Dienstag, 25.04.2017
Linus Volkmann

9 Gründe warum niemand „Zimmer frei!“ vermissen wird

Wer bereits denkt, Stefan Raab sei etliche Jahre nach seiner guten Zeit gegangen, kennt offensichtlich nicht die WDR-Sendung „Zimmer frei!“ mit Christine Westermann und Götz Alsmann. Diese schließt nun unter Trompeten und Sektgeknalle ihre Pforten – nach 20 Jahren. Beim großen Finale darf dabei die Frage erlaubt sein, feiern eigentlich wirklich alle die Leistung der Show, oder spürt man da nicht eher Erleichterung – wie wenn ein alter Despot endlich stirbt? Eine Abrechnung mit öffentlichrechtlichem Humor – von Linus Volkmann.

00001 Götz Alsmann.
Als der Musiker Götz Alsmann mit seiner smarten Bühnenfigur eines schmierig süffisanten Entertainers ab den Neunziger Jahren immer öfter ins Fernsehen rutschte, machte das Spaß. Er hatte ein überspanntes Alter Ego kreiert, das bewusst eine gewisse Überheblichkeit nicht verbarg – und stets auf der Kante von Affirmation und Arroganz agierte.
Doch wie lange kann man so eine Uneindeutigkeit jonglieren? Sicher nicht 20 Jahre. So verlässt Götz Alsmann die „Zimmer Frei“-Bühne nun tatsächlich als diese einstige Kunstfigur. Abgebrüht, gelangweilt, zynisch. Sie ist ihm über die viel zu vielen Jahren zur eigenen Identität geworden. Dieses long-lasting Frankenstein-Projekt wird übrigens – zumindest in Büchern von Verhaltensforschern – als das eigentliche Vermächtnis der Sendung überdauern.
Wer lange in einen Abgrund schaut, sieht eben irgendwann selbst aus wie einer.

02 Christine Westermann.
Sie stellt eine Anomalie im Showgeschäft dar. Normalerweise findet man den Sidekick ja sympathischer als den dröhnigen Zampano, doch im Fall von „Zimmer Frei“ wurde einem diese Emotions-Hauptstraße stets mit schwerem Gerät zugeparkt. Allen voran im Halteverbot: Westermann selbst. Die ersten zehn, zwanzig, dreißig Jahre – oder wie lang der Scheiß gefühlt wirklich lief – war sie komplett überfordert von der routiniert abgefuckten Eloquenz Alsmanns. Diese Überforderung besaß mit etwas Wohlwollen dabei sogar noch Charme. Doch dann fand auch sie ihre Figur: Und zwar als „Die, die auf der Leitung sitzt, aber auch noch stolz darauf ist“. Denn der Rolle mitgeliefert kam auch noch die wohlmeinende Unterstellung, dass Westermanns großäugig wiederholte Verständnisfragen aus der ersten Volontariatswoche einer talentfreien Journalistenschülerin bestimmt „einfühlsam“ seien. Westermanns Interviewpassagen erinnerten allerdings viel eher an den Moment, in dem man an Weihnachten irgendeinem senilen Onkel erzählen sollte, was man „eigentlich so macht“. Man aber schnell merkt, hinter der ratlosen Frage verbirgt sich letztlich nur ratloses Desinteresse. So fertigt man Onkel Westermann unterm Baum beziehungsweise im Studio mit wohlklingenden Plattitüden ab, von denen man ausgeht, „das könnte jener noch irgendwie raffen“. Aber zum Glück ist es dem Gegenüber ja eh egal, was man sagt und ist.
Bloß in der Wahrnehmung unterscheiden sich die beiden Szenarien. An Weihnachten daheim denkt man: „Alter! Nie wieder. Hoffentlich vererbt der mir wenigstens was.“ Im TV dagegen droht bei solchen Talks schnell: Der Grimme-Preis.

03 Die Kulisse.
Dass im Öffentlich-Rechtlichen TV die Zeit in Schildkrötenjahren vergeht, dürfte bekannt sein. Für „Zimmer frei!“ hieß das, das Studio mit der Anmutung eines wirren Geräteschuppens wurde einfach mal 20 Jahre quasi so gelassen. „Sieht schließlich echt frech aus. Denn hey, wir sind eine unkonventionelle Sendung!“
Nein, bloß eine unaufgeräumte, über die sich einst der Requisiten-Golem übergeben hat.

04 Das Bilderrätsel.
Große Gesten, viel Geschrei, eine Sache wortwörtlich nehmen, Tusch, täterä… Kleine Fußnote: Das war nie wirklich lustig. Nicht ein einziges Mal. Willkürliches Beispiel gefällig? Hier:

05 Humor vs. Getöse.
Bei „Zimmer frei!“ ersetzte letzteres ja meist ersteren. Damit einherging meist ein spürbarer Bad Vibe, denn (bis auf Westermann vermutlich) wussten alle im Team natürlich, dass man hier über Witze lachte, die letztlich nicht komisch sind. So waberte ständig die Gefahr einer Entlarvung der Show als Nullnummer durch den Raum. Alle mussten daher umso lauter mitlachen. Schließlich waren alle Beteiligten darauf angewiesen, dass die Selbstbehauptung, man sei unterhaltsamer Kult, nicht in Zweifel gezogen wurde.

06 Auftritte von Comedians.
Speaking of unlustig…

0-007 Die Gäste.
Die schnitten Grimassen zum drögen Spiel. Ihr unbedingter Kooperations-Eifer mit dem maladen Konzept war meist das Beeindruckendste, was von ihnen im Gedächtnis blieb.

08 „Das Cherno Inferno“.
Was passiert, wenn der Wille zum Funktionieren mal nicht da ist, beweist dagegen die einzig interessante Folge der Sendung – die bezeichnenderweise (erstmal) nicht ausgestrahlt wurde. Zu Gast war der knuffige Tölpel Cherno Jobatey (damals Moderator vom Frühstücksfernsehen oder so). Die „Zimmer frei!“-Redaktion hatte herausgefunden, dass er unter Legasthenie leidet. Durch die Unmöglichkeit zur Empathie seitens der Moderatoren und Spiele wie „Buchstabensuppe“ sah sich jener Jobatey schnell und mehrfach als Analphabet bzw Schwachsinniger dargestellt. Das wiederum brachte ihn ernsthaft gegen Wester/Alsmann auf – und die drei eitlen Diven dissten sich bar jeder Fassade bis zu einem vorzeitigen Ende. Hier wurde aus dem Nichts mehr beef als in ganz Rap-Deutschland in einem ganzen Jahr gepumpt. Kein Wunder, dass die Sendung sogleich via Anwaltsverfügung in den Giftschrank kam. Soviel (versehentlich aufgestellte) Unterhaltung muss weggeschlossen werden. Wir sind schließlich der WDR!

09 Das Finale.
Zu Ehren des wirklich einzigen Formats, das der Sender in 20 Jahren (und 1000 Milliarden Gebührengeldern in der Zeit – grob geschätzt) tatsächlich selbst erfunden und auch unter die Leute gebracht hat, gab es nun eine große Abschluss-Sendung.
Man lud sich dazu viele TV-Gesichter ein. Zum Beispiel: Guido Maria Kretschmer, Jorge González, Guido Cantz, Thomas Herrmanns, Oliver Welke… Dass jene Gäste dabei größtenteils ihre Karriere bei den Privaten starteten, ist nur ein weiteres Mosaik, das die tatsächliche Innovationskraft des hiesigen Öffentlich Rechtlichen Fernsehens offenlegt. Diese liegt nämlich noch unter den Werten eines durchschnittlichen Taubsis bei „Pokemon Go“. Dennoch kamen alle zum Finale angeritten, schließlich war WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn ebenfalls erschienen… vielleicht darf man mal den Stall von Elton ausmisten, gar einen Piloten drehen oder ein paar große Scheine angucken.
Soll doch besonders seit der Gebührenreform so viele davon geben – auch wenn man das einem Unterhaltungs-Programm, dessen Peak eine Sendung wie „Zimmer frei!“ darstellt, nun wirklich nicht ansieht…

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Im Besitz des Autoren: Die “Zimmer frei!”-Folge mit Cherno Jobatey. Wer Interesse hat installiert sich Thor als Browser und wir sehen uns im Darknet.

 

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