Dienstag, 22.08.2017
Linus Volkmann

Lust auf greise Jugendsprache? Willkommen bei bento!

Was unserem Kaput-Redakteur des Ressorts Sprachkritik da vor den Wagen lief, stellte sich schon beim Aufprall als extrem dicker Fisch dar. Es handelte sich um einen Artikel über österreichische Popmusik auf dem neuen Portal des Spiegels: bento.de. Eine Plattform, auf die jüngere Leute gelockt werden sollen. Diesen Move kennen sicher viele noch vom Hexenhaus bei Hänsel & Gretel. Als Köder funktionieren dabei allerdings keine Pfefferkuchen sondern greise Jugendsprachen-Travestie und ein Wanda-Diss… Eine Kolumne von Linus Volkmann

Abenteuer Jugendsprache. Es muss kurz nach dem Moment gewesen sein, als der generationsübergreifend unbekannte Begriff „Smombie“ zum Jugendwort des Jahres annonciert wurde. Bei der hoch verdichteten Schriftstellerin Stefanie Sargnagel aus Wien stieß ich auf einen Artikel-Link, er stammte von bento.de. Bento, das ist jene erst letzten Monat gelaunchte High-Profile-Seite, mit der die alte Dame Spiegel Online spürbar eine jüngere Zielgruppe zu erreichen sucht. Dementsprechend krass und verhaltensauffällig ist auch die dort angebotene Lingo, wobei der freshe Ton oft verdächtig wack klingt… So als würden bittere Journos als Strafarbeit schreiben müssen wie lobotomierte Youtube-Stars. Also zumindest wie sie sich 1 lobotomierten Youtubestar vorstellen wohlgemerkt.
Ich mag das ja. Also wenn in fremden Zungen geschrieben wird, aber man es irgendwie nicht so richtig hinbekommt. An den Brüchen lässt sich oft mehr ablesen, als wenn jemand tatsächlich drauf hat, ihm ferne Slangs zu adaptieren.

Willkommen bei bento
Eine Seite, die mich an meine Schulzeit erinnert, wo der eine Lehrer auch gern Worte wie „geil“ und „cool“ einstreute, weil er sich – träum weiter – mit uns auf einer „Wellenlänge“ wähnte. Keine Ahnung, ob er hinter dieser wenig trickreichen linguistischen Affirmation nicht schon ahnte, was wirklich Phase war. Nämlich dass wir ihm kein Wort abkauften und ihn aufgrund dieses Gequatsches für noch lahmer hielten als den hundertjährigen Geschichtslehrer, der im Krieg Panzerfahrer war.

Musikjournalismus als Männerjournalismus
Sargnagel (von Facebook zu dem Namen Sprengnagel genötigt) verlinkte also diesen Artikel mit dem Titel “Musik aus Österreich kann so viel mehr als Wanda” bei bento.de. Das tat sie allerdings gar nicht, um Sprachkritik zu üben, sondern sie verwies zu Recht auf Folgendes:

sarg

In der Vorschlagsliste befinden sich nur Männerbands (und wenn zur Verteidigung vorgebracht wird, dass bei einer genannten Gruppe eine Frau aber doch Geige spielt, muss der kleine Jesus weinen). Wo käme man gerade auch beim Kompanie-Trottel Musikjournalismus hin, wenn hier auf Geschlechterverhältnisse geschaut werden würde? Gestern, heute, morgen, es bleibt den Verfassern egal. Es geht halt nicht, ihr Gutmenschennazis! Naturgesetz! Da kann keiner was für! Die Beatles hatten nun mal auch keine Scheiden. No homo!
Doch es ist nicht nur die gliedhafte Freude allein darüber, dass Austropop wieder nur über lauter Typen kommuniziert wird, nein, der Artikel hat noch so viel mehr zu bieten. Also ranzoomen!
(Als Verfasser fungieren dabei die “Blogrebellen“, er stammt also nicht aus der bento-Redaktion in Hamburg selbst. Hui, Rebellen! Okay, das bedeutet natürlich einfach: Franchise-Content von einem dieser Post-Hipster Berliner Blogläden. hashtag #Meme-Haufen, -#Zustimmungsmaschinen, #Feel-Good-Generatoren…)

Keine Ehre aber WLAN
Erstmal dieser erfrischend ehrlose (wie in diesem Fall allerdings auch auffällig lieblose) Kniff, einfach ein populäres Phänomen zu dissen, um dadurch einen vermeintlich relevanten Aufhänger für seinen eigenen marginalen Kram zu schaffen. „Der Text traut sich was! Er pisst gegen was, was andere gerade feiern? Er ist so voll krass!“
Mir ist dieses Prinzip vertraut, auf ähnlich schändliche Weise generiere ich Klicks für mein Clip-Format „Kurzer Prozess“. So geht es also schon mal los. Und, oh, gegen Wanda. Da traut man sich wirklich was. Nur wenige Monate nach dem Riesenerfolg von Wolfgang Zechners Hate-Schrift „Eine Fischvergiftung namens Wanda“.
Aber egal, wir jungen Leute von der bento-Zielgruppe nehmen‘s sportlich und senden ein paar Matussek-Smileys für den Mut, mit etwas so Scheintotem wie einem Wanda-Diss in seinen Artikel einzusteigen. Jetzt aber mal ins Detail…

saa

  • „Schamlos“
    Und weiter geht die wilde Fahrt: „Schamlos“? Auch ein ziemlicher Zombie dieses Wort, aber gut, wenn jemand moralisch aufgeladene Sprache wieder zurück ins Game bounct. Y not?
  • “Falco und die Doors”
    Vielleicht das ganz große Highlight… dieser Bezug auf Falco und die Doors. So scheint der Referenzkosmos nun doch selbst für meine Eltern zu abgehängt. Schade, dass Oma und Opa schon im Himmel sind, vielleicht hielten die Doors-Vergleiche für endfresh.
  • “Der heiße Scheiß”
    Hallo Fans und Bücherwürmer, hier wird aus dem „Lexikon der Jugendsprache 1992“ zitiert! Zieht euch den heißen Scheiß rein und geht nachher mal den „Jürgen würgen“ (Das bedeutet soviel wie Toilettenbenutzung, nach „Lexikon der Jugendsprache 1992“, Langenscheidt)
  • “beileibe”
    siehe „Feuerzangenbowle“
  • “Alpenrepublik”
    Sorry Österreich! So klingt‘s halt, wenn Frühvergreiste lebendig schreiben möchten und dafür nur den abgeschmacktesten Grind in der Synonymhölle zusammenkratzen. Stück ma’n Rück zum Bleistift!
  • „Wir laden euch auf eine Entdeckungsreise durch Stile und Epochen ein.“
    Vergleiche auch: „Das langweiligste Museum der Welt öffnet jetzt seine Pforten.“

sargjStuhlparade
Ja, ja, Du bist immer nur dagegen, mach doch mal bessere Vorschläge.
Gar nicht so leicht. Also nicht falsch verstehen, eine geilere Liste mit Musik aus Österreich (a.k.a. „Alpenrepublik“, Quelle: bento) zusammenzustellen, gelänge vermutlich jedem beim Händewaschen.
Aber Musikjournalismus ist – wie oben erwähnt – eh schon so eine chauvinistische Stuhlparade. Da fände ich es selbst eher ungeil jetzt superschlau aufzufächern, welches die besseren Acts sind. hashtag #Meine_Charts_sind_geiler_als_deine_Charts. Nein, danke. So schlimm ist der bento-Artikel ohnehin nicht – also von der musikalischen Zusammenstellung, der Sprache und dem Duktus mal abgesehen.
Ich habe mich amüsiert und die Seite gebookmarkt. Da ist so viel für einen drin – und sei es nur Häme. Immerhin!

PS: Okay, ohne einen Song aus Ö lasse ich den Artikel trotzdem nicht abdanken. pop:sch sind beste!

Verlagssitz
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop Aquinostrasse 1 | Zweites Hinterhaus, 50670 Köln | Germany
Team
Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
Autoren, Fotografen, Kontakt
Advertising
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop
marketing@kaput-mag.com
Impressum – Legal Disclosure
Urheberrecht /
Inhaltliche Verantwortung / Rechtswirksamkeit
Kaput
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop ist eine Publikation des Verlagshauses Kaput.