Samstag, 19.08.2017
Doc Emmett Richter

Back to the Future mit

Früher war alles besser, außer das Internet.
Eine Kolumne! Worum soll es da gehen?
Ganz einfach:

Claus Richter Kolumne Kaput Magazin

Foto: Claus Richter

Ich hatte diese Nacht einen sehr gegenwärtigen Traum. Darin ging ich durch meine Heimatstadt Lippstadt und kam zu meiner ehemaligen Grundschule, der Friedrichschule. Ein ehrwürdiger gemütlicher alter Bau aus rotem Backstein mit schweren Holztüren und großen Kastanienbäumen drum herum. Ich erinnere mich geradezu luzide, wie ich dort behütet und voller Frieden im Herbst Bilder aus Buntpapier geklebt habe, während draußen Nieselregen niederging. Aber das ist lange her. Das ganze Gebäude war nun in eben meinem Traum komplett mit dicken Styropordämmplatten beklebt und blassgelb überspachtelt. Neue Plastik-Dämmfenster waren eingesetzt und alles sah aus wie ein Computer-Rendering. Eine Freundin mit praktischem Kurzhaarschnitt und frecher Brille stieg aus ihrem silbernen Stadtflitzer und sprach zu mir: „Wieso, ist doch schön so. Und besser für die Energieeffizienz ist es auch. Denk doch mal darüber nach. Sei nicht so altmodisch. Geh mit der Zeit.“

Schweißgebadet erwachte ich und sah um mich herum Fitnessselbstkontrollarmbänder und großfenstrige Sportstudios. Ich sah hässliche Häuser mit Schlitzen drin und erlebte wie Leute, die nichts von Zukunftssehnsucht verstehen, vier Männer in bemalten Taucheranzügen bejubeln, die vor Laptops stehen und nicht Kraftwerk sind. Ich sah ungezählte Fernsehshows mit blauer und lilafarbener LED-Beleuchtung, hörte Lieder im Radio, in denen einer das Licht anlässt oder ein anderer ein Lied auf uns singt, sah wie aus Herrn Weber Sebastian wurde und ganz kritische Frauen ihre Versicherungen fragten, was diese für sie tun könnten. Ich sah, wie aus Vielfalt Zentralismus werden sollte, indem alle arm aber sexy in derselben Stadt leben wollten, und auch wie etliche Andere endlich ganz gleich werden wollten, Fahnen an ihre Autos klebten und mal wieder auf was stolz zu sein begehrten, für das sie gar nichts können. Ich sah, wie echte Männer echte Männer-Pizza-Burger essen, und echte Frauen Bäume umhäkeln. Ich sah Leute in Wurstpellen auf professionellen Rennrädern herumrollen und andere in Einfamilienhaus großen Geländewägen durch die Innenstadt schleichen. Ich sah in Armbeugen eingehängte Handtaschen, Buchhandlungen voller Kochbücher und Krimis, in denen Leute möglichst grausam zerhackt werden, ich wandelte durch Straßen voller silberner und schwarzer Autos, in denen alle die gleichen Tüten der gleichen Läden heimtrugen. Ich sah einige riesige Monster mit glühenden Augen und vierzehn Köpfen, an denen kleine Glöckchen befestigt waren, die durch die jeweilige sehr dezidierte Bewegung der vierzehn Köpfe die Titelmelodie der 1980 erst mal ausgestrahlten Serie „Die Leute vom Domplatz“ erklingen ließen. Ab da wurde es eigentlich ganz gut, aber ich erwachte noch einmal und war betrübt. Alles war so gleich geworden um mich herum. Gleichförmigkeit ist ein warmes Nest, es erspart einem die Qualen der Gegenwart, es ist das wohlig Ende aller Suchen. Ich befürchte, so war es schon immer. Was also tun?

Über dem Eingang von Disneyland hängt eine Tafel, auf der steht „Here you leave today and enter the world of yesterday, tomorrow and fantasy“, und genau das steht ab jetzt auch auf einem Schild über dieser Kolumne. Man kann es mit einem elaborierten Pop-Up Mechanismus aus dieser Page in vollem 3D ohne Brille ausfahren, wenn man den geheim hineinprogrammierten Button findet. Dahinter tauchen dann wie von Geisterhand Piratenschiffe, Gespenster, verschachtelte Dörfer, verrückte Maschinen, geschminkte Herren und auch einige sehr kleine aber ausgesprochen hilfreiche Fantasiewesen auf. Dann geht eine winzige Tür auf und ich komme heraus und sage, mit einem angedeutet effeminierten Knicks, „guten Tag“.

Claus Richter Kolumne Kaput Magazin

Foto: Claus Richter

Bevor ich irgendwann in einem Krankenhaus mit scheußlichen Bildern von beruhigenden Landschaften an der Wand sterbe, will ich die Dinge suchen, die aus vergangener Zeit zu mir herüberstrahlen und sie hier vorstellen. Wir haben den Tod vor Augen, die Einsamkeit als Begleiter und unser quengelndes Ego zum Feind. Man kann nur das Beste draus machen. Die Vergangenheit, Zukunft und die Welt der Fantasie sind dabei die herrlichsten Häfen in einer unsicheren und zugleich gleichförmigen Gegenwart. In ihnen verkehrt ein endloser Strom an schillernden Persönlichkeiten und ungewöhnlichen Ideen, in ihr wohnen die Verbündeten, die wir hier zu selten finden. Früher war natürlich alles schlechter. Zudem gab es kein Internet. Aber je mehr ich über „Früher“ recherchiere, desto mehr gefallen mir die Menschen, die damals schon ihr Heute doof fanden. Die sich flüchteten, nach vorne, nach hinten, meist in beide Richtungen. Visionen strahlen heller, je weiter sie weg sind, auch wenn sie nur ganz klein waren. Macht ja nix.

Wie also August Geigenberger um 1900 das herrlichste Spielzeug entworfen hat, wie Fanny zu Reventlow in ihren Tagebüchern von 1895 bis 1910 so schrieb, dass man heut noch gerne zehn Bier mit ihr trinken gehen würde, oder wie Paul Scheerbart damals die irrsten phantastischen Geschichten erfand und Häuser aus Glas visionierte, die ganz anders sind als die Glasbüros der Gegenwart, darum soll es hier also demnächst gehen. Wir besuchen alte Weltausstellungen und Vergnügungsparks, gehen ins Marionettentheater und in Kinderkunstklassen. Wir werden Gäste in den ersten Werkkunstschulen und trinken Schnaps mit Erich Mühsam. Es wird Bastelbögen und Kostümschnitte geben, Spiele, Rätsel und einen Haufen unglaublichen Firlefanz. Und alles alles alles wird ziemlich alt und ziemlich lange her sein.

Natürlich ist es das Wunderbarste voll und ganz im Jetzt zu sein, wie ein spielendes Kind oder wie Annie Dillard 1974 in ihrem wirklich lesenswerten Buch „Pilgrim at Tinker Creek“ beschreibt. Klar. Momente des Glücks. Aber wie tröstlich ist dazwischen ab und an die Suche nach Verbündeten aus all den Jahrzehnten vor uns. Eine Parade von guten Ideen und wilden Phantasien spukt dann durch unsere Köpfe, während wir durch die austauschbare Einkaufsstraße traben, und gibt uns Superpowerstrahlen und spinnerde Ideen und auch ein bisschen Mut. Vielleicht ist es dann nicht mehr so schlimm mit der gleichförmigen Gegenwart, mit der Angst, die immer und überall lauert, mit den dummen Dingen und den bösen Menschen. Oder ist es sowieso nicht so schlimm? Übertreibe ich? Ein bisschen Übertreibung ist aber immer schon das Salz in der Suppe gewesen, oder?

Also werfe ich nun einen Haufen Müll in den Mister Fusion meines Delorean und suche für die geneigten Leser die schönsten und ungleichförmigsten Ideen und Artefakte der letzten 150 Jahre. Zurück in die Zukunft. Denn die sah früher ab und zu ziemlich gut aus. Vielleicht können wir ja was draus machen.

Bis zur nächsten Ausgabe verbleibe ich mit den herzlichsten Grüßen

yours truely

Doc Emmett Richter

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