Donnerstag, 14.12.2017
Midori Takada

“Musik handelt von Leben und Tod.”

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Midori Takada (Photo by Sarah Szczesny)

Manche Geschichten klingen zu gut, um wahr zu sein. Zum Beispiel jene von einer japanischen Perkussionistin, die jahrelang darauf hingearbeitet hat, in einem internationalen Orchester zu spielen, nur um dann, wenige Minuten bevor sie erstmals mit den Berliner Philharmonikern auf die Bühne tritt, schlagartig zu spüren, dass dies nicht der richtige Weg für sie ist.

Aber genau so sei es passiert, bekräftigt Midori Takada, und ist selbst etwas amüsiert über die Irationalität, die in dieser künstlerischen Konsequenz zu einem gewissen Grad mitschwingt. Denn ihr Debütkonzert war tatsächlich zugleich quasi das letzte Konzert, das sie mit dem Orchester geben sollte. “Es war keine Entscheidung, es war eine Notwendigkeit. Es fühlte sich falsch an. Ich könnte heute nicht hier sein, wenn ich in Berlin ein Konzert mit den Philharmonikern geben müsste.”

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Midori Takada (Photo by Sarah Szczesny)

Unser Gespräch findet im Pressebereich des Flow Festivals in Helsinki statt, wo Midori Takada am nächsten Tag ein Konzert geben wird. Zu verdanken hat sie dies einem Fan, der ihre drei zwischen 1983 und 1999 veröffentlichten Alben auf Youtube gestellt und so einen regelrechten Hype um die 66-jährige Japanerin ausgelöst hat, zuletzt intensiv hochgejazzt durch die Wiederveröffentlichung ihres Debütalbums „Through The Looking Glass“ auf den Hipsterlabeln Palto Flats und We Release Whatever the Fuck We Want Records.

Mit der Ruhe einer Zen-Priesterin hatte Midori Takada zuvor 34 Jahre lang akzeptiert, dass die angemesse Wahrnehmung des eigenen Werks als Künstlerin nicht einklagbar ist. Dieser ruhige Blick auf die eigene Existenz und die künstlerische Konsequenz im Begehen des Lebensweges waren nur möglich, da Midori Takada schon früh zu eigenständigem Denken und Weltoffenheit ermutigt wurde – sie ist in einem liberalen, äußert kulturell geprägten Elternhaus aufgewachsen. Der Vater gründete die erste Gesellschaft für irische Literatur in Japan, die Mutter studierte in Shanghai klassisches Klavier. Zwar schickten die Eltern die dreijährige Midori zunächst in den verhassten Klavierunterricht und hielten sie mit Keksen bei Disziplin, doch der Wunsch, Perkussionistin zu werden, er war einfach zu mächtig.

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Midori Takada (Photo by Sarah Szczesny)

Man hört Midori Takada gerne beim erzählen zu. So natürlich wie sie zwischen englisch und japanisch (das leicht zeitversetzt simultan von ihrem Tourmanager übersetzt wird) wechselt, weiß sie auch ernsthafte Ausführungen, entwaffnende Offenbarungen und lustige Passagen zu kombinieren.

Wir kommen auf den aktuellen Erfolg von „Through The Looking Glass“ zu sprechen, der Midori Takada natürlich zusagt, dessen langes Ausbleiben sie aber auch nicht in einen Lebenskrise gestürzt habe, wie sie betont. Mit Japanischer Contenance verweist sie auf eine höhere Bestimmung, die jenseits der eigenen Gestaltungsmöglichkeiten liegt: „Ich habe 1983 ein Album aufgenommen und nun führe ich den damals beschrittenen Pfad weiter. Die Zeit dazwischen, sie war künstlerisch notwendig für mich – und vielleicht auch die Welt, die erst lernen musste, mich zu verstehen.“ Nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu, dass man sie in Japan auch jetzt noch nicht verstehen würde. Und ja, die Nachfrage führte Midori Takada zuletzt zu Gastspielen in den USA, Australien, Deutschland, England und an diesem Tag nach Finnland, aber in Japan regt sich noch immer nichts. Manche Sprichwörter sind eben weltweit gültig, auch in Japan gilt der Prophet nichts im eigenen Land.“

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Midori Takada (Photo by Sarah Szczesny)

„Dass das Album damals in Japan nicht beachtet wurde, lag wohl daran, dass es keinem Genre zuordenbar war“, merkt sie erklärend an. Und ergänzt: „Meine Musik war schwer zu verkaufen, auch da die Musikkritiker einfach kein Vokabular für sie fanden.“ Eine nachvollziehbare Aussage, hat sich doch der diffiziele Aufnahmeprozess tief in die Songs auf „Through The Looking Glass” eingeschrieben und schwingt bis heute in ihnen mit. “Die Aufnahmen waren sehr anstrengend”, erinnert sich Midori Takada. “Mir standen nur zwei Tage zur Verfügung, so dass ich dauernd am rennen war. Bei den Stücken spielt die Perspektive eine besonders wichtige Rolle. Für jeden einzelnen der Sounds, die alle von mir gespielt wurden und später übereinander gelegt, galt es die richtige Distanz zum Mikrofon zu finden. Es war eine echte Rauminstallation.”
Die vier Songs des Albums, “Mr. Henri Rousseau’s Dream”, “Crossing”, “Trompe-l’œil” und “Catastrophe Σ”, sind dementsprechend nicht aufführbar. “Es gehört zum Konzept des Albums, dass es nie auf eine Bühne gebracht wird, auch wenn sich das nun viele wünschen.”

Dass sie bedingt durch die fehlende Aufmerksamkeit in ihrer Karriere nur drei eigene Alben hat veröffentlcht können – neben „Through The Looking Glass“ noch „Lunar Cruise“ und „Tree Of Life“ – und das mit großen Intervallen dazwischen, auch das weiß Midori Takada für sich zu relativieren. „Für manche Musiker steht das Aufnehmen von Platten nicht im Vordergrund“, merkt sie an und lenkt das Gespräch gen ihre vielschichtigen künstlerischen Aktivitäten in den vergangenen Jahrzehnten. „Ich habe durchgehend komponiert und Konzerte gegeben. Wobei sich mein Performancestil gewandelt hat, nicht zuletzt, da ich über die Jahre viel mit dem Regisseur Tadashi Suzuki für Theaterproduktionen zusammengearbeitet habe – nicht nur als Musikerin übrigens, ich war auch als Schauspielerin in die Stücke involviert.“

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Midori Takada (Photo by Sarah Szczesny)

Die Theaterarbeit habe es ihr ermöglicht, ihre künstlerische Position integer beizubehalten und sich nicht dem Markt ergeben zu müssen, betont Midori Takada ernsthaft. So konnte sie sich in die Traditionen afrikanischer und asiatischer Perkussion-Musik einarbeiten, ein Genre, dem sie sich bereits unmittelbar nach der Veröffentlichung von “Through The Looking Glass” mit ihrer Band Mkwaju Ensemble widmete, in die unter anderem auch Joe Hisaishi involviert war, der später zum Hauptsoundtrackkomponisten für das Anime-Studio Ghibli werden sollte. In den 80ern und 90ern arbeite Midori Takada mit Musikern wie Kakraba Lobi (Ghana), Lamine Konnte (Senegal), Farafina Band (Burkina Faso), Chi Seong-Ja (Korea) und Kang Tae-Hwan (Korea) zusammen und reiste oft in deren Heimatländer. Die Reisen lehrten sie, dass sie, auch wenn sie sich selbst nicht als politische Person begreift, doch wissen muss, was in der Welt vor sich geht, um die Geschehnisse zu kommentieren: “Musik ist für mich nicht nur Entertainment. Musik speist sich aus dem wirklichen Leben, sie handelt von Leben und Tod.”

Wer solche Worte spricht, für den liegt es nahe, den künstlerischen Nachwuchs anzuleiten. Wobei Midori Takada zwar genau dies seit mehr als 20 Jahren an der Tokyo National University of Arts macht, jedoch keineswegs mit einer solchen Vehemenz, sondern auf eine sehr bescheidene Art und Weise. Wo westliche Dozenten mit eigenem künstlerischen Katalog dazu neigen, sich selbst permanent ins Spiel zu bringen, radierte sie sich sozusagen aus dem Unterricht heraus. „Studierende sollten durch den Unterricht die wesentlichen Dinge lernen, um sich als Künstler in der Gesellschaft zu positionieren. Sie haben das Recht frei zu wählen, wohin es sie zieht, von westlich geprägter Musik bis hin zu traditionell japanischer Musik, von Steve Reich, Mozart und Beethoven bis hin zur originären Musik der Samurai. Ich sehe es als meine Aufgabe, sie in den Grundlagen zu unterrichten: wie spielt man Schlagzeug, wie fängt man den richtigen Sound ein – meine eigenen Gedanken, die behalte ich für mich.“

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Midori Takada (Photo by Sarah Szczesny)

Dafür experimentierte Midori Takada in den letzten zwanzig Jahren viel mit ihrem Körper als Instrument im Prozess der Genese elektronischer Musik, genährt von ihrem Interesse an Cybernetics. „Ich benutzte den Sound meines Körpers. Es gibt so viele Sounds in uns: die Elektrizität der Muskeln, den Herzschlag oder auch den Blutstrom. Wir sind Sound. Leben bedeutet Sound zu sein.“ Und so platzierte sie viele Jahre vor Matthew Herbert und anderen Real-Life-Samplern Mikrofone an ihrem Körper, um beispielsweise die Alpha-Wellen in ihrem Kopf bei der Meditation zu messen und in musikalische Frequenzen umzuwandeln. „Nein, einfach sei auch das nicht für die Zuhörer gewesen“, gibt sie zu. „Aber einige verstehen, was ich mache, und diese werden dann die Botschaft weitergeben.“

Es ist selten, dass eine Künstlerin derart unangestrengt präzises künstlerisches Arbeiten, gelebte Spiritualit und weltzugewandten Humor in ihrem Werk vereint bekommt. Es ist ihr zu gönnen, dass der aktuelle Rummel nur der Anfang eines stetig wachsenden Interesses an ihrer Arbeit ist. Die Zeichen stehen gut, denn dieser Tage erscheint auch “Lunar Cruise” wieder, ihr 1990 gemeinsam mit Masahiko Satoh aufgenommenes Album, auf dem die beiden unter Mithilfe von Haruomi Hosono (Yellow Magic Orchestra) und Kazutoki Umezu afrikanische und asiatische Perkussionmusik mit Einflüssen aus Minimal Musik, Jazz und Ambient kombinierten.
Zum Abschluss möchte ich von Midori Takada wissen, ob sie ihre eigene Musik als emotional empfindet? Ihre Antwort fällt einmal mehr sehr japanisch aus: “Einige Leute sagen, meine Musik sei emotional. In den 70er und 80er Jahren habe ich versucht, meine Gefühle beim Spielen zu unterdrücken – aber das ist ein unmöglicher Akt. Wenn jemand Musik spielt, dann verändern sich der Herzschlag, der Blutdruck und auch die Gehirnströme. Unsere Körper reagieren auf die Musik. Warum akzeptieren wir Menschen es nicht einfach und geben uns den Emotionen hin.”

Der Beitrag erschien in gekürzter Form zuvor in der Stadtrevue Köln.

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