Dienstag, 19.09.2017
Record of the Week

“Falscher Ort, falsche Zeit Vol. 2″

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“Falscher Ort, falsche Zeit Vol. 2 – Mod & Underground Pop from Germany, Austria & Switzerland, 1980-1993″
(Tapete Records)

Der Untertitel „Power Pop“ vom sensationellen ersten Teil wurde geändert in „Mod- & Underground Pop“, um der größeren stilistischen Bandbreite Rechnung zu tragen, die sich auf der zweiten Folge der beliebten Reihe entfaltet. Vor allem der sensible Songwriter-Pop von Jetzt!, deren bislang nur auf Tape veröffentlichter Hit „Kommst du mit in den Alltag“ (leicht modifiziert von Blumfeld gecovert) hier zu den Höhepunkten zählt, weicht stark ab von der ursprünglichen Kategorie. Gleichwohl ist der Anteil an Rickenbacker-Sounds und allgemein modkompatibler Ästhetik ungebrochen hoch. Viele Bands sind uns auch schon von der ersten Platte bekannt. So etwa Stunde X, die zu hören sind mit einer Single aus dem Jahre 1987: „Befreit Martin Semmelrogge“. Beim Wiederhören erinnere ich mich daran, wie sehr mich die unglaubliche Wucht der Gitarren damals umgehauen hat. Zwar äußerte meine Mutter Bedenken gegenüber dem Titel, meinte dann aber, dass Poptexte wohl nicht immer wörtlich zu verstehen seien. Dabei wird bei den auf dieser Platte zusammengestellten Stücken kaum verklausuliert getextet. Die Dringlichkeit des als unmittelbar empfundenen Lebens übersetzt sich ungefiltert in die konkret gehaltenen, unmetaphorischen Texte (und fetzige Musik natürlich). Damit einher geht der Umstand, dass die meisten Bands sich ganz emphatisch in ihrer Gegenwart situieren. Man will sich mit seiner Zeit rückkoppeln und schreckt auch vor gerechtfertigtem Pathos nicht zurück, das sich in Fragen an die Welt offenbart. So wollen Die Tanzenden Herzen etwa wissen „Bist du bereit für einen neuen Anfang?“ und Die Antwort fragt (!) „Gibt es einen guten Grund, allein zu sein“ (und liefert die Antwort – Achtung, Spoiler – gleich mit: „nein“).

Viele Lieder verhandeln das Problem, wie man sich als Einzelne(r) zum Ganzen verhalten soll (die große Frage der Moderne seit dem späten 18. Jahrhundert!), vor allem, wenn man das Gefühl hat, dass alle anderen scheiße sind – so wie Peter Hein in dem mit tollen Bläsern arrangierten Family-5-Stück „Der Schaum der Tage“. In dieser Hinsicht zeigt diese Platte auch eine Situation auf, in der Befindlichkeiten junger Leute sich noch nicht in sozialen Netzwerken kanalisieren ließen (natürlich heißt das nicht, dass früher alles besser war!). Dadurch wirkt die Atmosphäre, die diese Compilation verbreitet, auf so suggestiv-ansteckende Weise überhitzt und anti-unterkühlt. Die wackelige Aufnahmequalität einiger Stücke trägt vor diesem Hintergrund nur dazu bei, dass man sich beim Zuhören noch mehr involviert fühlt.
Mario Lasar

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