Sonntag, 24.09.2017
Moscoman

„Ich suche nach den Momenten, in denen mir die Luft wegbleibt.“

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Ein Mann und sein Fahrrad: Moscoman on wheels


War Chen Moscovici bis gerade trotz des verregneten Herbsttages, der von Außen an die Scheiben prasselt, noch super entspannt, so kommt langsam aber sicher der Ärger in ihm hoch. Vielleicht war es ja doch keine so gute Idee, die Plattenspieler wieder gegen eine Band einzutauschen. Aber zu spät, nun steht er bereits auf der Bühne des Amsterdamer Radion Clubs, um im Rahmen des ADE Festivals sein Livedebüt als Moscoman zu geben; und hadert mit dem für Konzerte suboptimalen Soundsystem und einem merklich überforderten Soundtechniker.

Aber beginnen wir unsere Erzählung etwas früher. Seit seinem finalen Umzug von Tel Aviv nach Berlin vor zwei Jahren hat sich Chen Moscovici mit unheimlich anmutender Produktivität und Veröffentlichungen auf Labels wie I´m A Cliche, Correspondant, Renate, Eskimo Schallplatten und ESP Institute bestens positioniert auf den richtigen Dancefloors der Welt zwischen Salon zur Wilden Renate, Dalston Superstore, Good Room und The Block. Förderlich für diese extrem dynamische Etablierung war das von ihm ins Leben gerufene Label Disco Halal, auf dem er sich genre- und grenzenüberschreitend elektronischer Musik aus dem Mittleren Osten widmet, egal ob sie nun aus der Türkei, Israel, Syrien, Libanon, Ägypten oder Palästina stammt. Das Label repräsentiert eine Brücke über die kulturellen Klüfte seiner zersplitterten Heimatregion. Natürlich gibt sich Moscovici nicht der Illusion hin, dass er die schwierigen Verhältnisse ändern könne, aber „einen kleinen Teil beisteuern zur Annäherung, das sei ja auch schon etwas wert“, gibt er zu verstehen.

Wir kommen auf die seltsame Dualität aus Abneigung und Hipness zu sprechen, die nicht nur zu seinem Alltag gehört. Zum einen fühlt auch er die seit 9/11 weltbestimmende Skepsis, Angst und oft auch Abneigung, die einem arabisch aussehender Menschen in der Welt widerfährt, andererseits begegnet er über seine Musik auch vielen Leuten, die ihn genau für diese seine Herkunft und die daraus resultierende Musik schätzen und lieben. „Es ist schon seltsam, zu realisieren, dass einem die Leute anders begegnen, da man aus Israel, oder noch schlimmer Rumänien stammt“ – und ergänzt sofort, dass dies nicht per se etwas Schlechtes sein muss. Er berichtet mir von seinem letztjährigen Kölner Auftritt im Rahmen des Birlikte Festival, mit dem an die Verletzten des NSU-Rohrbombenanschlag in der Kölner Keupstraße erinnert wird. “Ich spielte in einem seltsamen kleinen Café, wo normalerweise Türken Domino spielen, aber beim Auftritt war es rappelvoll und alle tanzten, obwohl, oder gerade weil ich diese arabische Musik spielte. Da fragte ich mich schon: Was ist mit den Deutschen los? Warum können sie so gut auf diese Musik, wo doch das Arabische heutzutage so viel Schlimmes repräsentiert? Die Antwort, die ich für mich gefunden habe: In der arabischen Welt spielt die Familie eine sehr große Rolle, und uns gelingt es, genau dieses Gefühl des Zusammenhaltes als neues Element in die westliche Dancemusik mit einzubringen.”

Am Morgen nach dem Konzert, das dann trotz der anfangs erwähnten Schwierigkeiten sehr gut verlaufen ist, steht zu einer Zeit, wo man die meisten DJs noch am Schlafen vermutet, bereits ein gemeinsames Set von Moscoman und Lovefingers bei Red Light Radio an. Die Amsterdamer Radioinstitution ist an den Red Light Records Plattenladen angegliedert. Woche für Woche schauen hier namhafte DJs aus der ganzen Welt für einen Gratis-Gig vorbei, bevor sie abends in den Amsterdamer Clubs auflegen, während des ADE geben sie sich die Studiotür im wahrsten Sinne des Wortes in die Hand.

Einige Stunden später treffen Chen Moscovici und ich uns auf seinem Hotelzimmer, um die bis dato lose geführten Gesprächsfäden enger zu spinnen. Im Zentrum unserer Unterhaltung steht dabei natürlich sein Debütalbum „A Shot In The Light“, das trotz des aktuellen Hypes um Disco Halal auf ESP Institutes erscheint, dem Label des in Los Angeles beheimateten Musikers Andrew Hogges (jenem Lovefingers, mit dem er eben noch im Radiostudio stand). Für Moscovici lag diese Entscheidung auf der Hand, da er Disco Halal nicht für seine eigenen Sachen nutzen will, sondern lediglich zur Förderung anderer Produzenten. „Ich bin mir sicher, dass das Label gerade deswegen so erfolgreich ist, da ich all meine Energie in die Musik anderer stecke, eben so wie Lovefingers das für mich auf ESP macht.“

„A Shot In The Light“ lebt von Moscovicis Talent, einfache Melodielinien mit Trance Momenten melancholisch zu brechen, so dass man irgendwie beschwingt, aber auch auch schwer nachdenklich dazu in Rotation gerät. Das Eröffnungsstück des Albums, „Nineteen Eighty-Two“, ist ein Lehrbeispiel dafür, wie man seine Hörer verwirrt: Ist da nicht auch noch ein Hauch Tropicana drin? Wo kommt der denn nun her? Überhaupt scheint der Mitdreißiger an klaren Soundverhältnissen kein Interesse zu haben. So wagemutig collagierend und konfrontierend seine Sets sind (und alles von Punk, Pop, Techno bis hin zu afrikanischer und arabische Musik mischen – seine Erklärung: „Die Gegend, aus der ich stamme, ist sehr heiß und humid, man möchte den ganzen Tag nur schreien, und genau das führt zu dem verrückten Mix“), so sympathisch heterogen ist auch das Album angelegt. „Es ist ein Menü, auf dem sich alles findet, was ich in den letzten fünf Jahren musikalisch so gemacht habe“, erklärt Moscovici. „Von melodisch-perkussiven Sachen über trancige Produktionen bis hin zu von Jungle und Afrobeat beeinflussten Tracks.“ Wobei die von ihm so geliebten traurigen Melodien die verbindende Konstante sind. Ganz ohne innere Konflikte ginge sich das aber nicht aus, betont er: „Philosophisch gesprochen repräsentiert dieser Konflikt der Sounds meine eigene Widersprüchlichkeit. All meine Stücke sind eine Kombination von dem, was ich anstrebe und dem, was ich bin.“

Man könnte nun mutmaßen, dass diese allgegenwärtige Traurigkeit sich aus der jüdischen Herkunft des in Tel Aviv geborenen und aufgewachsenen Musikers (seine Mutter ist im Gesundheitssystem tätig gewesen, der Vater war Busfahrer) speist, gerade im Wissen um die große Bedeutung, die arabische Musik für sein Werk besitzt. Doch erstaunlicherweise hebt er selbst den Einfluss nordischer Musik hervor: „Als ich anfing, Musik zu produzieren, trieb mich die Sehnsucht an, im Norden geboren zu sein, da dort eine ganz eigene Form von Traurigkeit existiert. Du musst dir nur mal die frühen New Disco Sachen von Lindstrøm oder Prins Thomas anhören.“

Wenn man traurig sagt, dann ist es oft nicht weit zum Wort Depression – Chen Moscovicis Reaktion auf das Wort ist irritierend fröhlich. Mit geradezu leuchtenden Augen erzählt er mir, dass er selbst seine Musik als „happy-sad“ klassifiziere, „da sie so durchtränkt ist von einer manisch-depressiven Stimmung. Obwohl ich ein selbstbestimmtes Leben in der westlichen Welt führen darf, viel auf Reisen bin und immer in guten Restaurants esse, gibt es da… Ich weiß, was du gleich sagen wirst, aber ich denke, es ist Teil unserer menschlichen DNA, dass wir dennoch nicht einfach happy sein können.“

Die Art wie Moscovici immer wieder auf seine Heimat zu sprechen kommt, legt die Vermutung nahe, dass es ihm nicht leicht gefallen ist, Tel Aviv gegen Berlin einzutauschen. Er nickt zustimmend und merkt an, dass es zwar nur drei Flugstunden seien, dennoch fühle sich das Leben in Berlin jeden Tag wie eine Diaspora an. „Ich habe meine Familie in Israel zurückgelassen. Zwar lebe ich in Berlin nicht nur mit meiner Freundin zusammen, sondern habe auch etliche israelische Freunde in der Nachbarschaft, aber der Großteil meines sozialen Umfelds ist dennoch nicht bei mir.“
In Berlin hat sich Moscovici ganz bewusst den Stadtteil Mitte als Wahlheimat herausgesucht. „Das liegt daran, dass hier einst eine große jüdische Community ansässig war. Ich fühle mich als sehr spiritueller Mensch ihren Seelen nah. Ich kann ihre Traurigkeit fühlen.“

Dazu angetrieben, nach einem früheren Schnupperaufenthalt in Berlin endgültig und ernsthaft überzusiedeln, habe ihn die dringliche Sehnsucht nach Zugehörigkeit zu einem Zirkel von Musikern, der ihm von Tel Aviv aus weit entfernt und unerreichbar erschien. Und trotz der Ernsthaftigkeit, mit der sich Moscovici seinen Zielen widmet, ist er selbst ein bisschen überrascht, dass heute viele der Namen, die er noch vor kurzem aus der Distanz bewundert hat, nun für ihn nicht nur mit Gesichtern verbunden sind, sondern er nicht wenige von ihnen gar Freunde nennt und mit ihnen um die Welt reist und Musik an ihrer Seite spielt. Am Ziel sieht er sich aber noch lange nicht. „Es wäre vermessen, zu behaupten, ich sei bereits ein Musiker auf ihrem Niveau.“ Moscovici, der nach einer langen Zeit mit normalen Jobs (vom Pizzaboy über Verkäufer- und Programmierertätigkeiten) erst mit Ende 20 den Sprung zum DJ gewagt hat, betont bescheiden, dass er noch viel an seiner Musk arbeiten müsse. Aber das sei auch gut so, „die Musik ist sowieso das einzig, das zählt, alles andere, auch das Djing, ist nur ein Bonus.“

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Soundcheck im Radion Club, Amsterdam (Photo by Alex Lemieux)

Wir sprechen über das Konzert vom Vorabend. Trotz der schwierigen Bedingungen sei er sehr zufrieden damit, sagt Chen Moscovici. „Ich glaube nicht, dass es den Leuten aufgefallen ist, dass es neben einem Probeauftritt in Berlin erst unsere zweite Performance überhaupt war.“ Und er liefert die Erklärung gleich hinterher: „Wenn man etwas zu 100 % macht, dann funktioniert es auch.“ Letztere Bemerkung ist fast so etwas wie ein Motivationsausruf an ihn selbst, „denn die Bandwerdung ist noch nicht abgeschlossen“, erzählt er weiter. Als nächstes gelte es, Songs mit Texten anzugehen. Denn bislang sei dieses Unterfangen immer wieder – und das trotz einer Schublade voll mit „LCD Soundsystem“-artigen Material – daran gescheitert, dass er die Färbung seiner Gesangsstimme nicht möge. Aber durch die Zusammenarbeit mit dem Bassisten Tamir Chen und Schlagzeuger Shachak Itzkovitz sei nun alles anders.
Auf die Frage, warum er es sich als gut bezahlter DJ eigentlich das beschwerlichere Bandleben antue?, fällt ihm verblüffenderweise erstmal keine Antwort ein. „Naja, ich dachte, es sei ein besserer Weg, meine Musik den Leuten näherzubringen“, kommt es nach einer Phase des Nachdenkens leise über seine Lippen, „denn ich spiele als DJ nicht gerne meine eigenen Tracks.“
Und was muss Musik haben, damit sie ihn selbst fesselt? „Ich suche nach den Momenten, in denen mir die Luft wegbleibt. Das passiert nicht sehr oft, aber wenn, dann spüre ich das Kribbeln bis in die Haarspitzen.“ Wobei ihn jeglicher Aggregatszustand von Emotionen antreibt: „Mal wird ein Stück dadurch ausgelöst, dass ich ganz ausgeglichen bin, genauso gut kann es aber auch sein, dass ich mich in einem Zustand der Irritation befinde oder gar ein Problem mit mir rumschleppe, so dass der Musik eine katharsische Rolle zukommt.“

In meiner Manier, die Dinge gerne politisch zu überinterpretieren, sprach der Albumtitel „A Shot In The Light“ als Statement zur Lage der Welt zu mir. Von wegen, dass die Tage der Heimlichkeit vorbei sind. Schließlich findet heute alles öffentlich statt, egal ob nun die Schamlosigkeit der Politik oder die Hinterhältigkeit des Terrors. Gerade für jemanden, der in Israel groß geworden ist, sollte man meinen, sei dies eine naheliegende Lesart. Chen Moscovici stutzt und kommentiert eher knapp: „In meinen Titeln ist immer viel Platz für Interpretationen – aber ehrlich: Nein, damit hat das nichts zu tun.“ Er habe das als Drehung des Sprichworts vom Schuss im Dunkeln gesehen, da er sich ja dessen sehr bewusst sei, was er mache; „jedoch weiß ich immer noch nicht, was danach passiert.“
Wo die Politik jedoch schon mal im Raum steht, lässt er sich dann doch nicht zweimal bitten und legt los: „Wir haben ja quasi darum gebeten, und nun schießen sie uns eben direkt in die Gesichter. Das ist der Preis, den wir für unser Verhalten bezahlen müssen. Was sich geändert hat: Wenn heute etwas in Syrien, der Türkei oder Frankreich passiert, dann betrifft uns das direkt. Vor 20 Jahren tangierte das die Leute im Westen noch nicht.“
Interessanterweise hebt er an dieser Stelle unseres Gesprächs hervor, dass er sehr dankbar sei, in die Dancemusikindustrie involviert zu sein, da er die Leute um sich herum für sehr intelligent halte. „Ich diskutiere permanent mit meinen DJ-Kollegen und Freunden, wir treiben uns geradezu gegenseitig an. Es ist nicht mehr wie in den 80ern und 90ern, wo alle nur zum Saufen und sich Abschießen zusammen kamen.“ Nun, das mag erfreulicherweise vielleicht auf sein Disco Halal-Umfeld zutreffen, der Status Quo da draußen sieht aber schon anders aus, da genügt aktuell ein Blick aus dem Hotelzimmerfenster auf das ADE-Treiben in den Straßen von Amsterdam.

Chen Moscovici schaut mich an länger an und das Thema blendet sich quasi von selbst aus. Stattdessen erzählt er mir, dass seine Eltern sehr lange skeptisch gewesen seien angesicht seines „Hollywood-Techno-Traums“. Was nicht immer leicht für ihn gewesen wäre, aber sein Optimismus habe sie überzeugt. Ein nicht zu unterschätzender Faktor für die Erfolgsgeschichte von Moscovici, schließlich telefoniert der 34jährige jeden Tag gleich mehrfach mit seiner Mutter. Denn wie jeder gute jüdische Junge könne er nicht loslassen und würde quasi permanent an sie denken – man mag sich gar nicht vorstellen, wie erdrückend sich das ausgewirkt hätte, wenn die Mama immer nur mit demotivierenden, negativen Kommentaren am Telefon auf ihn eingeredet hätte.

Es bleiben noch ein paar Stunden, bevor Chen Moscovici am Abend nochmals auftritt, diesmal als DJ im Rahmen des ESP-Abends an der Seite von Labelmacher Lovefingers. Und so trinken wir gemeinsam mit seinen Bandkollegen Tamir Chen und Shachak Itzkovitz und seinem Freund und Manager Alex Lemieux Sake, knabbern ein paar Chips und unterhalten uns über den legendären LSD-Auftritt von Leonard Cohen in Israel, über die Auswirkungen, die das Berliner Nachtleben auf Teenager hat, die in der Stadt strande, über Chens bevorstehende Brasilientournee – und landen bei dem ihm so wichtigen jüdischen Humor. „Ich glaube, es ist ein jüdisches Talent, über alles einen Witz machen zu können“, führt er aus. “Dies ermöglicht uns, über jede Situation zu spreche, und sei sie noch so schlimm.“
Dann ist es auch an der Zeit, wieder aufzubrechen, denn schließlich legt auf dem zweiten Floor in De Marktkantine mit DJ Harvey an diesem Abend einer jener Künstler ein neunstündiges Set auf, der noch vor zwei Jahren ganz oben auf Chen Moscovicis Sehnsuchtsliste stand.

 

Bei dem Artikel handelt es sich um den Directors Cut eines Beitrags, der ursprünglich die Kölner Stadtrevue angefertigt wurde. 

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