Mittwoch, 18.10.2017
Record of the week

Kendrick Lamar “To Pimp A Butterfly”

Lamar-Cd-Cover

Kendrick Lamar
“To Pimp A Butterfly”
(Universal)

Als Kendrick Lamar letztes Jahr beim Primavera Sound Festival sowohl in Barcelona als auch in Porto spielte, musste er mit seiner Entourage eine ganze Woche zwischen den beiden Auftritten überbrücken. Natürlich keine leichte Aufgabe für einen, ganz andere Weltmetropolen gewohnten HipHoper auf der Überholspur. Die Veranstalter waren sehr konsequent im Verwehren der extravaganten Ideen, die da so aufkamen. Nicht nehmen konnte sie ihm die Ambition, mit seinen Homies ein Sportwagenrennen durch die engen Gassen von Porto zu machen.

Man reagiert, wenn man solche Geschichten hört, ja leicht genervt. Von wegen einer mehr, der den Klischees entsprechen muss und dem das nicht zuträglich sein wird. Was wir Spießer eben so denken.
Nun, ersteres negierte er vor Ort mit einem sensationellen Auftritt, der einen nur noch staunend zurück ließ, dass das seinem Flow irgendwie schaden könnte: so gut können HipHop Konzerte also doch sein, dachte man. Es stimmte also nicht, was man sich in den 90ern und 00ern angesichts mieser Performances von Ice-T und Ice Cube bis hin zu Timbaland immer eingeredet hatte: der Sound ist eben gemacht für echte Hood Partys oder Home Listening. Nein, ist er offenbar nicht, er kann sich auch in einer profanen Halle oder auf einem Acker vor dem Atlantik beweisen.
Außerdem darf man ja auch nie vergessen, viel von den komischen Ansprüchen, die man so von HipHopern transportiert bekommt, sind schlichtweg ein kleines Piesacken an das System der Whities, die sie so lange unterdrückt und gedemütigt haben – und es noch immer in einem fort versuchen und erfolgreich auch tun.

Womit wir mitten beim zentralen Themenstrang von “To Pimp A Butterfly” wären, dem dritten Album von Kendrick Lamar und dem massiven nächsten Schritt nach dem Vorgänger “good kid, m.A.A.d city”, das noch deutlich klarer im HipHop geerdet war, als es dieses Album ist.
“Every Nigger is a Star” heißt es gleich zu Beginn des Albums. Kendrick Lamar hat verstanden, dass es eine neue Unity ist, was die Schwarzen brauchen, wenn sie endlich der Unterdrückung entkommen wollen. Die Zersplitterung, das gegenseitige Kaputtmachen, das muss endlich aufhören.

Weitere mahnende Worte kommen von Dr. Dre: “Anybody can get it, the hard thing is keeping it, motherfucker.” Ja, auch er hat natürlich recht: im HipHop sind schon einige weit nach oben gekommen und wieder sehr tief gefallen. Sehr, sehr tief. Man muss nur aktuell in die Untersuchungshaftzelle von Suge Knight schauen. Oder an den Grabstein von Tupac Shakur treten, der auch eine bedeutende Gastrolle auf “To Pimp a Butterfly” hat. Im letzten Stück des Albums “Mortal Man” spricht Lamar zu dem gefallenen Engel von Los Angeles, nähert sich ihm mit dem Bekenntnis zu ihrer beider Neigung zu Egomanie und Substanzabhängigkeiten – ein Thema, dass er schon zuvor auf dem Album immer wieder laut angesprochen hat – und fragt ihn nach Rat, wie das alles weitergehen soll. Er offenbart hier, sympathisch ehrlich, dass viel von der Selbstsicherheit, die er zuvor präsentiert, auf sehr wackligen Boden gebaut ist. Aber all die Skepsis hält ihn nicht davon ab, den dunklen Erwartungen von Tupac, der ein Meer aus Blut aufkommen sieht, seine Hoffnung entgegen zu halten. Musik als die heilende Energie, Kendrick Lamar glaubt das noch mit seinen 27 Jahren – und man ihm angesichts dessen, was er an Freiheit in den fünfzehn Stücken zuvor dargeboten hat.

Reden wir also doch darüber ein bisschen. Neulich beim D´Angelo Konzert war ich ähnlich baff wie beim Hören von “To Pimp A Butterfly”. Wie jener mit seiner Band über die Grenzen von Songs und Stilen und Tonalitäten hinweg glitt, war atemberaubend. Als ob man parallel zwei Bands hören würde, die zu einer geworden sind. Alles war zu viel und doch war alles richtig. Da war sie plötzlich: die absolute Freiheit des Seins, eingefangen in einen einzigen unverständlichen Sound.
Welch Geschenk, dass nur kurze Zeit später nun ein Album erscheint, das in bester Battle-Manier das alles bejaht und noch weiter geht. Es ist eine Freude sich einzugestehen, dass auf “To Pimp A Butterfly” der Mix die eigene Fähigkeit, den Sound in seinen Bestandteile zu zerlegen, mehr als überfordert: Die Keyboard-Flächen, Beats, Saxophon-Melodien, Gesangsharmonien und das unberechenbare Schlagzeug – dessen Bedeutung als Instrument für diese neue Ära von HipHop, wenn man das noch so labeln will, man ja schon im Konzert bei D´Angelo erfahren konnte, wo es alle Räume öffnete und sie nie schloß -, sie alle gehen in einen endlosen Strom aus Sounds auf, der einen noch mehr als auf “Black Messiah” mitreißt auf dem Weg in das, was man selbst als Ungläubiger nur als das heilige Land bezeichnen könnte.
Woran liegt es, dass Kendrick Lamar noch verführerischer klingt als D´Angelo? Es ist dieser G-Funk-Approach des Albums, der genährt ist an all den Westcoast-Pop-Songs, die der junge Lamar in seiner Compton Jugend gehört haben dürfte, und der nun so souverän über all den anderen Einflüssen seines Sounds thront und wie ein liebevoller Papa auf seine spielenden Kinder hinunterschaut. Nunja, Kinder ist gut, immerhin spielen ganz schön große Kids wie George Clinton, Snoop Dogg und Bilal mit – am wichtigsten ist dann doch das Dabeisein von Thundercat, dem Homie von Flying Lotus, ein echter Vordenker der New School of Hip-Jazz.

Kendrick Lamar hat – und man muss das noch mal kurz deutlich sagen: nach einer Welttournee mit den Songs von “good kid, m.A.A.d city” und all den glücklich mitsingenden Leuten auf seinen Konzerten – zu keinem Zeitpunkt das Ziel gehabt, beim Bewährten anzudocken und mehr Hits nachzulegen. Stattdessen galt es das enge Narrativ zu sprengen, die große Identitätsgeschichte und den Klassenkampf anzugehen und den Soundtrack dazu zu entwerfen. Wo Sun Ra mit seinem Jazz den Eskapismus des Saturns herbeisehnte, will Kendrick Lamar es auf dem guten alten blauen Planeten wissen: sein Jazz-Rap ist gemacht, um hier zu bleiben. Damit eint er die Schule der sich für Jazz interessierenden HipHoper der 90er Jahre (wobei er im Windschatten von Stone Throw und Brainfeeder viel weiter geht als einst Gang Starr und Konsorten) und der Agigatoren des Aufstands (von Public Enemy bis zu Dead Prez). Die Auflösung alter Paradigmen, die hier als Ziel steht, sie kann natürlich nur mit einem ähnlich konsequenten Sound passieren. “To Pimp A Butterfly” ist ein Lehrbeispiel für einen freien Mix, einen so freien, dass man schwindelig daliegt vor den Boxen. Wo kommt das alles her? Wie kann das eine Person so produziert haben?

Was mich übrigens am meisten irritiert, ist, dass ich Kendrick Lamars Stimme gar nichts so toll finde, wie alle immer tun. Aber kaum denke ich das auch während des Hörens von “To Pimp A Butterfly”, macht er wieder eine seiner vielen Gesangswendungen und ich bin baff und habe es auch schon wieder vergessen. Was für ein Teufelskerl. Wirklich, da geht nicht nur das eigene Reiben an ihm sofort wieder verloren, nein, man blendet ungerechterweise auch all die anderen immer wieder aus, die ihm auf dem Album zur Seite stehen, obwohl allesamt auch in Höchstform agieren. Das alles macht “To Pimp A Butterfly” zu nicht weniger als einem Meilenstein.
Thomas Venker

Einmal die CD vollmachen, bitte, ich will HipHop auf Magister studieren!
Jenseits der Frage ob seiner Güte – Kendrick Lamars aktuelles Album ist ein Mordsding geworden. Die Dimensionen hier zu nennen, würde den Rahmen sprengen. Allein die ganzen Produzenten! Nicht zu vergessen die exekutiven Produzenten! Machen wir es kurz: es waren mit Sicherheit nur Gute dabei. Schließlich scheint es hier um so etwas wie den großen kulturellen Befreiungsschlag zu gehen. Ich frage mich nur, wer sich diese 78 Minuten Jazzpiano, P-Funk und Worte, Worte und noch mehr Worte tatsächlich öfter am Stück anhören kann! Meine Kollegen hier bei Kaput haben da sicher bessere Nerven. Ich strecke die Waffen. Dieses Ding macht mich wahnsinnig.
Martin Riemann

Am Ende des Albums erklärt sich uns sein Titel. Wir hören die Fabel von der street fighting Raupe, die alles fressen muss, damit sie selbst durchkommt. Sie beneidet den bunten Schmetterling, aber empfindet ihn als zu schwach für die Welt und “pimpt“ ihn deswegen. Sie verpuppt sich, oder, wie es im O-Ton denkwürdig heißt, „it goes to work on the cocoon that institutionalizes it“. Dort kommen ihr aber neue Gedanken, und schließlich verwandelt sie sich doch in einen echten Schmetterling.

All das erzählt Lamar dem durch Interviewsnippets zum Leben erweckten 2Pac. Doch auf die Frage, was er von dem Märchen hält, antwortet 2Pac nicht mehr. Denn 2Pac selbst war ja die Raupe, Kendrick Lamar ist, so muss man diese durchaus respektvolle Frechheit wohl verstehen, der Schmetterling. Aber was ist der gepimpte Schmetterling, und was die „Institution“ des „Cocoons“? Der gepimpte Schmetterling ist der Pimp selbst. Er eignet sich die Schönheit und Weichheit des Schmetterlings an, aber die Schönheit nur als Schmuck und die Weichheit nur als Polsterung, beides durch Geld und jenes durch Gewalt. Institutionalisiert wird der Pimp als Figur durch den Rap. Der Rapper entkommt dem Ghetto durch Erfolg, er hat aber nur Erfolg, weil er aus dem Ghetto kommt. „You can take me out of the ghetto, but you can’t take the ghetto out of me“ erweist sich als die Formulierung einer Falle.
Lamars Album bestimmt den Ausbruch aus ihr als die Aufgabe des echten Schmetterlings. Der Komplexität der Aufgabe entspricht die des Albums. Ein nicht abreißender Strom weitverzweigter, voraussetzungsreicher Zeilen und widerstreitender Bilder stürzt auf einen ein, etwa wenn es in „The Blacker The Berry“ heißt: „And man a say they put me inna chains, cah’ we black / imagine now, big gold chains full of rocks“. Allein ein Songtitel wie „King Kunta“ (Kinta Kunta war ein Sklave im 18. Jahrhunderts, auf dessen Geschichte der Roman „Roots“ basiert) entfacht ein semiotisches Feuerwerk. Die tote Phrase vom politischen Privaten wird lebendig, bei Lamar gibt es keine Trennung zwischen Soziologie und Psychologie. Der im Song „U“ ausgedrückte und in dessen Fortsetzung „I“ frenetisch überwundene Selbsthass ist zugleich ein individueller als auch ein kollektiv schwarzer, letztendlich eventuell sogar einer aller Unterdrückten. Am Ende der psychologischen Anstrengung liegt die Selbstliebe, am Ende der soziologischen die Revolution. Zwischen Du und Ich, Raupe und Schmetterling, König und Sklave entspannt sich der unermessliche innere und äußere Kosmos von „To Pimp A Butterfly“ in einem fast psychedelischen Gewirr aus Stilen und Stimmen. Lamar verfügt über eine spektakuläre Raptechnik (siehe „For Free“) und über tausend Tembres von viriler Heiserkeit bis zu kecker Queerness. Ebenso polymorph ist die Mischung der Musikrichtungen, oder besser gesagt: die Emulsion. Das klagende Jazz-Saxophon geht nie auf im futuristischen P-Funk. Es klingt wie Programmusik ZUR Musik, wie eine konkurrierende Ausdeutung des Gesagten. Die ganze Platte ist unglaublich unaufgeräumt, geprägt von einer tiefen Unruhe. Diese bewirkt aber von Song zu Song ganz unterschiedliche Stimmungen. Mal hört man sie als Zerrissenheit und bedrohliches Chaos, Depression und Barbarei. Mal als die fröhliche Anarchie einer großen utopischen Party. „To Pimp a Butterfly“ ist ein Album so groß wie die Probleme und Hoffnungen, von denen es handelt.
Jens Friebe

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