Dienstag, 19.09.2017
Paula Irmschler

Die Schlampe in der Popmusik

Die Jungsband Kraftklub hat letzten Monat eine schön bescheuerte Single veröffentlicht: „Dein Lied“ heißt sie. Ging es um Fans, Freundschaft oder Frauen? Letzteres stimmt. Konkreter: wie scheiße sie eigentlich sind. Frauenhass zum Mitgröhlen, wirklich alle Fans waren in den Kommentaren ganz angetan. Auch weil sie jetzt endlich mal wieder Hure sagen können. Eine Sehnsucht, die man so jetzt nicht unbedingt erahnt hätte. Damit setzen die Chemnitzer allerdings nur eine Tradition von Popsongs fort, in der einfach immer irgendeine Schlampe am eigenen Elend schuld ist. Paula Irmschler nimmt uns mit in die fiesen Gefilde des Slutshamings in der Popmusik.

Hier nochmal für alle, die zu alt für Kraftklub sind. Der Refrain von „Dein Lied“ geht so:

„Du verdammte Hure, das ist dein Lied
Dein Lied ganz allein
Das kannst du all deinen Freunden zeigen
Das, das ist dein Lied
Dein Lied ganz allein
Glaub mir deine Freunde werden blass vor Neid
Du verdammte Hure!“

Dass man nach einer Trennung wütend bis unfair ist, geschenkt. Like, wer kennt. Mit diesem Song allerdings entlarven Kraftklub etwas ganz Anderes. Nicht die zwischenmenschliche Ebene, nicht, was eine Beziehung ausmacht, nicht die individuelle Enttäuschung zwischen zwei (oder mehr) Menschen wird thematisiert, sondern die Frau und ihr Verhalten in Relation zum gesellschaftlichen Anspruch an sie. Die besungene Dame wird nicht als Verräterin einer Liebe gehasst, sondern eben als Frau. Sie ist eine Hure, weil sie mit anderen Männern geschlafen hat. Und Huren, also Frauen, die (vermeintlich) viel Sex haben, sind zu verdammen, auszustoßen, sie verdienen keinen Respekt. Die Hure ist entehrt und nicht mehr rein, denn sie gehört nicht dem oder nicht einem Mann – sie ist also keine gute Frau. Man muss sich bei solchen Projektionen kaum mehr wundern, weswegen Sexarbeiterinnen um ihre Sicherheit bis hin zu ihrem Leben fürchten müssen. Für diesen himmelschreienden Unsinn in dieser Deutlichkeit muss man sich normalerweise peinliche Hip Hop-Songs von Plakatividioten reinfahren. Aber tatsächlich findet sich jene Art von Misogynie, die über Slutshaming läuft, längst nicht nur bei Kraftklub, sondern bei erschreckend vielen anderen Künstlern und Künstlerinnen.

Die Figur der Schlampe (oder Hure, Whore, Nutte, Tramp, Bitch) ist im musikalischen Mainstream eine ständig Wiederkehrende, ja, nicht Wegzudenkende. Oft ist sie verantwortlich für das Scheitern von (heterosexuellen) Zweier-Beziehungen. Egal, wie eine Beziehung verläuft: Am Ende kann man es immer so drehen, dass der Hass auf eine Frau fällt. Die verprellten Boys hassen die einst oder immer noch geliebte Frau dafür, dass sie sie für einen anderen Mann verlassen hat, mit anderen Männern geschlafen hat oder einfach keinen Bock mehr auf den Typen hatte und ihr eigenes Ding gemacht hat. Die verprellten Girls hassen die neue Freundin oder Geliebte, die sie für die Trennung verantwortlich machen. Auf jeden Fall können die Typen niemals etwas dafür. Dem liegt ein ebenfalls projektives, wie unschönes Männerbild zu Grunde: Männer können nicht anders, sie sind animalisch, Gelegenheit macht Sex, sie sind eben so. Das Problem, so scheint es, ist nicht, dass Männer sich auf Sex einlassen, sondern dass Frauen (freiwillig) mitmachen. Aber auch ohne Beziehung oder Trennung geht Frauenhass super von den Lippen. Die Schlampe ist die omnipräsente Bedrohung. Für die eigene Sexualität, für die Sexualität des Partners – oder einfach nur den eigenen Platz in der Gesellschaft und die eigene Identität. Die selbstbestimmte Sexualität der Frau provoziert, weil sie nicht beherrschbar sein möchte.

What goes around comes around – Männer hassen Frauen
2003 wurde ein durchschnittlicher Typ nur dadurch berühmt, dass er in einem mittelmäßigen Song seine Exfreundin als „Hoe“ und „Burnt Bitch“ bezeichnete und sich offenbar viele Leute damit identifizieren konnten. Eamon, eine Art Eric Cartman für noch Ärmere und heute vermutlich Pick-Up-Artist, landete mit dem Song „Fuck It (I Don’t Want You Back)“ in fast jedem europäischen Land auf Platz 1. Was Eamon tut, ist ganz typisch für den männlichen Rache-Song. Erstmal der Frau die Ehre bis das Menschliche absprechen, dann doch irgendwie rumflennen, weil sie einen verletzt hat, aber schließlich in ordentlichem Hass ergehen, ihr das Schlechteste wünschen, nachtreten und sagen, dass sie ganz bestimmt auch nichts Besonderes war. Das erinnert an die Typen, die Frauen auf der Straße belästigen, und sobald sie nicht darauf eingehen, konstatieren, dass sie ja eh hässlich seien. Die Zuneigung solcher Typen muss man sich durch braves Mitspielen verdienen, selbst wenn man das gar nicht will und sich dann ganz doll geehrt fühlen. Solange die Frau dem Typen treu ergeben ist, ist sie eine gute Frau – sobald sie damit aufhört, ist sie eine Schlampe. Ausrangiert und wertlos.

Rumflennen und nochmal schön nachtreten ging auch mit dem Song „Marie“ von Joachim Deutschland gut: „Mein Herz hast du mir gebrochen / Meine Welt war schrecklich leer / Doch jetzt geht’s mir besser ohne dich, Marie / Ganz egal wo du dich rumtreibst / Ich hoff’, es geht dir schlecht! / Schlampe! Drecksau! / Ich hoff’, es geht dir schlecht!“ Der männliche Liebeskummer endet in der Popmusik allzu oft mit der Erkenntnis dass Frauen unehrenhafte Geschöpfe sind. Nur Eminem geht noch einen Schritt weiter und droht ganz direkt mit Gewalt: „Sit down, bitch / You move again I’ll beat the shit out of you“. Und dann gibt es noch Typen wie Bruno Mars und das Klischee der den Mann ausbeutenden Frau – hinterlistig, verdorben, egoistisch: „Well, I’m diggin’ a ditch for this gold diggin’ bitch / Watch out, she’s quick / Look out for a pretty little thing named Natalie! / If you see her tell her I’m coming / She’d better run“. Man mag sich nicht ausdenken, was Mars vorhat, wenn sie nicht rennt …

Put some clothes on – Frauen hassen Frauen
Das gegenseitige Ausspielen von genormten Weiblichkeiten ist ein großes Thema für weibliche Künstlerinnen. Die Liste von slutshamenden Songs von Frauen über Frauen ist erschreckend lang. Kein Wunder, wird Frauen schließlich stets beigebracht, dass sie alles sein müssen und nichts sein können und sich zudem noch in ständiger Konkurrenz zu befinden haben. Das kennt man so noch ganz gut aus der Schule: Die Identitäten liegen bei Schlampe oder Kumpeltyp und haben nichts miteinander zu tun, außer gegenseitigen Hass. Sie grenzen sich im ständigen Kampf voneinander ab und schauen aufeinander herab. Es geht dabei immer um das jeweilige „not that kind of girl“-Sein. Anderssein, Bessersein. Das Finden des perfekten Frauendaseins, das rund um die Frage kreiseln soll: „Was mögen die Männer?“

In der Popmusik bedeutet das, dass allzu viele Songs von Sängerinnen von Typen oder der Abwertung von anderen Frauen handeln. Bestes Beispiel ist der Song „Nasty Girl“ von den Superfeministinnen Destiny’s Child:

„You make it hard for women like me
Who try to have some intergrity
You make it hard for girls like myself
Who respect themselves and have dignity
You nasty girl, you nasty, you trashy
You classless girl, you sleazy, you freaky
Nasty, ya nasty, freaky, ya freaky
Girl where’s your pride, put some clothes on
Nasty put some clothes on, I told ya
Don’t walk out your house without no clothes on, I told ya
Girl what ya thinkin’ bout lookin’ that to’ down, I told ya
These men don’t want no hot female
that’s been around the block female, you nasty girl“

Was Männer (angeblich) wollen, wird auf dem gleichen Album beschworen, auf dem sich auch die Empowerment-Hymne „Independent Women“ befindet. Das Spiel „gute Frau gegen schlechte Frau“ spielen auch die reflektiertesten, sich als Feministinnen bezeichnende Künstlerinnen allzu gern mit. P!NK grenzt sich in ähnlicher Manier wie Destiny’s Child von „Stupid Girls“ ab (und wieder geht es um Männer: „Мaybe if I act like that / that guy will call me back“). Kate Nash bezeichnet in „We Get On“ die Angebetete ihres Crushs als „Tramp“ und Carrie Underwood tut es ihr gleich in „Вefore He Cheats“ („Right now, he’s probably slow dancing / With a bleached-blond tramp“). Auch bei Taylor Swift geht es nicht ohne: „She’s better know for the things that she does on the mattres“(„Вetter Than Revenge“). Auf die Spitze trieb es 2007 SoKo mit ihrem Radio-Hitchen „I’ll Kill Her“.

„You were dating the bleach blond girl
If I find her I swear, I swear
I’ll kill her
I’ll kill her
She stole my future
She broke my dream
She’s a bitch, you know
All she’s got is blondness
Not even tenderness
Yeah, she’s clever-less“

Die Liste von Songs über Girl-on-Girl-Hate im Pop könnte man unendlich fortsetzen. Doch es gibt auch Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Break-Up-Songs. Während Männer sich hauptsächlich in Rachefantasien ergehen, gibt es sehr viele Songs von Frauen, die davon handeln, wie geil es jetzt ohne den Arsch ist. Ohne den Arsch oder seine miesen Taten zu benennen. Ohne den Arsch auf seine Sexualität zu reduzieren. Ohne den Arsch als entehrt, würdelos, unmenschlich wahrzunehmen. Ohne Bedrohung. Befreiung, Empowerment, Selbstfindung, auch um so etwas geht es – oder das Einräumen von Enttäuschung, dem Benennen von Schmerz, etwas, das männlichen Trennungssongs fast vollständig abzugehen scheint. „Since You Been Gone“ von Kelly Clarkson ist so ein Song, „Torn“ von Natalie Imbruglia (original von Ednaswap), „So What“ von P!NK, „Smile“ von Lily Allen oder „Best Thing I Never Had“ und „Sorry“ von Beyoncé.

Die Drohung von Frauen nach Trennungen lautet: Es wird mir besser gehen ohne Dich. Die Drohung von Männern: Ich mache Dich fertig, du Schlampe. Die Schlampe sind wir alle. Sobald wir den Pfad der ehrbaren Frau verlassen – und diese „Gefahr“ lauert immer, wenn wir uns nicht fügen. Sexarbeiterinnnen, Frauen, die gern Sex haben, Frauen die überhaupt Sex haben, Frauen, die nicht monogam leben wollen, Frauen, die sich die Rechte raus nehmen, die sich Männer raus nehmen. Hinter dem besungenen Feindbild „Schlampe“ verbirgt sich nichts anderes als der Hass auf Frauen. Damit müssen wir uns alle auseinandersetzen.

Was Christina sagt:

„If you look back in history it’s a common double standard of society
The guy gets all the glory the more he can score
While the girl can do the same and yet you call her a whore
I don’t understand why it’s okay,
The guy can get away with it the girl gets named
All my ladies come together and make it change
And start a new beginning for us, everybody sang 

This is for my girls all around the world
Who have come across a man that don’t respect your worth
Thinkin’ all women should be seen not heard
So what do we do girls, shout louder“
(Christina Aguilera feat. Lil’ Kim – „Can’t Hold Us Down“)

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