Donnerstag, 14.12.2017
Yung Lean

Sad Rap zum Untergang

Was hören die Jugendlichen da bloß wieder? Und warum tragen sie alle diese Hütchen? Dem gesunden Menschenverstand zum Trotz ist der schwedische Rapper Yung Lean, ein pausbäckiger Junge, der sich kleidet wie Paddington der Bär, längst kein Internetphänomen mehr, sondern macht haufenweise Jungs glücklich -beziehungsweise traurig. Kaput versucht ihn zu lieben!

Ja richtig gelesen: Dieser HipHop macht traurig! Yung Lean wirkt nicht nur leicht übergewichtig, er ist auch schwermütig und definiert seinen Sound als Sad Rap. Das triste Mittelschichtleben ist sein Game – wäre er in Compton aufgewachsen, ja, dann wäre alles anders geworden. Er kommt jedoch aus Södermalm, einem hippen Viertel von Stockholm, dessen kultivierter Lifestyle offenbar zu einer sirupartigen Geisteshaltung führt.

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Collage: Sarah Szczesny

Denn „Sirupartig“ ist die beste Bezeichnung für die Musik des 18jährigen. Allerdings nur, wenn man sie unbedingt drogenfrei beschreiben will. Alle anderen fühlen sich bei dem Sound und den amateurhaften Videos von Yung Lean (und seiner ihn stetig umgebenden Posse) an den letzten Ketaminrausch erinnert, inklusive unbegründeter Aussetzer und geistiger Embryonalhaltung. Traurig an einem Arizona Iced Tea nippen und über die banalsten Begleiterscheinungen des Alltags rappen, so sieht seine Welt aus. Botschaften hasst er, über seine Texte nachdenken möchte er nicht. Für all jene, denen das zu negativ klingt, sage ich ausdrücklich ironiefrei: Toll, dass es sowas gibt!

Leandoer Håstad, wie Yung Lean mit richtigem Namen heißt, ist nämlich ein gutes Beispiel für Musik, die gerade deswegen so auffallend anders klingt, weil sie etwas bereits vorhandenes irre schlecht kopiert. So fühlt man sich bei jedem seiner Songs an das – ebenfalls bösartig reduzierte – Tempo von Könnern wie Future oder Young Thug erinnert. Aber Yung Lean und seine traurigen Jungs sind eben keine Könner, und zwar vor allem deswegen nicht, weil sie nicht die geringste Lust haben, viel Zeit für ihre Musik zu opfern. Lieber opfern sie ihr junges Leben der Lethargie und dem vielbesungenen Eistee. Dafür brach der junge Schwede sogar seine Schullaufbahn ab. „Ich will gar nichts tun. Ich will für den Rest meines Lebens twerken“, schilderte er gleich am Anfang seiner Karriere seine Zukunftspläne. Ein ziemlich heißer Tipp, da genau diese Einstellung ihn zu einer Art Role Model für viele Teenager macht. Das beweisen die Heerscharen von Fischerhütchen-Trägern auf seinen Konzerten, die seinen in den Internetauftritten etablierten Look begierig aufgreifen.

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Collage: Sarah Szczesny

Überhaupt Internet. Hier wurde die Basis für den rasanten Aufstieg von Jung Lean gelegt. Fast vier Millionen haben mittlerweile sein Video „Ginseng Strip 2002“ auf You Tube angeklickt und ihm dabei zugeschaut, wie er eine kindlich hölzerne Performance abliefert, die jeder Beschreibung spottet. Auch in den vielen weiteren Videos, die er seitdem veröffentlicht hat, oft wackelig aufgenommene Momentaufnahmen mit Vorliebe für asiatische Schriftzeichen, ist eine motorische Verbesserung nicht festzustellen. Aber das ist auch nicht die Qualität, die seine Fans im Kult Yung Lean suchen – sie suchen die sirupartige Haltung.

Apropos Qualität: Auch sein aktuelles Album „Unknown Memory“ kann man selbst mit größtem Wohlwollen nur als zusammengeschustert bezeichnen. Keiner der darauf enthaltenen Tracks ist auch nur annähernd ausproduziert, dafür glänzen viele durch den Einsatz soßiger Synthie-Sounds und laienhaft erzeugter Auto-Tune-Effekte. Melodien entstehen nur durch Yung Leans leicht leierndes und oft unmusikalisches Ziehen der Wortenden. Auf Pitchfork, der Website mit dem monströsesten Bewertungssystem der Welt, erhielt er dafür dann auch eine katastrophale 3,6, mit der Konklusion, er füge dem Genre nichts neues hinzu. Tut er aber doch, denn sein Dilettantismus erzeugt perfekt eine Atmosphäre kompletter Gleichgültigkeit, Monotonie und Lähmung, also eine Stimmung, die höchst zeitgemäß und vor allem höchst willkommen ist.

So passt er mit seinen wegkippenden Beats mittlerweile sogar in das Programm eines so ambitionierten Festivals wie des CTM / Transmediale, wo gar der Großteil der Besucher der YamYam-Nacht wegen ihm gekommen sind. Der rätselhafte Aufstieg des traurig rappenden Teenagers aus Schweden scheint also momentan unaufhaltsam. Die Frage ist nur, was er macht, wenn er erwachsen wird.

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Collage: Sarah Szczesny

 

 

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