Sonntag, 24.09.2017
Robert Henke aka Monolake

„Lieber weniger und das dann durchdacht.“

Robert-Henke-1Ohne Robert Henke müsste die Geschichte der elektronischen Musik neu geschrieben werden. Gemeinsam mit Gerhard Behles tastete er sich in den 90ern als Monolake durch die Technokatakomben Berlins, ebenso interessiert an der klassischen Funktionalität des Clubs wie schon damals an raumakustischen Experimenten, Ambient und Noise. Tracks wie „Cyan“ oder „Magenta“, die die beiden auf dem Hardwax-Imprint Chain Reaction veröffentlichten, gehören heute zu den Klassikern der elektronischen Musik.

 

Angeregt durch ihre gemeinsame musikalische Arbeit im Studio gründeten Behles und Henke 1999 die Softwarefirma Ableton und leisteten damit einen wichtigen Anteil am Demokratisierungsprozess der Produktionsbedingungen für elektronische Musik. Während sich Behles mittlerweile nur noch Ableton widmet, produziert und performt Henke noch immer alleine als Monolake und unterrichtet seit einigen Jahren als Professor für Sounddesign an der Universität der Künste Berlin.

Im Rahmen des CTM Festivals wird Henke im Berliner Kraftwerk seine audiovisuelle Installation Deep Web zeigen, die gemeinsam mit dem Lichtkünstler Christopher Bauder entstanden ist. Zudem spielt er mit seinem Projekt Lumière, einer audiovisuellen Komposition für Laser und Sound, das offizielle „Closing Concert“ des diesjährigen Festivals.

Robert, du kommst gerade aus Mexiko zurück, wo du mit deinem Lumière 2 Projekt beim Mutek Festival aufgetreten bist. Wie war das?
Es war schön. Ich bin in einem schönen Theater aufgetreten. Die Performances, die ich von anderen gesehen habe, gefielen mir ebenfalls sehr gut. Das einzige Problem in Mexiko ist es, die Technik zum Laufen zu bringen. Aber das wusste ich vorher, so dass ich eineinhalb Tage vor dem Auftritt angereist bin und einen ganzen Tag zum Aufbau hatte.

Was unterscheidet denn Lumière 2 von dem Vorgänger?
1 ging von der Idee aus, dass alles improvisiert ist, und war von der Struktur her angelegt an die Art, wie ich ein Monolake Liveset machen würde. Es hat sich herausgestellt, dass ich damit nicht die notwendige Komplexität und Präzision erreichen kann, die ich erreichen will. Am Anfang dachte ich, das sei eine Frage des Übens, also des Beherrschens des Instrumentariums, aber nach ungefähr zehn Konzerten bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es ein viel grundlegenderes Problem ist. Das Grundprinzip funktioniert einfach nicht. Die Software, die ich für die Lasersteuerung entwickelt habe, ist nicht komplex genug. Das Konzept des Clipsabfeuerns klappt in so einer Situation bei einem audiovisuelles Projekt nicht so, wie ich es haben will. Also beschloss ich, es radikal neu von null an zu machen. Notgedrungen habe ich noch fünf, sechs Konzerte durchgezogen mit der ersten Version, da sie gebucht waren, und die waren dann lustigerweise auch besser, da der Druck weg war.
Die neue Fassung basiert auf einer komplett neuen Software, die viel komplexere Figuren ermöglicht und eine ganz andere technische Struktur besitzt. Der Hauptunterschied: Es ist eine durchkomponierte Geschichte, die aufgehangen ist an einer Timeline mit ganz vielen Automationsdaten, jede Millisekunde ist voll definiert. Das ermöglicht ein ganz anderes Arbeiten. Jetzt kann ich mir nach jeder Performance Notizen machen: im vierten Stück, dritter Wechsel zehn Sekunde kürzer. Fünftes Stück, der große Kreis noch größer. Dann mach ich das, spiele es wieder und stelle fest, dass, wenn der große Kreis größer ist, der Basston danachein bisschen früher einsetzen muss und es die andere Sache, die ich vorher gemacht habe, gar nicht mehr braucht.

Improvisation spielt also keine Rolle mehr?
Es ist jetzt eine Komposition. Allerdings eine, die Work in progress ist. Die einzige Situation, in der ich die Komposition testen kann, ist sie aufzuführen. Ich kann das nicht simulieren. Video kann ich zu Hause simulieren, aber die Arbeit mit den Lasern nicht. Ich muss es selber aufführen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es sein muss.

Robert-Henke-3Robert, wie lange schreibt man an so einer Software?
Schwierig zu sagen, weil natürlich die Erfahrung von all den Jahren vorher mit drin steckt. Ein halbes Jahr, dreiviertel Jahr?
Das dann aber sehr intensiv.
Ja.

Empfindest du das Schreiben an der Software als ebenso kreativ wie das Produzieren von Musik?
Zum Programmieren muss ich extrem wach und klar sein, weil ich sehr viele logische Knobelaufgaben lösen muss. Aber ich muss nicht kreativ-inspiriert sein. Ich kann also prima morgens aufstehen, Kaffee kochen und programmieren bis zum Abend. Vielleicht habe ich am Abend dann eine Lösung, wenn nicht, dann habe ich sie am nächsten Abend. Das Musikmachen ist viel mehr von Stimmungen abhängig: Es kann sein, dass ich in zehn Minuten zu einer Lösung komme, die toll ist – es kann sein, dass ich zwei Tage nichts hinkriege. Das sind zwei ganz verschiedene Sachen, ich versuche sie auch klar zu trennen.

Das meint: Der eine Tag so, der andere so?
Jetzt vielleicht nicht tageweise. Ich könnte an der Lumière 2 Software schon wieder ganz viele Sachen verbessern. Ich mache es aber nicht, da ich nur die Dinge tun will, die ich mit der jetzigen Software machen kann. Ich will derzeit nur am kreativen Inhalt arbeiten, aber nicht am Werkzeug. Irgendwann mal werde ich mir wieder zwei Monate Zeit nehmen, um all die Ideen, die ich habe, was man mit der Software machen kann, noch einzubauen. Es geht immer schrittweise. Aber es ist sehr wichtig, dass ich derzeit nicht an der Software arbeite, sondern nur damit spiele als sei sie gottgegeben.

Heute wird hier in Berlin beim Loop Event mit Link eine neue Ableton Software vorgestellt, die das gemeinsame Musikmachen erleichtern soll. Ich habe dich 2003 in Montreal im Rahmen des Mutek Festivals als Narod Niki gesehen, deinem Projekt mit Ricardo Villalobos, Richie Hawtin, Akufen, Dimbiman, Dandy Jack, Cabanne, Luciano und Dan Bell. Ich erinnere mich gut daran, wie chaotisch es beim Soundcheck und Auftritt zuging. Funktioniert hat es aber trotzdem. Lässt sich die Idee für Link bis in jene Tage zurückvollziehen?
Ich glaube für eine Performance wie damals ist es genau richtig, wenn es so chaotisch zugeht. Da kommt die Energie her, die das Ganze möglich macht. Wenn man versucht, das zu sehr intellektuell aufzuladen oder auch technisch zu kompliziert anzulegen, dann klappt das gar nicht mehr. Der Fehler damals war übrigens, dass man zunächst versucht hat, alles per Midi Clock zu synchronisieren. Das ging aber nicht. Ich erinnere mich, dass ich damals dann sagte: „Macht es halt nicht so!“ Die Rechner waren schon damals gut genug, und alle beteiligten DJs, alle konnten also Platten synchronisieren, warum also nicht das Liveset: Man drückt solange auf Play, bis es stimmt, oder man dreht am Tempo – so bekommt man auch einen ganz eigenen Groove hin.
Das Beispiel ist also das Falsche. Aber das Verlangen ist da.

Was war denn dann die Initialzündung für die Entwicklung von Link?
Der ganz allgemeine Wunsch nach perfekter Synchronisation. Man kann ja heute davon ausgehen, dass man das hinkriegen kann – bis dato war das ja nicht der Fall. Beim Livespielen ist das gar nicht so sehr das Problem, aber wenn man im Studio zusammenarbeitet, dann ist alles mittlerweile sample-genau. Die Klänge, die man benutzt, sind so präzise geschnitten, dass man es merkt, wenn etwas zu früh oder zu spät kommt. Es galt also eine Möglichkeit zu finden, das präziser hinzubekommen als mit den bisherigen Methoden. Ich sehe die Nutzung deswegen vor allem im Studio, wo man jetzt mehrere Rechner synchronisieren kann. Später wird man sehen, wie viel davon auch auf der Bühne einsetzbar ist.

Wie involviert bist du denn bei Ableton noch in die Entwicklung?
Gar nicht mehr. Offiziell zumindest, inoffiziell tausche ich mich mit Gerhard und anderen Leuten gerne über die Entwicklungsstände aus. Ich habe zu allem eine Meinung – ob die richtig ist oder nicht, das sei dahingestellt –, an der kann man sich dann reiben und drüber streiten.

Robert-Henke-2Du bist also so eine Art Joker, der ab und an einen ganz langen Zettel abgibt.
Um Gottes Willen nein, so funktioniert das nicht. Es ist eher so, dass ich mich mit Gerhard zum Abendessen treffe und wir dann auf die Dinge zu sprechen kommen, die uns beide interessieren. Dann werden Bälle hin und hergeworfen. Was passiert bei dem Projekt? Und was ist aus dem Projekt geworden? Was ist die Zukunft von….

(Aus dem Off kommentiert Communication Manager Olaf Bohn: „Und wenn wir bei Ableton dann positive Kommentare von Robert zu hören bekommen, sind wir sehr stolz.“)

Ich bin ja ein Nörgler. Aber selbst ich habe mittlerweile gelernt, dass es einen Punkt gibt, ab dem das nicht mehr funktioniert. Es ist extrem wichtig, auch die positiven Sachen zu sehen, sowohl für mich selbst, also dass ich nicht immer auf mir rumhacke, sondern auch mal Sachen, die ich gemacht habe, ihre gute Seiten haben, und das Gleiche gilt natürlich auch für Feedback nach außen. Ich habe lange dafür gebraucht, das zu lernen.

Ist das auch der Grund, warum du nicht mehr im Tagesgeschäft bei Ableton bist? Weil das Ausmaß an Sozialität zu viel ist?
Nein, das Problem war eher, dass ich mich immer in diesem Zwiespalt gesehen habe zwischen Künstler und Softwareentwickler. Ein Fulltime-Job bei Ableton war nicht drin, und rückwirkend war die Entscheidung richtig, denn sie hat mich in eine Position gebracht, die Dinge von Außen zu sehen, das ist hilfreich für alle. So anstrengend es für mich und Ableton war, diese endlosen Diskussionen über bestimmte Dinge zu führen, aber es ist wichtig das von so einer Position aus zu führen.

Nun triffst du ja auch durch das Reisen viele andere Musiker. Bringst du aus dieser Feldanalyse denn da auch ab und an mal die Erkenntnis mit, dass manche Ideen zwar gut waren, sie aber nicht in den Alltag passen?
Nein, Ideen sind nie zu gut. Aber was schon passiert ist: Man lernt, auf welche unterschiedliche Art und Weise Künstler die Dinge nutzen, die man entwickelt hat. Wenn ich irgendwo spiele, schaue ich in der Tat Leuten über die Schulter und dann stehen dann drei Laptops mit Live drauf und die machen alle ganz andere Sachen damit. Da denke ich mir schon manchmal, warum macht er das denn so? Interessant. Dann diskutiert man mit jemanden und stellt fest, dass für denjenigen eine Funktion, die man für selbsterklärend gehalten hat, ein Buch mit sieben Siegeln ist. Man kann wahnsinnig viel über Useability lernen, wenn man anderen zuguckt, das ist viel effizienter als alles andere. Einfach zugucken, wie Leute arbeiten.
Das macht Ableton auch selbst schon seit einiger Zeit ganz konsequent, indem man die Produzenten im Studio besucht. Statt ihnen dort dann 20 Fragen zu stellen, lässt man sich einfach loslegen und schaut zu – davon lernt man am meisten.

Du sprachst vorhin von deinem auf Abwechslung setzenden Rhythmus aus Liveauftritten und Entwicklungsphasen. Ableton macht das ja als Firma ganz ähnlich: wo andere permanent neue Produkte rausbringen, lässt man seiner Produktlinie lieber Luft zum Atmen.
Es gibt nicht Schlimmeres als viele neue Features, die alle halbgar sind. Lieber weniger veröffentlichen und das dann durchdacht. Weil: Features haben alle, es herrscht ja kein Mangel mehr an Funktion – nein, es herrscht ein Mangel an gut durchdachten Funktionen. Ableton fährt gut damit, erst nachzudenken und dann zu programmieren.

 

 

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