Montag, 16.10.2017
Erinnerungen an Ausnahmemusiker: Stephan Plank und Paul Ellington

Conny Plank & Duke Ellington

Duke-Ellington-Flugzeug

Duke Ellington

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Conny Plank, Hamburg, 1971 (Photo: Christa Fast)

Im Frühjahr 1970 betrat der große Jazzmusiker Duke Ellington das Studio von Krautrock-Legende Conny Plank, um zwei Songs mit ihm aufzunehmen: das elegante Ensemble Jazz Stück “Alderado” und das wilde, freie “Afrique” – beide in jeweils drei verschiedenen Versionen, die nun als die The Conny Plank Session” von Duke Ellington & His Orchestra erscheinen und einen guten Einblick in die Arbeitsweise der beiden ermöglicht.
Aus diesem Anlass sprach Thomas Venker mit Conny Planks Sohn Stephan Plank, und dem Enkel von Duke Ellington, Paul Ellington, über ihr Leben mit den Erinnerungen an diese beiden Ausnahmemusiker.

Herr Ellington, Sie haben ihren Großvater nie persönlich getroffen und dennoch erinnern Sie sich an ihn.
Paul Ellington: Das stimmt, ich bin 1978 in Kopenhagen zur Welt gekommen, da war er bereits verstorben. Ich konnte ihn also nie treffen, aber seine Musik spricht bis heute zu mir und mein Vater, Mercer Ellington, hat mir viel von ihm erzählt.

Er muss ihnen sehr viel erzählt haben, denn sie betreuen heute das Vermächtnis ihres Großvaters.
Ellington: Ich bin der Willensvollstrecker des The Duke Ellington Estate. Meine Aufgabe ist es, das Werk meines Großvaters zu schützen. Es gilt, den Leuten seine Bedeutung und seine Art in Erinnerung zu halten, hierbei unterstützt mich ein großartiges Team in New York. Duke Ellington ist bis heute ein bedeutender Teil der amerikanischen Kulturgeschichte, musikalisch und historisch gesprochen. Um dieser Aufgabe adäquat nachzukommen, habe ich zudem Film und Bildende Kunst an der New York University studiert.

Herr Plank, was ist die prägendste Erinnerung, die Sie an Ihren Vater haben?
Stephan Plank: Da mein Vater so früh gestorben ist, sind die Erinnerungen unsortiert und überfallen mich immer mal wieder. Ich erinnere mich sehr deutlich an sein Lachen und daran, mit welchem großen Interesse er mir und anderen Menschen zuhören könnte.
Musik ist ein beeindruckender Träger von Erinnerungslücken. Während einer Produktion wird jeder einzelne Song tausende Male abgespielt – diese Songs sind der Soundtrack meiner Kindheit.

Haben sie denn trotz der wenigen Jahre, die sie zusammen hatten, die Zeit gefunden, sich mit ihm auch kulturell auszutauschen?
Plank: Mein Vater starb leider so früh, weshalb ich zwar gut sagen kann, wer mein Papa war, allerdings nur wenig über den Produzenten Conny Plank berichten kann. Allerdings mach ich mir diesen Umstand gerade zu Nutzen und drehe einen Dokumentarfilm über ihn. Im Film werde ich Weggefährten, Musiker und Freunde meines Vaters fragen, wie er als Produzent war und was ihn ausgemacht hat.

Conny-und-Stephan-Plank

Conny & Stephan Plank.

Wie alt waren Sie, als ihr Vater starb? Und wie geht man mit dem Prozess des Erinnerns um, wenn die Person, an die man sich erinnert, nicht nur eine private war, sondern eben auch eine sehr öffentliche?
Plank: Als mein Vater starb, war ich 13 Jahre alt. Ich glaube trotzdem, dass der Prozess des Erinnerns sich nicht groß unterscheidet. Allerdings merkt man, dass die Geschichten eine Tendenz haben besser zu werden mit den Jahren und wie dadurch gerne ein überhöhtes Bild entsteht. Je nachdem, mit wem ich spreche, entsteht immer ein anderes Bild von meinem Vater.

Wie hat es sich für Sie angefühlt Herr Ellington, mit dem Wissen um einen so bedeutenden Großvater aufzuwachsen?
Ellington: Ich hatte schon sehr früh ein Gefühl dafür, dass er eine wichtige Rolle gespielt haben muss, aber so ganz verstanden habe ich es erst mit 12 Jahren. Damals begann ich mit meinem Vater Mercer Ellington auf Reisen zu gehen, und die Art, wie die Leute uns auf diesen begegnet sind, das war schon sehr emotional aufwühlend. Ich konnte in ihren Augen und Worten erahnen, welch großen Eindruck er auf sie gemacht hat.

Wie ging es ihnen damit, Herr Plank?
Plank: Als Kind ist das Leben der Eltern das, was normal ist. Für mich waren es Spielkameraden, die vorbei kamen und keine Musiker, die man mit besonderem Respekt behandeln müsste. Das liegt aber auch an der speziellen Produktionsweise meines Vaters, der die Musiker als Ganzes wahrgenommen hat.

Herr Ellington, finden sie denn ihren Großvater in den Geschichten und Bildern von ihm, die sie auf diesen Reisen vorgefunden haben, wieder?
Ellington: Ich habe ein sehr gutes Gefühl dafür, wann es sich um ihn handelt und wann um eine Verzerrung. Was die konkreten Bilder angeht, so kenne ich ihn in allen Epochen seines Lebens: als Kind, als jungen Mann, und ich kann auch den 70jährigen Duke Ellington vor mir sehen.

Herr Plank, wie geht ihnen das? Sehen sie ihren Vater auf den Bildern und in den Geschichten, die die Welt von ihm bereit hält?
Plank: Ja und nein. Einerseits ja, weil ich glaube, dass die Essenz der Geschichten oft auf der Wahrheit beruht. Andererseits nein, weil es oft Geschichten gibt, die mit der Zeit immer besser geworden sind – bis zu dem Punkt, wo man wohl von einer Räuberpistole sprechen muss.
Umso mehr hat es mich gefreut, als ich das Band mit der Duke Ellington Aufnahme im Archiv fand und so eine Geschichte, die ich oft von vielen erzählt bekam, bestätigen konnte. Ich selber habe nie mit meinem Vater explizit über dies Session gesprochen, allerdings war ich anwesend, wenn mein Vater von der Session erzählt hat, so dass ich wusste, dass es sie gegeben hat.

Herr Ellington, wussten sie denn von der Existenz der “Conny Plank Session” aus dem Jahre 1970?
Ellington: Nicht bevor Stephan Plank die Aufnahmen gefunden hat und sie als wichtig eingestuft hat – womit er aus mehreren Gründen richtig liegt: Conny Plank war damals nicht nur in Europa, wo ich ja aufgewachsen bin, ein sehr bedeutender Produzent, er genoß auch in Amerika einen sehr guten Ruf. Insofern ist es ein bedeutendes Ereignis, wenn so jemand die Musik des Duke 1970 aufgenommen hat, ein Ereignis, das seinen Ort in der Musikgeschichte finden sollte. Im Umkehrschluss zeigt die Tatsache, dass ein Meister wie Conny Plank mit Duke Ellington ins Studio ging, welch große Rolle mein Großvater in seinen letzten Lebensjahren in Europa spielte.

Was ist denn ihre Lieblingsgeschichte über Ihren Großvater Duke Ellington?
Ellington: Ich mag die Erzählungen, die betonen, dass er immerzu Musik geschrieben hat. Noch fünf Minuten bevor er auf die Bühne ging, saß er an Stücken – die schönste ist jene, wo er etwas so frisch geschrieben hat, dass es die Noten noch nicht für alle gab, so dass er selbst das Exemplar für alle immer umblättern musste.

Und was ist Ihre Lieblingsaufnahme von ihrem Großvater?
Ellington: “Duke Ellington and Louis Armstrong”, weil man den Spaß spüren kann, den die beiden bei der Aufnahme hatten. Wobei “Piano Reflections” nah dran liegt, hier bekommt man ein gutes Gefühl für sein außergewöhnliches Talent am Klavier.

Was ist ihre Lieblingsgeschichte über Ihren Vater Conny Plank?
Plank: Ich erinnere mich gut daran, wie mein Vater mit DAF im Studio war und ein Album aufnahm. Nicole war gerade damit beschäftigt mit “Ein bisschen Frieden ” den Eurovision Contest zu gewinnen, und mein Vater nahm mit DAF den Titel “Ein bisschen Krieg” auf. Ich fand das damals ein geniale Idee.

Herr Plank, Herr Ellington, wenn sie die Chance hätten, Ihrem Vater beziehungsweise ihrem Großvater eine einzige Frage zu stellen, was würden sie gerne von ihm wissen?
Plank: Nach welchen Kriterien hast du die Musiker ausgesucht, mit denen du zusammen gearbeitet hast.
Ellington: Lieber Opa, kann ich nur eine einzige Klavierstunde bei dir bekommen?

Herr Plank, Herr Ellington, vielen Dank für Ihre Zeit.

 

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