Montag, 25.09.2017
Record(s) of the Week

Visible Cloaks / Melanie Velarde

COVER_Visible-CloaksVisible Cloaks
“Reassemblage”
(RVNGNL)

Es zeugt vom Anspruch der beiden hinter Visible Cloaks stehenden Musiker, dass sie von “Reassemblage” als einer Kollektion von Übergängen zwischen Stille und Sound sprechen, die das Bewusstsein der Hörer_innen ansprechen soll. Ja, so kann man das ausdrücken, was auf “Reassemblage” (der Titel ist einem Filmessay von Trin T Minha-ha entnommen) stattfindet, eine sehr ambitionierte Mischform aus Neue Musik, esoterischen Klängen und zeitgenössischen experimenteller Sounds.

Die Musik der sichtbaren Umhänge ist eine dem Namen gerecht werdende Operation am offenen Klangherzen. Entgegen vieler anderer aktueller Produzent_innen von zwischen Ambient und Kosmischer Musik angesiedelten Sounds, geht es Spencer Doran und Ryan Carlile nicht um das banale Ausdehnen von gefundenen Zuständen, sondern um ein stetiges Infrage stellen. Sie suchen geradezu die permanente Negation der Sicherheit, gerade da sie sich nicht innerhalb einer klaren ethnologischen Zuschreibung mit ihrer Musik bewegen. Die Visible Cloaks sind Suchende, Klangforscher im besten Sinne, angetrieben von einem wahren Interesse an anderen kulturellen Zusammenhängen und ausgestattet mit dem Realitätssinn, dass es eben nicht darum gehen kann, diese final zu verstehen und ihnen eine eigene Lesart aufzuoktroyieren, sondern sich in ein neugieriges, ja frei spielendes Beziehungsgeflecht mit ihnen zu begeben.
Das Ergebnis einer solchen Offenheit im Umgang mit Klangmaterialien und -texturen klingt angenehm unkategorisierbar, im einen Moment im perfekten Fluss und nahezu meditativ, im nächsten bereits verstörend und wachrüttelnd auf eine Art, als ob man beim Mittagsschlaf einen kurzen Albtraum hatte und abrupt verwirrt aufwacht

Cover_Melanie-Velarde-ParcelMelanie Velarde
“Parcel”
(CMMND)

Bei “Parcel” handelt es sich um die dritte Veröffentlichung der vom New Yorker Plattenladen Commend initiierten “Commend See”-Serie, deren Intention es ist, Musiker_innen und Bildende Künstler_innen in einen Prozess des künstlerischen Austauschens zu bringen, der über das pure Visualisieren von Sounds hinausgeht. In diesem Falle wurde Christin Ripley, die bekannt ist für ihre Arbeit mit abstrakt-psychedelischen Marmorfarbstoffen mit der auf Field Recordings spezialisierten Musikerin Melanie Velarde zusammengebracht. Eine Kombination, die selbsterklärend ist, da beide ein sehr offensiv ausgestelltes Interesse am Zusammenspiel aus Beobachtung und Transformation pflegen, dessen Schwerpunkt nicht darin liegt, adäquate Abbildungen zu liefern, sondern vielmehr die tieferen Wesensmerkmale aufzugreifen und in ebenso eigenständige Zustände zu bringen. Man könnte sagen, dass beide auf ihrem Terrain eine archäologische Suche betreiben, die sie sehr tief in die jeweilige Materie führen, um das dort vorgefundene mit etlichen weiteren solcher Funde zu konfrontieren.

Klanglich spiegelt sich das in der fließend arrangierten Kontrastierung von weichen Soundflächen und sehr klar und pointiert gespielten Sequenzen wieder, so dass sich die Motive teilweise richtiggehend wegschubsen – was insofern bemerkenswert ist, als dass das Gesamtklangbild von “Parcel” trotzdem sehr harmonisch ausfällt. Die visuelle Umsetzung von Ripley greift diese in der Musik angelegte geologische Denke auf, indem sie die kartografierte Landschaft einerseits in sich zerfließen, andererseits sie aber nicht ihre Grenzen gänzlich verlieren lässt. Schon lange nicht mehr die Idee weicher Zäune so schön visualisiert gesehen; gerade in Zeiten von Trump und Co ein schöne Beispiel, wie man mit unterschiedlichen Einflüssen umgehen sollte.
Thomas Venker

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