Dienstag, 22.08.2017
Linus Volkmann

“R.I.P., Du Opfer” – Ein Leitfaden für Pietät 2.0

Verstarb früher jemand, wurde Erde aufgewühlt und sein Leichnam in einem Loch vergraben. Ein ziemlich makaberes Ritual unserer Vorfahren, das man zum Glück nur noch aus Büchern kennt. Heutzutage werden Tote natürlich ins Internet gestellt. Und dort liefert man auch seine Anteilnahme ab. Doch auch dabei gilt es, eine gewisse Etikette zu kennen und zu beachten. Redaktionszombie Linus Volkmann erklärt, wie man am besten im Netz trauert.

ba6Tipp 01 – ZEIT NEHMEN
Trauerarbeit hat früher Tage, Wochen, ja, Monate in Anspruch genommen. Und auch wenn in der digitalen Welt alles immer schneller wird, bedeutet Trauer noch immer einen langwierigen Bewusstwerdungsprozess der Vergänglichkeit. Faustregel: Die auf Social Media ausgedrückten Gefühle sollten daher zumindest die Dauer beanspruchen, die es benötigt, um eins dieser bereichernden Postings zu verfassen, die aus den Buchstaben „R.I.P“ bestehen.

Tipp 02 – DER ZAUBER DER VARIATION
Nicht jeder Tod ist gleich. Da darf es auch in ihren Beiträgen gern unterschiedlich zugehen. Lassen Sie Autocorrect oder eine gewisse Fahrigkeit die Feder führen… „RIP“, „RI.P.“, „R.IP“, “R.I.P. in peace” … Oder geißeln sie Autocorrect und eine gewisse Fahrigkeit mit einem freundlich belehrenden „Leute, es heißt R.i.P.!“. Oder, wenn man schon einen drin hat, darf auch mal „R.A.P.“ durchgehen.

Tipp 02 – KEINE ZEIT VERLIEREN
Bei allem Willen zu zeitintensiver Trauerarbeit: Das frühste Todes-Posting erreicht die größte Resonanz. Hier geht es mitunter um Sekunden! Stichwort: Early adopter of death.

Tipp 03 – ERNSTHAFT! KEINE ZEIT VERLIEREN
Wer einen halben Tag nach der ersten Betroffenheitsflut noch mit seiner holprigen Anteilnahme ankommt, wird meist mehr bedauert als der Tote selbst.

Tipp 04 – SPEZIELL SEIN
Abseitige Tode von hundertjährigen Jazz-Musikern aus Bolivien zu betrauern, schärft das eigene Profil.

Tipp 05 – SPITZ SEIN
Handelte es sich bei dem aktuellen Todesfall allerdings um eine sehr prominente Persönlichkeit, ist Folgendes zu beachten: Niemand möchte im wabernden Kondolenzsumpf untergehen. Also spitzen Sie zu und bedenken, dass Grautöne nur was für Verlierer sind. Die Wahrheit ist schwarz/weiß, außerdem kannten Sie den Vogel doch eh nicht. Also entweder war er die sakrale Lichtgestalt, von dessen Taten sie sich durch das Leben führen ließen – oder er war ein faschistisches Stück Dreck, der Tiere quälte, Ausländer verachtete, von Frauen und Homosexuellen gar nicht zu reden! Faustregel: Wird schon stimmen.

Tipp 06 – FLEXIBEL SEIN
Falls die Stoßrichtung ihres Postings so gar nicht in den aufkommenden Nachrufskanon passt, behaupten Sie einfach das Gegenteil. Vielleicht war die Pfeife ja doch nicht so ein Heiliger beziehungsweise so eine Lichtgestalt. Wird schon stimmen. Faustregel: Ist ja nur Internet.

Tipp 07 – TRAUER BRINGT KLICKS
„R.I.P.“-Postings sind an Empathie und Strahlkraft schwer zu überbieten. Dennoch zeichnet sich der Death-Connaisseur auch durch eine gewisse Individualität aus. Eine gute Idee dahingehend: Verlinken Sie einfach auf irgendeinen Nachruf, den sie selbst bis zur Hälfte gelesen haben. Und kommentieren Sie es in der Ihnen eigenen Bescheidenheit: „Besser hätte ich es nicht sagen können!“

Tipp 08 – TRAUER BRINGT KLICKS II
Nachruf… Naja, wer möchte schon lesen in so einem Moment der innere Einkehr. Ein random-mäßig zusammengegoogeltes YouTube-Video, das sie zur Hälfte geschafft haben, sollte den Toten beziehungsweise auch ins richtige Licht rücken.

Tipp 09 – TRAUER BRINGT KEINE KLICKS
Eigentlich war ihnen der Verstorbene herzlich egal, sie wollten nur nicht außen vor bleiben bei den ganzen Flaggen auf Halbmast in ihrem Netzwerk. Doch jetzt, als Sie sehen, ihre Anteilnahme rutschte ohne ein einziges Like durch, fühlen Sie wirklich eine dumpfe Beklemmung. Sie trauern nun in echt. Na, geht doch!

Tipp 10 – ANDERE KATASTROPHEN
Sie besitzen keine Ehre? Auch an Sie ist gedacht im Trauer-Game! Sie können derjenige sein, der sich auf dem Höhepunkt der R.I.P.-Welle zu Wort meldet, um zu verkünden, diese oder jene andere Katastrophen oder Toten hätten kein solches Echo hervorgerufen – und wie empörend das sei!

Tipp 11 – META! META!
Trauer ist für Sie nur eine weitere Ereigniskarte in ihrem selbstzufriedenen Adlerhorst, der scheinbar alles überblickt? Dann ist dies hier ihr Weg. Versuchen Sie die Formelhaftigkeit der Social-Media-Trauer-Tagesordnung möglichst genau zu paraphrasieren. Sagen sie alle Schritte voraus: Wie es mit R.I.P. beginnt, sich mit “er war eine Bereicherung der menschlichen Rasse!” fortsetzt, bis das unweigerliche “Der Verstorbene war eigentlich ein Scheiß-Nazi!” kommt – und alles endet bei Punkt 10, also die Voraussage, dass gleich jemand jammern wird, diese oder jene Katastrophe hätte zu wenig Aufmerksamkeit erhalten. Gekrönt von der lakonischen Bemerkung, dass zum letzten Schluss so ein Posting wie Ihres das ganze Ritual noch mal die Meta-Ebene aufbringt.
Jedes “RIP in Peace” hat mehr Charme – aber davon ahnen Sie nichts!

PS: Bei all dem ironischen Geballer, das ich hier aufgefahren habe, möchte ich dann doch auch noch was Persönliches ergänzen. Ich halte Trauer für etwas, das auf Social Media nicht teilbar ist wie Urlaubsbilder, Katzen oder das letzte Frühstück. Alle Beiträge an diesem Ort unterliegen einer Wettbewerbs-Ökonomie. Das bedeutet, sie werben um Aufmerksamkeit. Don’t share – außer es ist einigermaßen egal.
Denn die schlimmste Vorstellung ist doch, dass es jemand vor dem Rechner gibt, der wirklich Trauer empfindet – in diesem blinkenden, eitlem Salat aus falschem Sentiment. Derjenige schicke, wenn’s schon digital sein muss, besser einem Freund eine PN.

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