Samstag, 25.02.2017
Thomas Venker

Gegen das Sicherheitsdenken

„Von einem künstlerischen Standpunkt her war es eine Segnung für mich, dass ich nie einen alternativen Plan in der Tasche hatte.“

Dieses Zitat stammt aus dem aktuellen Kaput-Interview mit Jimi Tenor. Der finnische Musiker, der mit seinem Welthit „Take Me Baby“ in den mittleren 90ern zum Techno-Posterboy geworden war, spricht dem kompromisslosen Bekennen zum Leben als Künstler das Wort – oder besser der zugelassenen Ausweglosigkeit. Denn er mutmaßt, dass er wohl kaum heute noch Musiker wäre, wenn er einen Plan B in der Tasche gehabt hätte.

Die Ableitungen aus dieser Aussage unterschreiben sicherlich viele von uns.
Wie oft ist man selbst schon mit guten Ideen nicht wirklich vorangekommen, weil man sie eben nicht energisch genug verfolgt hat, sondern irgendwie nur nebenher daran rumgewerkelt hat, da einem das Risiko zu hoch erschien sich ganz und gar dieser Idee zu widmen?
Klar, Garantien gibt es nie, auch nicht wenn man sich selbst ganz sicher ist, dass die eigene Musik, Kunst, Start-Up-Idee, oder auch das eigene Magazin super sind.

Aber was ist die Alternative: es nicht versuchen oder eben nur mit halber Energie?

Der Frust, der an dieser Entscheidung dran kleben kann, er droht dunkler als alle Phasen des Scheiterns und sich mit weniger zu begnügen, aber dafür an der eigenen Sache zu arbeiten.

Nun sagt sich das natürlich alles retrospektiv leicht hin, wenn man es, wie im Fall von Tenor, geschafft hat – aber hat Tenor das wirklich? Und was heißt „geschafft haben“ überhaupt? Ein nicht unwesentlicher Exkurs, auch für all jene, die mitten drin stecken im Hin-und-Her der Entscheidungswelten.

Gemessen an seinem ökonomischen Erfolg mit „Take Me Baby“ und dem anhängigen Album „Intervision“ begann danach für Tenor ein kontinuierlicher Abstieg. Betrachtet man seine Karriere aber unter künstlerischen Gesichtspunkten, so hat er hingegen alles richtig gemacht, sich nie wiederholt, sich stets für neue Einflüsse zwischen Afrobeat und Jazz offen gehalten und anderen Musiker mit dem von ihm betriebenen Sähkö Sublabel Puu mit seinen Möglichkeiten auch eine Plattform erschaffen.

Wirtschaftlicher Erfolg ist doch sowieso ein seltsames Konstrukt. Wie heißt es immer so schön, Gehaltserhöhungen sind nach ein paar Tagen schon gefühlter Standard und das Gefühl der Benachteiligung, das fast jeder in normalen wirtschaftlichen Zusammenhängen mit sich rumschleppt, zieht wieder ein.

Das hilft einem zwar nicht direkt in den Phasen der ökonomischen Erfolglosigkeit, es erinnert einen aber daran, dass der Rasen auf der anderen Seite nicht zwingend grüner ist, das Elend aber definitiv größer.

 

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