Mittwoch, 24.05.2017
Laurie Penny

No More Heroes

Dieses Jahr war ein wirklich bösartiges Arschloch. Terroristische Gräueltaten, die andauernde Flüchtlingskrise und der (Ver)Fall der westlichen Demokratie wären an und für sich schon genug gewesen, aber im Ernst – Carrie Fisher? George Michael? An Weihnachten? De Trop. Komplett sinnlos. Und trotz alledem, irgendwie, schien all das unausweichlich. Die Sterbefälle geliebter Ikonen der 60, 70, 80 Jahre sind nun keine tragischen Einzelfälle mehr, sondern erwachsen zu einer fortwährenden Krise, begleiten einen wie ein eindringlicher, schrecklicher Trommelschlag zu einem grausamen Marsch in Moll. Von Laurie Penny.

Wenn wir schlau wären, wenn wir mit neuerlichen Traditionen brechen und rational denken würden, wüssten wir, dass es weitaus schlimmere Jahre gab. Rational gedacht wüssten wir, dass Tod und Verderben sich nicht um Termine scheren, das Kalenderjahre wackelige, menschliche Konstrukte sind, ebenso wie die Demokratie und der Nationalstaat.
Ein beruhigender Gedanke, oder? Beruhigend ist es auch sich darauf zu besinnen, dass Korrelation nicht gleich Kausation ist und dass viele Stars schlicht und ergreifend ein Alter erreicht haben in dem der menschliche Körper zerbrechlicher wird und öfter Aussetzer hat.
Es hilft, sich in Gedanken zu rufen, dass Körper, die mit Drogen, Alkohol, haufenweise Kippen und anderen Relaxanten vollgestopft wurden, Körper, die jahrelang die flatterhaften Seelen schuftender, besessener Künstler*innen durch die Gegend tragen durften, dass solche Körper dazu tendieren nicht ganz so haltbar zu sein, wie die des Durchschnitts. Sich dessen zu besinnen hilft einem. Klar. Es hilft einem in etwa so, wie es Menschen, die just einen lieben Verwandten verloren haben hilft, Ihnen zu sagen, dass Oma Erna oder Opa Hans doch ein reifes Alter erreicht haben, angesichts dessen, was diese Ihr Leben so weggeraucht haben. Und man solle sich doch nicht wundern, bitte. Nun ja.

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Fotos: Saskia Timm

Man fühlt man sich unendlich besser, wenn alles schön rational vor einem ausgerollt wird, oder? Sicher, wenn es eine Sache gibt die uns 2016 gelehrt hat, dann ja wohl die, dass seriöse, klar und deutlich dargelegte Fakten jederzeit eine gewaltige Emotion oder einen plötzlichen Reflex ausstechen, auch wenn dieses Beben Millionen andere Menschen gleichzeitig ergriffen hat. Also hör auf zu heulen und werde erwachsen! Sieh mich an: ich heul nicht! Genauso wenig, wie ich gestern Nacht nicht geheult hab, als mir jemand ein Foto von Carrie Fishers Bulldogge mit der heraushängenden Zunge vor die Nase gehalten hat. Genauso wie ich heute definitiv nicht auf dem Sofa gelegen hab und „Was geschieht denn nun mit Gary!“ schluchzte, in einer Art und Weise wie ich niemals um die Zukunft der gesamten menschlichen Spezies trauern könnte. Dies ist noch nicht mal andeutungsweise passiert! Also hör auf zu jammern. Du kanntest diese Leute doch überhaupt nicht! Wie kann es also angehen, dass diese Typen Dein Herz oder Deine Seele berührt haben oder Dir beigebracht hätten Deine Andersartigkeit in beide Hände zu nehmen und sie erstrahlen zu lassen.

2016 ist übrigens auch Ironie verstorben, gnädigerweise. Seit Jahren schon hat sie gelitten und was auch immer noch kommt, ich kann sie einfach nicht mehr am Leben erhalten. Also lasst mich eins klarstellen: es ist vollkommen okay, momentan ein einziger kaputter Haufen zu sein. Es ist vollkommen okay, starke Empfindungen zu haben bei diesen dauernden, schrecklich symbolischen Verlusten von Leuten die Du gar nicht gekannt hast, von denen man eh nur so halb geglaubt hat, dass es Sie wirklich gibt auf dieser Welt. Es ist vollkommen okay, stinksauer zu sein, dass diese Typen sich ausgerechnet jetzt verdrücken müssen, genau an einem Punkt, in der wir sie und das was sie repräsentierten am meisten gebraucht hätten. Es ist vollkommen okay, ein wildes Gefühl der schreienden Ungerechtigkeit zu haben, in diesen Zeiten des gewaltigen, fürchterlichen Wandels und des schwindenden, menschlichen Miteinanders. Und kein gut gemeinter Ratschlag, keine Räson kann das Trauern leichter, den Tod weniger unfair machen.

Bowie, Fisher, Ali, Michael, Prince, Cohen – alle starben zu früh. Jeder stirbt zu früh. Es gibt kaum Individuen da draußen von denen man sagen wird, sie sind rechtzeitig verstorben. Viele dieser Individuen leben noch und angesichts der Tatsache, dass es wenig Gerechtigkeit in der Welt gibt, ist beides dies: Grund und Konsequenz.
Zu Beginn des Jahres, als David Bowie diesen Ort verlassen hatte um auf seinen Heimatplaneten zurückzureisen und uns bedeutungsschwanger noch ein letztes Album hinterließ, schrieb ich folgendes:

„Dies wird weiter passieren. Die großen Künstler und Ikonen des 20ten Jahrhunderts werden weiterhin unter diesem Quatsch der sich Sterblichkeit nennt leiden und uns mit Ihrem Vermächtnis und dem was dies für uns bedeutet, hier alleine lassen. Teil des Schocks den wir fühlen, wenn eine Ikone stirbt ist die Erinnerung daran, dass unter all dem Make-Up, hinter all den Lichtern und all dem Laster eine reale Person steckt, die morgens nach dem Aufstehen ins Bad geht, wie wir alle. Unsere Ikonen lassen uns immer im Stich, weil sie Menschen sind. Und viel zu oft lassen sie uns im Stich, weil sie außerdem Männer einer bestimmten Generation sind. Und wir kommen noch immer nicht mit den Fakten klar, dass selbst Starmen manchmal auch Monster sein können. …
Wenn eine Berühmtheit stirbt, werden viele Fans oftmals dafür bezichtigt an einer Art „performativer Trauer“ teilzunehmen. In diesem Fall ist „performative Trauer“ die einzige Art der Trauer, die absolut angemessen ist. Heute werden in Brixton Kerzen angezündet und in Berlin malt man sich Lichtblitze ins Gesicht. Die Zeitungen und Nachrichten werden von zehntausenden Hagiographien geflutet, die wie Konfetti auf eine einsame Bühne rieseln. Und das ist in Ordnung. Und es ist in Ordnung zu spüren, dass man etwas verloren hat, was unersetzlich ist.
Denn während die Familie um Ihren Mann trauert, trauert der Rest von uns um eine Idee. Wir betrauern unsere jüngeren Selbst, individuell und als Gesellschaft. Wir betrauern eine Zeit, die nun vorüber ist und überlegen dabei wie wir ihren Idealen gerecht werden konnten oder wie wir unsere Fehler wieder glattziehen können. … Es gibt noch immer eine Zeit für Helden, solange wir uns trauen selbst diese Helden zu sein. Wie auch immer: wir müssen uns Gedanken darüber machen was für eine Welt wir Keith Richards hinterlassen wollen.“

Zwölf Monate später scheint etwas viel Größeres verloren gegangen zu sein. Nicht nur die Menschen, sondern das Zeitalter, das sie ausgemacht hatte. Die 60er. Die 70er. Die frühen 80er. Eine Zeit in der die Welt, so scheint es, auf kleinen, unscheinbaren Wegen und gegen jede Räson zu einer besseren zu werden schien. Eine besondere Art konfrontativer Berühmtheit, so ikonoklastisch wie ikonisch sie war, stirbt mit diesen Menschen. Und wen haben wir um sie im Auge der Öffentlichkeit zu ersetzen? Nun, einige die halbwegs an diesen Status rankommen, sind Politiker. Und mehr und mehr Politiker sind inzwischen selbst sowas wie (gescheiterte) Celebrities. Früher wurde gern gesagt, dass Politik das Showbusiness für hässliche Leute ist; heute wimmelt unsere Kultur von genau diesen Leuten, allerdings machen sie nur hässliche Politik.

Ein seltsam reales und beängstigendes Sentiment herrscht gegenüber dem was einst eine Massenkultur war. Eine Trauer, die weit über die normale Trauer um einen bestimmten Künstler oder eine Berühmtheit hinausgeht. Es ist eine Trauer, welche mit jedem Schock und jeder Schreckensnachricht wieder an die Oberfläche ploppt, wie eine Wunde die immer wieder nur so weit aufreißt wie man es gerade noch aushalten kann, jedoch bar jeder Möglich jemals komplett zu verheilen und zu vernarben. Und ist es mehr als nur ein Zufall, dass diese Verluste exakt zu einem historischen Zeitpunkt stattfinden an dem die Kultur, die diese wunderbaren Menschen einst hervorbrachte, überall wo man hinschaut zerstört wird?

Lasst die Leute trauern, bitte. Lasst sie Gifs und schlecht gephotoshoppte Memes der Erinnerung basteln und diese im Internet wie Erde auf dem Grab der einst freundlichen Gesellschaft verstreuen. Etwas Größeres geht von uns und wir alle können es spüren – es sind nicht nur Bowie und Cohen und Prince und George Michael und Muhammad Ali und Carrie Fisher, sondern es ist der Moment den diese Leute innehatten. Eine freiere Zeit in der wilde, schräge, queere, verrückte, arme und andersartige Menschen tatsächlich Kunst machen konnten, die die Welt bewegte. Eine Zeit des Exzesses, des Abenteuers und der Experimente.

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Außenseiter hatten es im mittleren bis späteren 20 Jahrhundert nicht immer einfach, selbst in den sogenannten ‚wilden Sechzigern‘, und Nostalgie tendiert nun mal dazu recht wertfrei Geschehnisse zu konservieren. Nichtsdestotrotz haftet dieser Zeit eine gewisse Unschuld an, die man jetzt nicht mehr spüren kann. Moralische und finanzielle Einbußen, das Erstarken der Autoritarismen – das Fenster der sozialen Flexibilität und staatlichen Subventionen die es manchen Küstern wie, sagen wir mal, George Michael einfacher machte tatsächlich groß zu werden, ein „Soulboy and a Doleboy“ zu sein und für seine Leidenschaften im Angesicht der Vorurteile auszuleben, dieses Fenster wurde zugeschlagen. Lasst die Leute trauern. Etwas Enormes stirbt gerade und das ist enorm traurig. Dafür erwacht gerade etwas ganz anderes und dieses andere jagt einem eine Scheißangst ein.

„Wir haben nicht genug getan“ sagte eine meiner Baby-Boomer Freundinnen eines Abends zu mir. „Wir haben zwar hart gearbeitet, aber das hat nicht gereicht, weil wir irgendwann dachten, dass wir es uns bequem machen konnten. Unsere Bequemlichkeit hat uns gekillt. Wir haben uns eher auf Kompromisse eingelassen, anstatt unvernünftig zu sein. Wir haben verloren, wir haben uns mit zu wenig zufrieden gegeben. Jetzt ist alles für’n Arsch und das war wir aufgebaut haben, steht kurz davor eingerissen zu werden.“

Ich glaub nicht, dass das so stimmt, keineswegs. Ich denke, dass die Menschen die wir langsam verlieren so viel sie konnten getan haben, sogar vielleicht mehr als man erwartet hat. Sie haben die Welt ein wenig verändert, aber auch sie vergessen – wir alle vergessen das gern – dass die Welt niemals die Gleiche, Veränderte bleibt, dass es immer wieder neue Kämpfe auszutragen gilt, man neue Herausforderungen bewältigen muss, die Bösen immer wieder ein Sequel bekommen und der Imperial Death March gespielt wird.
Eine Menge Helden sind dieses Jahr gestoben. Wir können nur hoffen, dass ebenso viele Neue geboren wurden.

Anmerkungen:
1) Gary ist die nun verweiste Bulldogge von Carrie Fisher und selbst eine Art kleiner Star. Das Internet (vornehmlich Tierbesitzer) sorgte sich ebenso um das Wohl des armen Hundes, wie es um das Ableben Ihrer „geliebten Prinzessin“ trauerte.
2) „to be on the dole“, britischer Term für ‚Arbeitslosengeld beziehen‘)

Dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung der Autorin aus dem Englischen von Saskia Timm für Kaput Mag übersetzt. Das Original kann man hier auf der The New Statesman Website nachlesen.

Der Artikel zum Tod von David Bowie kann hier gefunden werden.

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