Mittwoch, 22.11.2017
Thomas Venker

Möchte nicht in den Boiler Room!

Feindbilder, die auf der Hand liegen, fühlen sich für einen selbst ja gerne langweilig an. Weswegen man sie dann nicht zwingend am lautesten nach außen trägt, sondern sich eher sophisticatederen zuwendet. Irgendwie verständlich. Aber auch falsch, denn auch wenn sie offensichtlich sind, müssen sie ausgesprochen werden. Das gilt vor allem für seriöse Anliegen wie politische Gegnerschaften und soziale Missstände – aber auch für so etwas banales wie die inneren Aspekte der Dance Culture muss man sich sensibilisieren.

Also: Aus Gründen, die meiner Meinung nach jedem kenntlich sein sollten, ist der Boiler Room eine unerträgliche Veranstaltungsreihe. Hier wird all jenes auf den Punkt gebracht, was in den letzten Jahren in der elektronischen Musik falsch läuft.

Ich weiß, es langweilt viele mittlerweile, immer von den guten alten Tagen zu hören, als es noch mehr um die Musik und weniger um das Event ging. Aber was will man machen: so war es nun mal.

Ich erinnere mich beispielsweise sehr gut daran, wie ein guter Freund von mir 1996 Underground Resistance nach Stuttgart holte, wo sie in der hintersten Ecke einer Bar, deren Außenfenster mit schwarzen Vorhängen abgedeckt wurden, ihr Equipment aufbauten. Ehrlich gesagt keine Ahnung, wer genau aus Detroit damals angereist war. Denn erstens trugen sie die gesamte Nacht Kaputzenpulli, zweitens wurde die Bar völlig abgedunkelt und mit Nebel und Strobolicht gefüllt, und drittens spielte es keine Rolle, denn die Musik war das einzige Ereignis – und die war unglaublich toll und man taumelte morgens glücklich aus dem Nebel in die Sonne.

Schaltet man sich dem Boiler Room zu, so sieht man sofort vor allem eins: jede Menge echt super gut gelaunter Tänzer, die sich um die beste Position hinter dem Dj und somit in der Mitte der Kameraoptik streiten. Sehen und gesehen werden – so zelebriert diese Generation ihre Parties. Man erlebt die Musik nicht primär mit seinen Freunden und für sich, sondern als Statement an die Außenwelt. Schaut her, wir sind dabei. Und unser absolutes Objekt der Begierde ist der Dj – und eben nicht die Musik. Kurzum: es ist Negation von allem, was an Clubnächten schön ist.

Die älteren unter den Lesern werden sich an die MTV Dance Parties der späten 80er und frühen 90er Jahre erinnern. Wo zu effektvoller Housemusik leicht bekleidete Tänzer zumeist in sonnigen Gefilden so richtig gut drauf waren.

Das konnte man eigentlich nur als Parodie schauen, auch wenn ich befürchte, dass das genauso wenig wahr ist, wie dass der Boiler Room nur deswegen so erfolgreich bei den Zuschauern ist, weil alle mit Fremdschämgefühl einschalten – wobei man dem Boiler Room zugute halten muss, dass das Booking tatsächlich sehr gut ist und die Sets, wenn man denn ohne hinschauen hört, natürlich von guten Leuten kommen.

(Kurzes Intermezzo: der einzige Boiler Room, den ich wirklich mochte, war eine Aufzeichnung von Konzerten Marokkanischer Bands im Innenhof eines Riads).

Von den MTV Dance Parties gab es mal eine sehr schöne Persiflage von dem amerikanischen Noise-Label Amphetamine Reptile Records. Auf einer der Videoclip-Kompilierung, die das Label regelmäßig unter dem Titel „Dope Guns & F*cking Up Your Video Deck“ veröffentlichte, schnitten sie zwischen diese kurze Interludes, in denen Punkrocker in Pelzmänteln mit nichts drunter zur Noisemusik von Bands wie Halo Of Flies, Helmet oder Surgery auf und neben (brennenden) Ölfässern tanzten – ließ sich im Netz aber leider nicht finden.

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