Donnerstag, 14.12.2017
Stefanie Sargnagel

Keine Energie zum Saufen

“Braucht Ihr ein Glas?” Nö, passt schon. Stefanie Sargnagel sitzt im “Schmauswaberl”, einem kleinen Beisl im sechsten Wiener Bezirk, und dreht fleißig Zigaretten. Wer viel Zeit im Netz verbringt, kennt Sargnagel von Facebook. Dort beglückt die 29-jährige Kunststudentin eine explodierende Fanbase mit schmandigen Witzen und Dayjob-Anekdoten – Steffi arbeitet als Telefonistin bei der Rufnummernauskunft. Ihre gesammelten Updates finden auch auf Papier reißenden Absatz, das knapp zweihundertseitige “Binge Living” gilt als Zugpferd des Verlags Redelsteiner Dahimène Edition. In Kürze erscheint ihr zweites Buch, erst gestern war sie mit den Grafikern saufen. Das Interview führte Roman Lehnhof.

IMG_8222Du bekommst auf deiner Facebook-Seite Kommentare ab wie “Ich bin stolzer Österreicher” oder “Die einfältige Polarisierung und verhetzende Darstellung hier offenbart die wahren Geisteskinder” Steffi, wie hältst du das aus?
Ach, am Anfang hats mich noch gestört, jetzt bin ich es gewohnt. Man kann ja löschen. Gerade gibt es einen Neuen, der irgendwie unter alles urviel schreibt, um sich dann über mein Profil darzustellen. Nichts Schlimmes eigentlich, aber da lösche ich viel, um ihn auch ein bisschen zurecht zu weisen. Wenn das so eine Masse liest, dann muss das nicht da stehen bleiben.

Wieviele Leute folgen dir denn mittlerweile auf Facebook?
Weiß nicht, so zwei- oder dreitausend. Und Freunde hab ich auch noch mal urviele, ich kann gar keine mehr annehmen. Früher hab ich auch jeden zurückgeaddet, irgendwann dann nicht mehr, nur wenn wir gemeinsame Freunde hatten oder ich die Person aus dem echten Leben kannte. Damit man sagen kann, der Mensch ist jetzt nicht total gestört oder so. Aber es sind ja trotzdem auch total Gestörte dabei. Und Hatemail krieg ich so oder so.

Viel Hatemail?
Es geht. Den Clown hassen halt nicht so viele. Und wenn man sich dauernd über sich selbst lustig macht, bietet man auch keine Angriffsfläche.

In “Binge Living” hattest Du dein Leben zwischen Callcenter und Wirtshaus beschrieben. Dein neues Buch erscheint im November. Bleibt es beim Titel “Die Schase meiner Mutter”?
Nein, das war nur ein Spaß, das hab ich in “Binge Living” geschrieben. Das neue Buch wird “Fitness” heißen. Ich dachte, nach der ganzen Zerstörung ist das jetzt der Versuch eines besseren Lebens.

fitness

Redelsteiner Dahimène Edition

Versuchst du’s denn wirklich?
Ja, wie alle anderen auch, glaub ich. Das ist jetzt schon eine Ausnahme, dass ich mir am nächsten Tag schon wieder Bier reinfetze. Normalerweise brauche ich eine Woche Erholung. Ich habe ja gar nicht mehr die Energie zum Saufen, und neuerdings fehlt mir auch einfach die Zeit.

Zwanzig Stunden Callcenter, Dozentur in Linz, Reportagen fürs Vice Magazine, ein neues Buch hast du mittlerweile den Vollzeitjob, den du nie wolltest?
Ach, es ist eigentlich okay so, wie es ist. Ich krieg halt Geld, kann zwanzig Stunden arbeiten, es stört mich auch nicht, im Gegenteil, das gibt meinem Alltag etwas Struktur. Aber ich hab schon urviel zu tun. Früher war ich in meinem Freundeskreis die am wenigsten Ambitionierte, jetzt bin ich die, die am wenigsten Zeit hat. Alle fragen so: Machma was? Und ich so, nee, hab Interview, Lesung, keine Ahnung. Ich hab schon seit zwei Monaten keine Freunde mehr getroffen. Aber das lag vor allem am Buch. Das Copypasten hat unglaublich viel Zeit in Anspruch genommen.

Wie lange dauert sowas?
Schon dreißig Stunden oder so. Da hab ich auch am meisten rumgedruckst. Wenn ich das eine Stunde gemacht habe, war ich schon total erschöpft und hab tagelang wieder nix gemacht. Weil das auch so langweilig ist – man ist so angeödet von seinem eigenen Duktus. Die meiste Zeit ist eh schlechtes Gewissen, die wirkliche Arbeit ist nicht so lang.

Und ein längerer Text wäre nix für dich?
Naa. Ich bin ja nicht so der Schreiber. Das strengt mich unheimlich an und macht mir überhaupt keinen Spaß. Ich bringe Sachen gerne auf den Punkt. Wüsste auch gar nicht, wie man Romane schreibt – man erzählt halt, wie die Bierflasche aussieht und wie man sie hält. “Er nahm einen Schluck vom Bier” und so, das kann man doch weglassen. Wobei meine Posts in Buchform ja auch so etwas Dichtes oder Erzählerisches kriegen, weil man ja sein Leben dokumentiert.

Inwiefern unterscheidet sich denn “Fitness” von “Binge Living” und dem kleinen Ebook-Nachschub “In der Zukunft sind wir alle tot”?

cover

Redelsteiner Dahimène Edition

Naja, vor allem inhaltlich. Es geht viel darum, dass ich jetzt Kulturarbeiterin bin, plötzlich Auftragstexte schreibe und darüber erstaunt bin, weil ich mich bisher eher so als Versagerin oder Penner gesehen hab. Und plötzlich nennen mich Leute “Autorin”, dabei mache ich eigentlich nix außer Rumhängen und Posten.

Aber ist doch auch Arbeit.
Ich kann das gar nicht mehr trennen, Arbeit und Privatleben.

Beim Bachmannpreis in Klagenfurt warst du ja nicht als Autorin sondern als Journalistin für den Zündfunk vor Ort – und hast mit deiner Berichterstattung eigentlich allen astrein ins Nest geschissen.
Ach, die Literaturszene ignoriert mich, und umgekehrt interessier’ ich mich kaum für Literatur. Ich lese kaum. Nur irgendwann habe ich mir mal die Wikipedia-Einträge von so Jungautoren angeschaut und mich gewundert, dass deren Karrieren so straight sind. Das sind schon sehr verstreberte Leut‘, sie machen ihr Abitur und gehn auf diese Schreibschulen und ich denk‘: Wo sind denn die ganzen Außenseiterfiguren? Das hat man in der Kunst zum Beispiel weniger, Kunst ist schon ein Sammelbecken für Freaks.

Hast du denn noch Bock auf dein Kunststudium bei dem ganzen Trubel?

rundgang-bild

Beitrag von Stefanie Sargnagel zur Jahresausstellung 2014 an der Akademie der bildenden Künste Wien; Foto: Puneh Ansari

Manchmal denk ich mir schon, ich könnt mal zur Uni gehen, aber dann denk ich mir, ich könnts auch lassen. Weiß nicht ob ichs weitermach‘. Bin jetzt schon seit zehn Jahren inskribiert, heuer hätt‘ ich zum ersten Mal Studiengebühren zahlen müssen, habs aber vergessen. Jetzt überleg‘ ich, ob ich überhaupt nachzahlen soll, sind ja auch 300 Euro oder so. Ich meine, was bringt mir ein Kunststudium?

Machst du Kunst?
Ich mach Humor. Mich nervt das immer, wenn Humor so abgetan wird als Kleinkunst, als hätte das keinen Wert. Man sagt zum Beispiel, es gibt gute Gedichte und schlechte Gedichte, aber Humor kommt überhaupt nicht als etwas Tiefsinniges in Betracht. Humor von Frauen, speziell grindiger Humor von Frauen ist auch noch mal problematisch.

skizze

Grafik: Stefanie Sargnagel

In den USA kommt das ja langsam in die Gänge, Amy Schumer oder Tina Fey haben ja durchaus Publikum. Vielleicht ist das Empfindungsspektrum auch interessanter, die ganzen Männerwitze kennt man ja schon. Ich hab das Gefühl, dass diese Perspektive gerade einfach interessanter ist, weißt du was ich mein?

Weil die vorher einfach nicht so sichtbar war?
Es ist ja schon subversiv, überhaupt als Frau humoristisch zu arbeiten. Es gibt noch so viele Tabus zu brechen. Komischerweise vergleichen mich auch Leute mit Charlotte Roche, dabei hat es überhaupt nix damit zu tun. Leute denken: ne Frau, was Fäkales, aha, Charlotte Roche. Versteh‘ ich überhaupt nicht. Die Jelinek zum Beispiel ist ja auch urhart und ziemlich fäkal, wobei ich jetzt nicht viel von der gelesen hab.

Dabei erschöpft es sich ja gar nicht im Fäkalen. Momentan postest du viel über das Flüchtlingslager in Traiskirchen und die Idioten, die sich dazu äußern.
Ja, ich habe jetzt Reichweite.

Und damit Verantwortung?
Es ist nicht so, dass ich das Gefühl hätte, ich müsste das machen. Ich frage mich eher: Warum sollte ich’s nicht machen? Es ist auf jeden Fall besser, als es nicht zu tun. Ich sehe mich nicht als politisch engagiert, kenne mich mit Politik auch nicht so aus, aber ich habe schon Werte. War auch immer viel in linksradikalen Kreisen unterwegs, aber mehr so aus sozialen Gründen. Ich konnte mich nie gänzlich damit identifizieren, es ist oft so dogmatisch. Ständig muss man Angst haben, mit irgendwas anzuecken. Dann will man es fast schon, es ist zu verlockend: Wenn mir jemand sagt, du darfst das und das nicht sagen, dann muss ich’s eigentlich. Aber wenn umgekehrt der Mainstream gegen politische Korrektheit auftritt, mutier ich automatisch zur Verfechterin. Ist ein Reflex.

Im Dezember gehst du wieder auf Lesetour in Deutschland diesmal ohne Entourage?
Ja, sieht danach aus. Wenn man mit Freunden fährt, ist es lustiger, alleine nicht so. Man geht irgendwohin, liest, dann ist man am nächsten Tag verkatert und alleine in der Stadt. Manchmal kommt nach der Lesung auch niemand zu einem, dabei bin ich gerne unter Menschen. Am liebsten würde ich einfach die Puneh Ansari mitnehmen.

Was macht sie so?
Sowas Ähnliches wie ich – postet auch auf Facebook, hat auch was Tragikomisches. Es ist schon seltsam: Manchmal ist das urwach, was sie schreibt, manchmal versteht man gar nichts. Aber jeder, der Sprachgefühl hat, wird Puneh gut finden. Da ist auch schon ein Buch im Gespräch.

Unbenannt
Liest es sich in Deutschland eigentlich anders als in
Österreich?
Man merkt schon, dass es eine andere Kultur ist, das Fäkale wird ganz anders wahrgenommen. Das kommt so an, als würde ich absichtlich provozieren und arg sein wollen, während das hierzulande einfach viel mehr im Alltagshumor drin ist. In Österreich empfindet man das als sehr wienerisch, was ich mach. In Deutschland glauben die Leute, ich will einfach nur derb sein.

schasAber die Deutschen lieben doch alles, was stinkt.
Ja, schon, sowas wie Heinz Strunk zum Beispiel funktioniert ja auch prima, mit sowas kann ich mich auch gut identifizieren – fäkal und tragikomisch. Ist eigentlich paradox, aber ich sehe den Unterschied schon

Irgendwer schrieb mal: “Das, was bei Ulrich Seidl beklemmt, beglückt bei Stefanie Sargnagel.”
Damit kann ich mich schon identifizieren, ja. Das gibt es halt ultraviel in Wien, so einen harten Realismus – Bilder von Manfred Deix, Filme von Ulrich Seidl oder Elizabeth Spira. Die halten immer voll drauf. Aber nicht verächtlich, sondern so, dass man sich damit identifiziert. Es gibt natürlich immer den Vorwurf “Sozialporno”, à la “das Bürgertum schaut sich das an und macht sich über die Hackler lustig”, aber das stimmt überhaupt nicht. Ich verstehe diese Kritik auch gar nicht. Es ist ja nicht von oben herab. Spira zum Beispiel stellt in ihren “Alltagsgeschichten” immer die richtigen Fragen, und die Leute sagen dann manchmal die ärgsten Sachen, aber sie sind einem trotzdem irgendwie sympathisch.

Ein letztes Mal Deutschland: Bei “Platten vor Gericht im Intro-Magazin sagtest Du kürzlich über das neue Mia-Album, deren Sängerin Mieze verkörpere alles, was dir an diesem Land Angst macht.
Ach, mir macht gar nichts Angst an Deutschland. Das war eh so ein bisschen fake für mich, ich habe ja gar keine Ahnung von Musik. Ich habe nicht mal Internet zuhause, hab das abgemeldet weil ich im Callcenter Internet hab. Dann freu ich mich immer, hinzugehen und zu surfen. Aber ich kann da halt nicht YouTube schauen, deshalb hab ich von Musik auch keine Ahnung. Hätte sowieso nicht die Geduld, mir ein neues Album durchzuhören. Wenn ich Musik hör, dann bei meinem Freund, aber der hört nur alte Sachen, The Fall und sowas. Alles Neue hasst er.

Wobei, ich hab mal aufgelegt, im Café Stadtbahn in Währing. Hab selbstgebrannte CDs gespielt mit den paar Liedern, die ich immer hör. “Perfect Day” von Lou Reed und sowas, das passte auch gut zu der melancholischen Atmosphäre dort. Oder sowas wie Britta “Depressiver Tag”. Aber Auflegen ist gar nicht so lustig eigentlich. Man kann nicht richtig mit seinen Freunden reden und steht nur da, und wenn jemand kommt, vergisst man ein neues Lied zu spielen. Aber es war cool, weil ich Geld bekommen hab. Und das Stadtbahn ist eh schön.

Wien bleibt schon so deine Hood, oder?
Ja, ich denk schon. Ich würde zwar gerne mal woanders leben, aber das ist mit zu viel Aufwand verbunden. Und neue Freunde suchen ist auch anstrengend, man ist ja nicht mehr so aufgeschlossen im Alter.

“Fitness” von Stefanie Sargnagel erscheint im November 2015 in der Redelsteiner Dahimène Edition. Dort bereits erschienen ist “Binge Living. Callcenter-Monologe” (2013). Das Ebook “In der Zukunft sind wir alle tot. Neue Callcenter-Monologe” erschien 2014 bei Mikrotext.

 

Verlagssitz
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop Aquinostrasse 1 | Zweites Hinterhaus, 50670 Köln | Germany
Team
Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
Autoren, Fotografen, Kontakt
Advertising
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop
marketing@kaput-mag.com
Impressum – Legal Disclosure
Urheberrecht /
Inhaltliche Verantwortung / Rechtswirksamkeit
Kaput
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop ist eine Publikation des Verlagshauses Kaput.