Montag, 26.06.2017
Record of the Week

James Blake “The Color In Anything” / Christian Naujoks „Wave“

James Blake “The Color In Anything” (Universal)
Christian Naujoks „Wave“ (Dial)

Letzte Nacht träumte ich, mit James Blake in einem Hotelzimmer zu liegen. Nicht im Bett, wie man es vermuten könnte, lagen wir, sondern auf dem wundervoll weichen Teppichboden. Er blickte mir tief in die Augen und erzählte, dass „The Color In Anything“ genau so entstanden sei: Auf dem Rücken liegend, das Laptop und ein kleines provisorisches Mikrophon neben sich und den Raum voller Blumen. Erst jetzt, wo er das sagte, fiel mir auf, dass rings um uns herum Unmengen von Blumen standen: die wildesten, schönsten Blumen, die man sich vorstellen kann, exotische Orchideen und Unkraut von Außerirdischer Schönheit. Ich schaute ihn verdutzt an, so wie man jemanden mit Skepsis betrachtet, der einen verarschen will. Und was machte er? Er nahm mich in seine Arme und drückte mich eng an sich und fragte, ob ich das denn nicht spüren könne, wenn ich das Album höre?

Was sollte ich ihm bloß antworten?, ich hatte das Album ja noch gar nicht gehört. Bis dato hatte er im Veröffentlichungswahnsinn der letzten Wochen den Kürzeren gezogen gegen Drake, Beyonce, Radiohead und vor allem Anohni. Einzig eine Reihe von SMS, die ich von einem Berliner Kaput-Autoren geschickt bekommen hatte, und in denen das Album mit “Rumors” von Fleetwood Mac, “Harvest Moon” von Neil Young und dem Werk von Arthur Russel verglichen wurde, hatten mich kurz aufzucken lassen. Nun, der Autor ist offensichtlich betrunken, schoß es mir durch den Kopf und ich spürte nicht den Impuls, selbst sofort reinhören zu wollen.

Das berichtete ich James Blake aber nicht in meinen Traum. Ich zog ihn stattdessen meinerseits nah an mich heran und summte eine Melodie oder was ich dafür hielt in sein Ohr. Dann wachte ich auf und beschloss “The Color In Anything” müsse die Record of the Week werden. Und nun läuft das Album zum zweiten Mal und ich blicke auf die lila Blumen, die links von mir auf dem Küchentisch stehen, gekauft am Todestag von Prince und von einer kaum begreifbaren Lebenskraft, da noch immer in voller Blüte.

“The Color In Anything” ist ein verblüffend zeitloses Album. Nicht im Sinne von Zeitgenossenschaft, was man vielleicht zunächst denken würde, wenn man „zeitlos“ hört, und schon gar nicht im Sinne der eben genannten Vergleichsalben und –künstler, sondern introspektiv gesprochen. James Blake collagiert die Songs auf „The Color In Anything“ über Wiederholungen und Überschneidungen derart geschickt in sich, dass sie auf eine geradezu passiv-aggressive Art zu hängen scheinen und doch weiter ihren Verlauf nehmen. Ein technischer Produktionstrick, der die Songs vom unmittelbaren Pathos seiner Stimme und der erdrückenden Zerbrechlichkeit der Produktion befreien und sie so in eine Freiheit entlassen, die mir beim Vorgängeralbum „Overgrown“ gefehlt hat, wo er die auf dem Debüt „James Blake“ noch präsente Rohheit für mich zu simpel durch Skills und Pophaftigkeit ersetzt hatte.

Nicht dass Blake nicht auch auf “The Color In Anything” in die Linearitätsfalle zu treten bereit ist. Dazu macht er es sich einfach zu gerne in seinen Gefühlen bequem, etwa bei „Love Me In Whatever Way“. Doch selbst in diesen Momenten lässt er diesmal überraschende Brüche zu, sei es ein kurzes Absacken seiner Gesangsmelodie, bei der man sofort an Rufus Wainwright denken muss, eine wabbender Mollfläche und dissonante Störgeräusche oder auch ein nostalgisch aufgeladenes Scratchen, wie man es von frühen HipHop-Produktionen kennt.

Überhaupt HipHop: für “The Color In Anything” arbeitete James Blake mit Frank Ocean zusammen – und man kommt nicht umher genau dessen Handschrift in einigen der Songs erkennen zu meinen. Etwa in dem wie von einer Schellack-Platte abgespielt klingenden „Put That Away And Talk To Me“ oder bei dem über einem trockenen Backing-Beat thronenden „My Willing Heart“.

Besonders gut gefällt mir auf dem Album „Timeless“, das mit allen Zutaten ausgestattet ist, die man für ein Ravemonster braucht: atmosphärische Flächen, perfekt ausgeleuchtete Signalsounds und eine nervöse Melodie, die man vor dem inneren Ohr bereits hochkreiseln hört – einzig nur, dass Blake das Stück nicht abheben lässt, ganz so, als ob er nochmals allen zeigen will, was da von seinen Dubstep-Anfängen her kommend auch für ein Weg möglich gewesen wäre.
Ähnlich humorvoll fällt auch seine Zusammenarbeit mit Bon Iver aus (mit dem er 2011 bereits einmal für „Fall Creek Boys Choir“ zusammen gekommen war): „I Need A Forest Fire“, im Kern ein Folksong, der über einen HipHop-Loop gelegt wurde, wird gleich mehrfach von einem absurden Jauchzen aufgerissen und mit Gesangsfärbungen versehen, die bestimmt nicht zufällig an Prince erinnern.

Sollte mir James Blake heute Nacht nochmals im Traum begegnen, sollten wir wieder zusammen auf dem Teppich rumflacken, ich würde ihm sagen, dass ich sehr wohl die Blumen und diese spezielle Entstehungsstimmung beim Hören von “The Color In Anything” spüren kann und dass es mich sehr berührt hat, wie er auf dem Album aus der eigenen Historie (Pathos, Crooner, Klavier) und den Einflüssen (Pop, HipHop – siehe auch seine Songwriterbeitrag für das neue Album von Beyonce) eine neue Gebrochenheit zugelassen hat, die einen nicht mehr weiß machen will, alle Wahrheiten des Leidens zu kennen, sondern Zweifel und Leerstellen zulässt – und eben auch Mal ein abruptes Lachen, das nicht mehr sein will als ein Ventil der Unsicherheit.

Eigentlich hatte ich ja an dieser Stelle heute nur über „Wave“, das neue Album von Christian Naujoks schreiben wollen. Aber man soll ja bekanntlich nicht gegen seine Träume ankämpfen, zumal wenn die dadurch entstandene Konstellation sich gut anfühlt, haben die beiden Künstler doch mehr gemein als man zunächst vermuten würde.

Auch Naujoks Musik besitzt etwas zeitloses. Wo bei Blake dieser Eindruck aber durch das permante Hin-und-Her-Springen innerhalb der Songs zustande kommt, entsteht er hier durch den Mut zum Stillstand. Wie souverän Naujoks den Moment zu zelebrieren vermag, es raubt einem immer wieder den Atem. Man spürt kaum den Wind der Bewegung, wenn die eine Note die vorherige ablöst.
Insofern ist der Albumtitel „Wave“ geradezu kokett aufgeladen. Nimmt man ihn dennoch wörtlich, liegt man plötzlich im Tagtraum am Meer und fühlt wie die letzten Ausläufer einer Welle die Haut am Bein benetzen. Nur ganz leicht nass wird sie dadurch und doch ist das kitzelnde Gefühl, dass die Sonne auf ihr danach hinterlässt ein ganz anderes als zuvor.

Wie Blake ist auch Naujoks vom HipHop und R´n´B beeinflusst ist. Er destilliert aber alle Offensichtlichkeit aus diesen Einflüssen und so bleibt nur eine Ahnung von Vibe, ein Hauch von Schwingung subtil präsent in seinen Songs, die aufgrund ihres fragmentierten Charakters mehr fremd als passend erscheint und sich erst im Verlauf von „Wave“ zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen setzt – dieser Delay der Realisierung des eigentlichen Wesens der vor einem liegenden Musik, ist eine Eigenschaft, die auch schon die beiden vorherigen Alben „Untitled“ und „True Life / In Flames“ von Naujoks auszeichnete. Erst im Nachhall beziehungsweise im wiederholten Hall zeigt sich hinter der Strenge seiner Kompositionen (die an einen Minimalkomponisten wie Steve Reich erinnert) und der unendlichen Traurigkeit, die dem Sound innewohnt (ich muss immer wieder an den größten aller Pop-Avatgardisten, Mark Hollis von Talk Talk, denken) die Warmherzigkeit und der Wille zur Umarmung, die sie auszeichnet. Einzige Ausnahme hiervon ist „Jet Stream“, das sich für Naujoks Verhältnisse geradezu offenherzig präsentiert.
„Wave“ ist ein Meisterwerk des Understatements.
Thomas Venker

 

 

 

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