Samstag, 18.11.2017
Saskia Timm

Ach, #metoo nervt euch? Not sorry!

Sorry, not sorry, dass Frauen endlich anfangen, den Mund aufzumachen, zu schreiben, zu bloggen zu hashtaggen, anstelle bloß ihren Freundinnen all die Erlebnisse hinter vorgehaltener Hand und nach der vierten Weinschorle zu stecken. VON SASKIA TIMM.

Danke Facebook, danke Twitter, danke Insta, danke danke danke!
Das, was sich in den letzten Tagen mehr und mehr an die Oberfläche bohrt, haben Frauen, Mädchen, Omas seit Jahrhunderten erlebt. Seit jeher wurden Frauen unterdrückt, begrabscht, runtergeputzt, belästigt, mundtot gemacht, bedroht, belächelt. Mich beschämt und erschüttert es, dass es tatsächlich Menschen gibt, die jetzt der Meinung sind, man müsse jetzt abwägen, ob man den eigentlich berechtigt sei, sich unter oben erwähnten Hashtag zu erkennen zu geben, nach dem Motto: So schlimm kann es ja nicht gewesen sein, du wurdest ja gar nicht vergewaltigt, entspann dich mal, kann doch mal passieren, jaja, so sind Männer halt manchmal, meinen die aber nicht so, lololol. FUCK YOU!

Sexuelle Belästigung? Pic or it didn’t happen!
Wann eine Frau sich sexuell belästigt fühlt, kann nur das Individuum beurteilen. Bei einigen Frauen beginnt die Belästigung mit Starren, bei anderen mit einem Klaps auf den Po, bei anderen ein schmieriger Flirtversuch, bei der nächsten erst wenn es körperlich wird. Sachen, die man früher als „normal“ empfunden hat (“ja, dann steckt er mir halt seine Hand beim Knutschen unter den Pulli, gehört ja wohl irgendwie dazu”, bis zu naja, “bis zum dritten Bier war er noch ganz nett, jetzt rückt er mir doch etwas zu sehr auf die Pelle, aber hey, er ist halt blau”) werden heute gottseidank nicht mehr einfach hingenommen und das nervt natürlich. Logo nervt es, dass Frauen einfach nicht mehr ihre Fresse halten können wie die letzten tausend Jahre, sondern rumtratschen, rumzicken, ins internet schreiben und sich vernetzen, Grenzen setzen, diese auch benennen, Erfahrungen teilen, mit dem Finger auf Probleme zeigen, nicht schweigen. Scheiße, Mann. Nun tut sich im Zuge dessen aber ein neues Phänomen auf: “Du hashtaggst? Dann erzähl doch mal!” Pic or it didn‘t happen! Interessanterweise kommt diese Aussage, bitte anschnallen, man glaubt es kaum: zu 98% von Männern. Huch! Na, denn Männer, kleiner Auszug gefällig? „Gerne“:

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Kein Schlüssel
Schon als kleines Mädchen (ich war sehr hübsch, sagten jedenfalls die Erwachsenen) wollten mich Männer auf den Schoß nehmen, quatschten einen im Freibad voll, begrapschten einen beim Ein- und Aussteigen aus dem Bus. Das war die Zeit, als ich zur Vorschule ging. An das Davor erinnere ich mich nicht mehr. Ein Nachbarsjunge wollte immer mit mir fangen spielen, hat mich dann auf den Boden geworfen, sich auf mich gelegt, mich runtergedrückt und bis zehn gezählt. Als ich älter wurde, habe ich dann erfahren, dass das Harte, was ich an meinem Unterleib gespürt habe, wohl nicht sein Schlüssel war. Da war ich ungefähr acht, er ein Teenager. Oder er wollte mit mir Verstecken spielen, um mich in den Gebüschen zu küssen, dort konnte uns ja niemand sehen.
Als man älter wurde haben sich die Jungs offen darüber unterhalten, wer aus unserer Mädchenclique denn die besten „Blaslippen“ habe, bei Feten wurde hemmungslos damit hausieren gegangen beziehungsweise Wettbewerbe abgeschlossen, wer wen wann als erstes fingert, was später der halbe Ort wusste und man eine erste Idee davon bekam, was heute „Slutshaming“ bedeutet. Da war man vielleicht so vierzehn.

Du wirst Probleme bekommen
Die Geschichten im ausgehfähigen Alter, aus den Discos und Bars sprengen jeden Rahmen, jede kennt hier Dutzende Storys. nicht umsonst schenkte mir mein Vater zu meinen 18. Geburtstag einen Elektroschocker mit den Worten: “Wenn dir einer zu nahe kommt, halt ihm das Ding an die Eier. Du wirst Probleme bekommen, ich weiß, wie Männer ticken, ich bin selbst einer.”
Im Berufsleben der Chef, der einem besoffen auf der Weihnachtsfeier steckt, er hätte einen nur gefragt, mit zum Skifahren zu kommen, weil er mit einem ins Bett will. Und der dabei zudem Kommentare über meinen Körper macht (“Na, Frau Timm, ist Dein Hintern wieder ein bisschen dicker geworden?”), oder der andere Chef, der nachdem man mal kurz auf Besuch im alten Büro war, einen an die Tür drängt und zu küssen versucht.
Die Typen, mit denen man einen richtig beschissenen Low-Budget-Film gedreht hat für umme, die sich darüber unterhalten, dass die anderen Darstellerinnen ja wesentlich schlanker und fotogener seien als man selbst (wie die Kerle aussahen kann sich sicherlich jeder ausmalen, der schon mal eine Filmbörse besucht hat).
Schnalzen, Pfeifen, Kussgeräusche nimmt man ja schon gar nicht mehr wahr (tut man schon, aber das ist ja schon „nicht so schlimm“).

Freundinnnen
Freundinnen, die einem beiläufig von ihrer Vergewaltigung erzählen oder eine andere, die auf Partys „aus Spaß“ mit drei Jungs eingeschlossen wurde und erst raus durfte, nachdem sie sich obenrum ausgezogen hatten, undundundundundundundundundundundundundund….
Und es geht immer weiter so.
Ihr wollt eine Geschichte zu einem Hashtag? Shame on you.

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