Sonntag, 19.08.2018
Record of the Week

HackeDePicciotto “Menetekel”

HackeDePicciotto.HackeDePicciotto
“Menetekel”
(Potomak)

Wegen ihres modernen Nomadentums sind Danielle De Picciotto und Alexander Hacke inzwischen schon in Wellness-Magazinen gelandet, die das Leben des Künstlerpaares als lifestylige Aussteigerstory erzählen – und dem kreativen Output der beiden damit kaum gerecht werden. Es scheint, als führe gerade die „Heimatlosigkeit“, das Umherstreifen durch die halbe Welt zur größtmöglichen künstlerischen Freiheit, die sich De Picciotto und Hacke nehmen und teilen. Das letzte gemeinsame Album „Perseverantia“ erschien vor anderthalb Jahren, außerdem schrieb Alexander Hacke die Autobiographie „Krach“, De Picciotto veröffentlichte Alben wie „Leise Fäden“ mit Sonae und arbeitete maßgeblich an der Compilation „Monika Werkstatt“ mit, die anlässlich des 20. Geburtstags von Gudrun Guts Label Monika Enterprise erschien.

Und jetzt ein neues Album zu zweit, auf dem sie erstmals als HackeDePicciotto firmieren, also als auch namentliche Einheit, die ihren Reiz aus Gegensätzlichkeiten zieht. Der Titel „Menetekel“ ist so archaisch wie visionär, man soll auf „the writings on the wall“ achten, warnt De Picciotto auf der Platte, was heutzutage nicht paranoid, sondern höchst angebracht ist. Wie auch mit „Perseverantia“ und im Grunde all ihren Veröffentlichungen lösen HackeDePicciotto auf „Menetekel“ Pop-Strukturen auf, einzig Hackes Bass- und Gitarrensounds werfen hier und da einen Anker in Richtung Noise im Geiste der Swans. Zeit im Sinne von Begrenzung spielt keine Rolle in den neun Tracks, die sich jeglicher Spotify-Eignung widersetzen.

„Menetekel“ ist ein paganistisch-spirituelles Soundscape-Hörspiel, dramaturgisch durchkomponiert und doch frei und assoziativ. Aus Klangschalen, Vogelstimmen, Mariachi-Trompeten, Hackes kehligem Brummen, Streicher, Klavier, Autoharp und De Picciotto als erzählender Conférenciere entsteht ein unheimliches, suggestives, naturphilosophisches Gesamtkunstwerk: Was wäre, wenn die Vertreibung aus dem Paradies keine alte biblische Geschichte, sondern eine Prophezeiung wäre, fragt De Picciotto – die Antwort muss man selber finden in diesen dunklen, dräuenden, aber auch hoffnungsspendenden Klängen.
„Oh, da kommt Licht!“, ruft das mithörende Kind, während des Tracks „Pilgrim“, und tatsächlich wirkt es so, als schienen Sonnenstrahlen in den dunklen Wald und wiesen den Weg.

Auf der D-Seite des Doppelalbums ist eine 20-minütige Soundinstallation zu hören, die HackeDePicciotto in einer österreichischen Kirche aufgenommen haben: Sie wollten das Gebäude durch die Augen und Ohren eines unbefangenen Kindes wahrnehmen – dieser Ansatz könnte leicht in Pseudonaivität verrutschen, nicht aber bei den Musiknomaden HackeDePicciotto.
Christina Mohr

 

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