Dienstag, 22.08.2017
CSD in Kiew

Wie homophobe Arschlöcher nicht nur das Konzert von Tubbe verhinderten

Steffi Jakobs ist die eine Hälfte des Elektro-Pop-Duos Tubbe. Tubbe kommen aus München, leben in Berlin, ihre Platten erscheinen bei den Hamburger Flamingos von Audiolith, zudem hängen sie tief drin in und gern ab mit der queeren Szene. Ihr Auftritt bei dem CSD in Kiew letztes Wochenende war einerseits als Party aber auch als Solidarität für die dortigen LGBTs zu verstehen. Doch es sollte alles anders kommen. Steffi hat Fotos gemacht und erzählt, was der Band vor Ort widerfahren ist.

IMG_7103Was man sich vor Augen halten muss, ist, dass es Menschen gibt, die dagegen sind, dass andere Menschen sich lieben. Einfach weil sie das doof finden. Oder eklig. Manche sind sogar der Überzeugung, dass Gott am liebsten einen Vorschlaghammer auspacken würde, um erwähnte Liebende plattzumachen. Argumentativ ist das natürlich nicht wirklich auf der Höhe, das scheint aber kein Grund, ein wenig unemotionaler an die Sache heranzugehen. Eventuell freuen sich die Hassenden aber auch daran, dass die Erde eine Scheibe ist und man mit ihr Frisbee spielen kann. Falls irgendjemand noch nicht ganz mitgekommen ist: Es geht um Homosexualität. Huch.

CSD in Kiew – Party ist woanders
In Kiew fand gerade der CSD statt. Hört man als Berliner Christopher Street Day, packt man die Partyschuhe aus, informiert seine 500 Facebookfreunde, dass jetzt entfesselte Heiterkeit angesagt ist und stürzt sich ins Getümmel. So in etwa. In Kiew ist die Situation etwas anders.
Aber der Reihe nach. Meine Band Tubbe und ich wurden von den Veranstaltern des Kiew Pride eingeladen, im Rahmen des CSD ein Konzert zu spielen. Konzerte sind schön, sie machen Menschen glücklich und wer glücklich ist, macht nichts Gemeines. In der Ukraine sind viele Menschen gerade nicht sehr glücklich, was offensichtlich dazu führt, dass viel Zeit für Hass bleibt.
Vor unserem Konzert sollte es eine Parade geben, wie es beim CSD nun mal üblich ist. Parade klingt nach lautem Getöse, nach einer Massenveranstaltung, Zuschauern, einem Feuerwerk. In Kiew hingegen bedeutet CSD Parade:
1000 Polizisten und Militär, um die Sicherheit der Teilnehmer zu gewähren, eine Marschroute von 200 Metern – und Nazis, die so gar keinen Bock auf die Veranstaltung haben.

IMG_7281Parade aus 200 Metern
Um 8 Uhr morgens wurden alle, die sich für die Parade angemeldet hatten, via SMS über den  Treffpunkt informiert. Am Abend zuvor hatte jeder noch Sicherheitshinweise zugeschickt bekommen. Wie verhalte ich mich, wenn etwas passiert, wenn ich angegriffen werde, und so weiter und so fort.
Nicht mehr ganz so Berlin, was? Dann kam der Morgen.
Rund 300 Personen hatten sich versammelt, packten Transparente aus und gingen langsam los.
Nach außen war alles durch unzählige Polizisten abgeschirmt, die sich in Dreierreihen um den Marsch aufgestellt hatten. Lange war nicht klar gewesen, ob dieser Schutz überhaupt gewährt werden könnte. Bürgermeister Klitschko hatte nicht so wirklich große Lust auf einen Zirkus dieser Art. Immerhin befinde sich die Ukraine gerade im Krieg, da sei so ein Firlefanz doch wohl wirklich nicht angebracht. Immer dieser nervige Kampf um die Menschenrechte von Minderheiten… Wie lästig, Bürgermeister Klitschko. Nachdem Präsident Petro Poroschenko allerdings auf einer Pressekonferenz sagte, dass jeder Bürger der Ukraine für seine Rechte auf die Straße gehen dürfe, konnte der Umzug stattfinden.

IMG_7333Nagelbomben und Molotow-Cocktails
Die Parade war erst wenige Meter (von ungefähr 200 insgesamt) gegangen, da stürzten auf einmal schwarz vermummte Gestalten von vorne auf sie zu. Wie auch immer hatten es rechte Gegendemonstranten durch die Blockade geschafft. Im Vorfeld hatte der „Rechte Sektor“ bereits angekündigt, die Demonstration gewalttätig verhindern zu wollen. Verhindern heißt für jene Gruppierung dabei, Molotow-Cocktails und Nagelbomben zu werfen.
So geschehen auch hier. Eine komplett friedliche Parade für Menschenrechte wurde von einer Horde Nazis attackiert. Die Polizei konnte den Angriff abfangen, dabei wurde einer der Polizisten von einem Geschoss am Hals getroffen und schwer verletzt. Danach wurde die Versammlung aufgelöst. Schlau und rettend wäre es gewesen, alle zum einem sicheren Abtransport zu eskortieren. Diese gedankliche Leistung kam der Polizei allerdings nicht mehr in den Sinn und sie entließen die Menge mit aufmunternden Worte à la: Schön in Gruppen zusammenbleiben – und jetzt rennen. Ziemlich gut gelöst, wenn man bedenkt, dass ein Haufen wild gewordener Nationalisten gerade auf Homo-Safari in der Stadt unterwegs ist. Und natürlich kam es, wie es kommen musste. Einige Rechte hatten sich in den umliegenden Wohnblocks versteckt und jagten hinter den Demonstranten her. Viele der Gejagten konnten sich in Supermärkte oder Banken flüchten und warteten dort ein paar Stunden, bis die selbsterklärte Elite der Stadt vertrieben oder festgenommen worden war.
CSD in Kiew. Eher nicht so viel Party.

“Wir fahren weiter nach Kiew und spielen Konzerte für unsere Freunde. Weil überall jeder jederzeit Hand in Hand gehen soll, ohne dass ihn irgendein Arschloch dafür zusammenschlägt.”

 

IMG_7125So much hate
Da man Angst hatte, dass auch die restlichen Veranstaltungen nicht genügend Sicherheit bieten würden, wurde alles abgesagt. Keine Vorträge, Diskussionen oder Konzerte. Mit wem soll man auch reden, wenn andere so laut schreien, dass man nichts hören kann. Natürlich sind wir bestürzt und traurig über die Vorkommnisse und schütteln immer noch den Kopf darüber, dass man zwei Flugstunden von zuhause entfernt um sein Leben fürchten muss, weil man sich nicht mainstreamkonform verliebt hat. Wir leben in Berlin und auch anderen Großstädten in einer Blase. Einer schönen Blase. Wir sind größtenteils akzeptiert und anerkannt, müssen keine Angst haben oder uns verstecken. Wir diskutieren, ob wir heiraten dürfen. Unsere ukrainischen Freunde diskutieren, ob sie Hand in Hand durch die Stadt gehen können. Das sollte man sich bei all dem Trubel im eigenen Leben bisweilen vor die Augen halten. Manche Menschen verschwenden ihr Leben an den Hass. Auf das Andere, das Unbekannte und das Fremde. Weil sie unzufrieden sind oder einfach scheiße. Manchmal hoffe ich, dass all diese Menschen irgendwann merken, dass Hass hässlich macht und genauso wenig eine Lösung ist, wie Dreiviertelhosen mit Karomuster.
Bis diese Erkenntnis sich durchsetzt, fahren wir nach Kiew und spielen Konzerte für unsere Freunde. Weil überall jeder jederzeit Hand in Hand gehen soll, ohne dass ihn irgendein Arschloch dafür zusammenschlägt.

 

Verlagssitz
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop Aquinostrasse 1 | Zweites Hinterhaus, 50670 Köln | Germany
Team
Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
Autoren, Fotografen, Kontakt
Advertising
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop
marketing@kaput-mag.com
Impressum – Legal Disclosure
Urheberrecht /
Inhaltliche Verantwortung / Rechtswirksamkeit
Kaput
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop ist eine Publikation des Verlagshauses Kaput.