Montag, 26.06.2017
Die Religions-Debatte in den Medien

Kopftuch, Kommentarspalten, Kritik

Anstatt den zweiten Teil meines Berichts über die dare the im_possible Konferenz folgen zu lassen, soll die aktuelle Debatte um die Wahrnehmung von Religion in Online-Medien in den Vordergrund rücken. Im Zuge der jüngsten Anschläge in Bagdhad, Frankreich, Beirut, Mali und Syrien möchte ich die aktuelle Medienberichterstattung mit der Diskussionsrunde zum Thema „Kopftuch-Debatte! Beschneidungsdebatte! Kirchenprivileg-Debatte? Zum Verhältnis von Staat und Religionen aus feministischen Perspektiven” zusammendenken. Von Nadine Schildhauer.

Warum? Bataclan – im Gegensatz zu vielen anderen Anschlägen – hat den Nerv meiner Filterbubble getroffen, auch weil erstmals ein Indieclub angegriffen wurde. Binnen kurzer Zeit solidarisierte sich nicht nur der antifaschistische und auch sonst politische Flügel meiner Facebook-Freunde, sondern auch die vielen unpolitischen Menschen. Seit Wochen werden in meinen Facebook- und Twitter-Feeds Artikel über Selbstmordattentäter, Diskurse über westliche Werte, über Krieg und andere Fragen geschwemmt. Zuspitzen lassen sich leider viele dieser Berichterstattungen auf die Fragen: Gehört der Islam zu Europa und passt dieser zum christlich geprägten Werteverständnis Europas?
Bei all den Diskussionen musste ich an das Podium des Missy Magazins im Rahmen der Konferenz denken, das sich in Teilen für eine diskursanalytische Kritik der öffentlichen und medialen Vermittlung von Religion stark gemacht hat. Das ist in diesem Zusammenhang insofern interessant, als das wir permanent mit der Rezeption von Zeitungsartikeln konfrontiert sind, die bestimmte Themen in den Vordergrund rücken und andere auslassen.

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Foto: Stephan Röhl

Die Referent*innen der Diskussionsrunde waren: die Juristin Dorothee Frings, Hochschule Niederrhein; die Dozentin für Evangelische Theologie Claudia Janssen, Universität Marburg; die Historikerin Yasemin Shooman, Jüdisches Museum Berlin und die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Judaistik der Freien Universität Berlin, Hannah Tzuberi. Die Diskussion kreiste vordergründig um die Fragestellung, „Was sind feministische Perspektiven auf das Verhältnis von Staat und Religionen in Deutschland?
Ich möchte im Gegensatz zu diesem Schwerpunkt des Podiums stärker über die Rezeption von Religion sprechen, weil sich das letztlich das zum zweiten groß diskutierten Thema des Abends entwickelte und besonders im Hinblick auf die aktuelle Berichterstattung einen produktiven Perspektivwechsel vorschlägt.
In diesem Zusammenhang greife ich zwei Diskussionsthemen auf: die wenig überraschende deutsche Kopftuchdebatte – a.k.a. who cares about the difference between Hijab and Burka? – sowie die medial vermittelte Vorstellung von Säkularismus – a.k.a. „wir“ Europäer sind neutral, „ihr anderen“ nicht.

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Foto: Stephano Zanzin

FAZ
Die Kopftuchdebatte nimmt eine Sonderstellung ein, denn das Kopftuch wird stets als Dreh- und Angelpunkt aller Diskussionen um den Islam angeführt. Wenn es um Muslime in Deutschland geht, werden Diskussionen darüber geführt, ob das Kopftuch ein Instrument der Unterdrückung ist oder nicht. Besonders die Aufhebung des gesetzlich festgesetzten Kopftuchverbots – das Ende Januar vom Bundesverfassungsgericht als Verstoß gegen das Grundrecht auf Glaubens- und Bekenntnisfreiheit bewertet wurde – sendet erstmals das Signal, dass das Bundesverfassungsgericht das Recht auf Religionsfreiheit ernst nimmt. Lesen wir in Zeitungen, sehen Debatten um das Kopftuch ungefähr so aus: Regina Mönch titelt provokant in der FAZ am 16.03.2015 „Kopftuch-Urteil. Eine Gefahr für die offene Gesellschaft“ und erklärt ihren Leser*innen, dass es unser „emanzipiertes Selbstverständnis“ bedrohe. Weiter heißt es bei ihr, dass so ein Verbot lediglich ein Signal sende, es ziele auf unser Grundvertrauen in die Gleichheit der Geschlechter. Mönch – und das ist eigentlich symptomatisch für die Befürworter*innen des Kopftuchverbots – macht sich gar nicht erst die Mühe zu unterscheiden zwischen Hijab mit und ohne Haaransatz, Abaya, Niqab oder Burka. Es ist das Kopftuch, unter dem erst einmal alles subsumiert werden kann. Prinzipiell unterstellt die Autorin Kopftuchträger*innen, dass sie per Kopfbedeckung nicht gleichberechtigt sein können. Wobei ich mich dann natürlich auch frage, wem gegenüber  eigentlich? Natürlich den muslimischen Männern. Besonders beachtlich finde ich aber das Vokabular. Nicht nur macht sie Frauen mit Kopftuch zu wehrlosen Opfern, gleichzeitig bedrohen diese armen wehrlosen „Opfer“-Kopftuchträger*innen „unsere offene Gesellschaft“.

Focus
„Besser“ als die FAZ berichtet eigentlich nur noch der Focus. Focus verzichtet gleich ganz auf journalistische Recherche und veröffentlicht die Meinungen der besorgten Leser*innen. So heißt es in den Kommentarspalten, die als Artikel veröffentlicht wurden: „Dieses Urteil öffnet Tür und Tor für alle Scharia-treuen Väter, Brüder, Großväter und Onkel, vielleicht sogar Nachbarn, unmündige Mädchen, heranwachsende und erwachsene Frauen, zum Tragen eines Kopftuches zu nötigen.“ Auch hier wird in erster Linie davon ausgegangen, dass Frauen die Entscheidung ein Kopftuch zu tragen, nicht aus sich selbst heraus treffen und daher von einer nahestehenden Person gezwungen wurden. Diese Person ist natürlich ein Mann, denn Gewalt kann nur von muslimischen Männern ausgehen. Ein weiterer Kommentar befürchtet, „dass Verfassungsrichter die Religionsfreiheit ÜBER die hier geltenden Frauenrechte stellen“ und immer mehr Grundschülerinnen und Kindergartenkinder treffe, die ein Kopftuch trügen. In den Kommentaren wird sich um Frauen und Kinder gesorgt, aber ganz besonders um die Frauenrechte. Das ist besonders witzig, bedenkt man, dass FAZ und Focus die ersten sind, die gegen Frauenquoten wettern und beim Wort „Feminismus “ die Hände über den Kopf schlagen. Also nicht nur, dass gegen Kopftuchträger*innen gehetzt wird, es werden in diesem Zusammenhang Perspektiven ins Feld geführt, die sonst wenig Platz in beiden Medien finden.

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Foto: Stephano Zanzin

Welt
Aber wer wird eigentlich in der Kopftuchdebatte gehört? So interviewte DIE WELT erst im November diesen Jahres Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner. Frage am Rand: Warum wird eine Wirtschaftsministerin zu diesem Thema interviewt? #justasking. Auf die Frage hin, ob die Forderung der CSU nach einem Burka- und Nikab-Verbot Ausdruck der Trennung von Staat und Religion sei, antwortet Aigner:
„Hier geht es hauptsächlich darum, Gesicht zu zeigen. Es geht um das gesellschaftliche Zusammenleben, das sichtbare Gegenüber. Es passt nicht in unsere Kultur, sich zu verbergen – und es widerspricht unserer Vorstellung von einer Gleichstellung der Frau. Das Gesetz sollte schnell vom Bundestag verabschiedet werden.“

Kultur, Religion, neutral
Auf Demos vermumme ich mich ja ganz gern. Just Kidding. Auf der Sprachebene wird erst einmal so etwas wie eine gemeinsame deutsche Kultur „des Gesichtzeigens“ heraufbeschworen, die real nicht existiert. Und besonders stehen das Gesichtzeigen und die Gleichberechtigung nicht zwangsläufig im Zusammenhang: Denken wir nur 100 Jahre zurück, zu diesem Zeitpunkt gab es weder ein Wahlrecht für Frauen, geschweige denn Frauenrechte – das alles ganz ohne Kopftuch. Das musste alles erkämpft werden – mit oder ohne Gesichtzeigen.
So gehört es nach Shooman zum Grundparadigma des angel-sächsisch-protestantischen Glaubens, dass Religion Privatsache ist und als Glauben begriffen wird, den man innen fühlt und der nicht in die Öffentlichkeit gehört. Janssen ergänzt, „Ich kann als feministische Theologin sagen, ich trage niemals freiwillig ein Kreuz – sozusagen als Theologiekritik; für mich ist das ein Folterinstrument und kein Bestandteil der Religion.“ Sie führt weiter aus, dass es jedoch „etwas anderes ist, wenn mir jemand das Kreuz in der Öffentlichkeit verbietet, oder ob einer Muslima, zu deren Persönlichkeit es gehört, ein Kopftuch zu tragen, dies verboten wird. Tzuberi ergänzt, „Alles was muslimisch konnotiert ist, wie beispielsweise das Kopftuch, gilt immer als Religion, alles, was zum Judentum gehört, ist Kultur, bis auf Beschneidung, das ist ebenfalls Religion und das, was wir machen, ist immer neutral.“ Sie fährt fort, „etwas nicht zu machen, also kein Kopftuch zu tragen, seine Kinder nicht zu beschneiden, ist ebenso historisch, kulturell gewachsen aus bestimmten Prämissen, die nicht universell sind“

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Foto: Stephano Zanzin

Kommentarspalten
Die Wissenschaftlerin Amir-Moazami argumentierte in einem Interview bezüglich des Kopftuchverbots, dass es „ein Zeichen von Grenzmarkierungen“ sei. „Es sind Signale aus der Mehrheitsgesellschaft. In diesem Fall zeigt eine sich christlich definierende Mehrheitsgesellschaft, wo die Grenzen für eine Sichtbarkeit von Religiosität im öffentlichen Raum bestehen – beziehungsweise: Welche Formen von Religiosität im öffentlichen Raum zulässig sind“.  Und dann gibt es natürlich noch die Auffassung, dass Religion an Schulen gar keinen Platz hat und man doch jegliche Symbolik verbieten sollte mit dem Verweis auf die Neutralität der Institution – wie im Fall der Lehrerin Fereshta Ludin. Bei Focus-Leser*innen heißt es, in „öffentlichen Schulen sollten Kinder nicht durch religiöse Symbolik einseitig“ beeinflusst werden. Die juristische Begründung für ein Kopftuchverbot an Schulen lautete damals, dass die Neutralität des Staates nicht gewahrt werden könne. Letztlich wurde aber verfassungsrechtlich nie geklärt, ob ein Kreuz diese Neutralität in Frage stelle. Die Aufhebung des Kopftuchverbots war also eine längst überfällige Geste, nimmt man die demokratische Verfassung und juristische Begründung ernst. Die Debatte wurde insofern eigentlich immer scheinheilig geführt, denn es ging niemals um die Neutralität des Staates, es ging zu jedem Zeitpunkt um die sprachliche ‚Verschleierung’ von anti-muslimischen Ressentiments. Der Verweis auf die Neutralität funktioniert natürlich nur mit der Bezugnahme zum Säkularismus.

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Foto: Stephano Zanzin

Säkularismus: Ja, Nein, Vielleicht.
Auf die Frage von Die Welt, woher das Zitat: “Wenn eine Jungfrau verlobt ist, und ein Mann trifft sie innerhalb der Stadt und wohnt bei ihr, so sollt ihr sie alle beide zum Stadttor hinausführen und sollt sie beide steinigen“ stamme, vermutete Ilse Aigner, dass es aus dem Koran sei. Natürlich ist es aus der Bibel, also fragt der Redakteur weiter: „Wie schräg ist unser Bild vom Islam?“ woraufhin sie erläutert:
„Wir übertragen das, was in der Bibel steht, nicht mehr eins zu eins in die heutige Zeit. […] Außerdem gibt es in Deutschland eine strikte Trennung von Staat und Kirche. Dem widerspricht nicht, dass wir das christliche Menschenbild als Grundlage unseres Handelns anerkennen. Dem widerspricht aber, wenn Anhänger von Religionen religiöse Gebote über die des Rechtsstaats stellen.“
Diese „verrückten Gesetzesbrecher-Muslime“ – sind sie die eigentlichen rebel boys und girls* und keiner hat es mitbekommen? Werfen wir einen genaueren Blick auf Aigners Antwort: Von welcher „strikten Trennung zwischen Staat und Kirche“ spricht sie hier eigentlich? Deutschland – im Gegensatz zu Frankreich – ist kein laizistischer Staat. Bis heute gibt es evangelischen und katholischen Religionsunterricht an Schulen, Theologie wird an staatlichen Universitäten gelehrt und das einzige Krankenhaus in meiner Geburtsstadt heißt Paul-Gerhard-Stift und könnte evangelischer nicht sein. Und auch wenn Aigner allgemein über Anhänger*innen von Religionen spricht, dann meint sie damit einfach nur galanter formuliert Muslime und so braucht sie sich nicht mal die Mühe zu machen, überhaupt zu unterscheiden, von welchen Muslimen sie spricht: Sie hat es ja nicht gesagt.

Aigner Gauck
Aigner steht mit ihren Positionen nicht alleine in der Öffentlichkeit. Nach Bundespräsident Gauck müsse man Geflüchteten die in Deutschland geltenden Normen erklären und vorleben und zwar insbesondere jenen, die den Säkularismus und die Moderne kritisieren. Genügend Deutsche verteidigen ihre durchnormierten Vorstellungen der Moderne mit Brandsätzen. Aber lassen wir mal kurz beiseite, dass täglich Brandanschläge auf Flüchtlingsheime verübt werden, so lautet doch der Tenor von Gauck: Es gibt eben Hinterwäldler unter den Geflüchteten und denen müssen wir die Welt erklären. Aber was genau meint Gauck eigentlich damit, den Säkularismus zu erklären? Möchte er den Menschen ernsthaft beibringen, dass man sich an Gesetze halten muss?

European
Am verrücktesten sind aber die Positionen des European-Autors Richard Schütze vom November diesen Jahres, der schon in den ersten Zeilen von einer „kulturellen DNA in Deutschland und Europa“ schwadroniert, damit in die Biologismus-Kiste greift und dann weiter fortfährt:
„Geradezu wie eine Bankrotterklärung mutet an, dass die zivilisierte Welt, die zu Recht stolz auf die Proklamierung der Freiheits- und Menschenrechte ist, angesichts der Brutalität gehirngewaschener Menschenschlächter in ihrer geistigen Substanz in sich zusammenschrumpft. Über Jahrhunderte wurde in mühsamen Debatten und Auseinandersetzungen der säkulare Staat mit Gewaltenteilung und Funktionentrennung, demokratischen und rechtsstaatlichen Strukturen und der Trennung von Staat und Religion im Sinne der Augustinischen Zwei-Reiche-Lehre entwickelt.“
Auch hier wird die Dichotomie zwischen einer zivilisierten und einer unartikuliert barbarischen Welt aufgemacht. Wer zur zivilisierten Welt gehört, ist klar, denn nicht umsonst heißt das Debattenmagazin The European. Schütze artikuliert hier das althergebrachte Sprachbild des hochentwickelten Europa, welches „über Jahrhunderte […] in mühsamen Debatten und Auseinandersetzungen“ eine Demokratie entwickelt hat, die nur so glänzt von Säkularismus und Gewaltenteilung. Europas Glanz und Glorie kann natürlich nur in Abgrenzung zum Gegenteil existieren und zwar „angesichts der Brutalität gehirngewaschener Menschenschlächter“. Ich bin mir nicht sicher, ob mein Opa vor über 70 Jahren deepe Debatten über Demokratie und Frieden in Europa geführt hat. Und dann haben wir tollen deutschen Europäer ganz ohne Marshallplan, Reeducation und Aufbauhilfen unsere jahrhundertealten Debatten zur Hand genommen und dachten uns: JA, KANT! Your time is now. Endlich demokratischer Frieden. Lass das jetzt machen. Ungefähr so muss es gewesen sein. Oder auch nicht.

Diese Formen der Sprache, die subtilen und weniger subtilen Degradierung der Anderen, die manchmal klar bestimmt werden, aber manchmal nur als vage Idee im Raum schwirren, setzen doch die Geschichte nur fort. Und so fragt Shooman am Ende der Podiumsdiskussion völlig zurecht:
„Wie führe ich dann eine Diskussion in einen Raum, der nicht machtfrei ist? In dem es Minderheiten und Mehrheiten gibt und die einer gewissen Asymmetrie ausgesetzt sind. Wie kann das aussehen? Wie kann ich als Feministin eine Diskussion führen, wenn ich persönlich das Kopftuch ablehne mit allen Begründungen, die dafür existieren, was für mich eine legitime Position ist. Kann ich diese Diskussion führen und ignorieren, dass es einen massiven anti-muslimischen Rassismus gibt und insbesondere kopftuchtragende Frauen davon betroffen sind.
Wie können wir heute über Islam, Kopftücher und Säkularismus sprechen, ohne im gleichen Atemzug auch Rassismus zu benennen? Das geht nicht. Es ist so simpel.

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