Dienstag, 22.08.2017
Vermont – Marcus Worgull und Danilo Plessow im Gespräch

Hexenjagd und Yoga

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Vermont – Marcus Worgull und Danilo Plessow (Photo by UNLAND)

Der britische Autor Kodwo Eshun etablierte Ende der 90er Jahre eine sehr ethnologisch gefärbte Idee von Musikjournalismus. In seinem heute als Standardwerk geltenden Buch „More Brilliant than the Sun: Adventures in Sonic Fiction” (im deutschen von Dietmar Dath wunderbar als “Heller als die Sonne” übersetzt) verwebt er die Ideengeschichte afroamerikanischer elektronischer Musik mit bis heute den Diskurs speisenden Themenfeldern wie Afrofuturismus. Auf sehr persönliche Art überschreibt er dabei nicht selten die Intention der Künstler_innen und erfasst sie gerade dadurch in ihrem tiefsten Wesen.

Ich leite diesen Beitrag zu Vermont sehr bewusst mit einem Verweis auf Eshun ein, da das gemeinsame Projekt von Marcus Worgull und Danilo Plessow, die man von ihren Produktionen auf Innervisions beziehungsweise als Motor City Drum Ensemble kennen könnte, zur Soundforschung im Eshunschen Sinne einlädt. So musste ich zum Beispiel sofort an den amerikanischen Bundesstaat Vermont denken und dessen Geschichte als Nukleus der Hexenprozesse des 17. Jahrhunderts, als, ausgehend von der kleinen Stadt Salem, eine Epidemie den Nordosten der USA erfasste und es zu Steinigungen und Einkerkerungen kam. Das Echo dieser Ereignisse kam man noch heute, drei Jahrhunderte später im Witchouse und bei einer Band namens Salem erklingen hören.

Aber haben auch Vermont ihre Bezüge hier? Verstehen sie sich als soundpolitische Reaktion auf den bedrückenden neuen Zeitgeist, der die letzten Jahre zunächst Europa und dann Amerika heimgesucht hat? Wo Kodwo Eshuan gerne seine Gedanken mit sich selbst zirkulieren lässt, will ich lieber die Protagonisten zu Wort kommen lassen.
Wir treffen uns im Kompakt Plattenladen. Worgull und Plessow veröffentlichen “II” wie schon das Debüt auf dem daraus hervorgegangen gleichnamigen Label. Bevor wir mit dem eigentlichen Interview beginnen, berichtet Plessow vom Warehouse Project Festival, wo er am Wochenende noch gespielt hat, ein amtlicher Rave, auf dem unter anderem auch Jeff Mills, Bicep und Midland aufgelegt haben, sowie seiner neuen Wahlheimat Paris und deren tollen Plattenläden, die ihn mehr Platten denn je kaufen lassen.

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Vermont (Photo by UNLAND)

Paris ist ein gutes Stichwort, um hin zu Vermont und der Entwicklungsgeschichte und den Arbeitsbedingungen des Projekts zu leiten. Was als Kölner Beziehung begann, ist mittlerweile nach einem Zwischengastspiel in Amsterdam eine Pendelbeziehung zwischen der Seine und dem Rhein. „Wir kannten uns bereits flüchtig, bevor Danilo nach Köln gezogen ist“, erinnert sich Marcus Worgull. „Er schaute damals öfters im Groove Attack Plattenladen vorbei und irgendwann trafen wir uns mal in seinem Studio und jammten nach ein paar Bier rum. Es gab aber nicht die Idee, die daraus resultierenden House-Sachen wirklich zu veröffentlichen – bis wir irgendwann an einem Montagabend keinen Bock auf Drumcomputer hatten und sie einfach ausließen.“
Gleich drei der Stücke, die in dieser Nacht produziert wurden, sollten es auf „Vermont“ schaffen und somit den Kurs vorgeben zu dem, was die beiden als „Musik ohne Beats, die Spaß macht“ bezeichnen. Danilo Plessow betont, wie elementar es für das Projekt sei, dass es “im Gegensatz zu unseren Solokarrieren keinen Druck gibt: Kein Hinterfragen, keine Strukturen – und vor allem keine Deadlines! Es war wie Yoga: man kommt hin, schaltet das Hirn aus und macht einfach.“
Wozu braucht man noch Musikjournalisten, wenn die Musiker selbst sich so versiert einzuordnen wissen. Denn in der Tat, die Musik von Vermont ist zunächst vor allem eins: tiefenentspannt. Sie fordert die Hörer_innen nicht heraus, sondern schenkt ihnen einen Ort zum Runterkommen. Ein gemeinsames Bedürfnis von Danilo Plessow und Marcus Worgull. Denn so unterschiedlich die Soundkosmen sind, die die beiden seit 15 Jahren bespielen (Plessow verspielt und von Soul, Jazz und Funk beeinflusst, Worgul deep im besten Deep House Sinne), so gemein haben sie doch ein gewisses Maß an Erschöpfung. Wenn Worgull davon spricht “total fertig zu sein”, dann nimmt man dies zwar kurz als kokette Übertreibung wahr, stellt jedoch schnell fest, dass er das völlig bitterernst meint. “Es geht bei Vermont nur darum, dass sich die Musik angenehm anfühlt”, fügt er zur Untermauerung hinzu. “Denn auch wenn es mal Stücke gibt, wo es knirscht und nervt, das ist nicht, was wir suchen, uns geht es um die kleine Oase.” Dass diese kein Selbstläufer ist sondern Hingabe erfordert, betont Danilo Plessow: “Wir nehmen uns viel Zeit für Vermont. Egal, ob wir uns jetzt in schwierigen Lebenssituationen befinden oder total fertig vom vorherigen Wochenende sind, kaum kommen wir im Studio an, gehen wir in die Wohlfühlblase: „Geil, keine Bassdrum! Nichts, wo was ist!“ – es fühlt sich wie eine Kur an. Das gibt dem ganzen die Seele.“

Ein guter Moment, um auf Kodwo Eshun, die Hexenjagd und etwaige politische Implikationen von Vermont zurückzukommen. Nein, mit dem sozialpolitische Status Quo da draußen habe ihre Klangwelt und der damit verbundene Rückzug nichts zu tun, die sei voll und ganz individuell geprägt. Wobei sie flachsend einwerfen, man könne sich ja überlegen, ausgehend von Vermont eine Yoga-Partei zu gründen.
Plessow erzählt, dass es Leute aus ihrem jeweiligen Umfeld gäbe, die sie fragen würden, was das alle solle. “Aber für mich ist es viel wichtiger, dass ich mit der anderen Person im Studio etwas anfangen kann, als dass sich Vermont stimmig zu unseren DJ-Sets verhält und Profilmäßig cool aussieht.” Er betont einmal mehr den Spaßaspekt – und den Katharsischen Effekt, den Musikmachen für ihn besitzt: “Ich habe mit sechs Jahren angefangen Schlagzeug zu spielen und in meinen ganzen Leben nichts anderes gemacht, ich kann mir kein Leben ohne Musik vorstellen, da sie nicht Mittel zum Zweck ist, sondern mein Ich. Auch ohne Erfolg würde ich Musik machen, da ich darin meine Gefühle äußern und ehrlich zu mir sein kann.“ Worgul beschreibt die Verhältnisse für sich etwas anders: „Das Musikmachen entsteht bei mir aus dem Interesse an der Musik anderer. Ich hatte zwar auch ab acht Jahren Klavierunterricht, war im Chor und hatte früh eine Band – aber diese Musikvergangenheit hat ganz wenig Einfluss auf das, was ich heute als Produzent mache.“

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Vermont (Photo by UNLAND)

Dass „Vermont“ mit „II“ einen Nachfolger bekommt, hat sich dem relaxten Gestus des Projekts entsprechend natürlich ergeben. Zunächst seien sie überrascht gewesen über die weltweit positiven Reaktionen, merken Danilo Plessow und Marcus Worgull an – und dann hätten sie gewartet bis die Lust wieder gekommen sei, beziehungsweise das scharrende Bedürfnis nach einer Ruhe abseits des Dancefloors. Deswegen verwundert es auch nicht, dass sich die Grundstimmung von „Vermont“ und „II“ sehr ähneln. Plessow führt aus: „Für Vermont benutzen wir gewisse Synthesizer auf eine Art, die sich sehr intuitiv anfühlt, so dass wir nicht lange suchen müssen, sondern die Sounds und Stücke quasi automatisch zu uns kommen. Es ist immer sofort klar, wie etwas klingt und was möglich ist. So ein Synthesizer wie der ARP Odyssey hat einen Grundklang, der extrem gut und extrem musikalisch ist, das ist nicht wie bei den Modularsystemen, wo man stundenlang erst mal rumbasteln muss, bevor das gut klingt – der klingt sofort gut. Es geht um Spontanität, das Einfangen des Moments und das Loslassen vom endlosen Nachdenken.”
Doch auch wenn das Set-Up quasi dasselbe ist und somit ein hohes Maß an Homogenität vorliegt, so fällt doch die leicht andere Temperierung auf. „Ach ja?“, kontert Worgull provokativ mit einer Gegenfrage. Doch Plessow versteht sofort, was ich meine: „Man könnte, wenn man es bösartig sagen will, sagen, dass die zweite Platte weniger spannend da weniger experimentell ausgefallen ist. Aber ich empfinde sie im positiven Sinne als homogener, von wegen „that´s the mood“ – und dann gibt es zehn Variationen davon. Es ist Wohlfühlmusik.“
Wohlfühlmusik, die ihre Produzenten selbst im Spannungsfeld aus Kosmischer Musik und Krautrock verorten. Es fallen in der Folge Namen wie Cluster, Harmonia und Brian Eno – und es ist sicherlich kein Zufall, dass es von Eno auch eine App namens Bloom gibt, die die Klangfarbe Vermont kennt und endlose Musikproduktion verspricht.

So sehr und primär Vermont Ambient ist, so deutlich sind auch die Soul- und Funk-Schwingungen der dreizehn Stücke auf “II”. “Klar, wenn man eine Fender Rhodes benutzt, dann bekommt man sofort diesen Charakter”, merkt Plessow an und freut sich durchaus über die Zuschreibungen, schließlich seien diese Genres ja “sein Thema.” Und doch fügt er hinzu, dürfe man nie vergessen, dass die Grundharmonien bei Vermont zumeist von Marcus Worgull kommen und “im positiven Sinne simpel gehalten” seien, wohingegen er selbst ja immer zum “Verkopfen neige und fiese Jazzakkorde reinbastle”. “Marcus hat dieses deutsche Ding: sehr strukturiert, sehr minimal und trancey, so dass man die Musik endlos hören kann.”

Die Sehnsucht nach dem endlosen Trip, sie gehört aktuell ja neben Donald J. Trump zu den größten Problemen, die Amerika hat. Das Land ist gepeinigt von einer immer heftiger grassierenden Opiateepidemie. So versinkt unter anderem das idyllische Vermont derzeit im Rauchgiftsumpf, wie neulich die FAZ in einem Beitrag mit der Headline „Ahornsirup und Heroin“ attestierte. Insofern ist die Yoga-Partei dann doch das kleinere Übel und könnte das notwendige Bindeglied zwischen Hipsteroasen wie Williamsburg und Silver Lake und der sich ausbreitenden inneramerikanischen Trostlosigkeit darstellen.

 

Teile des Textes sind in Print-Form in der Kölner Stadtrevue erschienen.

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