Dienstag, 12.12.2017
Nick Höppner

Techno ist der neue Folk

Nick Höppner

Nick Höppner (Foto: Katja Ruge)

Zugegeben, seit King of Convenience ihr Album „Quiet is the new loud“ genannt haben und damit eine Welle an blabla-is-the-new-blabla ausgelöst haben, verbietet sich eine Headline wie diese. Aber da der Berghain/Panorama Bar-Resident Nick Höppner sein Debütalbum „Folk“ betitelt hat, war alle Gegenwehr vergeblich, zu reizvoll ist die Kluft, die hier stilistisch in der Wahrnehmung aufgemacht wird.
Der frühere Labelchef von Ostgut Ton repräsentiert mit „Folk“ eindrucksvoll beide Dancefloors seines Stammclubs: das geht los mit dem nervösen, düsteren Start-Track „Paws“, weiter mit den euphorischen „Mirror Image“ und „Rising Overheads“, der süßen Versuchung „Come Closer“, dem Electroiden „Airway Management“, bevor es schließlich mit „No Stealing“ dubbig endet. Wie schreibt der Kompakt Labelmanager Jon Berry in den Linernotes so schön: „Folk feels like one of those rare albums that I will put on in ten years and it will sound as relevant as it is today.”
John Stanier und Thomas Venker trafen Nick Höppner auf dem obersten Stockwerk des Berghains Anwesens im Ostgut Ton Büro.

Thomas Venker: Nick, lass uns mit dem Titel deines Albums beginnen: „Folk“. Für eine Sekunde mag das irritieren, dann aber auch wieder nicht, denn Techno ist, zumindest in Berlin, ja wirklich so etwas wie die Folk Musik unserer Tage geworden.
Nick Höppner: Mir ging es um zwei Aspekte. Einmal dieser blöde Witz, wie bei einem Bob Marley Shirt auf dem Jimi Hendrix steht. Zudem empfinde ich House und Techno in der Tat als die Folk Musik unserer Zeit.

John Stanier: In den USA besitzt das Wort ja zwei Bedeutungen: die Leute und eben dieser akustische Musikstil. Es geht doch immer um das akustische Moment, oder? Bob Dylan war kein Folk mehr, als er elektrisch zu spielen begann, nicht wahr?
Höppner: Seine Musik wurde noch immer Folk genannt. Ich glaube nicht, dass man ihn danach unter Rock´n´Roll führte.

Venker: Ich würde auch sagen, Dylan blieb ein Folk Musiker.
Stanier: Es gibt in Chicago auch eine Gang namens Folk, vergleichbar mit den Bloods und den Crips in Los Angeles.
Höppner: Auf Gangshit beziehe ich mich nicht!

Venker: Folk gilt ja als merklich soziopolitisch geerdetes Genre, nicht zuletzt da es in dem Zeitgeist der 60er zu großer Popularität kam. Ist das eine Zuschreibung, die du auch mit Techno und House verbindest?
Höppner: Jetzt nicht wirklich unmittelbar, wobei ich durchaus Leuten widerspreche, die der Bewegung keinerlei politische Dimension zuschreiben wollen. Techno und House sind integrativ angelegt, man bietet jedem die Hand an. Eine sehr politische Haltung. Ich schätze auch den Do-it-yourself-Aspekt, den Folk Musik hatte als ein Genre, das man sehr lange zurückverfolgen kann und zu dem man viele Wurzelstränge findet, da es für jeden leicht zugänglich war: Man brauchte nur eine Gitarre und eine Stimme. Das gilt auch für die Techno Bewegung. Es ist so ein minimaler Musikstil. House war die Fortsetzung von Disco und kam zumeist mit einer Drummachine, einer 303 und einem Synthi aus, das bekam man alles günstig aus dem Second-Hand-Laden.

Stanier: Ist die 808 in Technokreisen so populär, weil sie damals, als es mit Techno losging, bereits veraltet und deswegen billig war?
Höppner: Das gilt für die 303. Der Legende nach wurde sie von Roland entwickelt, damit Musiker sich eine Bassline programmieren konnten und so auch der Schlagzeuger oder Gitarrist alleine Proben konnten. Wer es aus diesem Grunde kaufte, sollte aber schnell unzufrieden sein. Die 303 floppte damals, wurde verstoßen und landete in Second-Hand-Läden, wo sie Clubkids wie Phuture in Chicago oder auch Detroit entdeckten und herausfanden, dass die Maschine, wenn man sie nur eigenwillig anders nutzte, ganz verrückte Sounds produzierte. Die 808 und 909 hingegen wurden bereits in den 1970er Jahren entwickelt und von HipHop- und Electro-Musikern viel eingesetzt. Klar, damals gab es keinen Hype, man bekam sie also auch günstig, so dass sie jeder einsetzte. Hört euch mal frühen Chicago House an, der ist ganz einfach aufgebaut und besteht nur aus einem Rolandmaschinen-Jam.

Stanier: Ganz wie eine Pete Seeger Platte nur aus einer Gitarre besteht.
Höppner: Absolut. Eine niedrigere Einstiegsschwelle kann man sich nicht vorstellen. Selbst heute mögen sich die Kids vielleicht die 808 nicht mehr als Maschine leisten können, da sie 2500€ kostet und von den Superstar Djs abgegriffen wird, aber sie können sich ein Laptop mit gecrackter Software besorgen.

Venker: Lass mich auf den Aspekt der Volksbewegung zurückkommen. In den USA, wo elektronische Musik in den letzten Jahren immens erfolgreich geworden ist, findet man aber zumeist Rock-Techno und Yoga-House. Durchgesetzt hat sich also nicht unbedingt die beste Seite des Genres.
Höppner: Genau darum geht es mir: ich will, dass sich die Leute wieder neu fokussieren. Dass diese Musik so eine große Rolle in meinem Leben spielt, liegt eben nicht nur am Sound, sondern auch an der Haltung, mit der die Leute herangehen. Auch wenn ich nicht all die Musik- und Klamottenstile teile, die dabei in der Vergangenheit herausgekommen sind, so schätze ich den Aspekt des Selbstgemachten. Es ist berechtigt, zu hinterfragen, ob Techno wirklich die Welt verändert hat, letztlich ist es auch nur Teil des kapitalistischen Systems, und doch macht es für mich einen Unterschied, dass es größtenteils abseits der normalen Strukturen stattfindet.

Venker: Absolut. Es ging und geht um die Entwicklung und Pflege einer eigenen Gemeinschaft. Vielleicht ein guter Moment, um über den Themenkomplex Alter zu sprechen. Ein Thema, das immer wieder aufkommt angesichts nicht weniger Djs und Produzenten in ihren späten 30er oder 40er Jahren. Haderst du manchmal damit, dass du dein Debütalbum erst so spät vorlegst?
Höppner: Nun, ich bin 42 Jahre alt, ich könnte durchaus traurig sein, da ich zugegebenermaßen lange Zeit in meinem Leben nicht wusste, wo es mich hinzieht. Ich habe keine konventionelle Ausbildung gemacht. In meinen 20ern habe ich viel zu viel geraucht und mich an der Uni rumgetrieben, ohne wirklich ein Ziel damit zu verfolgen.

Venker: Was hast du studiert?
Höppner: Zu Anfangs wollte ich Lehrer werden, also begann ich mit englischer Literatur und Sprache, und habe noch ein paar Kurse in Medienkultur, Geschichte und Sozialwissenschaften an sich belegt.

Nick Höppner

Nick Höppner (Foto: Katja Ruge)

Stanier: Du hast bekifft versucht, englische Literatur zu verstehen?
Höppner: Das war nicht so das Problem. In Englisch bin ich gut vorangekommen, nicht zuletzt, da ich Popseminare zu Themen wie „Die Farbkomposition in den Filmen von David Lynch“, „Madonna“ oder „Die frühen Gangsterfilme der 1940er“ belegte und so einfach an meine Scheine kam. Aber ich fand nie so recht zu meinem zweiten und dritten Fach. Als ich mit Englisch also bereit fürs Examen war, fing ich panisch mit Germanistik an – da traf ich immerhin Phillip Sollmann (der heute als Efdemin auf Dial veröffentlicht und mit Höppner bei Ostgut Ton Booking ist) -, was sich aber auch nur falsch abfühlte.

Stanier: Also hast du irgendwann die Uni für einen Job verlassen?
Höppner: Über ein Praktikum bei Flyer Updates lernte ich Thomas Koch, den damaligen Verleger des Groove Magazins, besser bekannt als DJ T, kennen. Er bot mir daraufhin einen Job bei der Groove an.

Venker: Lass uns noch einmal kurz auf dein Alter zu sprechen kommen.
Höppner: Wenn du es genau wissen willst: ich glaube, ich bin gerade aus meiner Midlife Crisis rausgekommen. Die hat mich mit 40, ein Jahr nachdem meine Frau und ich Zwillinge bekommen hatten, absolut unerwartet getroffen. Ich rauche und trinke schon immer sehr viel und war auch Drogen nie abgeneigt – wobei ich derzeit nichts trinke und dafür sehr viel Sport mache. Sonst kann ich meinen Job nicht mehr ein paar weitere Jahre ausüben. Ab einem gewissen Alter fällt es einem nicht mehr leicht, das alles wegzustecken. Früher dachte ich ja, dass Drinks und Drogen das Dj Leben leichter machen, aber nein, ich komme mit wenig Schlaf und den Reisen besser weg, wenn ich nüchtern lebe.

Stanier: Die Hangovers werden schimmer und schlimmer und schlimmer. Einer der beiden Typen von Steely Dan hat es mal so ausgedrückt: „Mit 40 hast du deine erste Midlife Crisis, danach alle zwei Jahre.“
Höppner: Warten wir es ab. Aktuell bin ich jedenfalls sehr stolz auf mein Album.

Stanier: Das Artwork lässt mich an Richard Hamilton denken, den englischen Maler, der oft mit Andy Warhol verglichen wird. Das ist ein Foto von einem alten Bahnabteil, oder? Es sieht wegen der ausgewaschenen oder bearbeiteten Farben wie ein Bild aus den 80ern aus.
Höppner: Das Cover sollte nicht nach dem typischen Ostgut Ton Albumcover aussehen, also kein grobkörniges, schwarzweißes Bild mit Industrialästhetik. Meine Musik klingt nicht so, insofern wollte ich auch nicht, dass es diese corporate identity widerspiegelt. Meine Frau hat mir den Künstler Frank Bubenzer empfohlen, der für seine Serie „Photoshop für Arme“ Anzeigenbilder sampelt. Er kauft sich dafür 40 Kopien des gleichen Magazins und entfernt aus der Anzeige, die es ihm angetan hat, die Menschen, um sie anschließend mit kleinen Schnipseln aus derselben Anzeige zu ersetzen. Es ist kein Bild, es handelt sich um einen Scan der zusammengeklebten Collage. Die Originalanzeige zeigt eine Gruppe Jugendlicher, die mit der Deutschen Bahn und dem Übernacht-Ticket nach Berlin reisen.

Venker: Kanntest du die Geschichte, bevor du das Bild ausgewählt hast
Höppner: Ich kannte seine Arbeitsweise, aber nicht das Original – meine Frau schenkte es mir neulich. Mir gefiel, dass es wie ein Postpunk Cover aus den 80er Jahren aussah. Ich mag den Arbeitsprozess, in dem es entstanden ist. Außerdem schätze ich diese alten Zugabteils mit den großen Fenstern, die dazu einladen, die Welt da draußen zu erforschen.

Venker:. Du reist ja sehr viel, Nick. Inwieweit unterscheiden sich die Szenen, mit denen du dabei in Berührung kommst. Auch hinsichtlich des Alters?
Höppner: Mit dem Thema beschäftige ich mich am meisten auf Indie-Rock-Konzerten. Dort sind nämlich nur so alte Typen wie ich, manche tragen gar noch immer ihr altes „Eraserhead“ T-Shirt von 1988. Wenn ich eine Band wie Dinosaur Jr. nach 25 Jahren wiedersehe, dann frage ich mich echt: „Was tust du hier nur?“ Diese Konzerte fühlen sich so traurig an. In diesen Momenten fühle ich mich alt. Nicht im Berghain. Hat man da erstmal die harte Tür hinter sich gelassen, dann funktioniert die Vermischung des Publikums bestens. Und wenn ich auf Reisen bin, werde ich als Dj sowieso immer akzeptiert, meine Rolle erleichtert es. Obwohl ich leicht der Vater eines Großteils des Publikums sein könnte. Wie wir es vorhin schon hatten, Techno und House wurden schon immer auch von älteren Leuten repräsentiert. Aber weißt du, ein bisschen schizophren macht mich das schon. Ich sehe mich ja im Spiegel des Publikums – und da es zumeist 20, maximal 30 ist, denke ich, dass auch ich so jung sei. Ich kreiere eine Illusion, und beginne zu trinken und Drogen zu nehmen als ob es kein Morgen gäbe. Tja, am nächsten Tag realisiere ich dann, dass ich das besser lassen sollte.

Venker: Handelt der Song „Mirror Image“ davon?
Höppner: Nein, der kommt von dem Sample, das ich dafür verwendet habe.

Stanier: Das mit dem sprechenden Mann?
Höppner: Ja. Es stammt aus dem Low-Budget Science-Fiction-Film „Another Earth“, der von einer Frau handelt, die bei einem Autounfall das Kind und die Ehefrau eines Mannes umbringt und daraufhin den Kontakt zu diesem aufnimmt, um es wieder gut zu machen. Doch dann kommt plötzlich eine zweite Erde auf die Erde zu – und bei der Kontaktaufnahme merkt sie, dass es sich um eine identische Spiegelung handelt. In dem Sample hört man jemanden darüber im Radio sprechen.

Stanier: Wolltest du das Sample sofort benutzen?
Höppner: Ja. Als ich später dieses melancholische, sehr Detroitige Instrumentalstück produziert habe, wusste ich sofort, dass es perfekt zum Sample passen würde.

Berghain

Berghain, Frühling 2013 (Foto: Thomas Venker)

Venker: Wie wichtig sind das Ostgut Ton Label und die Berghain/Panorama Bar für das Verständnis des Produzenten Nick Höppner?
Höppner: Eine gute Frage. Beides hatte ich nicht so sehr im Kopf, als ich mit der Arbeit am Album begann. Da ich mich noch nicht so sicher als Produzent fühlte, waren meine Ziele gar nicht so groß: ich wollte ein modern klingendes Album machen – einfach da ich all dieses Retrosachen nicht mehr hören kann, die seit dem Ende von Minimal präsent sind -, und ich wollte nicht in die Eklektizismusfalle treten, und einen Downbeat-, einen Ambient-, einen Vocaltrack …. vorlegen, sondern eben ein mehr oder weniger straightes Album.

Stanier: Gelungen! „Folk“ klingt nicht, als ob du irgendwem was beweisen willst. Es ist ein angenehm direktes Technoalbum geworden.
Höppner: Es repräsentiert ehrlich was ich kann. In der jüngeren Vergangenheit habe ich sehr hart daran gearbeitet, wenigstens halbwegs funktionierende Clubtracks produzieren zu können. Dieser Weg ist noch nicht zu Ende für mich. Man kann alles über eine 4/4-kick legen, warum sollte ich also plötzlich Popmusik machen. Ich versuche im Studio so unvorbelastet wie möglich heranzugehen und es fließen zu lassen.

Venker: Geht das mit deinem musikjournalistischen und Labelhintergrund denn so leicht?
Höppner: Ich sage ja nicht, dass ich nicht von etwas beeinflusst sein kann. Klar wirkt sich meine Geschichte in gewisser Weise aus, vor allem dadurch, dass ich mir Zeit für das Album gegeben habe. Als ich vor fünf Jahren das MyMy Projekt mit Lee Jones beendet habe, ging es mir darum, mich auf Soloproduktionen und meine Dj-Karriere zu konzentrieren.

Venker: Als ehemaliger Musikjournalist weißt du ja auch, dass jeden Monat so circa 500 Alben in einer Redaktion ankommen. Wie gehst du mit dem Wissen um diesen Umstand um?
Höppner: Der musikjournalistische Aspekt in meiner Biografie sollte nicht als zu wichtig angesehen werden. Ich habe das nur kurze Zeit gemacht und es nie zum Chefredakteur oder so geschafft. Der Job wirkte sich aber insofern aus, als dass ich mir viel Zeit gelassen habe, und bestimmt auch kritischer herangegangen bin. Nicht kritisch genug freilich, denn in meiner gar nicht so großen Diskografie finden sich trotzdem Ausfälle. Aber damit bin ich ja nicht alleine, viele Produzenten wachsen in der Öffentlichkeit auf.

Stanier: Das kann man so über jeden Musiker sagen.
Venker: Welche deiner Platten war denn scheiße, John?
Stanier: Die Eps, die wir mit Battles gemacht haben, waren gruselig, die kann ich mir nicht mehr anhören…. bist du denn mit der Ambition herangegangen, ein ganzes Album zu schreiben, Nick, oder einzelne Tracks?
Höppner: Ein Album – aber ich habe mich selbst belügt und mir vorgespielt, es ginge nur um einzelne Stücke.

Stanier: Wie lange hast du am Album gearbeitet?
Höppner. Ich gab mir zu anfangs drei bis vier Monate.

Stanier: Nicht länger?
Höppner: Nun, im Januar 2014 dachte ich, es würde reichen. Ich wollte im Januar und Februar schreiben und danach zwei Monate lang die Stücke polieren. Mitte Februar wurde mein Vater dann schwer krank und verstarb zwei Monate später. Er lag in Hamburg im Krankenhaus und ich bin da jede Woche für zwei, drei Tage hin gefahren. Zu Beginn dachte ich, ich könnte trotzdem weiter arbeiten, aber de facto bin ich erst wieder im Frühsommer ins Studio gegangen, als meine Schwester und ich damit fertig waren, sein Leben abzuwickeln.

Stanier: Fühlte sich das alte Material dann komisch an?
Höppner: Nein. Wobei es schon so war, dass alles, was ich nach seinem Tod aufnahm, besser klang. Also musste ich die früheren Aufnahmen noch mal angehen, sie verbessern. Eine heftige Aufgabe mit bereits existierenden Aufnahmen, da ich während des Musikmachens mir nie Notizen mache, ja manchmal weiß ich nicht mal mehr, mit welcher Maschine ich etwas produziert habe.

Venker: Repräsentiert die Anordnung auf dem Album diese zwei Arbeitsphasen?
Höppner: Die Cd beginnt mit dem allerersten Track, den ich für das Album aufgenommen habe. Er entstand in zwei Tagen. So schnell war ich noch nie.

Stanier: Du hast das komplette Stück in zwei Tagen gemacht?
Höppner: Das Demo. Zum Polieren brauchte ich drei oder vier weitere.

Stanier: Ich halte an dem Album als künstlerische Einheit fest, für die die Reihenfolge sehr wichtig ist. Die meiste moderne Musik blendet das ja aus und folgt den Marketingregeln: das erste Stück muss repräsentativ sein, das zweite eine leichte Varianz zeigen, das dritte sollte die Single sein, das vierte eine etwas andere Stimmung haben…
Höppner: Wie gesagt, ich hatte keinen Masterplan. Aber im Sommer kristallisierte sich dann heraus, dass es kein funktionales Album werden sollte, sondern eines, das die Geduld des Hörers belohnt.

Venker: Vielleicht überinterpretiere ich hier, aber für mich repräsentieren die ersten fünf Stücke den Berghain Floor und die zweiten fünf den Panorama Bar Dancefloor, beginnend mit „Come Closer“.
Höppner: Wobei du wissen musst, dass die Vinylversion eine andere Reihenfolge hat, sie startet mit „Come Closer“. Das liegt daran, dass wir die Stücke so kombiniert haben, dass die einzelnen Seiten möglichst kurze Laufzeiten haben und somit die beste Qualität erzielt wird. Die Cd und auch die digitale Version in den Shops ist genau so wie es sein sollte. Nun, ich hatte nie vor, diese beiden Dancefloors so widerzuspiegeln, aber es ergibt Sinn – auch wenn es im Berghain generell härter zugeht. Meine Sachen würde ich dort nur zum Aufwärmen spielen.

Venker: Nick, musstest du beim Ostgut Ton Label aufhören zu arbeiten, um als Produzent so weit zu kommen?
Höppner: Ja. Da kamen mehrere Gründe zusammen: meine Kinder sollten mich mehr sehen, meine Frau wollte wieder arbeiten, und ich wollte mich als Dj mehr positionieren. Nach sieben Jahren Labelarbeit wollte ich mich selbst mal in den Mittelpunkt stellen, nicht immer nur das Label und die anderen Künstler. Kaum war ich raus, bemerkte ich, wie groß der Druck zuvor gewesen war.

Stanier: Das war ein Knochenjob, oder?
Höppner: Lange Zeit habe ich das ja allein gemacht. Erst in 2011 kam Jenus dazu, der das Label heute leitet. Es fühlte sich so gut an, als all die Last von meiner Schulter war. Es hat meine Liebesbeziehung zur Musik erneuert, ich kaufe jetzt wieder viel mehr Platten ein. Ich repräsentierte damals ja die ganze Berghain Maschinerie, da ich für die Leute so etwas wie der Pressesprecher war. Die Besitzer und Manager geben ja keine Interviews, also wendeten sich alle an mich als zweitbeste Lösung.

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Nick Höppner (Foto: Katja Ruge)

Stanier: Du musstest all die dämlichen Berghain Fragen beantworten?
Höppner: Ja, irgendwie fiel das in meinen Zuständigkeitsbereich. Als es mit dem Label losging, war es noch harmlos, aber als die Lawine mal rollte, so ab 2008 wuchs das Interesse stetig.

Stanier: War der Club nicht auch schon zuvor erfolgreich?
Höppner: Doch, aber noch nicht so wie heute. Mittlerweise kennt jeder ihn, selbst meine Mutter wüsste was das Berghain ist, auch wenn ich hier nicht involviert wäre. Also will auch jeder seinen Teil davon – und ich war mitten im Sturm, dabei wollte ich doch nur für die Künstler des Labels ein gutes Netzwerk aufbauen.

Venker: War es hart zu kündigen und als Freelancer zu arbeiten?
Höppner: Hart ist das falsche Wort. Aber es setzte mich einer größeren finanziellen Unsicherheit aus. Ich habe zwar bei Ostgut Ton nicht sonderlich gut verdient, aber das Geld kam jeden Monat rein. Die letzten vier Jahre waren nicht immer leicht, denn im Gegensatz zu vielen meiner Kollegen hier, ist mein Bookingkalender nicht immer gleich gut gefüllt. Es kommt auch mal zu Phasen, wo nichts geht. Aber meine Frau arbeitet auch wieder, es fühlt sich also nicht mehr so bedrohlich an.

Venker: Hast du vor, mit „Folk“ live aufzutreten?
Höppner: So gerne ich Produzent bin, ich verstehe mich doch noch immer vor allem als Dj. Ich muss zwar bald mal wieder ins Studio, da ich zum zehnjährigen Jubiläum von Ostgut Ton einen Compilationtrack beisteuern werde, aber ansonsten will ich mich 2015 dem Djing widmen.

Stanier, Venker: Nick, vielen Dank für deine Zeit, das war ein gutes Gespräch.

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