Donnerstag, 19.10.2017
Thomas Venker

Tolerante Ignoranz

AlbiniCat

Steve Albini, 2006 in seiner Chicagoer Wohnung (Photo: Thomas Venker)

Der Chicagoer Produzent und Musiker Steve Albini ist ein Vertreter eindeutiger Ansichten. Sein Wertesystem wurde zu Punk/Hardcore-Zeiten in den 80er Jahren geprägt und ist seitdem beständig. Es wunderte also nicht, dass er dem Diagonal-Labelbetreiber und Produzenten Oscar Powell eine markante Antwort auf dessen Bitte um Freigabe eines Samples seiner früheren Band Big Black schickte.

Die Antwort im gekürzten Wortlaut (im Original auf Powells Twitter):

„Ich habe schon immer mechanisch erzeugte Tanzmusik verabscheut, ihre stumpfe Simplizität, die Clubs, in denen sie gespielt wird, die Leute, die in diese gehen, und die Drogen, die sie nehmen, den Scheiß über den sie reden, die Kleidung, die sie tragen und die Kämpfe, die sie untereinander austragen….
Ich verabscheue Dance Culture so sehr, wie ich nur irgendetwas auf Erden verabscheuen kann. Man kann also sagen, dass ich gegen alles bin, was du repräsentierst, dass ich ein Gegner deiner Ansichten bin, aber ich habe absolut kein Problem mit dem, was du machst… Anders ausgedrückt, du kannst von mir benutzen, was du willst. Es interessiert mich nicht. Viel Spaß damit. Steve.“

Man kann sich jetzt natürlich über die Ignoranz aufregen, mit der Steve Albini 2015 elektronischer Musik so undifferenziert wie nur möglich begegnet. Aber warum eigentlich? Das ist letztlich seine private Sache – er muss sie ja nicht mögen, auch wenn ihm dabei vieles entgeht, was er als Fan von White Noise, Xenakis, Suicide, Kraftwerk, Cabaret Voltaire, SPK und DAF sicherlich mögen würde.

Viel beachtlicher an dem Statement ist doch sein absolutes Bekenntnis zur künstlerischen Freiheit, die Nonchalance, mit der er mal eben in einem Satz all die Gerichtsdramen und Reglementierungen beiseite schiebt, die heute den Alltag vieler Künstler erschweren, und stattdessen in seinem ganz eigenen Duktus dafür einsteht, dass ein Künstler dem anderen seine Arbeit nicht blockieren solle mit Copyright-Befindlichkeiten.

Es mag ein weiter Weg von Steve Albini hin zur Schauspielerin Claire Danes sein, die sich in der Talk Show von Ellen DeGeneres als Fan von Techno Berliner Spielart und vor allem des Berghains bekannt hat. Aber es passt gerade so schön, wenn vom Thema Toleranz die Rede ist. Was musste man nicht alles an echauffierten Kommentaren lesen über den TV-Auftritt. Klar, es ist ja auch eine Frechheit, dass da jemand von einem durchgetanzten Sonntag in unserem Berghain schwärmt. Einfach mal den Mund halten und andere in Ruhe lassen. Denn was wirklich nervt, sind doch legendenspinnende Raver, die mit ihren Exzessmarathons angeben, aber gewiss nicht glückliche Menschen, die vom tanzen schwärmen.

 

 

Verlagssitz
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop Aquinostrasse 1 | Zweites Hinterhaus, 50670 Köln | Germany
Team
Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
Autoren, Fotografen, Kontakt
Advertising
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop
marketing@kaput-mag.com
Impressum – Legal Disclosure
Urheberrecht /
Inhaltliche Verantwortung / Rechtswirksamkeit
Kaput
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop ist eine Publikation des Verlagshauses Kaput.