Dienstag, 28.03.2017
Linus Volkmann

Popjournalismus als Männersprache – Dieser Schnipo-Schranke-Text in der FAZ

Dass über Musikerinnen anders berichtet wird als über Musiker, ist business as usual im Popbetrieb. Eine Band, die aus Frauen besteht, darf sich in jedem Fall auf signifikant mehr Bewertungen ihres Äußeren und ihrer grundsätzlichen Kompetenz an den Instrumenten freuen als eine voller Typen. Zudem wurde in einer Art zurückgebliebenem Gentlemans Agreement irgendwann wohl auch mal beschlossen, dass das Geschlecht einer weiblichen Band immer wieder Thema zu sein hat. Unablässig. So will es der (zumeist männliche) Gralshüter in der Popjournaille.

Ach, und man will ja Verständnis mit ihm und seinem Schicksal haben. Lange Zeit hat er bleich in seinem Kämmerlein gesessen und die Indie-Charts angeglotzt. Während ihm draußen die Altersgenossen körperliche Ertüchtigung, Sex und ein okayes Leben voraus hatten. Dies alles benötigt der Musikjourno allerdings nicht. Er hat stattdessen ja Wichsen und Vinyl – und diese gesunde Gesichtsfarbe von Nosferatu.
In einer Schnipo-Schranke-Konzertnachberichterstattung aus dem Feuilleton der FAZ lässt sich dabei prototypisch ablesen, wie die damit einhergehenden Mechanismen wirken. Im Hirn des männlichen Rezensenten genau wie im Text dann selbst.

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01 „Frauenduo“
Ganz zentral: Die Frau in der Musik als Abweichung zu sehen und zu beschreiben. Man stelle sich dagegen mal folgenden Satz vor: „Die Pet Shop Boys sind ein Männerduo aus London“. Kein Redakteur bei Verstand würde so etwas über den Schreibtisch lassen – außer es handelt sich um ein „Frauenduo“, dann muss dieser Zoo-Moment natürlich auch gebührend Erwähnung finden.

02 „Charlotte Roche“
Die Band wunderte sich bereits früh, wie grotesk verengt sich der Referenzrahmen, den man ihnen zugestand, ausmachte. Frauen und Körper? „Ha, Charlotte Roche! genialer Übertrag mal wieder von mir!“ So samenergoss es sich in jedem Text landauf landab. Die Autorin Stefanie Sargnagel sieht sich der gleichen One-Thought-Zuschreibung ausgesetzt – und rätselt gleichermaßen, warum es der Rezensentenschaft nicht möglich ist, eine Künstlerin mit jemand anderem als einer Frau zu vergleichen. Vom Werk her Naheliegenderes wie das Heinz Strunk Buch der peinlichen Körperfunktionen („Fleckenteufel“) fällt nie in den „interessanten“ Betrachtung zu Sargnagel oder Schnipo Schranke.

03 „klimpern“
Frauen klimpern, Männer spielen. Das Verb ist eine bewusste Diminution, es klimpert wie der alberne Schmuck, den Damen so tragen – und es stärkt weiter den Subtext des ganzen Artikels, hier habe man es mit einem nicht satisfaktionsfähigen Act zu tun. Einem, der dem geschmäcklerisch erprobten Musikjournalisten nicht genügen kann. Will der Kulturautor doch stets, dass der Genius seines Sujets auch auf ihn abfärbt – und da von einem „Frauenduo“ per se kaum Distinktion auszugehen scheint, kann gönnerhaft drüber weg gefaselt werden.

04 „nicht mithalten“
Eine weitere, selbstverständlich strikt gegenderte Referenz kann hinsichtlich der Musik aufgefahren werden. Alle Achtung! Im für die Band zur Verfügung stehenden Verweisrahmen (lies: im Knast der Frauenbands) bekommen sie lapidar die Lassie Singers vorgeworfen. Na, wenn das nichts ist!

05 „dilettantisch“
Im letzten Abschnitt verlässt den Autoren die Lust an der Paraphrase, und er schreibt endlich das Wort zu diesem einzigen, ihn (und uns) ohnehin schon spaltenlang quälenden Gedanken: „Dilettantisch!“ Immerhin ehrlich. Wenn auch total doof natürlich. Der seltsam holprige Groove bei „Störenfried“ (falls das mit „Leierkasten“ gemeint sein sollte) stellt in dem Song eine genialische (ja, dieses Attribut kann man auch vergeben, ohne dass Bob Dylan u.ä. vorkommen) Verbindung von inhaltlicher und musikalischer Ebene dar. Wie der besungene Störenfried verhält sich auch der versetzte Rhythmus, er unterbindet eine einfache Zugänglichkeit. Unnötig zu erwähnen, wie viel schwieriger diese „falsche“ Rhythmik zu spielen ist. Denn dass dieses „Frauenduo“ musikalisch nicht für voll genommen wird, hat diese Review in ihrer texteigenen Echokammer unmissverständlich klar gemacht.

06 „Fritzi Ernsts Mann“
Ohne sachliche Fehler geht’s natürlich auch nicht, wenn man aufs Sujet letztlich pfeift. Ente Schulz ist verheiratet mit Daniela Reis. „Na, gut, dann halt mit der anderen Alten eben, whatever. Fuck, warum durfte ich letztens nicht über 50 Jahre ‘Revolver’ von den Beatles schreiben, oder wenigstens etwas zu Sufjan Stevens oder zur Tocotronic?!“

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