Freitag, 17.08.2018
Record of the Week / Book of the Week

“DAS IST DAF” – Die radikalste und einflussreichste deutsche Band

DAF_boxPACKSHOT-385x385DAF
“Das ist DAF”
(Grönland /Schwarzkopf & Schwarzkopf)

DEUTSCH AMERIKANISCHE FREUNDSCHAFT
“DIE AUTORISIERTE BIOGRAFIE”
Von Robert Görl und Gabi Delgado
aufgeschrieben von Miriam Spies und Rudi Esch
344 Seiten + 16 Seiten Bildteil | großformatige Broschur
ISBN 978-3-86265-663-9


Einmal gab’s richtig Ärger wegen DAF: In der sechsten Klasse feierten wir unsere erste Klassenfete, mit Lehrerin zwar – aber abends in den Schulräumen, aufregend.
Es waren die frühen Achtziger, die Neue Deutsche Welle wogte auf ihren Höhepunkt und gleichzeitigen Bruch zu, wir Kleinstadtkinder hopsten zu „Nur Geträumt“ und „Da, Da, Da“ herum – und dann packte ich meine DAF-Single aus. “BEWEG DEINE HÜFTEN UND TANZ DEN MUSSOLINI” dröhnte es gebieterisch und unwiderstehlich aus den schepperigen Boxen, “UND JETZT DEN ADOLF HITLER UND JETZT NACH RECHTS UND JETZT NACH LINKS.”

Das war zu viel für unsere friedensbewegte Sozialkundelehrerin, die uns eine erschütterte, empörte Predigt hielt: Also DAS HIER ginge gar nicht, wir wüssten wohl noch viel zu wenig über die deutsche Vergangenheit und jetzt Schluss: “Die Fete ist vorbei”.

Puh. Das war krass. Aber auch das eindeutige Beleg, dass DAF, damals noch DEUTSCH AMERIKANISCHE FREUNDSCHAFT, also Gabi Delgado und Robert Gröl, auf Erziehungsberechtigte viel skandalöser und provokanter wirkten als die Sex Pistols oder The Damned, die ja auch schon schlimm genug waren, irre und hässlich aussahen und schrecklichen Lärm machten, aber sich eben nicht wie Nazis in schwarzen Lederuniformen präsentierten.
Oder?
Oh je, war das alles verwirrend.

Klar war nur: DAF gingen über das, was unter „Punk“ fiel, weit hinaus. War das überhaupt Punk? Irgendwie schon, aber ohne klassische Rockinstrumente, ohne die die „üblichen“ Punkbands ja auch nicht auskamen. DAF war Synthie, Sequencer, Schlagzeug und Stimme, keine „Klampfenmusik“ (Zitat Görl), kein Rock’n’Roll. Hart, direkt, unmittelbar. Zum Tanzen und Schlagen. Definitiv nichts für Hippies. DAF waren hypermodern. DAF trugen schwarzes Leder wie die Punks, aber: Keine Buttons, keine Sicherheitsnadeln, keine Parolen. Nur schwarz.

DAF brachten Sex in den Punk – aber wie: „Der Räuber und der Prinz“, dieses schwüle, zarte, geheimnisvolle Schwulenmärchen zum Beispiel. War das Punk? Oder wenn Gabi Zeilen herausstöhnte, „Ich liebe dich, mein Mädchen, drück dich an mich“, sowas trauten sich Daily Terror oder Slime nicht.
Kurzum: DAF mit ihrer rätselhaften, faszinierenden DIY-S/M-Attitüde verwirrten uns Pre-Teens viel mehr, als das grobe, laute, letztlich handgestrickt-konventionelle Punkrockers taten. Aber das war gut. ALLES IST GUT.

Aber jetzt genug der nostalgischen Verklärung, denn diese Haltung ist so ziemlich das Letzte, womit man DAF gerecht werden könnte. Andererseits: Dass sie die radikalste und einflussreichste deutsche Band sind, ist ja schließlich die Wahrheit – oder?
Die reine Wahrheit zu erzählen oder aufzuschreiben ist manchmal gar nicht so einfach, vor allem wenn man es mit zwei gelinde gesagt starken Charakteren wie Gabi Delgado („Schreib bloß nicht, dass ich Spanier bin! Spanien ist ein Begriff für die Ausländer – ich bin 100 % Andaluz!“ / Zitat Gabi) und Robert Görl zu tun hat. Das spürten Miriam Spies und Rudi Esch, InitiatorInnen und HerausgeberInnen der (schlussendlich doch) autorisierten Biografie „DAS IST DAF“ im Entstehungsprozess mehrfach schmerzhaft, bis vor Kurzem stand noch nicht fest, ob das Buch tatsächlich würde erscheinen können.

Jetzt ist es da und ist nicht die übliche Rockbandbiografie, die von vorn bis hinten eine dieser Stories erzählt, die sich letztlich doch alle gleichen. „DAS IST DAF“ ist teilweise widersprüchlich – weil Gabi und Robert häufig völlig unterschiedliche Erinnerungen an dieselben Ereignisse zu Protokoll gaben. Miriam Spies entschloss sich, die Widersprüche offen zu zeigen, weil sie DAF ausmachen: Die heftigen Zerwürfnisse zwischen Gabi und Robert sind legendär, „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“, so Gabi. Aber egal ob es um die Musik geht, oder um ihre Biografie: Gabi und Robert müssen gemeinsam zustimmen, sonst findet es nicht statt. Das kann dauern – aber es gibt eine Lösung.
Und bis diese Lösung da ist, spricht man eben mit anderen Leuten: So ist das Buch dank der vielen Gastbeiträge von Zeitgenossen, MitmusikerInnen, AutorInnen doch so etwas wie eine Geschichte des deutschen Punk, weil man die Geschichte von DAF nicht ohne Anekdoten aus dem Ratinger Hof, der Düsseldorfer Punk-Keimzelle mit Gästen wie Peter Hein und Frank Bielmeier erzählen kann. Aber die Punk-Tage sind nur ein kurzer Ausschnitt der DAF-Geschichte, die bis zum heutigen Tage höchst vital weiterläuft. 1982 lösten sich DAF zum ersten Mal auf, und rauften sich über die Jahrzehnte immer wieder zusammen. Das erste Album nach der Trennung „1st Step to Heaven“ von 1986 war eine reine Disco-Platte – davor waren erste Soloalben von Gabi und Robert erschienen, bis heute ist der Output der beiden enorm, ob solo, zusammen oder mit Nebenprojekten (remember DAF/DOS? Gabi mit Wotan Wilke-Möhring).

Trotz schwieriger Umstände ist im DAF-Buch alles drin: Alle Platten, alle Projekte, die Würdigung der Band als EBM- und Techno-Pioniere einerseits, Punk-Historie andererseits – plus DAF heute. Toll.
Die etwas früher erschienene CD- resp. Vinyl-Box „DAS IST DAF“ beinhaltet die ersten vier DAF-Alben und ein Remix-Album, die Vinyl-Ausgabe hält zwei neue DAF-Tracks bereit. Ausgelassen wird die „neue“ DAF-Phase seit 1986, aber das passt in seiner Lückenhaftigkeit genauso zur paradoxen Bandgeschichte wie der Umstand, dass die Box ausgerechnet auf Herbert Grönemeyers Label Grönland erscheint.

 

Verlagssitz
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop Aquinostrasse 1 | Zweites Hinterhaus, 50670 Köln | Germany
Team
Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
Autoren, Fotografen, Kontakt
Advertising
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop
marketing@kaput-mag.com
Impressum – Legal Disclosure
Urheberrecht /
Inhaltliche Verantwortung / Rechtswirksamkeit
Kaput
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop ist eine Publikation des Verlagshauses Kaput.

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies and accept our data policy. More information

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close