Dienstag, 19.09.2017
Paul Mason und die Frage: Was kommt nach dem Kapitalismus?

„Technologie macht den utopischen Sozialismus möglich.”

Der britische Journalist und Autor Paul Mason erklärt das neoliberale System für gescheitert. In seinem Buch „Postkapitalismus: Grundrisse einer kommenden Ökonomie“ formuliert Mason Gründe für das nahende Ende des Kapitalismus und bietet Richtlinien für eine Zukunft an, die durch ein ganz neues wirtschaftliches und gesellschaftliches Zusammenwirken geprägt sein soll. Osia Katsidou traf Paul Mason in Berlin zum Gespräch.

mason_paulWie würden Sie Ihr Buch zusammenfassen?
Mein Buch ergründet die tiefliegenden Ursachen, die unsere Welt momentan stagnieren lassen. Die populären Wirtschaftswissenschaften nehmen diese Gründe als eine Art Unfall war. Ich hingegen sage, dass sie unmittelbar aus dem neoliberalen System erwachsen. Und das liegt unter anderem an den Informationen der Informationstechnologie, die schaffen keinen neuen Wert. Bislang konnte sich der Kapitalismus immer anpassen, er hat neue Nachfragen, neue Arbeitsplätze und einen neuen Bedarf für Fachkräfte kreiert. Im Informationssegment werden diese Dinge nicht mehr geschaffen, so mein Argument. Natürlich sind die ökonomischen Krisen der letzten Jahre – also Lehman Brothers, Chinas kompletter Kontrollverlust und der ständige Auf- und Abschwung – auch irgendwie Unfälle. Aber ich sage, im Kern liegt unsere ökonomische Situation daran, dass die Zukunft einen fundamentalen Wertverlust bereithält. Mein Buch in einem Satz: Die Technologie macht einen utopischen Sozialismus möglich.

Man sagt Ihrem Buch nach, es sei optimistisch. Was genau bedeutet das?
Die gängigen Wirtschaftswissenschaften sagen, wir haben die technologische Revolution bereits hinter uns und haben sie verschwendet, das nennt sich langfristige Stagnation. Ich hingegen behaupte, dass die Technologie in einigen Bereichen noch exponentielle Verbesserungen bereithält. Das haben übrigens auch die Berater von Deloitte festgestellt. Wachstum im Bereich Technologie wird nicht stoppen, nicht so wie es bei der Elektrizität passiert ist oder beim Schienenverkehr. Es gibt in der Technologie einen gradlinigen Weg in den Überfluss. Der Glaube daran macht mich zum Optimisten.

Wird dieser Überfluss nicht auch mehr Arbeitsplätze bringen?
Wenn man die Leute im Silicon Valley fragt, was die Zukunft bereithält, sagen sie so etwas wie: selbstfahrende Autos oder Weltraumfahrten zum Mars. Sie können aber nicht sagen, wie Menschen in der Zukunft an Arbeit kommen sollen, weil sie es einfach nicht wissen. Sie denken, und da stimme ich zu, dass die Technologie den Bedarf an menschlicher Arbeit auf ein Minimum reduzieren wird.

Für den normalen Arbeitnehmer klingt das aber nicht gerade optimistisch.
Genau das ist der Grund, warum die Rechte überall auf der Welt Aufwind erhält. Sie versucht die moderne Welt, die sich durch hochtechnologische Lösungen für menschliche Arbeit und multilaterale Systeme ausmacht, wieder in ein nationales Konzept zu pressen, zum Beispiel durch Ideen wie den Fremdenhass. Den unterstütze ich selbstverständlich nicht, ich bin Vertreter der Globalisierung. Ich glaube aber gleichzeitig, dass sie bloß eine Zukunft hat, wenn wir den Neoliberalismus beiseite schaffen und dazu muss in manchen Fällen für kurze Zeit national gedacht werden. Griechenland muss seine Schulden erlassen bekommen. Das wird natürlich für Gläubigerstaaten wie Deutschland oder zum Beispiel die Niederlande schmerzhaft, aber eine andere Lösung gibt es für ein funktionierendes globales System nicht.

Sie halten sich selbst für einen radikalen Sozialdemokraten. Aus deutscher Sicht ist das Konzept der Sozialdemokratie keine wirklich radikale politische Position. Was meinen Sie damit genau?
Ich bin ein nicht-neoliberaler Sozialdemokrat und würde von jeder nötigen Maßnahme Gebrauch machen, damit radikale soziale Gerechtigkeit hergestellt wird. Ich bin Teil einer Bewegung der Nach-Krise, so wie sie in Griechenland durch Syriza oder in Spanien durch Podemos definiert wird. Diese Bewegungen werden wie postkommunistische Auswüchse betrachtet, aber das sind sie nicht. Sie begründen sich durch ganz innovative politische und ökonomische Konzepte. Es gibt genügend Menschen auf der Linken, die mein Buch hassen und sie haben damit recht. Denn es sagt, dass ihr Weg in Zeiten der Globalisierung und unter hochtechnologischen Innovationen nicht aufgeht. Mir geht es hier um ein ganz neues Projekt, nicht um ein sozialistisches Projekt in Technologie-Aufmachung.

Der Guardian hat sie einen würdigen Nachfolger von Karl Marx genannt. Ist das nun trotzdem ein Kompliment?
Ja, der Vergleich fühlt sich gut an, weil es auch dem Marxismus immer um Transzendenz ging. Im Grunde geht es mir aber viel mehr um das Erkennen eines neuen ökonomischen Akteurs: das vernetzte Individuum. Es ist im Konflikt mit unserer nicht funktionierenden, hierarchischen Gesellschaft.

In Ihrem Buch nutzen Sie das Konzept der Sharing Economy, um für neue ökonomische Werte zu plädieren. Nun sind die zwei bekanntesten Vertreter dieser Kategorie, Uber und AirBnB, besonders für ihr aggressiv-kapitalistisches Vorgehen bekannt.
Als ich meine Idee ausformulierte umfasste die Sharing Economy bloß Peer-to-Peer-Angebote. Jetzt haben gerade diese beiden Unternehmen den Begriff kolonialisiert. Sie können ihn von mir aus haben. Im Grunde plädiere ich für Open-Source-Plattformen, mir geht es um eine kollaborative Peer-to-Peer-Wirtschaft. In ihr werden kostenlose Dinge in einem nicht-hierarchischen Raum hergestellt. Jede/r darf sie nutzen und sie werden von allen freiwillig zur Verfügung gestellt. Damit meine ich Konzepte wie Wikipedia, Linux oder Apache.

Wie soll in einem solchen System Innovation und Effizienz, die vor allem für die Informationstechnologie wichtig sind, sichergestellt werden, wenn es zum Beispiel keinen Preis-Wettbewerb und keinen Wettbewerb um Fachkräfte gibt?
Die Informationstechnologie sollte immer in beiden Sektoren bleiben, im Markt- und im Nicht-Mark-Sektor. Dabei sollte der Staat als Regulierungsmacht fungieren. Manche Dinge brauchen außerdem nicht mehr Innovation. Wenn wir Twitter als Beispiel nehmen: es ist als System perfekt. Natürlich kann man noch Verbesserungen anstreben, um den Sexismus, die Xenophobie oder den Antisemitismus zensieren zu können. Aber die eigentliche Technologie muss nicht mehr innoviert werden. Ich persönlich denke, Twitter könnte irgendwann mal zum öffentlichen Gut werden und uns am Ende allen gehören.

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