Montag, 26.06.2017
Record of the Week

Noga Erez “Off The Radar“

Noga ErezNoga Erez
“Off The Radar“
(City Slang)
Wie fühlt sich das eigentlich an, Musik an einem Ort zu produzieren, der sich (zumindest von außerhalb des eigenen Landes gesehen) im permanenten Ausnahmezustand befindet.

Nun ist Tel Aviv, die Heimatstadt von Noga Erez, nicht Jerusalem, und schon gar nicht der Gaza-Streifen. Und dennoch: der Alltag ist ein anderer als in unseren beruhigten Zonen. Doch wieviel ist Projektion, wenn man auf dem Opener “Balkada” nicht nur den Bass massiv brummen hört, sondern auch die Sirenen hysterisch und konnotiert kreisen? Beantworten wir diese Frage doch am besten Werkimmanent mit dem nächsten Track, “Dance While You Shoot”. Und siehe da, der erste Reflex auch diesen politisch aufzuladen, ist der falsche, denn statt um den Israelisch-Pälästinensischen Konflikt geht es um eine Zweierbeziehung und Medikamentenmitmissbrauch: “That’s it, I finally lost my patience / I gave my health too many medications / It’s over, you’re done, you’re gone, you’re gonna pay”. Die dreckigen, wunderbar verschleppten und energetisch klirrenden Beats und Sounds, die das düstere Pärchenkammerspiel unterfüttern, klingen dabei so zeitgemäß amerikanisch wie es nur möglich ist und könnten auch auf Lit City Trax oder Fade to Mind erscheinen.

Überhaupt lässt sich Noga Erez keineswegs auf ihr Herkunftsland eichen, mit den fünfzehn Tracks ihres bemerkenswerten Debuts zeigt sie sich nicht nur stets auf Augenhöhe mit den internationalen Produktionen zwischen Berlin und Los Angeles, sie setzt sogar neue Standards. Wenn man sich vergegenwärtigt wie beispielsweise die Supergroup Future Brown an der Ambition, ein stilistisch offenes Album vorzulegen, scheiterte, ist es umso beachtlicher, wie sicher Erez über ihr Parkett flaniert und eine an die frühe Feist erinnernde Electro-Ballade wie “Junior” mit leichter Geste mit einem Slow-Beat-Rap-Song wie Muezzin” oder Bass-Anthems wie “Hit U” kombiniert.
Thomas Venker

Die Besprechung ist in leicht modifizierter Form in der Printausgabe der Kölner Stadtrevue erschienen. 

Verlagssitz
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop Aquinostrasse 1 | Zweites Hinterhaus, 50670 Köln | Germany
Team
Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
Autoren, Fotografen, Kontakt
Advertising
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop
marketing@kaput-mag.com
Impressum – Legal Disclosure
Urheberrecht /
Inhaltliche Verantwortung / Rechtswirksamkeit
Kaput
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop ist eine Publikation des Verlagshauses Kaput.