Mittwoch, 22.11.2017
Linus Volkmann

Draußen hocken, draußen fressen… Könnt ihr das schöne Wetter nicht drinnen genießen?

Woher stammt bloß diese Unart, so viel Alltag wie möglich im Freien verleben zu wollen? Sobald annähernd zweistellige Temperaturen herrschen und die Gastronomen fahrig mit zerschlissenem Mobiliar vor der Tür locken, scheint jeder überfüllte und verdreckte Open-Air-Platz eine magische Anziehungskraft ausüben. Linus Volkmann indes hasst nichts mehr, als wenn es wieder heißt: „Oder wollen wir nicht draußen sitzen?“ Ein Fanal gegen das kollektive Outdoorfressen und -hocken in der Stadt.

20160511_091017_resized_1Speisen verzehren unter der Ampel
Überall zieht es den Mensch aus seinen piekfeinen Appartments und überall herrscht der feste Wille, bei gefühlten 15 Grad Plus und Regenabstinenz „mal wieder draußen essen“ zu wollen wie Vieh – aber in meiner Wahlheimat Köln scheint sowohl der Drang stärker wie auch der Platz dafür geringer. Wer in Köln zum CSD, dem Auswärtsspiel seiner Fußballmannschaft oder meinetwegen während der Möbelmesse schon mal logierte, weiß, die Straßenbahnen hier sind genau genommen Hochstapelei wenn nicht gar nur pittoreske Deko für die kaum kaschierte Dörflichkeit der ganzen Angelegenheit. Taxifahrer kommen einen Monat lang mit einer einzigen Tankfüllung aus – trotz zahlreicher Messen und Überstunden. Nichts, was es nicht in Rekordzeit zu Fuß erreichen gäbe. Dementsprechend dicht besiedelt ist natürlich auch der wenige Platz, auf dem sich das Öffentliche Leben abspielt. Davon lässt sich aber keiner beirren. Gehe ich mit meiner Kölner Clique Richtung Italiener an der Ecke, fürchte ich zwischen Februar und November schon von Weitem, dass dort wieder die Gartenmöbel vor die Tür gestellt wurden. Und so ist es auch meistens. Voller Wonne drängt sich das Publikum auf ein Mobiliar spottender Hässlichkeit und verzehrt seine Speisen Dolce-Vita-besoffen unter Verkehrsschildern. Und das sind noch die besseren Plätze auf dem Bordstein! Denn es gibt in der hiesigen Architektur ja (zurecht) keinen regulären Platz für all dieses Treiben. Dennoch zwingt eine unbekannte Macht die Einwohner via Hundepfeifensignal an halbsonnigen Tagen, auf dem Fahrradweg zu essen – oft nur zwei Handbreit von parkenden Autos entfernt. Einfach allein im verdunkelten Zimmer sitzen und besonnen auf den Tod warten – das ist wohl mal wieder zu viel verlangt für die Leute. Selten hat es mich in die original Mediterrane Welt hinaus getrieben, aber selbst in Italien gilt es vermutlich nicht als wunderbar, seinen blöden Spargel an einem Tisch direkt unter einer Ampel zu sich zu nehmen.

20160511_091008_resized_1Sit down on a bank and drink a Kölsch from Büdchen
Die Straße: Der endlose Tresen – das ist ähnlich wie die Idee: Das Meer, diese gigantische Toilette. Komplett ungebührlich – aber so denkt man eben in Köln (und darüber hinaus).
Unlängst schämte ich mich sehr, als meine Clique und ich mit einem Japaner ins Gespräch kamen. Er war ein junger Mann ohne viel Geld aber voller unsinniger Träume vom alten Europa, hatte zuhause drei Jahre geschuftet, um sich hier nun wiederum drei Monate auf dem Kontinent rumdrücken zu können. Alles, alles wollte er sehen. In seiner schmalen Hand hielt er einen dicken Ordner. Darin hatte er sich alle erdenklichen Sehenswürdigkeiten notiert, jede Kirche, jedes Museum vermerkt, seitenweise Bilder und Wegbeschreibungen aus dem Internet ausgedruckt und eingeheftet. Kein Vertrauen ins Smartphone auf anderem Kontinent – ein Profi. Akribisch schreite er nun alles ab, erzählte er stolz. Doch statt ihm seinen Entdeckergeist zu neiden und sich selbst vor neu-kölscher Bäuerlichkeit zu schämen, wurde wieder mal allseits das Draußen-Gen aktiv. Auf die allein schon ungehobelte Frage, wie viel Leute er denn bereits kennengelernt habe – als wäre Reisen nur ein weiterer dümmlicher Beliebtheitsmarathon – antwortete der Japaner bescheiden und schüchtern mit „not so much“. Sofort raste Empörung durch die enge Straße der Stadt. Was? Not so much? Hatte der einen an der Waffel? Dem musste doch mal geholfen werden! So schlug der dreisteste aus meiner Gruppe dem armen Mann den Ordner zu – am liebsten, das sah man, hätte er ihn ihm sofort ganz abgenommen – und sagte: „You go now there and there to the Aachener Weiher“ [ein weiterer klaustrophisch wie überlaufener Outdoor-Spot Kölns] „and sit down on a bank and drink a Kölsch“. Da würde er schon jemand kennenlernen. Stimmt, allein schon, weil dort auf jeder Bank bis zu zehn Leuten sitzen. Da kommt man in der Tat schnell ins Gespräch. Bloß in welches? Der Reisende bedankte sich überschwänglich, zog aber in die entgegengesetzte Richtung, in die er gelotst wurde, von dannen.
Am darauffolgenden Lamento meiner von dem unmöglichen Asiaten scheinbar so gedemütigten Gruppe konnte das ganze Viertel teilhaben. Kunststück, immerhin stand es ja eh schon draußen rum.

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