Donnerstag, 27.07.2017
Sprachkritik vom Allerfeinsten

“Alles nicht so gemeint” – Das Lyrische Ich will doch nur Hure sagen dürfen

Wenn man derzeit deutschsprachige, männliche Musik-Typen, die in den angeschimmelten Kisten ihrer Väter oder imaginierten Väter entdeckt haben, was früher mal männlich-cool war (Rauchen, Hedonismus, Saufi, Ficken, Hemd aufreißen, Frau sitzenlassen, Frau verantwortlich machen, Hose runterziehen, gegen Wände pissen, Whiskey, Eckkneipe, dünne, alte Bücher lesen, Vinyl!!!) darauf anspricht, warum sie es in ihren Songs nicht hinbekommen, auf Frauenhass zu verzichten, dann kommt immer irgendwas mit Kunst, Freiheit, uneigentlichem Sprechen, Ironie, Satire, Rollenprosa, Falco und dem Hinweis auf DAS LYRISCHE ICH. Da Letzteres so eine entscheidende Rolle bei diskriminierender Sprache in Popsongs zu spielen scheint, hat Paula Irmschler jenem diesen Text gewidmet.

Das Konzept hinter dem Lyrischen Ich ist genial: Heterotypen tun Heterotypen-Sachen, aber halt nicht ernst gemeint. Die Worte „Hure“ (Kraftklub), „Bitch“ (Von Wegen Lisbeth), „Nutte“ (Faber) oder „Spielzeug“ (Wanda) in Bezug auf Frauen sind nämlich ein wahrer Tabubruch und es gehört einiges dazu, das so zu äußern. Auf der Straße traut sich das längst keiner mehr. Männer, die sich schmierig durch die Welt bewegen, um Männern, die sich schmierig durch die Welt bewegen, zu demaskieren – darauf muss man erstmal kommen. Das ist beinahe so, als würden sich Leute im Internet Fakeprofile anlegen, um… ach, egal.
Jedenfalls scheinen diese Typen alle das gleiche LYRISCHE ICH als Inspirationsquelle zu haben. Ich habe es ausfindig gemacht, geheiratet und verlassen. Also, fast. Die ganze Geschichte.

Ich treffe dieses lyrische Ich in einer Stadt in Österreich oder in der Schweiz, vielleicht ist es auch München, zum Gespräch. Es redet total lustig und sympathisch, echt erfrischend. Das tatsächlich Gesagte ist direkt zweitrangig, denn es klingt sooo cool und geil. Haha, wie es redet! Trendy. Es will namentlich nicht genannt werden und wir trinken schön Schnaps. Das ist sehr edgy, es steht auf unkonventionelle Interviews, direkt aus seinem Alltag heraus, bloß nichts extra machen. Es ist 26 Jahre alt, hat dunkles, verwuscheltes Haar, ist etwas komisch, aber normal angezogen. Eine Lederjacke hängt am Haken, „des is meine, die hoab i von meinem Opa, guter Mann, der war lange im Widerstand“. Das „Widerstand“ ist die urige Kneipe gegenüber. Darum geht es jetzt aber nicht, darüber will es nicht reden. Wohl aber über ihn, DAS LYRISCHE ICH, im Folgenden nur noch DLI, es geht ganz viel um ihn, meine Güte, was geht es an diesem Abend um ihn, scheiß die Wand an, wie sehr es hier um ihn geht. Schnaps.

DLI kommt aus einem Kaff in der Nähe von dieser Stadt, die gerade total im Kommen ist, und seine Eltern sind Anwalt und Frau. Kaffjugend war normal Kaffjugend: Man musste kreativ sein, trampen, besoffen fahren, an Tankstellen mit Älteren abhängen, der beste Kumpel Maik ist heute Nazi, man konnte es kaum erwarten und so weiter. Nach dem Abi zog DLI dann in die aufregende Stadt. Sein Vater wollte, dass es auch Anwalt wird, deswegen hat DLI angefangen Jura zu studieren und, ich ahne es bereits, das war eben nix. „Die ganzen Fatzken da, die wollten nur malochen, lochen, jochen. Ich hingegen wollte erstmal gar nix“. Dann kam es irgendwie an ein Kunststipendium ran. Aufregend! So traf DLI auf Weiber, die es hingegen sehr wollte. „Ich hab dann erstmal so richtig gelebt, weißte?“ Ja, weiß ich. Sex. DLI bestellt ein Bier und zündet sich eine Zigarette an. „Dieses verdammte Rauchverbot überall, aber das ist mir scheißegal, bin ich halt ein Arschloch, na und? Ich vermisse die Zeiten, in denen Heldentypen einfach in Bars gehen und rauchen konnten. Traut sich ja heut gar keiner mehr.“ Es sagt allerdings sowieso niemand was dagegen, wir sind nämlich in einer Raucherkneipe. Ich rauche mit, weil wir beide jung sind, sich ruinieren fetzt und inspiriert und uns Ewigleben egal ist.

Zurück zu seinem Leben. „Ich traf dann so ein Mädchen, meine Güte, das war so ein richtiges Mädchen, total super, wie in Filmen diese Mädchen. Ich nannte sie Baby, auch wie in Filmen. Sie war mein Baby.“ Das Mädchen allerdings konnte mit DLI so gar nichts anfangen. „Sie war eine Schlampe, die nichts von mir wollte. Sorry, aber isso. Sie hat mir mein ganzes Geld gestohlen!“ Wie hat sie das denn angestellt? Will ich wissen. „Naja, sie hat es mir nicht direkt geklaut, ich konnte halt wochenlang keine miesbezahlten Jobs annehmen, weil ich mich aus Kummer koksend durch die Gegend gebumst und darüber Songs geschrieben habe. Ich bumse übrigens!“ DLI sagt, wie es ist, einfach gerade raus. Es bumst. Beim Reden tropft ihm etwas Bier auf sein weißes Hemd. Emotionen.

Dann fing es an, Texte zu schreiben. „Erstmal total peinliche Gedichte, wie uncool das war, das glaubst du nicht, Irmschler“. Nee, doch, glaub ich. „Ich war ja nie cool, passte nirgendwo rein. In der Schule war ich der Privilegierte wegen meines Anwaltvaters plus Frau, in der Uni der komische Kunsttyp, der wegen Mädchen Bücher von Fickificki-Autoren las, also die literarisch Wertvollen (droppt ein paar Namen) …“ Ich nicke kurz auf meiner Kippe ein, der Schnaps-Knall der Barkeeperin holt mich allerdings leider zurück, ach, hier, Interview, „… Bukowski!“ Joaaaa, und was hast du sonst noch gemacht, DLI? „Mit Musik hatte ich eigentlich gar nicht viel am Hut. Aber diese Kunst-/ Literatur-/ Saufszene, da gerät man schnell rein, in einer Stadt wie dieser. Da waren dann ein paar andere, gelangweilte Jungs und wir nahmen Demo-Aufnahmen auf. Das waren unglaubliche Nächte, sehr verrückt. Die ein oder andere Droge hat es auch gegeben! Scherz. So kam ich jedenfalls zur Musik und wusste: ich mach jetzt nur noch das. Plan B ist was für Anzugwichser!“ Spannend.

Und was sind so deine Themen? „Ich würde niemals über etwas sprechen, von dem ich nicht sprechen kann. Also nur meine Sprache verwenden auf jeden Fall. Ich muss sprechen.“ Ja, tust du ja. „Es sind oft Enttäuschungen und Zurückweisungen, die mich inspirieren, also wie gesagt, die Schlampen, aber auch das Scheitern. Und auch mal Verlust. Gern auch Enttäuschung. Dann halt das Leben einfach und Banalitäten. Man kann letztlich über alles schreiben. Ich sage auch mal „Titten“. Na und? Traut sich sonst auch keiner. Und dann was mit der Gesellschaft den Spiegel vorhalten.“ Wichtig ist DLI aber auch, nicht alles ernstzunehmen. Ironie, Sarkasmus, Satire, das beherrscht es auch. „Ist auch mal mit einem Augenzwinkern alles gemeint. Es gibt Leute, die sagen: So und so kannst du das nicht sagen, aber ich mache es einfach gerade raus. Da lass ich mich nicht verbiegen. Die Leute auf der Straße reden auch so. Und ich ficke halt gern!“ Ein außergewöhnlicher Mann.

Als es das sagt, stehen die Leute in der Kneipe bewundernd auf und applaudieren. Ein älterer Mann ergreift das Wort. Torkelnd steigt er auf einen Stuhl, fällt erstmal seitlings um, steht wieder auf, bestellt einen Schnaps (das ganze Szenario dauert ungefähr anderthalb Stunden) und sagt dann: „Endlich ein junger Mann, der sich mal wieder was traut! Uns wurden die letzten Jahrzehnte nur Maulkörbe verpasst, die politische Korrektheit hat uns normale Männer in den Untergrund gezwungen, wo wir Canasta spielend davon geträumt haben, endlich mal wieder … würg (er übergibt sich im Strahl).“ DLI reißt sich das Hemd auf, sagt „jaaaaa, ich wurde erkannt, los, wir erobern uns die Straßen der Stadt, was mit Freiheit, Flasche Wein vom Späti!“ Klar geh ich mit. DLI hat mich kumpelhaft im Schwitzkasten, wir treten Tonnen auf dem Weg um, brüllen „wir sind hier“, ich zeige meine Titten, wir rauchen, rauchen, wälzen uns am See, nacktbaden, dies das, das Interview eskaliert total. War ja klar. Dann muss ich ganz plötzlich weg.

Ein Jahr später erscheint ein Song eines neuen, rüpeligen, aber lustigen Singer-/Songwriter-Typen mit witzigem Dialekt der FÜR FURORE sorgt:

„Wir war’n betrunken, die Nacht war für uns
Schon als ich dich sah, war klar, wir tun’s
Ich holte Schnaps und du schliefst kurz ein,
Da wusst ich schnell: nur du sollst es sein 

Das Rauchverbot dort, es war dir egal
Da war schon klar: Du bist Femme Fatale
Ich wollte doch nur an deine Tittchen
Und du gabst dich aus als Journalistin

Irmschler, ich dachte, für uns ist die Welt
Du Bitch bist abgehauen – mit meinem Geld!”

Hehe.

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