönität, Härte und Direktheit schätzen. Sie leben vom Dialog – in all seiner aggressiven Leichtigkeit. Vian geht es um die Implementierung einer gesprochenen Sprache, so banal wie gewieft, und immer aufs absolute verdichtet. Was zur Zeit seiner Erscheinung noch als „hart“ verkauft wird und damals auf dem Index landete, ist heute nicht mal „ab 12“. Die Vernon Sullivan Bücher sind in ihrem expliziten Gestus ein Ausblick in die Zukunft gewesen: „So werden SIE sprechen“ – ein Blick in die Kugel. Vian wusste schon damals, wie normal es werden würde, sich über Sex zu unterhalten, gar über’s „Ficken“. Oder auch dass das Über-Drogen-reden etwas derart banal alltägliches werden würde , als ginge es um den täglichen Einkauf.

So formuliere ich, als ich auf dem Weg nach Berlin bin, wo die Münsteraner Band Messer einen Konzertabend über Boris Vian in der Volksbühne angesetzt hat. Meine Anspannung ist groß. Nicht nur, dass ich Boris Vian schätze, seit ich einen Vortrag an der Uni über ihn gehört habe. Messer schätze ich noch mehr. Ich halte sie für eine der interessantesten deutschsprachigen Bands. Sie machen sich rar, spielen wenig Konzerte, sind zu sperrig um häufiger im Radio zu laufen, und sie geben nicht jeden Tag ein Interview. Ihre Musik lässt sich schwer einordnen: es gibt  Anleihen sowohl im Krautrock als auch im Grunge … und schon tritt man in die Falle: Was meinen Krautrock und Grunge eigentlich in diesem Falle?
Ein trockener, zumeist auf Repetition basierender Beat treibt in ihren Stücke an, der Gesang ist eingetrübt, dabei entweder arg fern oder ganz nah an einem dran. Chiffrenhaft und konkret zugleich.
Messer haben wenig mit dem Traum eine Pop-Band zu sein gemein. Sie handeln auf Grund von Dringlichkeit – und dringlich scheint ihnen alles zu sein.

Meine Erwartungen sind dementsprechend groß.

Messer_Fleischmann_01

„Mit einem Satz war ich mich auf ihm und drückte ihm die Gurgel zu. Er hatte keine Zeit zu schreien. Ich drückte mit aller Gewalt und spürte, wie der Halswirbel allmählich nachgab.“
(Boris Vian, „Tote haben alle dieselbe Haut“)

Enttäuscht werden sollte ich nicht. Hendrik Otremba, der Sänger der Band, gibt sich teils als Vian aus, dann wiederum übernimmt er die Position einer von Vians Figuren und fügt seine eigenen Interpretationen und Überschreibungen den Texten hinzu. Die Einführung schnalzt Otremba noch solo ins Mikrofon, um es dann nach einigen Momenten zu verlassen, während seine Stimme vom Band weiterläuft. Daraufhin kommt der Rest der Band auf die Bühne. Hier spielt keiner Theater, vielmehr versucht die Band beharrlich Lösungen zu finden, um darzustellen, was kaum darstellbar erscheint:
Was bleibt von Vian übrig?

Es besteht kein Zweifel, dass die Ankündigung auf dem Volksbühne-Plakat „Messer über Boris Vian“ Bestand hat. An diesem Abend steht die Band Messer im Vordergrund, obwohl oder gerade weil man sehr viel Text aus der Feder Vians präsentiert bekommt.
In Vinyl verewigt würde man das dann eine Konzeptplatte nennen.

In den letzten Jahren ist man offener geworden gegenüber der strengen Vorgabe, die das Dispositiv „Konzert“ repräsentiert. Der Begriff „Konzertinstallation“ tauchte häufiger auf, oder natürlich auch die „Performance“. Die Übergänge von Pop und Kunst verschwimmen, ebenso jene zwischen Pop und Theater, was eine mehr als positive Entwicklung ist. Galt in den 90er Jahren noch die Verheißung, dass das Theater vielleicht am ehesten in der Lage sei als Metakunst alle anderen Künste (Schauspiel, Video, Musik, Tanz, Performance) in sich zu vereinen, scheint es jetzt „an der Zeit“, die verschiedenen Kunstarten nicht mehr zu vereinen oder gegeneinander auszuspielen, sondern ein spielerisches Durcheinander zuzulassen. Wo früher Bands aus dem Pop-Kontext auf der Bühne (live) im Hintergrund die Musik „zum Stück“ spielen durften, sind sie heute selbst Mittelpunkt einer theatralen Inszenierung. Konsequenterweise wird die Volksbühne, die wie wenige Theaterstätten in den letzten 20 Jahren an ihrer eigenen Auflösung als klassische Theaterbühne gearbeitet hat, hier zum (nicht mehr ganz so) ungewohnten Konzertort. Die steile Rampe, die für die Zuschauer scheinbar notdürftig mit Stühlen bereit gemacht wurde, steht exemplarisch für diesen Wandel. Wo früher klassische Theaterbestuhlung wartete, ist jetzt allein Beton zu finden. Die Betonierung der Rampe ist ein Teil des noch nicht fertiggestellten Umbaus der Volksbühne zu einem offen bespielbaren „Grundraum“, den Bert Neumann noch vor seinem Tod entworfen hat. Wie eine Vorband angekündigt, spielt ein DJ Musik vor der Show; Getränke im Theaterraum sind erlaubt und das Publikum trägt das klassische Band-Shirt, nur echt mit Hardcore-Print.

Die „Interpretation“, wie Messer ihre Aneignung der Vorlagen von Boris Vian selbst nennen, passt da perfekt. Die Art und Weise mit der Otremba die Texte singt und spricht gilt es nachdrücklich als „theatral“ zu bezeichnen, die Musik stellt sich teilweise in die Gunst der Worte und spielt Soundtrackartige Untermalungen dazu. Auf der riesigen Fläche im Hintergrund flimmern die Visuals aus dem HD-Beamer: mal abstrakt, mal konkret. So werden beispielsweise Unterwassertiere so gespiegelt und ineinander verflochten, dass ein Muster, ein Mandala entsteht. Verantwortlich dafür zeichnet sich Messers Haus-und-Hof-Visualisierer Manuel Gehrke. Die Band veröffentlicht schon lange keine Musikvideos mehr, sondern Filme von Gehrke „mit der Musik von Messer“.

Messer sind das Abrissprojekt der deutschen Popmusik anno 2016. Während anhand anderer Bands „Authentizität“ wieder in den Vordergrund der feuilletonistischen Musikkritik rückt, wird von ihnen dem Nebel gehuldigt. Sänger Otremba ist dementsprechend „hergemacht“ für die Bühne, er inszeniert sich. Er hat ein Hemd seines Vaters an, dessen Vian Bücher auch die Grundlage für die Auseinandersetzung bildeten. Der Konzertabend ist konsequent durch choreographiert und doch wirkt er nicht wie ein Theaterstück, sondern wie eine gute Popshow. Die Gemachtheit des Konzertes fällt dann immer am meisten ins Gewicht, wenn Otremba nicht mehr spielt, sondern „laufen lässt“ und von der einen Seite zur Anderen huscht und dabei auf dem letzten Satz eines Vian-Textes „hängen bleibt“:
BLUT MUSS FLIESSEN.

Das Ende des 75-minütigen Ritts gehört dann nochmals Vian. Das Lied „Le Deserteur“ ertönt zunächst als noisige Version der Band, dann in seiner Originalaufnahme vom Band. Doch auch wenn Vian nochmals als Chansonnier den Abend beschließt, danach muss er für immer schweigen. Und der Applaus gehört alleine Messer.

„Es geht um Zeichen und es geht um Bilder/
Schmeiß den Stift weg, bitte sprich“
(Messer, „Angeschossen“)

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