Samstag, 19.08.2017
Konzertreise

“Ein Teller voll mit Speed” – Das neue, abstinente Leben von Egotronic

Egotronic… dass das mehr ist, als ein Berliner Electro-Act (der mittlerweile auf Punkrock umgeschwenkt hat), haben über den Zeitraum von fast 15 Jahren die meisten mitbekommen. Egotronic stehen einerseits für politische Agitation (gegen Rechts und gegen die Feinde Israels) und andererseits für offensiven Hedonismus. Kaum eine Band verkörperte den aufgeklärten Partydrogen-Lifestyle besser als Egotronic. Doch Sänger und Anti-Deutsch-Maskottchen Torsun wurde zuletzt durch gesundheitliche Probleme ein abstinenterer Alltag aufgezwungen. Das verarbeitete er in seiner neuen Veröffentlichung “Tagebuch eines Fastenden”. VERONIKA KRACHER hat sich für Kaput das neue alte Leben hinter diesem Imagewandel mal angesehen. Ein Erlebnisbericht an der Grenze.

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Foto: Typ F

Entweder haben Egotronic in den letzten zehn Jahren ganz schön abgebaut, oder bin ganz schön cool geworden – zumindest haben sie mich bei dem Wiesbaden-Konzert ihrer „Egotronic Lo-Fi“-Tour in den Backstage gelassen. Aber beginnen wir die ganze Geschichte von Anfang an. Ich glaube es ist fast zehn Jahre her, als ich das erste Mal „Raven gegen Deutschland“ hörte. Damals noch überzeugte Punkerin, stramm anarchistisch und antinational, waren mir diese Antideutschen von Egotronic zutiefst suspekt. Genauso wie der Konsum chemischer Drogen, aber das ist wohl meiner Sozialisation in der bayerischen Punkszene geschuldet. Natürlich leugnete ich, dieses Gewummer auch nur irgendwie gut zu finden und hörte erstmal trotzig weiter Compilations des Straßenhunde-Labels „NixGut“.

Mit 18 bin ich dann auf mein erstes Egotronic-Konzert gegangen, auf einer alten Festplatte müsste noch ein Foto herumliegen wie eine Freundin und ich mit meiner vor kurzem erworbenen Israel-Fahne neben Torsun stehen und ich vermutlich so wirke als hätte mir mein Vater endlich seine Liebe und seinen Respekt erklärt. Egotronic, Mann! Torsuns war der Dionysos meiner frühen Volljährigkeit, ihren Backstage stellte ich mir haargenau so vor wie das „Lustprinzip“-Video, und obwohl es in München damals schwieriger war an Speed zu kommen als an, sagen wir mal: Elfenbein, war ich total scharf drauf diesen versprochenen Hedonismus auch irgendwann mal selbst zu erleben.

Als meine Konzertgruppe im Winter 2012 im Frankfurter Institut für vergleichende Irrelevanz eine Lesung zu „Raven wegen Deutschland“ organisierte, schien dieser Traum in greifbare Nähe gerückt! Bewaffnet mit mindestens 10 Gramm Speed und mehreren Pillen (in der Kapitale der Kriminalität ist es immerhin um einiges einfacher, an Drogen zu kommen als in der Hauptstadt der Bewegung) war ich bereit, die ganze Nacht über gepflegten Raubbau an meinem Körper zu begehen. Schließlich wusste ich aus meiner Lektüre besagten Werkes, dass Torsun anscheinend eine Existenz zu führen schien wie der Hunter S. Thompson von Kreuzberg.
Nach der Lesung bestellte er sich eine Pizza und verzog sich mit einem Buch ins Bett.
Ich konnte es kaum fassen. Torsun, der zum Helden meiner spätadoleszenten Drogenträume gewordene, ein Frühzubettgeher – ja, ein Spießer und Asket? Enttäuscht teilte ich mir die zahlreichen Pillen mit dem Rest meiner Konzertgruppe, an den Rest des Abends erinnere ich mich nur noch bruchstückhaft. Als ich jedenfalls am… übernächsten (?) Nachmittag (?) in der Bibliothek des Instituts für vergleichende Irrelevanz wieder zu mir kam, stieg wie eine eklige Sumpfblase die Erkenntnis in mir auf, dass wenn Drogenkönig Torsun ein Leben in Ruhe und Gediegenheit führte, auch meine Tage des Exzesses früher oder später gezählt seien. Frustriert machte ich mir ein Bier auf und ging ich ins Marcuse-Seminar. Inzwischen hatte sich auch mein Musikgeschmack weiter verfeinert. Anstatt räudigem Schrammelpunk hörte man Bondage Fairies, die Einstürzenden Neubauten oder Beyond Pink, und demzufolge klugscheißerte der Freundeskreis, dass die „alten Sachen von Egotronic, also so das ‘Die richtige Einstellung’-Album, ja viel besser sind als der neue Kram. Damals waren sie noch so schön verspielt und experimentell“.
Als mein bester Freund mir im August 2016 bei einem abendlichen Glas Apfelwein dann erzählte, dass Egotronic mit jenen älteren Songs auf Tour gehen und im Schlachthof in Wiesbaden spielen würden, war ich also Feuer und Flamme.

Am Tag des Konzertes bin ich mit Freundin Anna verabredet, die Torsuns demnächst erscheinendes „Tagebuch eines Fastenden“ (Ventil Verlag) illustriert hat. Alle, die Torsun das plötzliche Spießerdasein übel genommen hatten, werden durch die Lektüre des Werkes milder gestimmt: Man erfährt (oder weiß schon aus einigen Interviews oder dem aufmerksamen Studieren von Facebook-Posts), dass dem alternden Electropunk das Feiern vom Rheuma ruiniert wird. Die logische Konsequenz daraus scheint der Besuch einer Fastenklinik zu sein. Minutiös beschreibt er das Verlangen des Hungernden nach profan erscheinenden Versuchungen wie Tuc-Kräckern – oder fester Nahrung generell.

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Foto: Typ F

Wir erfahren von dem Reenactment der Belagerung von Stalingrad in der Kältekammer, Torsuns Rückfall in die Kleptomanie, und nicht zuletzt: wie man sich zwei Wochen ausschließlich von Brühe und Saft ernährt, ohne dabei mit dem Kannibalismus zu liebäugeln. Kein „Tristam Shandy“, aber auf jeden Fall unterhaltsam. Allerdings ist zumindest das zweitätige Fasten am Wochenende durchaus etwas, mit dem Torsun schon Erfahrung gehabt haben dürfte. Die Fastenkur scheint jedenfalls Wirkung gezeigt zu haben: auf dem Tisch des Backstage-Raumes liegt ein Teller voll mit Speed! Genau, wie ich es mir immer vorgestellt hatte! Und der Kühlschrank: voll mit Bier! Wow! Bei dieser herzerwärmenden Erfüllung meiner Jugendträume erlaubt es mir dann auch, das an Obst und Gemüse reichhalte Büffet ignorieren.

Endlich kann ich die seit meiner Ankunft in Frankfurt antrainierte Drogentoleranz unter Beweis stellen! Mit Anna und den beiden Rhein-Main-Szenelieblingen, Trashkünstlern und It-Punks Kevin und Vitja den Kühlschrank leer saufen! Und mich dreist an dem überflüssig gewordenen Bandspeed bedienen! Ein großes Dankeschön an dieser Stelle an Egotronic und Der Tante Renate für ihre Großzügigkeit.
Das Konzert ist wirklich, wirklich gut. Das schreibe ich nicht, weil ich mich wegen der leer getrunkenen Biere verpflichtet dazu fühle, es ist tatsächlich fantastisch (okay, und ich betrunken). Der Saal selber ist einerseits überfüllt mit Leuten wie mir (Ex-Punks mit Hochschulabschluss, die nochmal dem Regress fröhnen wollen), Dorf-Antifa-Kids aus dem kompletten Rhein-Main-Gebiet, die ähnlich verklärt die schwitzenden Gestalten auf der Bühne anhimmeln, wie auch ich es einmal tat, und diejenigen, die dem Zustand des verklärenden Dorf-Antifa-Kids nie entwachsen sind. Hin und wieder stolziere ich ganz outriert in den Backstage, um mir ein neues Bier zu holen, an den neidenden Blicken der weniger Privilegierten vorbei. „Die ist sicher wichtig“, höre ich es hinter mir flüstern, „bestimmt eine dieser verdammt coolen Musikjournalistinnen.“

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Foto: Typ F

Vielleicht liegt es an der Musik, dem eher düster-zischenden Set von Tante Renate, dem ekstatischen Zelebrieren von Krankfeiern und Rausch zu 8-Bit-Klängen, aber ich fühle mich mit einem Mal sehr jugendlich. Kriege sogar Lust, mich in den Pogo zu schmeißen (an dieser Stelle: Wiesbaden, Pogo besteht nicht einfach bloß aus „Leute schubsen“. Das ist ein Tanz, da gehört so ein Mindestmaß an Rücksicht und Finesse dazu) und NOCH MEHR BIER zu trinken, ich habe auch wohlweislich alle meine Termine für morgen abgesagt. Lohnarbeit? Kater? Psychoanalyse? Telefonat mit der Krankenkasse? Mit 18 lag das für mich alles in weiter Ferne, und für diese paar Stunden hier bin ich wieder wie 18! Ich trage sogar Neonfarben!
Um zumindest heute das drohende dreißigste Lebensjahr, die Geheimratsecken und die Vollzeitstelle zu vergessen, skandiert Kevin „Ju-gend-lich! Ju-gend-lich!“, stürzt ein weiteres Bier herunter und sich anschließend von der Bühne.

Und seien wir ehrlich: „Die richtige Einstellung“ war mit das Beste, was Egotronic je heraus gebracht haben. Es ist witzig, es ist musikalisch experimenteller und ausgefeilter als die Folgestücke, es ist avantgardistisch und es macht verdammt viel Spaß, „Möllewahn“ und „Exportschlager Leitkultur“ mal live zu sehen. Außerdem wird einem Gast, der ein „George W. Bush – International Terrorist“-Shirt (Dorf-Antifa, da ist man noch ein paar Jahre hinterher) trägt, angeboten, dies gratis gegen ein Egotronic-Shirt auszutauschen. Gute Sache.

Vollkommen erschöpft sammeln wir uns danach wieder im Backstage und kippen erstmal ein paar mehr Gratisbiere und –schnäpse herunter (deshalb ist dieses Review auch so ausnehmend positiv: ich fühle mich quasi in der Verpflichtung, mich für den ganzen Alkohol zu revanchieren. Ich wurde mehr oder weniger bestochen. Soviel zum Thema „journalistische Integrität“). So muss sich also der Ruhm anfühlen, denke ich mir. Da sitzt man in Gesellschaft von Musikern, ist Teil deren Entourage, nimmt deren Drogen und sonnt sich in deren Ruhm. Und dafür muss man kaum einen Finger krümmen, außer so diese Lebensbeichte hier raushauen? Ja, doch, ich bin in den letzten zehn Jahren schon irgendwie ganz schön cool geworden.
Text: Veronika Kracher

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