Dienstag, 12.12.2017
Rona Geffen - eine israelische Musikerin in Berlin

Zwischen Electro, Zeitzonen und Stolpersteinen

Rona Geffen ist eine elektronische Musikerin, stammt aus Tel Aviv und lebt seit zwei Jahren in Berlin. Sie stellt eine von zehntausend jungen Israelis dar, die es sich in jüngster Zeit in der deutschen Hauptstadt gemütlich gemacht haben. Aber geht das wirklich so einfach? Was ist mit: „Can’t relax in Deutschland“? Gilt das nicht weiterhin – und vor allem auch für Juden? Rona Geffen entstammt einer neuen Generation, wie sich ihr Leben hier wirklich anfühlt, erzählte sie uns im Interview.

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Foto: Good Jud

Warum hast du dir als neue Heimat gerade Berlin ausgesucht?
Ich habe vor allem einen Ort gesucht, der mir Möglichkeiten für meine Kunst eröffnet. Eine Basis, von der aus sich Musik verbreiten kann. Daher kam Israel schon mal nicht in Frage. Berlin besitzt eine vibrierende Musikszene, man teilt sich die Stadt mit Menschen aus so vielen Ländern, um mit interessanten Leuten an gemeinsamen Projekten zu arbeiten, ist das also ein guter Platz. Der Grundvibe der Künstler hier besitzt eine große Open Mindedness. Außerdem kann man hier immer noch billig leben, naja, einigermaßen – und es gibt eine israelische Community. So musste ich nicht alle Aspekte meines früheren Seins aufgeben und kann mit Freunden hebräisch reden. Das ist mir wichtig.

Haben sich denn all diese Erwartungen an Berlin erfüllt, oder nervt dich auch einiges?
Ich bin sehr glücklich mit meinem Leben hier. Klar, habe ich viel an Infrastruktur zurücklassen müssen und wieder ein Netzwerk zu errichten, ist aufwändig. Aber das ist ja immer so, wenn du dir ein neues Leben aufbaust. Also alles cool. Allerdings muss ich sagen, bin ich ein wenig enttäuscht von dem Zugang, den Berlin zu neuer Musik sucht. Der scheint mir mitunter ziemlich vernagelt. Mir kommt es vor, als würde in vielen der Clubs bloß dieselbe langweilige Musik spielen – und das Publikum hat sich so sehr daran gewöhnt, dass es für die wenigen anderen Sachen nicht wirklich offen ist. Ich denke, Musik muss immer den aktuellen Moment reflektieren. Hier in der Berliner Szene wirkt es dagegen so, als bespiegele man wieder und wieder bloß das Vergangene.

Du sprichst gerade von Musikstile, wenn du auf Vergangenes Bezug nimmst, aber das Thema Vergangenheit interessiert uns im Gespräch mit dir natürlich auch. Wie fühlt es sich an, als Israeli in Deutschland zu leben?
Ich weiß, dass die Menschen, mit denen ich mich Hier und Jetzt umgebe, nicht an den Verbrechen ihrer Vorfahren beteiligt waren. Ich hege keinen Groll – und kann nur sagen, dass mich die Art, wie sich die Deutschen bis heute mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen, sehr beeindruckt. Ich wünsche mir, dass sich mein eigenes Land irgendwann auf eine ähnliche Art mit seiner Geschichte und den Menschenrechten beschäftigt.

Die jüdische Community gerade in Berlin ist sehr stark gewachsen, zehntausende leben hier. Ist das Verhältnis wirklich in einer Normalität angekommen?
Naja, mir geht es schon so, dass in Wohnung kommen und mir denke, „hier in diesem Keller oder Dachboden haben sich damals vielleicht andere Juden vor den Nazis zu verstecken versucht“, oder ich bekomme ein mulmiges Gefühl, wenn ich über diese Stolpersteine trete. Aber wir können nicht im Damals leben. Wenn das heutige Deutschland offen ist für mich, warum sollte ich es für seine Vergangenheit verurteilen? Mir geht es im Hier und Jetzt eher um die Probleme, die ich selbst mit meinem eigenen Land habe.

Hast du das Holocaust Mahnmal besucht?
Ja, das ist schon einige Jahre her, ich war dort mit meiner Mutter. Ziemlich eindrucksvoll. Und eine sehr spezielle Art der Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Die Tragödie ist sehr massiv repräsentiert, dennoch wird das Leben als solches nicht ausgeschlossen, ich habe es als sehr kommunikativen Ort erlebt.

Aktuell sieht man im TV und den Newsfeeds wieder vermehrt den hässlichen Deutschen – wie er Flüchtlingen abschieben oder zur Not anzünden möchte und sich auch sonst in aller Schlechtigkeit gegen das Fremde munitioniert. Hast du Angst hier?
Es ist nie schön zu hören, dass du irgendwo nicht willkommen bist. Aber Deutschland ist ein sehr entwickeltes Land, ich habe also nicht die Sorge, dass plötzlich Extremisten an die Macht kommen. Es wäre auch anmaßend in meiner Rolle als Israelin etwas zu sagen, denn in meinem eigenen Land gibt es ebenfalls sehr radikale Kräfte auf den Straßen – aber auch in der Regierung. Ich kann nur meine Hoffnung und festen Glauben aussprechen, dass Grenzen in der Zukunft unwichtiger werden. Für mich existiert die Vision des globalen Dorfs befeuert durch das Internet noch sehr stark. Migration ist immer auch ein Faktor, der die Wirtschaft eines Landes nach vorne bringt. Die Bevölkerungen vermischen sich in  jedem Fall mehr und mehr – und langsam werden dem dann auch die Staaten Rechnung tragen müssen und sich weiter öffnen. Denn sonst werden sie nicht überleben können.

Planst du eigentlich für länger, oder gar für immer in Deutschland zu bleiben? Oder ist das nur eine Episode für dich?
Ich sehe mich in jedem Fall gerade nicht zurückkehren nach Israel. Ich bin zufrieden in Berlin, allerdings kann ich mir schon Orte vorstellen, mit mehr Sonne und Meer. Aber ich verstehe mich wie gesagt als Weltbürgerin – und die Welt ist groß, es kann also noch viel kommen.

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Foto: Good Jud

Rona Geffen war Teil von diversen Künstlergruppen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Raves und Untergrund-Partys nach Tel Aviv zu bringen, sie ist Absolventin der dortigen unabhängigen „Muzik – School of Creation and Production“. Heute lebt sie in Berlin und hat bereits mit etlichen internationalen Akteuren Kollaborationen abgeliefert – unter anderem Mad Professor und Yasmeen Goder. Ihre Musik interagiert mit einem starken visuellen Anspruch, Werke von ihr fanden sich in diversen Museen und bei mixed media events weltweit wieder.
Ihr Begriff von elektronischer Musik ist dabei ein sehr offener, ihre Kunst scheint stets davon inspiriert zu sein, nicht von einem nicht feststehenden Ergebnis auszugehen. Zirkelschluss am Arsch. Rona Experimentierfreude bricht sich Bahn, allerdings ohne dass sich je das Gefühl aufgedrängt, hier wird ziellos gekifft. Nein, Rona weiß trotz aller Offenheit genau, was sie Klang und Rhyhtmus abtrotzen möchte – und vor allem auch: was nicht! Wegen ihrer expliziten Kunst und anstößigen Stücken hat sie es im Mainstream ihres Heimatlands nie leicht gehabt. Songs wie „Just Fuck Me“ können das bestätigen. Gleichzeitig öffnete ihr jüngstes Projekt, die elektronische Oper “STRIKE!”, viele Türen. Komponiert gemeinsam mit Ann Streichman and Hilit Rozental ermöglichte diese radikalfeministische Version des Lysistrata-Motivs, die im heutigen Tel Aviv spielt, eine Plattenveröffentlichung wie eine kurzfristige Live-Umsetzung vor Ort.
Am 22. August tritt sie auf dem „Together in Berlin“ auf - einem Festival für elektronische Musik aus Israel. Läuft in der Neuen Heimat, Revaler Straße 99.

 

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