Dienstag, 14.08.2018
Intro

“So hat Dich doch niemals jemand genannt!” Die allerletzte Heftkritik

Gestern bin ich mit der berühmten Paula Irmschler durch die Innenstadt Kölns gelaufen – neidische Blicke inklusive. Aber wir hatten etwas zu tun: Die finale Ausgabe des Intro-Magazins auftreiben. Hat geklappt. Gelesen ist sie nun auch schon, das war’s also? Nicht ganz. Von LINUS VOLKMANN

Ich muss dran denken, wie ich früher als Redakteur immer Heftkritiken geschrieben habe. Auf dass man demnächst noch geiler abliefern könne. Ökonomische Zwänge werden im Kapitalismus ganz selbstverständlich zu Innovativzwängen. Oder etwas weniger ideologisch beladen: Man sollte als Blattmacher natürlich wissen, wo man gerade steht.
Also, hier die unverlangt geschriebene Heftkritik zu Ausgabe #263.

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DAS COVER
Wäre ich noch Redakteur, ich hätte geweint wie ein Schoßhund bei dieser Titelseite. Weiße Schrift auf weißem Grund? Das erinnert an die ostfriesische Fahne: Weiße Taube auf weißem Grund [Quelle: Otto-Platte]. Mit dieser Front dürfte das Heft ein großer Teil der potenziellen Mitnehmer übersehen – es sei denn, jemand sucht gezielt danach wie wir. Dieses Cover ist Gift, dieses Cover ist aber natürlich auch mindestens Kunst – und vor allem ist es Art-Director Holger Risse. Auch wenn ich mit der schillernden Anzugbart-Diva nicht immer konform lief, muss ich doch auch in diesem Fall kapitulieren: „Holger, was tust du uns da nur wieder an? Aber okay: Danke dafür.“

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EINSTIEG
Ein Team-Foto, das kommt mir auf jeden Fall richtig vor. Dazu das schon zu meiner Zeit legendäre Zitat des Geschäftsführers, das so circa noch nie einen Mitarbeiter befeuert sondern alle immer lediglich befremdet hat: „The sky is limit!“

DEIN INTRO
Die Rubrik, die auf ein Heft vor zehn Jahren zurückschaut, sieht hier in die Zukunft: Die Ausgabe von Intro 2028. Schöne Idee.

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MEIN SONG UND SEINE GESCHICHTE
Eine weitere Rubrik, die schon lange existiert, einst gefounded von Felix Scharlau. Hier sieht sie sich befüllt von Dirk von Lowtzow, er spricht über den Tocotronic-Song „Kapitulation“, man erfährt, dass er jenen einst auf Wein nachts nach einem Konzert fast ganz fertig skizzieren konnte. Außerdem macht er Intro-Chefredakteur Daniel Koch auf die Parallelen aufmerksam zwischen dem Einstellen vieler Print-Magazine dieser Tage mit großen Indielabel-Sterben zu Anfang der Nuller Jahre (das auch Tocos Hauslabel L’Age D’Or erfasst hatte). Interessanter Punkt, ein Highlight der Ausgabe. Wobei im gesamten Heft natürlich eine große Fallhöhe besteht zwischen Texten, die sich auf das Ende beziehen (spannend, dramatisch) und welchen, die Musikjourno as usual betrieben (gefühlt meist überflüssig).

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TOP 7 – SONGS VOM SCHEITERN
Das Foto mit dem kaputten Ei sieht cool aus. Bei der Liste habe ich nur den Part über das Klaus-Lage-Stück „Fang neu an“ gelesen. Sorry, Rest wird auch schon stimmen, habe halt ADHS im Endstadium!

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LACHEND IN DEN ABGRUND
Online-Redakteur Philip Fassing feiert die Selbstironie des Millenials statt ihm die Schuld für den Niedergang aller irgendwie analogen Kulturproduktionen anzulasten. Tröstlich zu sehen, wie sich gerade auch die Redaktion noch mal in längeren Texten auslässt – abseits vom Almauftrieb der „heißen Scheiben“ der öden Musikindustrie.

INTRO GEHT – WAS KOMMT? ENDE NEU
Noch mal Daniel Koch, der sich intensiv dem Thema nähert, das im speziellen Fall hinter der ganzen Printkrisen-Realität sitzt: Was wird denn aus Musikjournalismus, wenn die ganzen Heftchen irgendwann weg sein sollten? Koch stellt junge AktivistInnen eines in die Jahre gekommenen Genres vor. Nichts ist vorbei, solange noch irgendjemand irgendwie weitermacht – und wenn man’s halt selbst ist.

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ICH MÖCHTE TEIL EINER BEWEGUNG SEIN – Paula-Irmschler-Kolumne
Unterhaltung im “Vintage and Rags” zu Köln (dort fanden wir das Heft):
PAULA „Ist schon schade, dass es jetzt alles vorbei ist.“
ICH „Ja, ja.“
PAULA (blättert wild durch die bibelpapierdünnen Seiten: „Ey, ist meine Kolumne etwa nicht drinnen?“
ICH „Ach, unter den Umständen wäre der Untergang dann fast noch zu gnädig für den Laden, oder was?“
PAULA „Da ist sie ja!“
ICH „Ich schätze das Talent der Illustratorin Axel Wurst wirklich sehr. Aber du siehst in ihrer Kolumnen-Zeichnung aus wie Franz Gans – weißt du, der Knecht von Oma Duck?“
PAULA „Halt doch dein verdammtes Wessi-Maul!“
usw.

ARBEITSAUFTRAG: SCHEITERN
Kristina Engel war beim Intro-Verlag Langzeit-Lektorin, um die Begriffe „Urgestein“ oder „Kult-Mitarbeiterin“ gerade noch zu vermeiden. Eigentlich tritt sie nicht aus ihrer orthographischen Kommando-Brücke heraus, zum Abschied hier aber tut sie es. Und lässt den Leser teilhaben an ihren ersten aufgenötigten Autorin-Versuchen Anfang der Neunziger. Schweigend im Interview … das ist ja schon schlecht, wenn man der Gefragte ist, aber wenn die Fragerin kein Wort rausbringt, wird’s erst richtig kurios.

EX-INTROS ERINNERN SICH
Für dieses Sammelsurium aus Akteuren von einst war ich aus naheliegenden Gründen auch angefragt. Ehrlich gesagt… ich hab’s nicht gemacht, kein Bock. Zu vertraut ist mir dieser Reflex, wenn’s mal wieder ein Heft-„Special“ zu bestreiten gibt. O-Töne sammeln zu einem der unzähligen Eigenjubiläen (die man als Magazin andauernd zu feiern hat) – und nun dasselbe noch mal für den Gang ins Nichts? Nö. Dafür ist mir die Zeit immer noch zu nah, als dass ich Teil sein wollte, wenn alles routiniert auf zwei kurzweiligen Doppelseiten in die Garage gefahren wird. Jetzt allerdings muss ich gestehen, habe ich die Anekdoten der anderen natürlich gern gelesen. Versöhnlich.
Irritiert hat mich dabei aber Sonja Eismann (heute: Missy). Die schreibt „nicht umsonst war in der Redaktion mein Spitzname ‚Travelling Eismännchen‘.“ Alter, so hat Dich doch niemals auch nur irgendjemand genannt, Sonja! Ah, sie hat ja gar kein Facebook, dann wird sie nie erfahren, dass ich diesen Schwindel aufgedeckt habe.

AUTORINNEN
Bei den größeren Storys fällt mir wieder positiv auf, was mich bei anderen Magazinen so zum Kotzen stört: Das Geschlechterverhältnis. Das sieht bei Intro nämlich nicht aus wie im Fußballstadion oder auf den Festivalbühnen. Nein, die aktuelle Intro-Redaktion beweist, dass man nicht von (oder gar gegen) Quoten labern muss, sondern dass man natürlich ein Heft machen kann, indem nicht nur alles voller Typen ist. Das stellt für mich vielleicht die größte Leistung der letzten Jahre Intro dar.

MUSIKFEATURES ZU NEUEN ALBEN
Interessieren mich wie erwähnt null. Zeit ist vorbei. Das bringt es zumindest in dieser gefälligen Form einfach nicht mehr.

FÜNF WODKA MIT AYDO ABAY
Vor zehn Jahren schickte sich die damalige Praktikantin Senta Best an, mir ein Interview abzuliefern. Musik interessiere sie eigentlich nicht, aber sie könne doch mal mit dem Sänger von Blackmail Wodka saufen. Man kenne sich noch aus Koblenz oder so einem Quatsch. In diesem Vorhaben konnte man sie nur ermutigen, ich will der Letzte sein, der junge Leute vom Trinken abhält. Diese Story erlebt zum Abschluss nun ein Comeback. Abay erzählt vom ZDF-Fernsehgarten, wettert gegen Delfine und Frederike hat natürlich wieder ein tolles Foto hingekriegt.

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BOT. GESPRÄCH OHNE AUTOR
Ein Artikel über das neue Buch von Clemens Setz, das irgendwie die Lektorin zusammensetzte aus generischen Elementen einer Textsammlung des Autoren. Keine Ahnung, ob ich das wirklich richtig verstanden habe, es klingt aber wie die beschissenste Idee und das ungeilste Buch ever.

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KEINE SKILLS AM CONTROLLER ABER LA PALOMA PFEIFEN
Die Extended Version, oha! Ohne Screenshots und Kenntnis des gespielten Spiels wirkt der schrille Gag-Roll-Out von Carsten Schumacher wie ein naturalistisches Theaterstück, bei dem man den Anfang verpasst hat. Kaum verständlich – aber Grüße!

intro.de / intro auf facebook
Nicht mehr Heft, aber natürlich sehr wichtig. Der digitale Abgang des geliebten Magazins kommt mir reichlich verschenkt vor. Alles solide, diensteifrig, vorbeirauschend. „Die dritte Staffel dieser Serie“, „Das Interview mit diesem tollen (lies: ziemlich egalen) Act“, „Dieses Share von einer populären Meme-Seite, das dir auch deine Eltern über WhatsApp schicken könnten.“
Der Wortlaut des Facebook-Posting zu diesem letzten Heft geht tatsächlich so:
„Florence + The Machine, CHVRCHES, Get Well Soon und mehr. Hier ist die finale Intro-Ausgabe. Lest das Heft jetzt direkt online.“
Ok, so kann man es auch sagen…
Aber, hey, ihr seid doch keine Phrasen-Bots, reißt den Laden noch mal richtig schön ab. Service-orientierte Austauschbarkeit dankt einem zumindest wirklich keiner mehr. Also, keine Ahnung, jeden Morgen live gehen bei der Redaktionssitzung, erstes Bier auf und sagen, welche Themen heute wirklich im Musikbusiness anliegen. Was soll schon passieren? Den Job zu verlieren ist ja wohl keine Bedrohung mehr. Und wenn’s eng wird, kommt vorbei, machen wir halt geile Projekte ohne Geld oder Einbrüche.

FAZIT
Das letzte Introheft … eine mehr als würdige Ausgabe, die sich einiges traut und gerade dort zeigt, wann Musikjournalismus noch spannend und relevant ist.
„Der Kampf geht weiter, Holger!“

Verlagssitz
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop Aquinostrasse 1 | Zweites Hinterhaus, 50670 Köln | Germany
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Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
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