Mittwoch, 28.06.2017
Doctorella – Videopremiere

“Es war nur eine lange Berührung!”

Kerstin und Sandra Grether und ihre Band Doctorella schöpfen gleichermaßen aus dem eigenem Fansein als aus ihrer kritischer Distanz zum Popbetrieb ihre Fähigkeit zum leidenschaftlichen Songwriting. Und so verliert sich bei ihnen eine Liebesballade wie “Es war nur eine lange Berührung!” nicht in schmachtenden Worten über blonde Haare und blaue Augen, sondern wird lapidar ein” seitdem bin ich ohne Führung im Delirium” nachgeschoben. Genial traurig. 

Kaput präsentiert den Clip zur Single und hat die beiden dazu befragt.

Sandra, Kerstin, raus mit der Sprache: wer hat den Clip zu “Es war nur eine lange Berührung!” denn gedreht?
Sandra, nach einer Idee von Kerstin. Dann hatten wir noch den Cutter Andres Sandoval, der nach einer Idee von Sandra geschnitten und auch eigene Ideen eingebracht hat.

Stichwort “Insolvenz & Pop” – wie hoch war der Etat?
Um ehrlich zu sein: nur 250 Euro! Die bunte DIY-Ästhetik unserer Videos stand schon immer im krassen Gegensatz zum Perfektionismus der Musik. Wir tendieren leider dazu, unser Etat im Studio zu verballern und für die Videos bleibt dann kaum noch Geld übrig. Aber da wir ja sowieso ein bisschen aussehen wie Comicfiguren oder Stofftiere – mit großen Augen und dem Twin-Effekt und so – , und uns dann auch noch auffällig kleiden, empfinden wir uns trotzdem als Pop-Video-tauglich. Neuerdings sind wir von den Handy-Kamera-Videos der Cloud-Rapperin Haiyti beeinflusst. Und deshalb von Nikon auf Smartphone umgestiegen.

Schnee gilt ja als sehr teuer bei einer Videoproduktion. Wie kam es dazu, dass ihr so viel davon zur Verfügung hattet?
Der liebe Gott hat einen springen lassen. Und da wir eine Band sind, die an Wunder glaubt, geschehen sie auch.

Welche Anekdote gibt es vom Dreh?
Da sind wir wieder beim Schnee. Just in dem Moment als Kerstin fertig geschminkt und frisiert war, startklar um zur Videolocation zu fahren, fielen plötzlich hübsche dicke Schneeflocken vom Winterhimmel. Schnee war gar nicht geplant, aber Kerstin ist wie von Sinnen aus ihrer Wohnung ins Freie gerannt und wollte das Lied unbedingt einmal im Schnee durchtanzen. Es war klar, dass wir nur diesen einen Take probieren können, weil es draußen Minusgrade hatte, sie zu dünn angezogen war und die Kamera schon schneedurchnässt war, als wir anfingen. Aber eigentlich geht es in dem Song ja um solche Momente: um diese EINE Berührung, die alles verändert. Man sieht Kerstin an, dass sie den Schnee als Geschenk des Himmels empfindet und die Emotionen des Songs mit einer erstaunlichen Freude und Präzision rüberbringt. Das war magisch und letztlich haben wir dann alle anderen Szenen darum herum gebaut.

Was hat es mit dem Flughafen-Footage auf sich?
Wir waren leicht neidisch auf Haiytis “Halleluja”-Video und überlegten, wo kriegen wir jetzt einen Helikopter her? Da unser Song ja eine Reise beschreibt, durch die Nachtbahn zum Flughafen, wollten wir Flughafenatmosphäre und Züge im Video. In den „ Loxx Miniaturwelten“ gibt es tausend kleine fahrende Modell- Eisenbahnen und sogar einen Modell-Flugzeugraum mit Start und Landebahn. Das sieht total märchenhaft aus und wir wollten leicht surreale Bilder. Hinzu kam, dass wir aufgrund der Ähnlichkeit des Gitarrenintros zu „Under the bridge“ irgendwie die Vision hatten, am Anfang des Videos ein Zitat auf das berühmte Chili Peppers Video zu bringen. Dass in den „Loxx Miniaturwelten“ dann sogar ähnliche Lichtverhältnisse herrschen wie bei RHCP, dieses wolkige Rosa und Blau, und Kunstschnee liegt, war mehr Glück als Verstand.

Wie seht ihr die Klammer zwischen Text und Bild? Aka zufrieden und wieso?
Ja, total. Diese Stelle zum Beispiel, bei der Kerstin singt: „Ach was, alles, was ich liebe und nicht fassen kann“, und da versucht den Schnee einzufangen, empfinden wir als magisch. Oder auch ihr Rehkleid: das passt irgendwie zu dieser schüchternen und gleichzeitig radikalen Liebesbotschaft des Songs. Wir sind als Band ja nicht so drauf, dass alle Bandmitglieder immer gleich oft (oder überhaupt ) zu sehen sein müssen. Von Anfang an war klar, dass Kerstin die Hauptperson in dem Video ist. Weil es ihr Herzenssong ist und sie einfach mal den Text performen wollte.

An einer Stelle im Clip wird eine Ausgabe der Spex gelesen – floss dafür Geld?
Keinesfalls, das sollte eine Überraschung werden. Eine Hommage an die SPEX. Wir fanden das passend, weil der Song ja auch von Identität und dem Abstreifen von Identität handelt und wir als Personen immer noch oft über die Spex wahrgenommen werden.

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