Samstag, 18.11.2017
Wenn Frauen schreiben

“Soll da nicht mal ein Mann drüber gucken?” und die Gerüchte vom Hochbumsen

»Mach doch was mit Schreiben und Humor«, sagten sie, »du schreibst doch so schön und bist so lustig«, sagten sie. Typisch meine Mutter halt. Da ich nichts anderes kann, dachte ich mir »Ja mei, na gut«, und so kam es dann. Man kann ja heute als Frau fast alles werden.
Paula Irmschler schreibt bei kaput darüber, wie es so läuft als hochgebumste Quotenfeministin im Printjournalismus mit Pophintergrund.

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Illu: Paula Irmschler

Es ist das 21. Jahrhundert und längst nicht mehr so wie in der Zeit, in der zum Beispiel die mit Klischees beladene ZDF-Serie »Zarah – Wilde Jahre« spielt. Mit der habe ich mich zuletzt vom Schreiben abgehalten, sie handelt von einer weiblichen Journalistin und zeigt einem die schrecklichen Siebziger, in der deutsche Frauen noch nicht abtreiben durften, Vergewaltigungen in der Ehe noch erlaubt waren und sich beständig Mythen über Hysterie und Menstruation hielten, sowie Männer gefühlt für immer auf Chefredaktionsstühlen. Die Protagonistin der Serie muss sich mit richtig fiesen Chauvischweinen auseinandersetzen und immer wieder misogyn beleidigen und ausschließen lassen. Ich muss das heute nur manchmal, immerhin, was soll man sich also aufregen?

Männer in Redaktionen
Männer in Redaktionen haben mich oft eher unterstützt, als mir Steine in den Weg gelegt. Aber es waren eben vor allem auch Männer, weil noch immer vor allem Männer an den journalistischen Reglern sitzen. Was längst in jeder Branche normal ist – Netzwerken, Kontakte knüpfen, sich gegenseitig empfehlen – bekomme ich aber immer wieder sexistisch aufs Brot geschmiert: »Der ist wohl dein Mentor, mh?«, »Voll gut, dass der dich entdeckt hat«, »Habt ihr etwa was miteinander, dass der dir so hilft?« – ganz als wären weibliche Autorinnen passive Wesen, die nur darauf warten müssen, von einem Prinzen wach geküsst zu werden, das auch nur, wenn sie dem Retter auch noch auf bestimmte Weise nahe stehen, und dann, Dank der Gutmütigkeit des edlen Ritters, die Feder schwingen dürfen. Bei Männern ist das normale Kumpelei und branchenübliche Starthilfe.

Hallo hochgebumst!
Die Tatsache, dass Frauen tatsächlich auch heute noch, im Austausch für eine berufliche Gefälligkeit, eindeutige Angebote gemacht werden, mag da mit reinspielen. Ich habe noch nie mitbekommen, dass ein junger Autor während seines beruflichen Ausstiegs sich mit Spekulationen darüber rumschlagen musste, dass er etwas mit dem/ der Ressortleiter/in am Laufen hätte. Das Gerücht, eine Frau habe sich »hochgebumst« bekommt man im Zusammenhang mit Jungautorinnen jedoch immer noch zu hören. Und dann wird ganz genau auf ihren Output geschaut, Widersprüche dürfen nicht bestehen und sie muss sich ständig beweisen.

Warum durftest Du ran?
Auch für Leser ist man Projektionsfläche für jedweden misogynen Müll, der schon immer mal losgeworden werden wollte. Du bist Frau und schreibst Musikrezensionen? Boah, könnt ihr da nicht noch mal ‘nen objektiven Experten (Mann) drüber gucken lassen? Du bist Frau und schreibst Kolumnen? Unsachliches Gewäsch! Du schreibst politische Texte? Oh, durfte da etwa mal die Quotenfeministin ran? Oder du machst Satire – dann bist du die alberne Ulknudel, der es mit wirklicher Analyse wohl nicht ernst genug ist, aber nicht der scharfsinnige Gesellschaftskritiker. Tja, und wenn du mal rumpöbelst, bist du nicht der coole, spitzbübische Rotzbengel, sondern hysterische Zimtzicke, die ihre Tage hat und mal wieder durchgebumst (lies: vergewaltigt) gehört.

Problematisch, Pseudojournalismus, Praktikantin
Wichtig ist auch, die drei P’s immer wieder unter Artikeln von Frauen ins Internet zu kübeln: Problematisch, Pseudojournalismus, Praktikantin. Meine erste Vergewaltigungsdrohung erhielt ich wegen der Thematisierung von sexueller Gewalt, sexistische Anfeindungen kamen wegen meiner Thematisierung von Sexismus in der Musik und selbst ein scheinbar unpolitischer, nicht explizit feministischer Witz ist für einige Typen Anlass zur Beschimpfung, Belehrung und ellenlange Anmerkungen. Allein, dass man als Frau nicht bescheiden und leise ist, sondern sich raus nimmt, die Dinge zu tun, die Männer die ganze Zeit tun, reicht, um zu provozieren. Frauen, die schreiben, scheinen einfach zu stören.

Nicht genug Plätze für Frauen
Wer es gut mit Frauen meint, macht es leider aber auch nicht immer besser, wenn er um die Exotisierung oder Sexualisierung nicht herum kommt. Nicht selten wird man angeflirtet, weil man so eine geile starke Frau sei, die sich ja so richtig was traut und ja auch gar nicht sooooo schlecht aussieht. Wenn Leute mich interviewen wollen, dann meist zu feministischen Themen, nicht zu meinen geilen Witzen oder meinem scharfen Sachverstand in Punkto schöner Popmusik. Männliche Autoren, die sich feministisch äußern, dürften das selten erleben. Zumindest ist ihre Berufsbezeichnung dann nicht »Feminist, sondern immer noch »Autor« oder »Journalist«. Ich kenne viele schreibende Frauen, die statt sich überhaupt etwas Derartiges zu nennen, sagen »Ach, ich schreibe halt ein bisschen«. Wir sollen bescheiden bleiben, das wurde uns nun mal so beigebracht, und wir dürfen nicht zu viel erwarten oder gar fordern. Dann werden wir vielleicht doch durch eine angepasstere Frau ausgetauscht. Dementsprechend groß ist hin und wieder auch der Konkurrenzgedanke zwischen schreibenden Frauen. Ganz, als ob es nicht genug Plätze für Frauen gäbe. Und die Genies, die Profis, das sind doch die rauchenden Whisky-Typen an der Schreibmaschine und die Late-Night-Talker in ihren Souveränitätsanzügen.

Sargnagel, Roche und die… Dings
Zur Einordnung schreibender Frauen scheinen auch Vergleiche mit anderen Frauen, mit denen man gemeinsam hat, Frau zu sein, unabkömmmlich zu sein. So lustig wie Stefanie Sargnagel, so provokant wie Charlotte Roche, so feministisch wie die eine da, hier dings, und die eine, einzige lustige Schauspielerin, die einem so einfällt. Alle sind gleich, alle sind markiert.
Das alles kann ganz schön unsicher machen, darf es aber nicht. Wer sich schon mal mit Medienmenschen umgeben hat, dürfte es kennen: Die Netzwerker, das sind die Lauten, die keine anderen Themen als Projekte haben, die ständig die Showmaske tragen, abliefern und an einem vorbeiziehen. Ich erlebe oft Frauen (mich eingeschlossen), die daneben sitzen, leise sind, zehnmal an Texten rumdoktoren, und sich kleiner machen, als sie sind. »Das traue ich mir noch nicht zu«, ist ein Satz, den ich mich zu oft sagen höre. Und will ich wirklich bekannter werden und mein Gesicht vor eine Kamera halten, in dem Wissen, dass mich dann irgendwelche Wichser sexualisiert beleidigen werden? Während ich mich das frage, sind jedenfalls schon wieder fünf männliche Autoren an mir vorbeigezogen.
Manchmal macht diese Bringepflicht müde und die Angriffe ängstlich. Dann muss man darüber schreiben. Bis Frauen einfach mal lustig sein und Männer als Feministen interviewt werden – und ich Chefredakteurin von deinem Magazin bin, und von deinem, von deinem und dem Käseblatt hier auch noch.

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