Mittwoch, 20.06.2018
Performance-Schabernack um den Atomkrieg

Yael Bartana – What If Women Ruled The World

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Die neue Volksbühne: sagenumwobener Ort, der sich bei näherer Betrachtung gar nicht groß anders gibt, als eh und je. Tatsächlich fällt einem beim Blick ins Programmheft auf, dass Theater eher unleidenschaftlich angegangen wird. Performances & Video (die wunderbare Rheingold-Reihe von Jan Bonny und Alex Wissel wird in den nächsten Wochen in voller Länge erst off- dann online gezeigt) sind das neue heiße Ding am Rosa-Luxemburg-Platz.

Gleichzeitig, und das scheint erstaunlich, möchte man dem Theaterraum selbst wieder Glanz und Gloria verleihen und negiert damit den Umbau von Bert Neumann. Wo vorher eine karge Rampe ein seltenes Gefühl der Nähe, aber auch der Vereinzelung, bot, darf man sich wieder in roten Sesseln flätzen. Passt natürlich nicht so ganz und ist nur einer der Punkte, die an diesem Abend negativ auffallen.

Die Performance der israelischen Künstlerin Yael Bartanas, „What If Women Ruled The World“, wurde nach drei Aufführungen beim Manchester International Festival Mitte letzten Jahres nun in Deutschland uraufgeführt. Die Prämisse ist hier recht simpel: Die politische Prominenz eines unbenannten Landes, das aber vollständig von Frauen regiert wird, sitzt zusammen im Peaceroom (mittelguter Lacher) um sich über die Möglichkeit des Atomkrieges auszutauschen. Die Welt droht den ersten Atomschlag seit 1945 zu erleben, da eine andere atomare Supermacht und ihr Präsident Twittler (sic!) (#facepalm) unberechbar geworden sind. Die Frage ist: Wie handelt man im Angesicht der Zerstörung der Welt?

Um dies zu erläutern laden sich die Damen weitere Expertinnen ein. Wer sich in gewisser Weise an Dr. Strangelove erinnert fühlen mag, der liegt sicherlich nicht falsch. So wird in launigen 90 Minuten diskutiert, wie man sich einem „madman“ nähern kann, was die richtigen Maßnahmen wären. Und diskutiert wird tatsächlich, denn neben den Schauspielerinnen, die die Politikerinnen mimen, sind die Expertinnen auch im Real-Life welche. Das Personal wird nach jeder Vorstellung getauscht, in unserem Falle handelte es sich um hochrangige Diplomatinnen, Wissenschaftlerinnen und Aktivistinnen. (I)

So sitzen alle an einem runden Tisch, der an „Roche (bzw. Schulz) und Böhmermann“ erinnert, in 50er Jahre Architektur, und kommen vom Hölzchen aufs Stöckchen. Die Schauspielerinnen, die die Handlung vorantreiben sollen, wirken permanent wie Bremsklötze einer tatsächlich guten Diskussion, verheddern sich sogar im lächerlich Gestelltem. Jedes Mal wenn die Performance versucht Nähe zu erzeugen, etwa durch komödiantisches Aufbrechen der Situation, wird es schlicht unangenehm. So kommt nach etwa 2/3 der Spielzeit ein Toyboy mit einer Obstschale rein, mit muskulösem, aber nun mal unbedecktem Oberkörper. Was ein Joke sein soll, führt nun mal bei den Expertinnen zu erstaunen.

Neben den politischen Statements, die im Stück vorhanden sind – und natürlich auch weitestgehend selbstverständlich sind: Krieg ist schlecht, Gleichheit der Geschlechter aber gut – knarzt und knackt es permanent. Was als Theateraufführung eine Farce wäre, geht hier als Kunst-Performance dennoch durch. Da soll es eigentlich auch nicht stören, dass permanent eine Kamera-Draisine im Halbkreis ums Geschehen geschoben wird, ein weiterer Kameramann mit der Steady filmt und noch eine Fotografin knipst. Immerhin steht ja nicht die Performance selbst im Mittelpunkt der künstlerischen Distribution; Wert wird auf dem Markt mit der Dokumentation und der Überführung in einen kunstvollen Film geschöpft. Falsch wäre mit großen Worten wie „Entwertung“ und „Aura des Kunstwerks“ zu kommen, richtig ist dennoch: Weil das eh alles nicht sonderlich geil war, nervt es noch mehr Klatschvieh auf den Rängen zu sein.

Apropos Klatschen: Dass nach einer Performance geklatscht wird, soll vorkommen. Dass die Beteiligten für Verbeugungen wie im (hüst) Theater mehrfach nach vorne kommen, passiert da schon seltener. Dass die gefeierte Künstlerin mit einem „War Starts With Words“ T-shirt lässig auf die Bühne springt, um da Applaus und Blitzfotografien abzuholen, halte ich für ein recht seltenes Ereignis.

Was nimmt man also mit von so einem Abend? Im Zweifel wenig. Das Gefühl, dass auch auf hoher Ebene, bei den Mächtigen diskutiert wird, wie bei einem Zuhause vielleicht. Doch mit der Fixierung auf Trump beziehungsweise Twittler sind wichtige Fragekomplexe (zum Beispiel die Rolle Russlands und Chinas im Zusammenhang mit der drohenden atomaren Zerstörung) zu kurz gekommen; so verspielt die Performance großes Potential und verkommt zur netten Abendunterhaltung.

Edit: Dies am letzten Arbeitstag Chris Dercons, der nach dem Verfassen des Texts seinen Rücktritt als Intendant der Volksbühne erklärt hat. Die am Anfang getätigten Auslassungen über die „neue Volksbühne“ könnten somit auch schon wieder hinfällig sein.

 

[I]
Botschafterin Patricia Flor war Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland in Georgien, als Ministerialdirigentin Beauftragte für Osteuropa sowie Sonderbeauftragte der EU für Zentralasien. Sie leitete als Ministerialdirektorin die Abteilung für die Vereinten Nationen und globale Fragen im Auswärtigen Amt und war unter anderem Vorsitzende der Kommission für Frauenrechte der UNO. Im März 2015 wurde Patricia Flor zur Beauftragten der Bundesregierung für Fragen der Abrüstung und Rüstungskontrolle sowie Leiterin der Abteilung für Internationale Ordnung, Vereinte Nationen und Rüstungskontrolle im Auswärtigen Amt in Berlin ernannt.
Dr. Carina Van Meyn ist Assistenzprofessorin am Royal Danish Defense College in Kopenhagen. Schwerpunkt ihrer Forschung sind der Aufbau staatlicher Sicherheitsstrategien, insbesondere auf dem Gebiet der Atompolitik, »Atompriesterschaft« und staatliche Cyberstrategien.
Paula Peters ist Vizepräsidentin (Europe, Russia, Turkey, Australia) der internationalen Petitionsplattform change.org und in Berlin ansässig. Unter ihrer Leitung stieg die Zahl der Nutzer von change.org von 60.000 auf 1,5 Millionen im Jahr. Zuvor war Paula beim WWF für soziale Medien und Onlinekampagnen verantwortlich.
May Zeidani ist eine in Berlin lebende Sozialwissenschaftlerin und Aktivistin. In ihrer Arbeit erforscht sie postkoloniale Migrationsgesellschaften in Europa und die Prozesse der Identitätsbildung in Palästina und Israel. Sie ist Projektkoordinatorin bei Insaan e.V., Ko-Moderatorin der Radiosendung Talking Feminisms auf Reboot.fm und Aktivistin der »Karawane für die Rechte der MigrantInnen und Flüchtlinge«.
Heather Linebaugh trat im Alter von 19 in die US-Luftstreitkräfte ein. Sie arbeitete im Bereich unbemannte Luftfahrzeuge und war im globalen Krieg gegen den Terror an Drohnenoperationen beteiltigt. Nachdem sie das Militär verlassen hatte, wurde sie Aktivistin für die psychologische Behandlung von Veteranen. Heute studiert sie Vergleichende Literaturwissenschaft mit Schwerpunkt auf Linguistik und Französisch.
Alle Infos aus dem Programmheft des 12.4.2018.

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