Freitag, 24.11.2017
Linus Volkmann

Das F-MAG möchte für Politik, Muschi und Lametta stehen – es funktioniert bloß nicht

Brigitte hat ein neues Magazin auf den Markt gebracht. Mehr Feminismus für den Mainstream? Nun, zumindest die Zielgruppe der jüngeren, aufgeklärten Leserinnen (und Lesern) soll wohl nicht mehr länger nur dem Indie-Titel „Missy“ gehören. Linus Volkmann hat reingeschaut.

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Ach, man sollte sich eigentlich freuen, wenn sich gute Ideen auch bis zu schwer atmenden Medienkonzernen wie Gruner & Jahr rumsprechen. Dort hat man seinem Schlachtross Brigitte aktuell einen Titel für jüngere Frauen zur Seite gestellt. Das F-Mag kokettiert dabei nicht nur im Namen mit dem Buzzword des Feminismus. Vielmehr handelt es sich hier um eine (reichlich verspätete) Antwort auf das Missy Magazine. Jenes wurde bereits 2008 gegründet – von unabhängigen Journalistinnen, die nur über ein eher zufälliges Preisgeld genügend Kapital zusammengekratzt bekamen, um mit ihrer Idee eines emanzipatorisch getriebenen Kulturmagazins für und über Frauen an den Markt zu gehen.
Dass irgendwann diesem Zeitgeist dann auch jener Markt entgegenkommt, ist das Verdienst von guter Arbeit und einem Produkt, das eben noch gefehlt hatte: Das Missy Magazine hält sich seit Jahren tapfer ohne Großverlag im Game – und bricht in der Popkultur den sonst herrschenden Typenblickwinkel auf.

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Mit diesem Wissen fällt es schwer, sich dem „F-Mag“ komplett offen zu nähern. Geht die Idee, ein Me-Too-Produkt zur Missy in die Kioske zu legen, wirklich auf die Sache selbst zurück? Oder ist der (bereits im Titel abgekürzte) Feminismus nicht nur Beiwerk, wenn sich der Verlag mit einem neuen Titel wirtschaftlich und in der Zielgruppe breiter aufstellen möchte? Nun, dagegen wäre im kommerziellen Betrieb eigentlich nicht mal was zu sagen, dennoch besitzt es immer einen Beigeschmack, wenn plötzlich der rein umsatzgetriebene Big Player die Nischen der Idealisten für sich entdeckt. Denn allein die ökonomischen Möglichkeiten auf Konzernseite beschreiben keine faire Konkurrenzsituation mit dem alternativ operierenden Original. Daran ändert auch nicht, dass man sich betont bescheiden gibt und mit der großen Schwester Missy gar eine Austauschanzeige ausgehandelt hat.

Doch auch ohne diese unguten Gefühle muss das Produkt enttäuschen. Das F-Mag verkörpert nämlich ein ganz großes Dilemma seiner Zeit: Alles dreht sich um die Simulation von Inhalten. Die inszenierte Fiktion davon, sich zu engagieren, ist in Instagram-Zusammenhängen längst an die Stelle der wirklichen Auseinandersetzung mit Themen getreten. So kommt jeder Text zwar hübsch zurechtgemacht rüber und ist mit dem passend gefühligen Filter versehen, bleibt dabei aber bedrückend hohl. Es handelt sich hierbei um ein Abklappern von populären Feelgood-Themen (Aktivismus! Namedropping! Irgendwas!) – und ja, man ertappt sich selbst ständig dabei, den virtuellen Like-Button drücken zu wollen. Schließlich ist alles so großer Konsens und bis zur Selbstaufgabe gefällig. Make-Up-Tipps von Dragqueens, Datingseiten und Fitness – wer sich letztlich nicht wirklich für Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern interessiert, wem Feminismus höchstens als schickes Label erträglich scheint, der oder die ist hier bestens aufgehoben. Denn das Ergebnis ist eine Domestizierung der Missy-Idee unter den Bedingungen eines anderen Gruner & Jahr Titels, des neon.

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Sicherlich besitzt die bloße Existenz eines solchen Magazins auch positive Aspekte – das darf man nicht außer Acht lassen. Feminismus ist so wichtig, dass jede noch so seltsame neue Ausspielform ein Zugewinn ist, denn Raum und Bedarf sind ja da. Besser als nichts ist das Heft also allemal. Zudem bekommt das Thema so auch einen erweiterten Fokus innerhalb des Großverlags (natürlich nur wenn es sich in der eigenen Form als marktfähig erweist). Aber ob das wirklich männliche Hegemonien (auch im von Vätern gesteuerten Mutterschiff) offen legen wird und will? Wohl kaum.

So bleibt letztlich als Maßstab doch nur das Lesevergnügen – und das hält sich trotz der hyperaffirmativen Bubblegum-Aufbereitung sehr in Grenzen. Alles angerissen, nichts zu Ende gedacht oder gar formuliert. Ey, da kann man ja gleich SPD wählen, wenn man auf völlig rückgebaute Maximalforderungen steht.
Einer der beiliegenden Sticker beziehungsweise die Titelunterzeile bringt es auf den Punkt, „Politik, Sex & Lametta – We want it all“ – es fehlt allerdings der entscheidende Zusatz, der doch sonst implizit aus jedem Artikel entgegenquillt: „Aber natürlich nur solange es überhaupt keine Auswirkungen hat“.

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Katze rechts: Katharina Schmidt

 

 

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