Montag, 20.11.2017
Linus Volkmann

Keine Stimmung aber Sitzen – 15 Gründe warum man Lesungen lieben muss (oder auch nicht)

1. Februar 2017,

Jemand sitzt über Jahre daheim, trinkt Kaffee, raucht, schläft tagsüber, weint und masturbiert. Falls ihn dieser selbst gewählte Zustand nicht in ein frühes Grab treibt, steht am Ende mitunter tatsächlich das … Buch. Abenteuer Autorenschaft! Vielleicht ist es ja sogar ganz schön geworden. Ein paar hübsch sortierte Gedanken, ein paar geschmackvolle Sexszenen und dann noch eine Rezi in der FAS und der TV Spielfilm. So weit, so gut. Doch was tun, wenn Verfasser/Verfasserin in der hiesigen Mehrzweckhalle oder im Bücherei-Hinterzimmer mit Lesung drohen? Linus Volkmann, selbst eine Art Autor, wägt ab.

Contra
Wolfgang Borchert Blues Explosion
Eine schlecht gekleidete Frisur setzt sich an ein Pult, nuschelt „Hallo“ und fängt an, monoton irgendwas zu lesen – halblaut, ohne einmal aufzuschauen und für zwei Stunden. Ist man schon wieder in der Schule?

Pro
Dein Abenteuer: Gemütlichkeit
Ja, klar. Lesung ist der Gipfel der Ereignisarmut, die Anti-These zur so vergötterten Event-Gesellschaft. Aber Hand aufs Herz, immer in der ersten Reihe bei schwitzigen Konzerten auf und ab springen, dieses ganze Adrenalin, der Bänderriss beim Pogo, Seitenstechen auf der Mayday … eigentlich ganz schön, wenn man abends einfach mal sitzen kann.

Contra
Lesungen sind Deine Mutter
Ich meine, es heißt bei Kiss ja nicht von ungefähr „God gave Rock’n’Roll to you!“. Und es ist sehr zu bezweifeln, dass ein Song ein Hit geworden wäre mit dem Refrain „I was made for reading to you, baby!“

Pro
Being a NILF
Allerdings darf man die Sexyness des Themas „Buch“ auch nicht unterschätzen. Die Älteren von Euch erinnern sich vielleicht noch an das Jahr 1774. Da erschien „Die Leiden des jungen Werther“. Ein Buch über einen hypersensiblen NILF (Nerd I’d like to fuck), der sich ritzt und der damals alle hätte haben können. Dieses Phänomen gibt es bis heute. Bücher können nicht nur Welten sondern auch Hosen öffnen.

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Pro
Frei
Freiwillig auf Lesungen gehen ist sehr erwachsen.

Contra
Frei
Freiwillig auf Lesungen gehen ist sehr erwachsen.

Pro
Eine Signatur – unvergleichlich!
Im Rausch der Worte kauft man sich nicht nur ein Buch nach der Lesung, sondern lässt es sich sogar signieren. Wobei man dem Autoren auch noch eine kleine in der Schlange einstudierte Geistlosigkeit zu seinem Vortrag erzählen darf. Das macht aber nichts, er freut sich trotzdem (Buchpreisbindung) und verewigt sich im Exemplar.

Contra
Eine Signatur – unverkäuflich!
Ein paar Wochen später, wenn das Kleingeld für die Spielothek wieder knapp werden, realisiert man, dieses gekaufte Buch, das man auf der Lesung eigentlich schon nur so halb gut fand, kann man nicht mal mehr bei bei Re-Buy-Läden wie momox loswerden. Wegen dieser verkackten unleserlichen Unterschrift!

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Pro
Trivago
Auf Lesungen kann man seine Gedanken auf Reisen schicken

Contra
Blase
Wohingegen die Blase sehr hart an den Stuhl gefesselt ist. Denn wer mehr als einmal während einer Lesung auf zur Toilette geht (klapper, sorry, kloink, knarr), gilt als sozialer Pariah, als Ausgestoßener aus der Gemeinschaft der Menschen, als Spinner oder – bestenfalls – als urologisch beeinträchtigt.

Contra
Look and Feel
Wenn Schriftsteller wirklich Charisma besäßen, dann hätten sie ja wohl eine Band gegründet. Dementsprechend gestaltet sich dann auch oft der scheintote Vortrag der blassen Selbstbefriedigungsopfer mit guter Grammatik und Metaphern.

Pro
Der arme (hässliche) Poet
Es ist aber natürlich auch ein bisschen was für einen selbst drinnen, wenn man sieht: „Aha, der Typ hat zwar gerade den hochdotierten Georg-Büchner-Preis erhalten, doch seine Poren sind groß wie Cent-Stücke und seine Körperhygiene dürfte eher im unteren Bereich der Skala anzusiedeln sein. Außerdem kommt er in seiner rotgesichtigen Kurzatmigkeit rüber, als würde er jetzt auch nicht total alt werden… Also dagegen wirke ich ja gleich zehn Jahre jünger! Danke, Lesung!“

Contra
Stiller
Wenn Leute bei Konzerten sich nebenbei noch meinen ins Ohr brüllen zu müssen, geht das gemeinhin in der Gesamtlautstärke unter. Was man bei Lesungen nun nicht wirklich sagen kann.

Pro
Rotkäppchen
In der Pause bei einer Buchpremieren-Lesung gibt es oft gratis Sekt. Schöne Abwechslung zum ewigen Dosenstechen, wenn man mich fragt.

Außer Konkurrenz: Stefanie Sargnagel

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