Dienstag, 17.10.2017
Essay

Journalismus hat viele Probleme, eines der größten ist sein Personal

Der Terminus „Wir Journalisten“ ist hinfällig – und warum die aktuelle Debatte ums Establishment nervt.
Ein Essay von Bianca Xenia Jankovska.

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Als die Bürger*innen der Vereinigten Staaten am 8. November Donald Trump zum Präsident wählten, war die Aufregung groß – nicht nur seitens der Zuseher*innen in europäischen Wohnzimmern. Auch die ferner als vierte Gewalt bekannte Journo-Garde sah sich zu allerlei reumütigen Artikeln und Statements berufen, die in den meisten Fällen so peinlich wie folgt klangen:

„Wir Journalistinnen und Journalisten hätten Trump nicht lächerlich machen dürfen.“ [Ach, wirklich?]

„Wir müssen die Sorgen und Ängste der Bürger ernst nehmen und dürfen uns nicht ironisch von ihnen differenzieren.“

Und, das vielleicht Schlimmste:

„Wir Journalisten sind Teil des Establishments geworden.“

Es folgten: Schadensbegrenzende Artikel, die erklärten, wie man Journalismus künftig transparenter und authentischer machen könne, um den Vormarsch der Rechten zu verhindern. Beiträge, in denen elitäre Kollegen 50+ darüber schwadronierten („Es muss irgendwann Anfang der achtziger Jahre gewesen sein“), wie es war, als man noch ehrfürchtig recherchierte und mit Leuten Kaffee trank, für umme  (also: vom Verlag finanziert) nach Südafrika flog und nicht einfach irgendetwas von der DPA abschrieb – in der Hoffnung, keine Nachfragen am Telefon stellen zu müssen.

Wer oder was ist eigentlich Elite?
Im Duden ist „Elite“ beschrieben als: „Eine Auslese darstellende Gruppe von Menschen mit besonderer Befähigung, besonderen Qualitäten; die Führenden, Besten; Führungsschicht“.
Was am Generalverdacht („Journalist*innen sind Schuld an allem!“) besonders stört, sind zwei Dinge. Erstens das Pauschalurteil. Es gibt weder „Die Journalist*innen“ noch gibt es „die Medien“. Ein Missy-Magazine hat einen vollkommen anderen Anspruch als eine boulevardeske Tageszeitung. Während die Gründer*innen kleinerer Magazine nicht alleine von ihrer Arbeit leben können, verdienen festangestellte Print-Journalisten bis zu 150 Prozent mehr als ihre idealistischen Kolleg*innen.
Zweitens wurden viele der beschwichtigenden Analysen zu Trumps-Wahlsieg ausgerechnet aus Position derjeniger heraus verfasst, die sich seit Jahrzehnten in ihren bequemen Chefsesseln eingerichtet hatten und selbst kein bis wenig Verständnis für die Belange von Frauen, Arbeitslosen, Armen, Migrant*innen oder anderweitig Marginalisierten zeigten. Und ausgerechnet die wollen jetzt plötzlich Journalist*innen, die sich um eine vielschichte Berichterstattung bemühen, ohne ihre Protagonist*innen bloßzustellen, mitmeinen? Schuldig sprechen? Nein danke.
Viele Journalist*innen verrichten den Dienst nach Vorschrift, sofern sie nicht Reporter sind, vom Schreibtisch aus und sind somit nicht besser oder schlechter als andere Beamte auch – aktuell nur eben leider ohne die finanzielle und berufliche Sicherheit, die der Job noch vor wenigen Jahren mit sich brachte. Vom Prestige gar nicht erst zu sprechen. Kurz: Der Journalismus kämpft nicht nur mit dem Problem der Glaubwürdigkeit, sondern auch mit dem Problem des Personals. Vielleicht, man mag noch darüber munkeln, hängt beides irgendwie zusammen?

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„Die unteren Milieus – Arbeitslose, Arme, Abgehängte – sind kein Zoo, in dem wir als Journalisten uns mal an einem Sonntagnachmittag umschauen“ (Anne Fromm)

Bilder, die vom „faulen Hartz4-Empfänger“ in vielen Medien transportiert werden (Stichwort: “Raus aus den Schulden”, “Schwiegertochter gesucht”, diverse Talkshowformate) wirken. Sebastian Dörfler und Julia Fritzsche haben einen ausführlichen Beitrag zum Thema: „Warum unsere Gesellschaft die Armen verachtet“ gestaltet, in dem sie die Bilder von Menschengruppen, die angeblich dem hart arbeitenden deutschen Steuerzahler auf der Tasche liegen, dekonstruieren.
Bitternötig, denn es gibt sie immer noch: Journalist*innen, die von einer scheinbaren Überlegenheitsposition über sogenannte Minderheiten schreiben und sich dabei über sie erheben. Typisches Beispiel: Untätowierte Journalistin schießt sich auf Geschichten über Tattoos und Narben ein („hihi, voll ekelig!“) und hofft in einem Zentrum für Laserbehandlungen auf „richtig schöne Arschgeweihe“ zu treffen. Für die Fotos! Der Beitrag schreibt sich quasi von selbst!
Die schlecht Tätowierten, so steht es dann in dem Artikel, wären „naiv gewesen“ und würden es heute bereuen. Sagt wer? Dass die Schreibende vom Prozess des Tätowierens und der Tattoo-Szene ungefähr so viel Ahnung hat wie Dieter Bohlen von Elektroswing, merkt man den geschilderten Eindrücken natürlich an.
Ähnlich ärgerlich sind pseudoeinfühlsame Artikel, in denen man auch mal mit den „sozial Schwächeren“ spricht, sie zu Wort kommen lässt. Wenn sie doch noch Abitur machen, zum Beispiel – und das nicht auf der Sonderschule. Applaus, Applaus! Wir alle kennen diese Berichte mit Fotos – sogenannte Nahaufnahmen aus den unteren Milieus – die nur so vor Einseitigkeit strotzen. Nein, sich am Leid anderer zu ergötzen gilt nicht als „journalistisches Interesse“, gilt nicht als Ergründung anderer Lebensumstände. Aber woher kommt das? Dieses soziale Unvermögen, diese Ignoranz anderen gegenüber?

„Wir Journalisten haben bei dieser Entwicklung zu oft zugeschaut bla bla bla“
Die Journalistin Marianna Deinyan hat etwas sehr Interessantes über die Branche geschrieben: „So sitzen vor allem in Print-Redaktionen doch oft brave und oft etwas blasse Mittelschichts-Buben und Deutsch-LK-Mädels aus der Kleinstadt.“ Und das merkt man nicht nur an den Artikeln, wenn man sich einmal in einer Redaktion umgesehen hat. Wie viele Menschen haben dort schon einmal einen Antrag auf Arbeitslosengeld ausgefüllt? Wie viele Mitglieder der Redaktion haben Migrationshintergrund, sind People of Colour? Wie viele alleinerziehene Elternteile gibt es?
Das Ergebnis spiegelt sich in den journalistisch wiedergegebenen Lebensrealitäten wider. Es ist genau dieser weiße Mittelklasse Journalismus, der viele ankotzt. Es geht immer um dieselben Dinge: Das Gründen von Start-Ups, erfolgreiche Mamas und Papas, Design-Klassiker, auf die man 2017 unbedingt ein Auge haben sollte. Urlaube.
An der TU Dortmund wurde im Sommer 2015 eine Studie zu Berufsperspektiven junger Journalisten mit Migrationshintergrund veröffentlicht. Zum Zeitpunkt der Untersuchung lag der Anteil an ausländischen Journalisten laut Marianna Deinyan in Deutschland bei vier bis fünf Prozent. Zum Vergleich: Innerhalb der gesamten deutschen Bevölkerung haben 19,5 Prozent der Bürger einen Migrationshintergrund. An Unis und Fachhochschulen kamen 2012 etwa 60 Prozent der Studierenden aus einem Akademikerhaushalt.

Eintritt in die „Journo-Elite“ wird also vor allem jenen gewährt, die sich durch fünfjährige Studien quälen und am Ende auch noch dankbar für ein mit 1100 Euro vergütetes zweijähriges Ausbeute-Volontariat sind. Unterstützt werden sie nicht nur durch Stipendien, sondern auch durch zahlungswillige Eltern. Die Elite bildet sich dort, wo harte Zulassungsverfahren die angebliche Spreu vom Weizen trennen. Daraus entstehen Netzwerke, die für selbstgelernte Journalist*innen weder zu greifen, noch einzunehmen sind. Man „kennt sich“ untereinander und schanzt sich gegenseitig Jobs zu, von denen Außenstehende gar nicht erst erfahren.

„Recherche reicht nicht, den Blickwinkel der Berichterstatter wieder zu weiten. Der Journalismus verändert sich erst, wenn sich seine MacherInnen verändern.“ (Anne Fromm)

Bevor die „Elite des Journalismus“ also wieder darüber lamentiert, was „wir denn nicht alles falsch gemacht hätten“, sollte sie lieber einen Blick in die eigene Personalagenda werfen. Wer ist gegangen, wer geblieben? Und warum? Wer unter einer Horde Akademiker-Kinder sitzt (Erkennt man auch an Sätzen wie: „Wenn bei meinen Eltern früher Journalistenkollegen zu Besuch kamen“), die den Habitus ihrer Väter erfolgreich verinnerlicht haben, wird kaum dazu fähig sein, innovativen und vielfältigen Journalismus zu machen. Weil für viele Themen, die die „Outsider“ beschäftigen, erst gar kein Verständnis herrscht. Wer trotzdem im Betrieb bleibt, kann sich auf einen schwierigen Aufstieg gefasst machen, der mit Hierarchien, Hinterlist, Regeln und Verboten gepflastert sein wird.
All diese Dinge – die elitäre Abgrenzung zu scheinbar niederen Milieus, die ihren Ursprung irgendwann in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts nahm und heute nichts mehr mit der Gegenwart der Online-Soldaten zu tun hat; die nicht vorhandene Selbstkritik gepaart mit der naiven Vorstellung, man könne von „da oben“ über „die da unten“ schreiben – hat letztlich mit Hilfe einer grotesken Personalpolitik dazu geführt, dass so viele Menschen, ja gar Journalist*innen selbst, ein Problem mit den knallhart ökonomisch agierenden Mainstream-Medien haben.
Dass Journalist*innen in Zeiten von Arbeitslosigkeit, Krise und den Herausforderungen der Flüchtlingssituation als besonders unsympathisch wahrgenommen werden, liegt nicht ausschließlich daran, dass sie angeblich nicht ihre Arbeit tun (reflektieren, schreiben, recherchieren, redigieren, diskutieren). Es geht eher darum, wie sie diese zum Teil tun.

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Goldgrube Journalismus
Es gibt, so sehe ich das und so schreibt es auch Anne Fromm in der taz, „dieses diffuse Misstrauen, was einem als Journalistin heute immer wieder entgegen schlägt, sei es auf Familienfeiern, im Bekanntenkreis oder von Wildfremden: Ihr steckt doch alle mit den Mächtigen unter einer Decke.“ Nur sind Journalist*innen eben nicht gleich Journalist*innen. Diese Komplexität wird in der Debatte bislang weitestgehend ausgeblendet, wenn man von „den Medien“ und „den Journalist*innen“ spricht, statt sich die besagten Personen einmal genauer anzusehen. Gerade die Lebensrealität vieler Jung-Journalist*innen sieht anders aus, als es so manch einem Kritiker dünkt.
Ich kenne persönlich niemanden, der mit „den Mächtigen“ am Tisch sitzt und dann das aufschreibt, was Politiker wollen. Niemanden, der ernsthaft journalistisch tätig ist (Influencer zählen nicht) und gleichzeitig auf die Hochzeitsfeiern von Prominenten eingeladen ist. Liebe Elite, wann bekomme ich endlich meine Einladung?
Noch ein Beispiel: Der Redaktionsleiter eines kleinen Monatsmagazins verdient im Monat 1300 Euro netto. Goldgrube Journalismus? Finanzierung der Villa in Blankenese? Das wird sich heute kein Einsteiger mehr leisten können. Nicht heute und auch nicht in der Zukunft, viele Journalist*innen kämpfen mit Burnout und Geldern, die nicht fürs Leben reichen. Die Arbeitsbedingungen offen zu legen, könnte bereits ein erster wichtiger Schritt zu mehr Verständnis gegenüber schreibend tätigen Menschen sein.
Ansonsten bleibt nur ein radikaler Personalwechsel, der endlich diejenigen an die Schreibtische holt, die mehr gesehen haben als das elterliche Landhaus am Bodensee.
Bis dahin betreiben sie – sowohl auf linker als auch rechter Seite – ihre Systemkritik aus dem Untergrund. Die Auswirkungen dieser Entwicklung sehen wir spätestens beim Ergebnis der Bundestagswahl.

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