Freitag, 28.07.2017
Detlef Weinrich aka Tolouse Low Trax im Gespräch

„Morgens ergibt die Welt ja noch Sinn“

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Detlef Weinrich by Phil Struck

Nicht nur gefühlt kenne ich Detlef Weinrich bereits mehr als 20 Jahre. Erste Berührungspunkte gab es Mitte der 1990er Jahre, als er mit seiner Band Kreidler die leichte Schwere von Popmusik, wie man sie bis dato nur von Labels wie él Records und Les Disques Du Crepuscule kannte, auch in Deutschland ankommen ließ. Gemeinhin als Postrock eingeordnet, waren sie so viel freier als es dieses Genre andeutete. Ende der 90er durfte ich dann zwei Shows seiner (gemeinsam mit Andreas Rheise aka April geführten) Band Binford veranstalten, deren Synthie Pop, ganz anders als Kreidler, sich für mich stark Düsseldorf-gefärbt anfühlte. Seit 2010 veröffentlicht Detlef Weinrich nun bereits schon unter seinem aktuell geläufigsten Imprint Tolouse Low Trax wunderbar verletzliche, kratzig-melancholische Musik auf Labels wie Karaoke Kalk, Apparent Extent, Themes for Great Cities und zuletzt Antinote, legt mittlerweile weit über den Salon-Kontext hinaus den dort hochkultivierten Sound im Spannungsfeld aus Wave, Krautrock, Psychedelica und Techno auf und gibt sich mit Toresch dem Geist eines freien Bandprojekts hin.
Wir treffen uns in der Atelier-Wohnung von Detlef, die in der Düsseldorfer Innenstadt ungefähr in der Mitte zwischen Hauptbahnhof und Salon des Amateurs liegt.

Detlef, schön wohnst du hier. Geradezu das Idealbild einer Künstlerwohnung.
Danke. Ich habe sie über einen guten Bekannten gefunden. Ich brauche lange, bis ich mein Umfeld ausgestaltet habe. Das fängt damit an, dass ich gerne mein Büdchen und Restaurants in Wohnungsnähe habe, wo ich immer meinen Kaffee trinken gehe und die Betreiber kenne.

Du magst es, gekannt zu werden?
Ja, ich mag das. Ich schätze diese Idee, dass man ein Stammgast ist.

Wo du Wohnung und Studio ja in einem hast, drängt sich die Frage auf, wie die Nachbarn das mit dem Musikmachen finden?
Die Nachbarn drüber sind auch Künstler, und zudem alte Freunde von mir. Trotzdem hat es schon mal Ärger gegeben wegen der Musik. Aber ich komme wegen dem ganzen Reisen sowieso gar nicht mehr so viel zum Musik machen wie früher. Generell bin ich leiser geworden und mach das obere Fenster zu, dann geht das. Ne Zeit lang habe zu oft Musik gemacht und war zu laut, jetzt haben wir uns auf bestimmte Tage zum Produzieren geeinigt, und alles ist gut.

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Photo by Phil Struck

Abseits davon, dass es sich aus Kostengründen anbietet, Studio und Wohnung zu verbinden: Magst du es, zuhause an deiner Musik zu arbeiten?
Ich habe immer schon gerne zuhause produziert. Ich brauche das, weil ich morgens mit dem Arbeiten immer einfach so anfange. Ich bin ja ein Morgens-Arbeiter und keiner, der nachts arbeitet. Das kann dann trotzdem die Nachbarn stören, da die beiden als Künstler eben auch immer oben in ihrem Wohnatelier sind.

Interessant. Ich hätte wegen deines ganzen Lebensstils nicht gedacht, dass du jemand bist, der schon am Morgen zu arbeiten beginnt.
Doch, total. In den nächtlichen Lebensstil bin ich einfach so reingeraten. Das ist auch durch die Sache mit dem Salon des Amateurs passiert. Dem Nachtleben stand ich noch nie wirklich nahe. Bis das mit dem Salon losging, hatte ich ein anderes Leben. Das mit dem morgendlichen Arbeiten ergibt sich ganz natürlich: Ich wache auf, und da ist eine Idee von irgendwas, also lege ich los. Morgens ergibt die Welt ja noch Sinn, nachts zerfällt immer alles. Von anderen Produzenten höre ich immer wieder, dass sie nachts Musik machen, weil sie dann ihre Ruhe finden – aber das geht auch tagsüber. Letztlich ist es eine Konzentrationsfrage.

Beim Schreiben mag ich schon das Gefühl, dass alle anderen schlafen und einem die Welt gehört – wobei ich auch immer mehr tagsüber arbeite.
Verstehen kann ich das schon, ich funktioniere aber anders.

Konkret bedeutet das, dass du tatsächlich um 8 Uhr aufstehst?
Nicht so früh. Wobei, aufstehen schon so ungefähr um die Zeit, angefangen wird dann so um 10 Uhr. Unter der Woche passe ich generell gut auf mich auf, gehe mit Freunden essen, lese und gucke mir bewusst einen Film an und gehe relativ früh schlafen.

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Photo by Phil Struck

Lass uns auf das eben erwähnte viel Unterwegssein zu sprechen kommen. Magst du das noch, oder befindest du dich schon im Beschwermodus?
Es fühlt sich schon seltsam an, dass das jetzt, nach so vielen Jahren mit Tolouse Low Trax plötzlich losgeht. Das bringt mit sich, dass ich es noch mehr lernen muss, mit dem Nachtleben umzugehen. Ich rutsche, was ich gar nicht so erwartet hätte, in nen Clubkontext hinein. Plötzlich buchen mich mit meiner Musik auch große Clubs, wo ich dann um drei Uhr nachts spiele, hinzu kommt das ganze Reisen, das ganze Rumhängen am Flughafen – wenn ich das jede Woche habe, ist es schon …
Versteh mich nicht falsch, das ist alles natürlich sehr schön. Aber wenn ich ehrlich bin, das mag jetzt etwas abgeklärt klingen, dann freut man sich halt doch nicht mehr so, dass man jetzt in Mailand ist oder so, da man eh kaum was mitbekommt. Klar, bei den Anfragen klingt das immer prickelnd und man sagt deswegen auch zu, aber wenn du dann vor Ort bist und den nächsten Sonntagmorgen überstehen und am Flughafen verweilen musst, und die Verspätungen und all der Kram losgehen, dann ist alles nicht mehr so einfach. Wenn ich erst 30 Jahre alt wäre, würde ich das alles ganz anders sehen und anders damit umgehen.

Ich weiß, was du meinst: man spürt die Zerbrechlichkeit des eigenen Körpers mittlerweile doch am nächsten Tag etwas mehr als noch vor einigen Jahren.
Weil man eben auch nach wie vor Hardcore lebt. Ich kann es dann auch nicht lassen. mich auf die Art zu amüsieren, wie es eben alle anderen auch tun und fange nicht wegen meines Alters an, weniger zu trinken oder zu rauchen.

Es gelingt dir nicht, einen funktionierenden Rhythmus zuzulegen? So in der Art: Freitag bleib ich immer brav, Samstag kann schon mal was passieren.
Ach so, natürlich, das schon. Wenn ich beispielsweise freitags in Düsseldorf bin, vermeide ich es, in den Salon zu gehen – weil ich ja den Samstag dort veranstalte. Das funktioniert aber auch nicht immer so.

Sind deine Erfahrungen mit Kreidler hilfreich? Wenn eine Band auf Tour geht, dann versucht sie ja auch, sich nicht gleich zu Beginn zu verbrennen und hebt sich den Exzess eher für die letzte Tourdaten auf.
Schöne Idee, aber so funktioniere ich nicht. Nein, ich brauch diese Euphorie, die ganzen Begleitsachen, die hängen da halt mit dran. Da kann ich mich dann nicht raushalten.

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Photo by Phil Struck

Lass uns kurz über den Salon des Amateurs sprechen. Ihr musste aufgrund von Renovierungsarbeiten ja für einige Zeit schließen. Kannst du mal den Status Quo zusammenfassen?
Wir haben einen Wasserschaden im Salon. Um den zu beheben, muss der Boden aufgebohrt und alles trockengelegt werden.
Ganz ehrlich: Ich bin ziemlich müde vom Alltag der Gastronomie. Die ganze Struktur, die da drin steckt, die auch für viel Energie und Gutes gesorgt hat, ist an einem wirtschaftlichen Punkt angekommen, der nicht mehr funktioniert. Das erleben ja viele Clubs, dass diese gewisse Art von Großzügigkeit und Verschüttung, die sich einstellt, wenn man Spaß haben will, eben nicht mehr so leicht in den Griff zu bekommen sind.

Wobei die Stadt doch sehen sollte, nicht zuletzt angesichts der weltweiten positiven Berichterstattung, was für ein Imageträger der Salon für sie ist.
Der Rheinländer besitzt eine ganz komische Arroganz, was sein Umfeld angeht. Wobei Oberbürgermeister Thomas Geisel schon, was das angeht, ganz in Ordnung ist, der genießt diesen Blick von außen auf Düsseldorf, sonst gäbe es ja auch diesen Kraftwerk-„Tour de France“-Kram nicht. Er gibt sich zumindest international und weltoffen. Aber das ist dann vielleicht an der Stelle eben auch nur Marketing für die Stadt, ne? Dafür sind wir dann auch wieder zu klein, dafür sind wir auch zu unabhängig.

Da mag was dran sein: Bürokratie sieht innerhalb des Systems ja ungern Leute und Kontexte, die sich Enfant terrible-mäßig was rausnehmen. Denn das negiert ja die eigene Angst vor allem, was auffällt.
Wobei wir immer aufgepasst haben, denen entgegen zu kommen. Wir waren immer offen für Veranstaltungen von außen, seien es die „Resonanzräume“, die die HHU über die Jahre bei uns veranstaltet haben, oder auch so ein Abend wie ihn Christian S neulich mit der Robert-Schumann-Schule gemacht hat. Wir waren immer offen für alles, was eine gewisse Qualität mit sich bringt. Aber das reicht dann scheinbar auch nicht – immer noch nicht genug Kultur.
Eine Möglichkeit wär es, nicht mehr so lange aufzuhaben, eben nicht mehr bis 6 Uhr morgens. Das würde mir entgegenkommen, da es so nicht als Schankstätte verkommen würde. Nicht wegen uns, sondern da sich das Umfeld krass verändert hat, die ganze Altstadt, also die ganze Aggressivität, diese ganze Haltlosigkeit der Leute hat schon zugenommen. Früher genoss der Salon den Respekt wegen der Kunsthalle, dass man akzeptierte, dass da eben nur die Künstler hingingen – und man konnte die Leute auch noch gezielt mit experimenteller Musik vertreiben. Das passiert ja alles nicht mehr, weil die Interessen anders sind. Es geht ja nur noch darum, billig zu trinken. Der Laden wird insofern benutzt. Dem könnte man entgegen wirken und alles neu aufsetzen, aber das muss dann das Kollektiv beschließen. Ich persönlich hätte jedenfalls nichts dagegen, wenn es sich beruhigt. Es ist alles so hysterisch. Das ist nicht unser Problem, sondern es ist ein allgemeines Problem, dass diese komische Hysterie überall herrscht – und darauf hab ich keine Lust.

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Photo by Phil Struck

Was du beschreibst, ist ja die spezielle Besucherstruktur des Salons. Wo andere Läden, in denen wir uns sonst so bewegen ein klar definierbares Publikum haben, ist es beim Salon ein Verlauf-Publikum. Da gibt es die Nachmittagsbesucher, die Kaffee trinken wollen, dann die Welle am frühen Abend, die auf einen Drink vorbeischauen, später die Kunststudenten, die sich da ein bisschen produzieren und austoben, und am Wochenende wird der Salon dann irgendwann spät nachts plötzlich zum Club. Die Leute von 20 Uhr und die Leute um 5 Uhr haben wenig bis nichts gemeinsam.
Was ja eigentlich toll ist.

Ja, das ist interessant, da es eben das Gegenteil von einer Auslesekultur wie im Berghain ist. Aber es ist auch nicht unproblematisch.
Die Vielfalt und die Generationen, die sich da zu verschiedenen Zeiten treffen, das mochte ich immer. Besser hätte es gar nicht sein können.

Lass uns noch mal kurz auf die sehr harte Aussage von dir zurückkommen, dass der Salon sich „ökonomisch nicht rechnet.“ Das ist schon heftig, da ja die meisten Leute, die bei euch auflegen, das quasi für umsonst zum Freundschaftspreis machen, also für eine Gage, für die sie woanders nicht anreisen würden. Aber letztlich ist der Salon dann zu klein, um das in irgendeiner Form zu rekapitalisieren, oder wie?
Genau. Generell ist es so, dass man eigentlich nur am Wochenende wirklich Geld verdienen kann – aber wenn dann mal der Freitag oder der Samstag schlecht läuft, wird es eben schnell schwierig. Natürlich gibt es manchmal unter der Woche auch eine Eröffnung oder Preview in der Kunsthalle oder Lesungen und Konzerte bei uns, wo man ein bisschen Geld mit verdienen kann. Aber das hat, das muss man einfach so sagen, früher besser funktioniert als das Rauchverbot noch nicht da war. Da kamen noch viele Leute am frühen Abend nach dem Einkaufen rein, tranken erst einen Kaffee und dann gleich den ersten Drink. Das war diese Lounge-Idee, die vielen Leuten gefallen hat und die sind einfach nicht mehr da. Die kommen nicht mehr.

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Photo by Phil Struck

Detlef, lass uns das Thema wechseln und zu dir und den positiven Entwicklungen der letzten Zeit kommen. Mit Toulouse Low Trax läuft es derzeit richtig gut, oder?
Ja, bei mir läuft es super. Da ergeben sich gerade neue finanzielle Möglichkeiten, so dass ich zum ersten mal seit langer Zeit von meiner Musik leben könnte und eben nicht mehr auf den Salon angewiesen bin. Was natürlich sehr positiv ist, klar!

Das ist ja keine individuelle Entwicklung, die nur bei dir stattgefunden hat, das lässt sich so ja auch für die anderen Salon des Amateur-Residents wie Jan Schulte, Lena Willikens und Vladimir Ivkovic attestieren.
Wir sitzen alle gerade in diesem tollen Boot, das wir langsam und glaubwürdig gemeinsam entwickelt haben. Doch, das ist schön, das ist super schön. Was das angeht, bin ich schon sehr zufrieden.

Wobei du ja auch schon viel Stehvermögen gebraucht hast. Es ist verwunderlich, wie lange es bei dir gedauert hat, bis das endlich mal die Leute außerhalb Düsseldorf mitbekommen haben. Hast du damit gehadert? Gerade auch im Hinblick auf die Alterssache, die wir vorhin hatten?
Nein. In diesem Bereich von Musik, nennen wir es mal „Salonumfeld“, spielt das Alter überhaupt keine Rolle. Unser Publikum, und ich habe ja auch jüngere Fans, die interessiert das nicht, dass ich 50 bin. Da spielt das überhaupt keine Rolle. Im Popgeschäft ist das was ganz anderes. Aber bei der Art von Musik ist man da total frei von. Zumindest von der Außenwahrnehmung spielt es keine Rolle, wie alt ich bin. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass in unserer Musikwelt, eine Art Education stattfindet, dass die Menschen lernen, gleichzeitig nebeneinander zu existieren, das betrifft stilistische Vorlieben aber eben auch das Alter. Dazu passt auch, dass es aktuell viele Leute gibt, die ganz bewusst alte Platten und Reissues kaufen, die ein Genre wie Balearic oder ein Label wie Music from Memory mögen, aber genauso aufmerksam sind mit neuer Musik, und auch sehr harten Techno und Acid hören. Dass das alles nebeneinander existiert, sowas gab es ja nicht immer. Das hat viel mit Ausbildung zu tun – wir haben eine Offenheit kultiviert.

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Wie ist euch das gelungen? Wie habt ihr die Leute an den Punkt gebracht, wo sie dazu bereit waren?
Ich bin da so reingefallen mit meiner Musik. Das hat sich plötzlich ergeben, dass diese ganzen alten Sachen, die man toll findet, dass die in meiner Musik eine Übersetzung erfahren haben. Jetzt nicht im Sinne von altmodisch, ich bin ja nicht retro, aber man hört all diese Einflüsse heraus – und das haben ne ganze Menge Leute bemerkt. Das stimmt schon, dass das nicht immer so war. Als ich vor fünf Jahren zum ersten Mal in Zürich in der Zukunft gespielt habe, das mal als Beispiel, da hat niemand getanzt – und letzten Sommer haben alle getanzt, und ich bin neben einem klassischen Techno-Act aufgetreten. Oder neulich im Le Sucre in Lyon, da hat Lena Willikens vor mir gespielt und danach Helena Hauff – und ich kann in der Mitte vor 800 Leuten auftreten. Das funktioniert jetzt überall plötzlich: von Amsterdam, über Paris bis hin nach Madrid. Überall. Die Leute schnallen es plötzlich, dass man auch zu 110 bpm tanzen kann. Das war ein langsames Verschieben. Aber um auf deine Frage zurück zu kommen: Ich kann es mir auch nicht so ganz genau erklären, weil es ja zeitgleich in den unterschiedlichsten Ländern passiert ist. In Spanien, in Israel. Selbst in einer kleinen französischen Stadt wie Clermont-Ferrand, wo ich letzte Woche gespielt habe, sind die Leute unglaublich abgegangen. Wirklich, es war echt ein Knaller. Wobei langsam aufzulegen ja nur der eine Aspekt ist, Energie musst du schon haben. Das meine ich mit “ich bin da so reingeraten”, meine Sets sind schon auch anders geworden, man passt sich dann natürlich schon ein bisschen an. Und man muss aufpassen, wie weit man sich anpassen möchte. Nicht, dass ich plötzlich Techno produzieren würde, aber es gibt schon mal nen Brecher in meinen Sets jetzt, wo ich weiß, das geht auf jeden Fall ab.

Du wirst zu 90% live gebucht, oder?
Ja – auflegen ist eher selten der Fall. Wobei ich kommende Woche zum Beispiel in Madrid und Paris auflege. In Paris hat mich Joakim eingeladen, das ist ein Ambient-Drone-Abend, ein Tribute an La Monte Young. Da passe ich gut rein, ne? Und in Madrid lege ich als erster am Abend auf, da sehe ich mich natürlich auch eher – denn so realistisch bin ich schon, dass ich meiner Bookerin immer sage, sie solle die Leute drauf hinweisen, was sie bekommen. Nämlich kein durchgehendes Beatmatching, sondern meine Art halt – wobei die immer lustigerweise „ja, klar“, sagen, „wissen wir doch.“

Naja, das ist eben der Freiraum, den du dir mit deiner Biografie nun erspielt hast. Es ist ja auch kein Zufall, dass viele der Protagonisten, die für diesen Sound stehen, eine gewisse Lebensreife besitzen. Man braucht dafür natürlich eine Erfahrungskurve, man muss viel gehört und erzählt haben.
Ja, natürlich. Nur ist es natürlich einfacher für mich, das im Salon zu erzählen, was meine Burg ist, als wo ganz anders. Aber das Schöne ist: es geht. In gewisser Weise fällt es mir mit dem Auflegen sogar leichter, da man da viel mehr Zeit hat, und eben nicht diese eine Stunde konzentrierter Live-Set mit der Verantwortung nur die eigene Musik spielen zu können. Da kann man sich auch schon mal als Opfer fühlen.
Andererseits ist es ja so, dass viele von den jungen Leuten, diese Wahrnehmung gar nicht haben. Die sagen: „Du hast toll aufgelegt“. Ich hatte in Clermont-Ferrand eine Diskussion mit einer jungen Kunststudentin, die meinte, es gäbe keinen Unterschied zwischen Platten auflegen und live spielen. Die wollte mir das echt so erklären, und die war nicht blöd. Das musst du dir mal anhören, was die so sagen!

Was war denn ihre Argumentationslinie?
Das konnte ich nicht so genau rausfinden. Die war aber strikt und erwiderte nur, dass sie meine Position überhaupt nicht verstehen könne, schließlich ginge es doch bei beiden um das Kreieren von Musik. Ich bin dann irgendwann gegangen, bin dann auch sauer geworden ein bisschen.

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Photo by Phil Struck

Detlef, wie ich das für dich denn beim Produzieren, empfindest du das als im Spannungsverhältnis zu dem, was du auflegst als DJ? Hast du bemerkt, dass sich im Verlauf der letzten Zeit bedingt durch die neuen Erfahrungen deine Arbeitsweise verändert hat?
Ja, schon, nicht zuletzt durch die viele positive Bestätigungen, die ich erfahre. Aber ich versuche schon aufzupassen, dass ich bei mir bleibe. Ich will nichts machen, was ich nicht kann. Da wären wir wieder bei einem Vorteil, den mein Alter mit sich bringt: Ich weiß, was ich leisten kann und was ich nicht leisten kann. Ich will natürlich schon, dass die Leute tanzen, aber nach meinen Regeln. Manchmal denke ich natürlich schon auch, das könnte alles wieder ein bisschen schräger sein, experimenteller, schwerer zugänglich…

… sprichst du jetzt von deinem Live-Set?
Viele der Livestücke, da habe ich auch neulich mal mit Gudrun Gut drüber gesprochen, sehe ich nur dort, die will ich gar nicht veröffentlichen. Das trennt man nach einer Weile ab. Oder ich zumindest mache das so.

Das heißt, in deinen aktuellen Tolouse Low Trax Live-Sets gibt es wenig von deinen Platten zu hören?
Ja, ich habe so drei, vier von den Stücken veröffentlicht, den Rest aber nicht.
Meine Aufnahmen sind übrigens auch immer live. Ich mache ja für Platten immer One-Take-Aufnahmen. Es gibt da keine Ausspielungen einzelner Spuren, sondern wie in einem Liveset nur diese eine Spur. Das passiert nicht im Songmodus in der MPC, sondern als echtes Arrangement – wobei ich immer mehrere Takes aufnehme und dann gucke, welcher der Beste ist. Meistens der Erste.

Das ist irgendwie ein ungeschriebenes Gesetz. Das hört man von vielen Leuten, die so arbeiten.
Selbst einen Stück wie “Rushing into Water” hab ich an einem Tag produziert und nur ein einziges Mal ausgespielt. Nach der Aufnahme wusste ich, dass es so richtig ist. Ich wusste, dass wenn ich da noch mal drangehen würde und drüber nachdenken würde, ob ich die HiHat früher bringen soll oder so, wenn ich das versuche, scheitere ich. Dann nehme ich der Sache was weg und denke doch nur, dass es vorher interessanter war mit den Unstimmigkeiten im Arrangement. Es ist ein tolles Gefühl, die Maschinen einfach so laufen zu lassen. Da komme ich auch nicht ins Schleudern, ich weiß in so einem Moment, warum auch immer, dass es so am besten ist, und dass die Leute dieses Geheimnis der Musik verstehen werden.
Es ist ja so, dass wahnsinnig viele junge Leute mich fragen, wie ich arbeite – und die sind dann total erstaunt, dass meine Musik mit so einem kleinen Equipment produziert werden kann, und dass es keine Einzelspuren gibt, und dass da kein Editing im Computer stattfindet. So habe ich die Möglichkeit immer aufs Publikum zu reagieren und kann die Stücke so lang spielen, wie ich Lust habe.

Wo du von deinem Equipment sprichst. Mit was arbeitest du denn?
Mit MPCs und Synthesizer-Effekte – schon seit immer, da ändern sich nur die MPC-Modelle. Mir geht es um Limitation, ich brauche das. Vielleicht fällt es mir deswegen auch leicht, mich nicht zu viel Auswahl auszusetzen, sondern der einen Idee eines energetischen Moments zu glauben.
Marc Piñol von Hivern Records fragte mich nach meinem letzten Livesetz im Moog Club in Barcelona, wie ich diesen Soundteppich hinkriegen würde, mit all dem Schmutz, der da drin ist und der roughen Energie. Er selbst würde immer viel zu lange an Stücken arbeiten und sie so kaputt produzieren, weil sie dann nur noch clean klingen würden, so antiseptisch, zu aufgeräumt. Interessante Frage, gerade da sie von einem anderen Musiker kommt. Ich mache mir über sowas dauernd Gedanken. Ich arbeite schließlich bewusst so.

Spannend, dass jemand, der so erfolgreich ist wie Marc, trotzdem diese Sehnsucht nach einem anderen Sound spürt.
Marc ist aber natürlich auch nicht mehr der Jüngste. Viele junge Leute hingegen besitzen dieses endlose Vertrauen in all die leuchtenden Tools. Das ist doch schrecklich! Schau mal, wie viele Roland- und Arturia 808-Maschinen nach zwei Monaten wieder verkauft werden, weil die Leute keine Freude daran haben. Woran es genau liegt, weiß ich jetzt auch nicht, weil ich noch nie son Ding hatte, aber ich glaube, die Leute merken dann schnell “das ist alles nur ein Spielzeug.”

Du sprachst gerade vom bewussten Produzieren. Reflektierst du denn sehr viel über deinen Sound?
Oh ja, sehr. Ich habe wahnsinnige Lust, über die Produktionsweisen von Musik zu reden, immer und richtig tiefergehend: warum macht man, was man macht, und wie macht man es? Da geht es um Abgrenzung, was ja in diesen Tagen gar nicht so einfach ist. Es gibt da draußen eine gewisse Art von populärer neuer Cosmic-Musik mit dem x-ten türkischen Sample drin sowie Industrial-Techno- oder Industrial-Ethnique-Percussion-Momenten. Da muss man sich die Fragen stellen, wo man selbst sich sieht und hin will? Gerade wenn man selbst eine gewisse Pionier-Rolle einnimmt – “Jeidem Fall” war ja ne Platte, die ganz viel damit zu tun hat, was die einige Leute heute gerne hören: Ethnos-Samples, Stimmfetzen, Industrial-Ideen. Oder auch schon “Syncom Data”. Ich werde ja nicht zufällig von Leuten wie Nation Records-Betreiber Melvin Oliphant III nach einer Platte gefragt. Aber ganz ehrlich, ich bin da schon wieder drüber und will keine Distortion-Sounds mehr abgeben, nur damit alle wieder sagen können, wie sexy mein New Beat Set runtergepitcht ist. Man will seiner Zeit ja voraus sein. Sobald ich spüre, dass ich zu sehr mit was verbunden werde, muss ich wegrennen. Das ist das Dandytum – Dandytum bedeutet ja laut Oswald Wiener, “ich will mit nichts verbunden sein.” Ich bin doch nicht Künstler geworden, um mich wie bei einer normalen Berufswahl dem funktionierenden Moment zu ergeben.“

Wobei deine aktuelle Trilogie auf Antinote, die „Decades I, II, III“-Reihe ja das Gegenteil von einer solchen Negation ist und vielmehr eine eigene Kategorie aufmacht.
Mit dieser Reihe hat mich Zaltan ein bisschen überrollt. Sein Kompagnon Gwen Jamois und ich hatten darüber gesprochen, dass ich mal ne Platte bei Antinote machen könnte. Als ich ihm dann viele Sachen aus meinem Backkatalog vorgespielt habe, mit der Reaktion, dass er alle toll fand – und urplötzlich war von drei Platten die Rede. Was ich an den drei Veröffentlichungen mag, ist, dass sie die Leute, die “Rushing into Water” so gefeiert haben, ein bisschen irritiert. Deswegen gibt es ja auch so Platten wie “Porzelaine and Volcano”, für die ich mit anderen Künstler_innen zusammenarbeite, oder auch so ein Textstück, wie ich es mit Inga Danysz, die auch fürs Robert Johnson gearbeitet hat, im Rahmen ihrer Künstler-Residency in Amsterdam produziert habe. Ich schätze eine solche künstlerische Rotation und Irritationen. Andererseits gibt da bei mir auch eine Lust auf Versöhnung, die Remixe beispielsweise, die ich für Sano und Harmonious Thelonious angefertigt habe, sind ja irgendwie sexy. So sexy, dass die Leute fragen, ob sie von Ricardo Villalobos sind. Ich habe keine Berührungsängste einen Danceknaller zu machen, wenn er mir glaubhaft gelingt, aber danach zieht es mich eben wieder zu skizzenartigen Sachen wie auf der “Decades”-Reihe.

Mit dem sich nicht auf einen Sound festlegen zu lassen, sagst du ja: Das ist mein Raum – und in dem ist vieles möglich, Dance ebenso wie Fragmente oder auch Songs.
Genau so ist es. Ich höre immer selbst erst mal in die Sachen rein, und wenn es sich gut anfühlt, ist es gut – und das tut es.

Wirken sich die Reisen und die veränderten Lebensbedingungen denn auf deine Art zu produzieren aus?
Da gibt es keine super radikalen Brüche. Veränderungen gehen bei mir immer sehr langsam, da bin ich auch geduldig. Ich habe es auch nie zu sehr gepusht, Aufmerksamkeit zu bekommen. Das einzige Vermögen, das ich als Künstler habe, ist so authentisch und bei mir zu sein wie möglich. Für diese Einsicht habe ich lange gebraucht. Meine erste Platte hatte ja noch so was wie die Idee von Baile-Funk in sich, da habe ich also schon noch auf Sounds und Styles von Außen reagiert – das muss man sich heute mal vorstellen. Da bin ich dann auch gescheitert. Das ist der große Vorteil, wenn man schon lange an etwas arbeitet, man realisiert plötzlich, was man da macht, und ist bereit, sich zu reduzieren im Zugriff auf externe Einflüsse und haushalten mit Erinnerungen und Gefühligkeiten. Und dann wird plötzlich alles klarer, und man findet zu einer universellen Sprache, die ganz viele Leute erreichen kann.

An etwas zu scheitern, was sich aus der eigenen Sehnsucht speist, ist nicht schlimm. Hingegen ist es unschön, aus Kalkulation einen Sound aufzugreifen, nur da man denkt, er könnte einen wo hinführen.
Ich hatte lange das Problem, das Kitschige aus meiner Musik herauszubekommen. Ein Problem, das wir mit Kreidler auch kennen.

In meiner Besprechung für Kaput habe ich ja explizit geschrieben, dass sie von dir geprägt ist.
Ja, vielleicht schon, zumindest was die rhythmische Sachen angeht. Die Platte ist ja in zwei Tagen entstanden, wovon ich an einem gar nicht dabei war. Bei der Platte, die wir zunächst rausbringen wollen, die dann aber verworfen wurde, bei der habe ich gar nichts gemacht, weil ich eine Pause wollte nach unserem gemeinsamen Mexikoaufenthalt. Die restliche Band ist im letzten Frühling nach Austin weiter zum SXSW gereist, aber ich hatte keinen Lust auf Texas und ein Festival, bei dem man kein Geld bekommt und mit 1.000 anderen Bands im Streit um Aufmerksamkeit steht.

Manchmal ist es besser, zu wissen, was der richtige Ort für einen ist und was eben nicht.
Ja! Ich sah den Sinn nicht. Man muss sein bisschen Würde behalten. Die haben da vor 15 Leuten unter dem Motto “Krautrock Lounge” mit Stabil Elite und Faust gespielt. Ich habe keinen Bock auf diesen Topf, da gehöre ich nicht hin.

Lass mich kurz auf deine Aussage zurückkommen, dass du nur einen der beiden Tage im Studio dabei warst. Das verwundert mich, da ich beim Hören extrem das Gefühl hatte, dass…
Ja, ich war nur einen Tag dabei. Es ist ja als Reaktion auf Trump eine Art Tank-Platte geworden. Das kam auf Anstoß von Alex und Andreas zustande, wo ich erstmal dachte, wie sowas denn aussehen solle. Ich konnte mir darunter gar nix vorstellen, gerade als Band, die ohne Texte arbeitet. Jetzt bin ich wieder sehr kritisch, ne? Aber versuchen kann man es natürlich – und so habe ich halt wieder die rhythmischen Sachen gemacht.
Man ist ja sprachlos, was die ganze Welt angeht. Man weiß wirklich nicht mehr genau, wie man sich als Künstler äußern soll. Deswegen äußern sich ja auch so wenig Künstler. Und wenn sie sich äußern, dann verliert sich das im immer Gleichen. Wie könnte denn eine Kritik aussehen, die wirklich etwas auslöst? Ich meine, was soll man denn bitte gegen Trump oder Erdogan ausrichten?

Keine leichte Aufgabe, ja. Ich diskutiere da auch viel mit den unterschiedlichsten Leuten drüber – und letztlich geht es darum, unsere Art zu leben und uns kulturell einzubringen, beizubehalten, wir repräsentieren doch eine interkulturelle Offenheit und Neugierde. Ja Sehnsucht, also genau das, was nicht mehr erwünscht ist in einer Politik der Grenzsetzung.
Du meinst also, alles sei schon gut?

Nee, das meine ich nicht. Natürlich ist nichts gut. Aber ich glaube, dass unsere Stärke das ist, was wir machen – und das müssen wir weitermachen. Natürlich können wir nun zum Wählen aufrufen, je mehr sich einbringen in die demokratischen Möglichkeitsräume umso besser. Aber jeden Tag durch unsere Arbeit den anders Denkenden zu zeigen, wie positiv es doch ist, wenn man sich nicht den Ängsten ergibt, sondern mit Menschen aller Nationalitäten zusammen die Welt prägt, das sehe ich als unseren wichtigsten Beitrag.
Ja, das denke ich auch so. Deswegen habe ich dann auch zugestimmt, das ursprüngliche Album zu verwerfen, obwohl ich erst zweifelte. Aber das prägt Kreidler ja immer. Jemand wie Alex hat so unglaublich viele Ideen, und es ist nicht so, dass ich seine Vorstellungen und Ideen immer teile. Ich mache lieber einfach, weil ich glaube, dass das irgendwie wichtig ist, die Dinge schnell zu machen. Die Zeit rennt einem davon.

Genau diese Zeitlosigkeit, die deine Produktion deswegen besitzen, die hört man dem Album an.
Genau. Deshalb war es ja auch kein Problem, “Decades” zu veröffentlichen. Ich merkte beim Wiederhören der Stücke, dass sie nicht krass weit entfernt sind von dem, was ich aktuell so mache. So eine Feststellung hat etwas beruhigendes, da man spürt, dass man einen guten Halt im Leben als Künstler gefunden hat. Man ist bei sich. Man hat seine Sprache gefunden, und diese Sprache ist so stark, dass sie international gelesen und anerkannt werden kann. Das war für mich schon immer das Wichtigste: “Ey, ich bin kein Düsseldorfer, ich spiele nicht für meinen Stammtisch!“
Das mag für viele Leute arrogant oder vermessen klingen, aber ich wollte nie, auch nicht mit dem Salon, nur das eigene Umfeld bedienen. Und es hat sich ja alles erfüllt.

Wobei der Grat zu falschen Kontextualisierungen dabei ein schmaler ist. Du hast vorhin ja den Krautrock-Abend in Texas angesprochen. Generell wird unter dem Dach Düsseldorf ja gerne vieles verbunden, was nur bedingt was gemein hat, vom Salon über den Ratinger Hof, von Der Plan zu Kraftwerk. Die Verlaufslinien sind ja gefährlich.
Diese Diskussionen ermüden mich auch sehr. Wir haben neulich im Salon eine Lesung mit den Autoren von “Sound of the Cities” veranstaltet, wo auch ein Interview mit Kreidler drin vorkommt, das wir vor drei Jahren bereits geführt haben. Nicht dass es schlecht wäre, aber ich habe keine Lust mehr auf all diese immer gleichen Fragen. Ich kenne ja einige von diesen alten Musikern, Leute wie den Pyrolator z. B., und ich empfinde Respekt für sie, aber ich will mich doch nicht dauernd künstlerisch auf sie beziehen müssen.

Dieser einfache Weg der Kontextualisierung hat ja viel mit Faulheit zu tun. Es wird zusammengelabelt, was nicht zusammen passt.
Aber lass uns von da kommend, doch genau deswegen woanders hin gehen: War es noch vor fünf Jahren so, dass man in den meisten Sets einen Großteil der Platten erkennen konnte, so geht es zumindest mir jetzt so, dass eine aufregende Art von Auflegen kultiviert wird, bei der man wenig unmittelbar kennt. Das finde ich toll.
Genau darum geht es doch. Mir geht es übrigens genauso. Das ist auch eine Reaktion auf all die Wiederveröffentlichungen, die mit sich bringen, dass Platten, die man zehn Jahre lang gesucht hat, plötzlich für alle verfügbar sind. Um sich davon abzuheben, fragen nun alle einen, ob man ein unveröffentlichtes Stück hat, das erst in drei Monaten oder so rauskommt. Alle wollen neue Musik spielen: neu, neu, neu! Klar, ich will auch anders klingen und will den neuen Track spielen, den noch niemand sonst spielt.

Es gibt ja diverse kleine DJ-Zirkel, in den sich befreundete Djs vorher Stücke zur Verfügung stellen. Sozusagen eine digitale Dubplate-Kultur. Wobei ich an dieser Stelle den Aspekt, wie aufgelegt wird, einbringen möchte. Es ist ja nicht so, dass die DJs aus deinem Umfeld die Stücke eins zu eins spielen, meistens werden diese ja in einem Mix integriert, in den drei oder vier Soundquellen eingehen und in dem auch gerne noch viel bearbeitet wird.
Ja, das stimmt. Ich frage mich schon, wo es hingeht. Es gibt da gewisse Ängste, eben weil man jetzt so verwöhnt ist – und manchmal geht es dann auch ums Überleben. Wann hören die Auftritte auf? Darüber muss man sich schon ein bisschen Gedanken machen. Aber das ist eigentlich nicht zu beantworten. Keine Ahnung.

Nunja, es ist ja allzumenschlich, dass man gewisse Zukunftsängste hat und den positiven Entwicklungen nicht traut – der politisch-kulturelle Backlash der letzten Zeit fördert dieses Gefühl ja auch zu Recht.
Aber was schließt man daraus? Mache ich den Remix für Tiga nur des Geldes wegen? Ist es mein Ende, wenn ich „ja“ sage?

Warum denn? Wenn er deinen Stil trägt, ist es doch eher eine Chance, dass seine Hörer mit neuen Soundwelten in Berührung kommen.
Aber wenn sie dann „Decades“ hören, sind sie enttäuscht.

Nun, du hast ihnen dann eine Hand gereicht: „Das hier könnte dich interessieren, das könnte auch deine Welt sein.“ Ich finde es immer komisch, wenn man dogmatisch gewisse Leute und soziale Biotope ausschließt.
Nein, das sollte man nicht. Ich habe auch gar nichts gegen Tiga, er ist nur ein Beispiel, bei dem ich überlegen muss. Hat sich nun wohl auch erledigt.

Detlef, kannst du ausmachen, was ein Stück von dir kennzeichnet?
Ich kann meine Sachen ja im Salon testen, das ist ein großes Glück. Wenn dann nonstop Leute ankommen und fragen, was das ist, und auf eine Antwort, das sei von mir, ein „ah, habe ich mir gedacht” kommt, finde ich das toll. Wobei ich mich auch mal über ein, „was, das ist von dir?, hätte ich nicht gedacht“, freuen würde.

Meine Frage hast du jetzt nicht wirklich beantwortet.
Meine Produktionen besitzen eine andere Art von Funktionalität. Mein Aufbau ist anders. Arne von Themes for great Cities sagt manchmal zu mir: „Also wenn da jetzt ne Snare kommen würde: geil.” Aber sie kommt dann eben nicht – und das ist eine bewusste Entscheidung. Bloß nicht zu viel auf die Zwölf gehen. Es geht immer darum, die Klischees wegzulassen. Das kann ich ganz gut. “Rushing into Water” lebt beispielsweise davon, dass es keine Hi-Hats gibt. Immer könnte ich sie aber nicht weglassen. Das weiß man aber beim Arbeiten schnell, ob das was wird oder nicht.

Was du meinst: Die Leerstellen sind genauso wichtig wie der eigentliche Sound.
Ja, klar. Die Geschichte nicht komplett auszuerzählen, das ist so ein japanisches Prinzip. Die Schönheit entsteht erst dann, wenn etwas fehlt.

Radierst du das teilweise raus oder lässt du dieses „etwas“ von vorne herein weg?
Ich lass es von vornherein weg.

Okay. Das Drübermalen findet sozusagen nicht statt.
Nee. Aber manchmal merkt man, dass einem Stück wirklich was Größeres fehlt. Wenn dann jemand anderes beim Auflegen vorne und hinten anderes Stück andockt, denke ich mir: „So hätte ich es auch machen können“ – aber dann ist es eben ein Tool.

Interessant. Diese Position hätte ich gar nicht von dir erwartet.
Naja, die Musik, die mich am meisten anspricht, sind die Stücke, denen was fehlt, wo man denkt: “oh, das könnte jetzt noch länger sein“, weil es so toll ist. Oder auch Stücke, die eigentlich nur Skizzen sind. Insofern finde ich es schon gut, wenn ich einen Track mache, der nicht ausformuliert ist, das gibt mir viel. Ich würde schon sagen, dass es ein Ziel ist, sowas hinzukriegen.

Gibt es einen gewissen Soundklang, der dich interessiert?
Das ist dann nochmal ein Thema für sich. Ich mache sehr lange an Drumsounds rum, das ist dann manchmal live gar nicht so einfach, all diese Bassdrums mit unterschiedlichem Klang zu verbinden. Wenn ein Stück zu präsent ausfällt, dann nehme ich da oft nochmals was raus. Ich will immer, dass alles nicht zu hysterisch ist, dass alle Sounds auf ne schöne Art miteinander kommunizieren. Das widerspricht dann manchmal zwar ein bisschen meiner Idee von Energie und Radikalität, aber ich hab dieses Hypnotische, Nicht-aufdringliche irgendwie lieber. Oder könnte es alles mal wieder richtig brutal laut sein?

Detlef, vielen Dank für deine Zeit.

Besonderer Dank gilt Fatma Erkus für das Lektor das Gesprächs. 

 

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