Dienstag, 28.03.2017
Record of the Week Spezial: Kevin Rowland im Gespräch

Dexys “Let the Record Show Dexys Do Irish & Country Soul”

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“Let the Record Show Dexys Do Irish & Country Soul”
(100 % Music / Warner)

Man freut sich ja nicht immer auf jedes Interview: Als sich die Möglichkeit ergab, für kaput mit Kevin Rowland über das neue Dexys-Album zu reden, brach ich nicht gleich in Jubel aus. Schwierig sei er im Gespräch, knurrig und nicht wirklich auskunftsfreudig, hatte ich aus berufenem Munde gehört. Als sich der Termin mehrmals verschob, fühlte ich mich wie ein Schulkind, dessen Mathearbeit ausfällt. Die Promoterin ließ aber nicht locker, bis schließlich doch ein Telefon-Date feststand. Na toll.

Andererseits: Mit Rowland nicht zu sprechen, wäre ja noch doofer. Und zwanzig Minuten kriegt man schon irgendwie rum, auch mit jemandem, der schimpft oder gar nichts sagt. Aber so war es dann zum Glück doch nicht. Rowland ist freundlich, auf beinah persönliche Art – nur definitiv keine Plaudertasche. Er sagt, was zu sagen ist, kein Wort mehr.

Auf der neuen Platte „Let the Record Show: Dexys Do Irish & Country Soul“ stammt kein einziger Song von Kevin Rowland – und doch sagt er, dass es die wichtigste Platte seiner Karriere sei. Vor mehr als dreißig Jahren entstand die Idee, ein Album mit Interpretationen traditioneller irischer Songs aufzunehmen. Nach dem Split von (damals noch) Dexys Midnight Runners Mitte der 1980er Jahre lag das Vorhaben auf Eis: „Nach den Aufnahmen zu ‚Don’t stand me Down’ zerbrach die Band. Leider, denn die Platte war sehr gut.“ Es dauerte bekanntlich Jahrzehnte, bis Rowland Dexys reformierte: 2012 erschien „One Day I’m Going to Soar“, das der Band ein fulminantes Comeback bescherte. Jetzt sei die Zeit reif, und er habe auch die passenden MusikerInnen (zu Dexys gehören zurzeit sechs bis acht MusikerInnen, der Kern besteht aus Rowland, Violinistin Lucy Morgan und Keyboarder Sean Read. Read ist neben Rowland auch Co-Arrangeur aller Songs) um sich, um das aufgeschobene, aber nie ad acta gelegte Projekt zu verwirklichen, sagt Rowland – wie viel ihm das Album bedeutet, lässt sich zum Beispiel daran ablesen, dass es einen gut einstündigen Making-of-Film gibt, den man sich vor dem Interview zur Vorbereitung angucken sollte.

Rowland betont, dass Dexys nicht so tun wollen, als seien sie eine keltische Band – mit der Interpretation von Liedern wie „Carrickfergus“, „Curragh of Kildare“ oder „Women of Ireland“ geht Rowland vielmehr auf Spurensuche seiner eigenen Vergangenheit. Er wurde in Wolverhampton geboren und verbrachte den größten Teil seines Lebens in East-London, aber irische Lieder haben ihn seit Kindertagen begleitet. „Nachdem wir eine erste Version von „Carrickfergus“ aufgenommen hatten, war ich sehr zuversichtlich. Ich wusste jetzt, dass wir alles hinkriegen können und dass das Projekt gut werden würde. Wir blieben aber nicht nur bei irischen Songs, nach und nach kamen auch Pop- und Soulklassiker wie ‚Smoke Gets in Your Eyes’ und ‚To Love Somebody’ dazu. Das war ein ganz natürlicher Vorgang.“ Trotz seiner persönlichen Begeisterung scheint ihm klar zu sein, dass „Let the Record Show:“ kein „normales“ neues Album einer erfolgreich wieder auferstandenen Band ist, dass die Fans eher auf neue Songs als auf irische Standards warten. Deshalb gibt es (vorerst) auch keine Tour zum Album, Dexys haben an einigen historischen Events teilgenommen, z.B. spielten sie zur 100-Jahr-Feier der Proklamation der Irischen Republik in der Royal Festival Hall Dublin.
In Bezug auf sein Lebensprojekt „Let the Record Show:“ ist Rowland leidenschaftlich und besessen – ähnlich wie bei seinem Soloalbum „My Beauty“, das viele nicht verstanden. Aber zu hören, wie Rowland bei „To Love Somebody“ oder „You Wear It Well“ den soulfullen Crooner gibt, ist schlicht großartig. Und man kann nicht anders, als vor seinen Obsessionen den Hut zu ziehen.
„Let’s make this one“… nein, nicht „precious“, wie der alte Dexys Midnight Runners-Song, „let’s make this one successful“, sagt Rowland am Ende unseres Gesprächs. Okay, versuchen wir’s!

Bitte entschuldigen Sie, dass ich so schlecht zu verstehen bin – ich bin furchtbar erkältet und heiser…
Kevin Rowland: Mein Rezept gegen Heiserkeit: Ingwertee mit Zitrone. Trinke ich immer, auch jetzt. Ich führe die Tasse gerade an meine Lippen – hören Sie? (schlürft)

Vielen Dank, mache ich auch gleich. Mögen Sie Interviews überhaupt?
Ach wissen Sie, ich versuche, Interviews mit mir nicht zu lesen – manchmal passiert es natürlich doch, aber ich versuche wirklich, das von mir fern zu halten. Und da ich nicht deutsch lesen kann, können Sie schreiben, was Sie wollen!

Das eröffnet ja ganz neue Möglichkeiten!
Wirklich, Sie dürfen schreiben, was Sie wollen!

Auch, dass Sie eine Legende sind?
Oh nein, bitte nicht! Ich will keine Legende sein – darüber denke ich noch nicht einmal nach!

Zu „Both Sides Now“ gibt es ein schönes Video, Sie und Ihre BandkollegInnen laufen durch die Straßen wie eine Gang, wie bei „Come On Eileen“:
Haha, ja, wir sehen gut aus beim Laufen, nicht wahr? Ich liebe das Video, es ist sehr authentisch. Es zeigt uns in unserer alltäglichen Umgebung in East-London. Das sind die Läden, in denen wir einkaufen, und ihre Besitzer. Man sieht auch das Café, in das ich immer gehe.

Sie und die Band sind auffallend elegant gekleidet – was bedeutet Kleidung für Sie?
Das ist einfach mein Lebensstil – ich sehe immer so aus. Über Mode mache ich mir keine Gedanken, das ist was für junge Leute. Stil dagegen ist für alle. Für das Covermotiv hatte ich eine Vision: Ich wollte eine rosa Hose tragen! Und ein hellblaues Hemd! Aber ich musste nicht danach suchen, die Sachen kommen einfach zu mir.

Well… im Booklet steht jedenfalls eine lange Liste von Vintage-Läden und Schuhherstellern, von denen die Outfits der MusikerInnen stammen.

Mussten Sie die anderen Musiker überzeugen, sich in Ihrem Stil zu kleiden?
Die machen das gerne mit – ich musste keine Überzeugungsarbeit leisten.

Welcher Song des Albums hat Ihnen am meisten Spaß gemacht?
Spaß? In dieser Kategorie denke ich nicht. Ich kann beim besten Willen nicht sagen, welcher Song mir „Spaß“ gemacht hätte…

Ok, ich versuche es anders: Welches Lied bedeutet Ihnen am meisten und warum?
Am bewegendsten ist für mich „I’ll take you home again, Kathleen“, geschrieben von Thomas Westendorf. Es geht darin um einen Mann, dessen Ehefrau todkrank ist. Er bringt sie zum Sterben nach Hause in ihr geliebtes Irland. Das ist kein patriotischer Mist, sondern eine sehr anrührende Liebesgeschichte. Oh, und jetzt fallen mir doch zwei Songs ein, deren Aufnahmen uns sehr viel „Spaß“ gemacht haben: „Carrickfergus“ und „Both Sides Now“, nicht nur wegen des Videodrehs.

Sie sagen, „Let the Record Show:…“ sei so etwas wie ihr Lebenswerk, die Essenz ihrer Arbeit…
Ja, ich bin darauf so stolz wie auf ein Baby. Ich bin wirklich sehr glücklich damit.

Haben Sie schon Ideen für ein nächstes Album?
Keine Ahnung, es kann alles passieren. Vielleicht gehen wir sogar doch auf Tour, wer weiß. Aber darüber denke ich nicht nach. Sorgen wir lieber alle dafür, dass dieses Album ein Erfolg wird.

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