Mittwoch, 22.11.2017
Linus Volkmann

Wie „Listening Sessions“ den Musikjournalismus ruinierten

Um diesem desolaten „Phänomen“ Listening Sessions so richtig den Deckel auf sein untotes Haupt zu hauen, sollte natürlich erstmal geklärt werden: Was ist das eigentlich… Eine Listening Session?

Listening Session
Unter einer solchen versteht sich im Musikbetrieb, dass einem Journalisten eine noch nicht erschienene Platte vorgespielt wird – auf dass er darüber berichten möge, oder am besten gleich den dazugehörigen Künstler (im Nebenraum wartend) interviewen möge. Was auf den ersten Blick praktisch klingen mag, ist in Wahrheit natürlich kaum weniger als die Abschaffung fundierter Kritik.
Denn einmalige in irgendwelchen Plattenfirmenkonferenzräumen und unter Aufsicht vor- beziehungsweise angespielte Songs zu hören, das liefert kaum die Grundlage, sich ernsthaft mit der Qualität eines Albums auseinanderzusetzen. Aber – und das ist das Perfide – darum geht es auch gar nicht. Das Plattenhören ist zur reinen Pflichtschuldigkeit verlottert, denn da Musikmedien und Musikindustrie (Krise, Krise!) ohnehin so hart zusammenhalten müssen, versteht sich das Gefallen doch von selbst. Wer muss sich da noch zeitintensiv oder gar kritisch mit einer Platte auseinandersetzen? Eben.
Wie konnte es soweit kommen?

Listening Session – das Monster aus dem Sumpf wird geboren
Es handelt sich hierbei um ein junges Phänomen. Auch wenn sicherlich auch zu Zeiten von Elvis Presley schon offizielles Vorspielen stattfand (damals vermutlich Radio-DJs), gelangte die Praktik erst Anfang dieses Jahrtausends zu voller Blüte. Auslöser war die technische Entwicklung, die es den Konsumenten ermöglichte, CDs einfach zu vervielfältigen, also zu brennen – oder sie am besten gleich auf Filesharing-Börsen ins Internet zu stellen, damit weltweit jeder darauf Zugriff nehmen konnte. Bekannt, bekannt. Eine Branche kam unter die Räder der neuen Zeit und ihrer alten Überheblichkeit. Die Ware Musik, vor allem die Ware CD besaß plötzlich nicht mehr den horrenden Geldwert, den man dafür noch zehn Jahre zuvor ungestraft aufrufen konnte. Sobald die Musik vorab „leakte“, fand sie sich in einem unkontrollierbaren Raum wieder. Urheberrechte und das Recht auf dicke Gewinn-Margen der großen Plattenfirmen schienen in der anarchischen Euphorie des WorldWideWeb von einem zum anderen Jahr völlig weggeschwemmt worden zu sein.
Als Antwort setzte man – neben Klagewellen gegen Hacker, Schnorrer und die eigenen Fans – auf die Listening Session. Das notwendige Übel (also der Journalist) erhielt so nun also keine Vorab-CD mehr sondern sein eigenes notwendiges Übel: Die Einladung zur Listening Session. Oft nicht nur mit logistischem Aufwand sondern auch mit Genervtheit an allen Fronten verbunden, die sich plötzlich aufwändig synchronisieren mussten.

Listening Session – meine schlimmste
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Als Anfang der Nuller die Band DAF („Der Musolini“) eine Comeback-Platte aufstellte („15 neue DAF-Lieder“), jagte eine Gänsehaut die nächste bei ihrer Plattenfirma. Die Gründe waren zwei: Stumpfe Nostalgie! Download-Angst!
Daher wurden Journalisten zur Listening Session geladen. Und zwar zur Höchststrafen-Listening-Session: Nicht nur im Beisein eines gelangweilten Promoters ein Album zu hören, nein, in Anwesenheit der Künstler. Dagegen produziert, mit heraushängendem Glied beziehungsweise Busen eine Rede vor den Vereinten Nationen zu halten, weit weniger Scham. Unablässig taxiert von Gabi Delgado merkte ich, wie lang eine Stunde wirklich sein kann… und wie unangenehm.
Die Platte war, soweit man das in dieser Extremsituation final beurteilen konnte, natürlich auch noch grottenschlecht. Aber selbstverständlich wollten die Künstler dann noch reihum wissen, „wie man es denn fand“. Nun, wenn an Weihnachten die kleine Nichte total scheiße unterm Baum „Stille Nacht“ geflötet hat, will man der ja auch nicht die ungeschönte Wahrheit sagen. Aber die hat wenigstens die soziale Kompetenz auch nicht danach zu fragen.

Listening Session – Das hat Casper jetzt davon
Die letzte Casper-Platte „Hinterland“ hatte ich auch im Empire seines Managements vorgespielt bekommen – unter Aufsicht. Ich schrieb damals eine Review dazu, um zu pointieren, wie sinnlos dieses ganze Prozedere ist. Abgedruckt wurde sie damals aber nicht. Schade eigentlich… Aber für Kaput sei ihre Publikmachung nun nachgeholt. Viel Spaß:

Casper
“Hintermann”
Metro Goldwyn Meyer / Rap-O-Rama / Import
Auf den 5 (oder waren es 21?) Tracks präsentiert uns der Rapper (?) einiges an Neuerungen. Die Produktion übernahm zum Beispiel hier dieser eine von der Band, ich komm gleich drauf, so’n komischer längerer englischer Name… We Butter The Bread With Butter! Nee, doch nicht. Ah! Jetzt habe ich es, Get Here Soon! Da der Sänger – vermutlich, der Schlagzeuger würds nicht gewesen sein, das hätte man sich gemerkt. Textlich dreht sich dabei in jedem Fall alles um einen blinden Jungen, der Flipper spielt. Oder war das “Tommy” von Pink Floyd? Ach ich weiß wieder, es geht darum dass im hintersten Amerika ein Vergnügungspark errichtet wurde, bei dem aus in einem Moskito konservierter DNA Saurier geklont werden. Die dann aber Amok laufen. Von all diesen Alltagssorgen rappt Casper in großer Präzision. Man darf gespannt sein. Viel Spaß!

 

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