Donnerstag, 27.07.2017
Angela Aux

“Wrap your Troubles in Dreams”: Fremd-Rezensionen raus!

Kolumne_AngelaAux

Angela Aux im Angesicht des eigenen Albums!

Als Musiker sind einem Rezensionen selbstredend scheißegal. Warum sollte es einen auch interessieren, was irgendein Penner davon hält, was man macht? Leider interessiert es aber viele andere Menschen. Das wirkliche Problem ist, dass Journalisten Musik immer falsch verstehen und aber versuchen irgendetwas Schlaues darüber zu schreiben. Sogar wenn sie es eigentlich kacke finden. Kein Wunder, dass niemand mehr Musikmagazine liest! Was will man denn als Leser, wenn nicht Wahrheit und Emotion?

Und niemand kennt diese Wahrheit besser als derjenige, der eine Platte verbrochen hat. Und natürlich findet niemand eine Platte beschissener als jener, der sie 12 Monate davor aufgenommen hat.
Darum verreißt Angela Aux seine Platte für Kaput selbst.

 

Cover_AngelaAuxAngela Aux
“Wrap your Troubles in Dreams”
(Millaphon Records) 

Ich beginne beim Cover: Das Foto war ein Unfall. Ich würde es jetzt anders machen. Dann wären wir auch schon bei der Musik: gibt es eine langweiligere Idee, als 2016 Musik so zu produzieren, als schriebe man noch immer das Jahr 1965? Nein, und darüber muss man auch gar nicht mehr sagen. Kommen wir also zum Opener “Fucked Up Blues”. Wäre bei mir als Labelchef durchgefallen. Opener sind immens wichtig, wir Labelchefs wissen das. Wer jetzt meint, wir wären alle hirnamputierte Spasten, die sich den ganzen Tag nur Gedanken über Kaffee und Brownies machen, ist auf einem guten Weg. Trotzdem hat der Opener aber nichts von Blues. Der Song ist ganz okay, auch wenn er so unverschämt nach der ersten Beck-Platte klingt, dass ich gerade noch mal kurz nachschauen musste, ob er da nicht wirklich drauf ist. Ist er aber nicht. Song zwei ist dann eindeutig zu naiv. Als ich jung war, hätte ich mich wohl als Schwuchtel beschimpft. Jetzt warte ich bei Konzerten immer darauf, dass das jemand macht. So schön ist die Welt heute, dass ich Schwuchtel als Kompliment betrachte. Der Chorus ist übrigens: “Make up your mind and let it go” – Vintage-Retro-Pop meets Wohlstandsesoterik. Wir schließen dieses Kapitel lieber gleich wieder.

Die Platte läuft noch, aber ich schaue Neil-Young-Dokumentationen. Wir sind bei Song 5, der ist besonders missraten, weil er zu einer ganz anderen Zeit entstand als die anderen Stücke. Im Booklet behaupte ich, er wäre unter Einfluss von rezeptpflichtigen Medikamenten aufgenommen worden, aber das ist natürlich gelogen. Kein Mensch kann so arbeiten, ich schon gleich dreimal nicht.
Einen halben Liter Iberogast später sind wir endlich bei meinem wirklichen Hass-Song angelangt: “Big City Blues”. Dieser Song kombiniert tatsächlich Walzer-Takt mit Pickings und Streicher-Arrangements. Warum bloß? Und was ist eigentlich so schlimm daran in einer Stadt zu leben, möchte ich mich an dieser Stelle mal fragen. Völlig verblüfft von der Selbstansprache stehe ich auf und gehe in meiner Küche auf und ab. Es war eine scheiß Idee, meine eigene Platte zu verreißen.

Ich habe mich ehrlich gesagt dazu überreden lassen, diese Songs aufzunehmen. Weil mir viele Freunde seit Jahren erzählen, dass sie diese Folk-Sachen mögen, wenn ich sie ihnen allein in meinem WG-Zimmer oder bekifft nachts an irgendeinem Strand vorspielte . Und ich Idiot machte das danach tatsächlich! Und weil ich so naiv bin, suchte ich mir dafür natürlich mit einen Partner, der bis fünf zählen kann und gleichzeitig noch Charakter hat. Wir haben also nur Cappuchino getrunken und waren andauernd nett zueinander. Wie soll dabei was ordentliches raus kommen?

Jetzt würde ich alles anders machen. Als erstes passt der Bandname natürlich nicht, beziehungsweise er passt zu den Fotos. Das macht schon mal keinen Sinn. Ich würde mich jetzt Karl Friedrich nennen und so Befindlichkeits-Techno machen wie alle anderen Arschlöcher mit tätowierten Armen und mutierten Ziegenbärten. Dann würde ich die Songs alle mit verstimmter E-Gitarre einspielen. Es müsste ein bisschen beschissen klingen, aber auch irgendwie geil. Das hab ich von Olaf Opal gelernt. Der Mann ist ein Genie, menschlich gesehen. Ich hab ihm meine Platte geschickt, aber er hat nie was dazu gesagt. Warum auch? 2016 ist ja kein Kindergeburtstag. Musik schon gleich drei mal nicht. Vielleicht sollte ich lieber Journalist werden. Dann könnte ich nur noch schlecht gelaunt Platten verreißen. Das macht mir eigentlich ganz schön viel Spaß.

Der letzte Song ist ganz besonders schlecht. Er heißt “Personal Howl”, dabei singt der Blödmann eindeutig “I’m digging my personal hole”. Das macht also keinen Sinn. Augen auf bei der Wortwahl kann man da nur sagen. Aber wahrscheinlich schreibt “Herr” Aux seine Texte mit Wörterbuch. Für alle, die wirklich mit dem Gedanken spielen, sich diese Platte zu kaufen: kauft euch lieber was von Wanda oder Coldplay! Angela Aux ist nur ein verlogener Traditionalist der Langeweile auf ein ganz anderes Niveau sinken lässt und sich dabei noch einbildet, etwas Neues zu tun. Was mich bei ihm an Kanye West erinnert, ist: er macht einen auf Chef, aber eigentlich ist er ein Trottel. Sein neues Album “Wrap Your Troubles In Dreams” wird zurecht in den “Diverse”-Kategorien von C-Magazinen und D-Plattenläden verschimmeln. Ich geh mich jetzt vergessen.

Angela Aux, Jahrgang 2001, heißt eigentlich Heiner Hendrix und vergibt Kredite für die Deutschland Treuhand AG. Während dieser Rezension verwandelte er sich in einen Journalisten. Er lebt und trinkt in Chemnitz, Ost-Zone.

 

Angela Aux live: 

18.05., München Kammerspiele
19.05. Regensburg, W1

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