Mittwoch, 22.11.2017
Wie man weiblichen Terrorismus erklärt und dabei scheitert.

Von „Terrorbräuten” und „Djihad-Postergirls”

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Collage: Sarah Szczesny

Wenn man unter Geisteswissenschaftlern das Wort „Terrorismus“ benutzt, lehnt sich immer mindestens eine Person weit, sehr weit zurück, verschränkt umständlich die Arme, zieht die Augenbrauen hoch und fragt, ohne natürlich wirklich ein Frage stellen zu wollen, mit welchem Begriff von Terrorismus man denn da eigentlich operiere. Das ist auch legitim, und man muss nicht Derridas 9/11-Monologe gelesen haben, um die Uneindeutigkeit und Relationalität dieses bestenfalls flutschigen Konzeptes zu sehen. Ich selbst bringe es quasi physisch kaum über mich, „Weiblichkeit“ ohne Anführungszeichen zu schreiben – für solche zwanghaften Betonungen von Gemachtheit wird man gerade wieder viel ausgelacht, je nach Gebrauch vielleicht zu recht. Andererseits benötigen wir vielleicht noch mehr und immer noch größere Anführungszeichen für alles Mögliche.

Denn das andere Extrem ist, völlig in die Scherenschnitthaftigkeit simplifizierender Konzepte zu verfallen. Besonders schlimm wird es damit, wenn beides zusammenfällt. „Warum werden irakische Frauen zu Attentäterinnen?”, fragt die Welt am 29.7.2008, und es enttarnt sich schon allein durch das kleine ‘Warum’, das nur durch die Annahme von Abweichung funktioniert, ein erschütternd zementiertes Geschlechterbild. Die Antwort: “Bei manchen ist es Verzweiflung, bei anderen die Aussicht auf Geld. (…) Auch vor dem Missbrauch geistig Behinderter schreckt die Terrorgruppe [al-Qaida] nicht zurück.” Ein herangezogener Erklärer – US-Kommandeur Kevin Ryan – erklärt, dass Rache meist das Hauptmotiv ist. Die Möglichkeit, dass eine politisch motivierte Entscheidung getroffen wurde, so radikal und destruktiv sie auch sein mag, bleibt ausgeschlossen. Sie wird ersetzt durch die Ankopplung uralter Figuren: die Geisteskranke, die Raffgierige, die rächende Mutter, die Verführte und Missbrauchte.

Die Politikwissenschaftlerinnen Laura Sjoberg und Caron E. Gentry haben passend hierzu eine Art Stereotypologie von Narrativen entwickelt, die immer wieder vorkommen, wenn es um weibliche Täter geht. Dabei machen sie drei Haupt-Stories oder gender tropes aus, die in beliebigen Kombinationen auftreten: Attentäterinnen würden entweder als „Mütter“, als „Monster“ oder als „Huren“ erzählt – als Rächerin ihrer Söhne und Männer, als pyschisch krank und/oder manipuliert oder – hier verschiebt sich der Fokus von Erklärungs- hin zu Darstellungsmustern – als deutlich (hetero)sexualisiert. Diese Reinformen scheinen erstmal sehr schematisch, doch umso gruseliger ist die Erkenntnis, dass mindestens eine von ihnen tatsächlich fast immer auf Erzählungsmuster der Mainstream-Medien zutrifft – manchmal auch alle drei, wie im Beispiel oben.

Sjoberg und Gentry schreiben in erster Linie über die tschetschenischen ‘Schwarzen Witwen’ und die weiblichen Mitglieder palästinensischer Terrorkommandos, aber überdeutlich lässt sich die Figuren-Trias auch an zeitgenössischer und retrospektiver Berichterstattung über die RAF erkennen.

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Collage: Sarah Szczesny

Oft ist hier das Mutter-Narrativ dominant, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen: Ulrike Meinhof „ließ ihre Zwillinge zurück”, wie es oft heißt, Gudrun Ensslin ihren Sohn. Dass auch Andreas Baader seine Tochter für den Schritt in den revolutionären Untergrund verließ, wird dagegen kaum erwähnt – Baader wird, logisch, an männlich besetzte Figurenprogramme angeschlossen, als großer Gegenspieler zu BKA-Chef Horst Herold aufgebaut, mit dem Twist der obsessiven Hassliebe zwischen Jäger und Gejagtem, der schon in so vielen Filmen funktioniert hat.

Sowieso arbeitet Fiktion, nebenbei bemerkt, nicht etwa gegen jenes mediale Recycling von Stoffen; Film und Literatur bieten natürlich nicht immer nur widerständige ‘counter narratives’, sondern – gerade im RAF-Kontext – besonders stromlinienförmig klischeesierte Figurenkabinette. Gleichzeitig ist Fiktion (Anfühungszeichen verkniffen) vielleicht der Vortex, aus dem sich die Liebe der erzählenden Medien zur RAF sowieso speist: Die Bonnie & Clyde-Schablone lässt sich auf Baader und Ensslin legen, die Konflikte zwischen Meinhof und Ensslin als bitch fight und Königinnenstreit inszenieren (ein Mechanismus, den Elfriede Jelinek in „Ulrike Maria Stuart“ wieder ironisch überzeichnet). Das obsessive Literarisieren der RAF-Frauen kommt vielleicht nicht durch die Faszination an einer angenommenen Widersprüchlichkeit von Weiblichkeit und Gewalt zustande, sondern im Gegenteil dadurch, dass gerade auf dieser Kombination so viele Mythosmotoren laufen: Fiction follows fiction.

Auch die Monster-Erzählung, die Sjoberg und Gentry vor allem als eine Konstruktion pathologischer Abweichung begreifen, ist vorgezeichnet in mythischen Figuren von Medea bis zu den Gorgonen. Während der „Mutter” gerade deshalb Verantwortlichkeit abgesprochen wird, weil sie nur für ihre Familie und deshalb klar innerhalb patriarchaler Muster kämpft, clasht das „Monster”, oberflächlich betrachtet zumindest, mit diesen Normen – Gewalt von Frauen, die sich nicht an mütterliche Rache anschließen lässt, wird in einem Diskurs des Krankhaften narrativiert, „portraying violent women as a product of faulty biology”, wie es bei den beiden Politologinnen heißt.

Eine passende Fußnote der RAF-Geschichte ist die Tatsache, dass Ulrike Meinhofs Gehirn nach der Obduktion ohne Einwilligung der Familie jahrzehntelang zurückgehalten wurde, bis es nach einer wahrlich monströsen Odyssee durch die Labors endlich begraben wurde – der Versuch, eine neurologische Ursache zu finden für den gewaltsamen Ausbruch aus der Geschlechternorm. Sogar 2002 noch sollte Meinhofs Gehirn das letzte Mal untersucht werden, und der SPIEGEL wusste vorher: „So viel ist jetzt schon klar: Die Terroristin hatte einen Hirnschaden und war wohl nur vermindert schuldfähig“. Einen was, bitte? Der Krankheitsdiskurs ist hier noch nicht mal psychologisch gewendet, sondern argumentiert neurophysiologisch-biologistisch, dazu mit einer Terminologie aus dem 19. Jahrhundert.

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Collage: Sarah Szczesny

Die vor allem in den frühen Tagen der RAF und in der Boulevardpresse dominanteste Lesart lässt sich aber, klar, mit Sjoberg/Gentrys whore-Narrativ kurzschließen: In einer sexualisierten Diktion sind es „Baader und seine Gespielinnen“, aber auch „Ulrike Meinhof und ihre grausamen Mädchen“, die ihr Unwesen treiben. Immer wieder, auch aktuell noch, schreibt einer vom anderen ab, Gudrun Ensslin habe in einem Porno mitgespielt. Wenn man ein paar Minuten googelt, entpuppt sich dieser Porno als ein studentischer Experimentalfilm mit dem Titel „Das Abonnement“, in dem die Darsteller, wie in jedem anständigen studentischen Experimentalfim aus den 60ern, auch mal nackt sind – und in dem es ausgerechnet um die Macht der Medien geht, genauer: Um den Grad der Komplizenhaftigkeit, den man sich mit einem Welt-Abo einhandelt. Womit wir wieder bei der Porno-Erzählung wären. Welch wunderschöne Ironie der Endlosschleife, geboren aus Bullshit und Ignoranz!

Im 21. Jahrhundert ist das alles nun, wenig überraschend, wenn man sich die letzten 20 Jahrhunderte so ansieht, nicht viel anders. Doch weil Attentäterinnen in einem islamistischen Kontext eben nicht „godless, Western, white” sind (Don de Lillo in „Falling Man“) und man immer so wenig von ihnen sieht, werden sie in absehbarer Zeit nicht so schön unter ihrem langen Pony hervorsprechen wie Johanna Wokalek als Gudrun Ensslin im „Baader Meinhof-Komplex“. Zu fremd, um völlig popkompatibel zu werden, bedarf die Selbstmordattentäterin sozusagen eines noch stärkeren narrativen Filters – das Mutter/Monster/Huren-Muster wird erweitert und verstärkt durch jenen klischeesierten Blick auf das Andere, über den Edward Said in „Orientalism“ schrieb.

Dazu gehören ubiquitäre großformatige Nahaufnahmen von geschminkten Augenpartien, umrahmt vom schwarzen Stoff des Niqab – vielleicht ist es auch immer das gleiche Stock-Foto, das die Bildredakteure herauskramen. Erzählt wird oft in einem mehr oder weniger subtil sexualisierten Modus: “SIE HAT IHR GEWAND GEÖFFNET UND SICH IN DIE LUFT GESPRENGT”, zitiert die Welt im Caps Lock-Zwischentitel den Augenzeugen eines Selbstmordattentats in Baakuba, Irak. Gegenprobe: “ER” würde in der medialen Rückschau niemals “sein Gewand öffnen”; „er” würde sich einfach “in die Luft sprengen”. Wobei natürlich auch Erzählungen von männlichen Attentätern manchmal sexuell gefärbt sind: “Er” würde wiederum an die Vielzahl von Jungfrauen denken, die ihn im Paradies erwarten. Diese Verschränkung von sexuellem Narrativ und der Annahme einer zutiefst irrationalen, naiven Gläubigkeit ist deutlich eine Projektion von außen.

Mal davon abgesehen, dass Selbstmordattentäter in ihren Videobotschaften selbst so gut wie nie die ominösen Jungfrauen erwähnen, handelt es sich im Übrigen vielleicht sowieso um einen Übersetzungsfehler: Nach der These des Koranwissenschaftlers Christoph Luxenberg wird der Koran um einiges klarer, wenn man ihn nicht als arabisch, sondern als syro-aramäischen Ursprungs liest; im Syro-Aramäischen sind es aber nicht „Jungfrauen”, sondern Weintrauben, die den Märtyrer erwarten und wiederum für alle möglichen Delikatessen stehen. Für weibliche Täter gibt es diese Variante nicht, denn Frauen können – klar – nicht einfach an Jungfrauen denken, Djihad hat schließlich straight zu sein.

Kombinationen aus Mutter- und Huren-Muster sind auch in Bezug auf die europäischen Teenager beliebt, die als „Bräute der Dschihadisten” (ZDF-Sendung vom 14.10. 2014) nach Syrien reisen. „Ist das Dschihad-Postergirl tot – oder schwanger?”, fragt die Welt am 17.9.2014 besorgt wie immer. Der Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger, der als Erklärer herangezogen wird, weiß es nicht – wohl aber weiß er am allerbesten, was den „Dschihad auch für Mädchen immer attraktiver” macht: Er stille eine “Sehnsucht nach ‘echten Männern’, die mit der Waffe in der Hand kämpfen”.

Derweil wird in der ZDF-Sendung hektisch vom Eingangstor einer schottischen Schule zu schwarz vermummten, irgendwo in der Wüste marschierenden Männern zu den geschminkten Augen im schwarzen Stoffviereck geschnitten. Es geht es um die Britin Aksa Mahmood, die, wie die männliche Stimme aus dem Off berichtet, aufgewachsen ist „mit all den Freiheiten, die das Leben im Westen Muslimen bieten kann”, dann aber offensichtlich „einer massiven Gehirnwäsche unterzogen wurde” und jetzt für den IS bloggt. Berichte wie dieser machen immer wieder sehr deutlich: Unsere Mädchen gehen nicht einfach nur zum IS, sie gehen, um einen IS-Kämpfer zu heiraten – oder sich als „Sexklavin“ zur Verfügung zu stellen, was natürlich im Wirkungsbereich des Barbarischen sowieso keinen Unterschied macht.

Da kann schon mal mit einem wohligen Schauer der Betroffenheit berichten. Aber wenn es doch halt so ist!, mag das ZDF sagen. Think again, Fernsehen mit Bildungsauftrag, in dessen Namen du verfassungswidrig Gebühren erhebst: Schon die dezent schlüpfrige Wortwahl „Bräute” (vgl. Bräute des Satans) markiert den orientalistischen Blick auf das Andere, der Plural rückt das Ganze noch einmal mehr in Richtung Harem. Die Gegenprobe zeigt: Nein, es hieße niemals „die Bräute der Vorstandsvorsitzenden” – die sind alle Ehefrauen. (Ulrike Meinhof ist übrigens laut einem gleichnamigen Buch auch „Braut des Nichts”.)

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Collage: Sarah Szczesny

„Warum” also „ werden Frauen zu Terroristinnen?“ Die Antwort sollte sehr einfach sein: Weil sie genauso doof oder verzweifelt oder verblendet wie Männer sind. Weil sie, genauso wie Männer, glauben, ihre politischen Ziele gewaltsam durchsetzen zu können. Oder, genauso wie Männer, nach ideologischer Anbindung und wirtschaftlicher Absicherung in einem gebeutelten Land suchen. Es gibt viele Gründe, aus denen Menschen zu Terroristen werden oder terroristischen Gruppierungen beitreten – schuldig und mündig bleiben sie trotzdem. Genau das wird Frauen in den großen Erklärungsmustern aber abgesprochen. Während die Täterin ausgestellt, beargwöhnt und zu einem Bild verdichtet wird, wird sie gleichzeitig zum Opfer umgeschrieben. In einigen Fällen, gerade im Kontext von Selbstmordattentaten, mag sie das sicherlich auch sein – in genau dem gleichen Maße, in dem Männer indoktriniert und instrumentalisiert werden. Klar. Eigentlich.

Und was bringt das alles jetzt? Vielleicht nur die schlichte Erkenntnis, dass nichts klar ist und sein sollte. Die Komplexität jedes einzelnen Lebens lässt sich nicht abbilden und gerinnt notwendigerweise manchmal zu Stories, doch das Minimieren auf ein paar Erzählmuster, die Kopplung an Bekanntes ist ein Akt der Verflachung, der nicht immer und immer wieder perpetuiert werden müsste – Sexismus als kulturelles Beruhigungsmittel gegen schwer verständliche Handlungen, erklärt von Erklärern, den Bräuten der gewaltsamen Vereinfachung.

 

 

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