Freitag, 22.09.2017
Irgendwas Geiles mit Wien

„99,9% von ALLEM ist zum Wegschmeißen – Für den Rest sind wir zuständig“ – Rokko’s Adventures

Popkultur aus Wien ist derzeit dick im Geschäft – deutschsprachige Herzen schlagen höher bei all den breitbeinigen Strizzis und derangierten Dichtern, die derzeit im Dreivierteltakt aus dem hiesigen Underground aufsteigen.
Den Nährboden für diesen Mikroorganismus bereitet seit einigen Jahren unter anderem ein unaufgeregter junger Mann vor, der allerdings zur offensiven Selbstvermarktung so gar keine Neigung hat. Aus seiner wärmenden Höhle im Untergrund müsste man ihn schon mit Gewalt herauszerren. Von der Existenz von Rokko und seinen Adventures erfährt man daher hauptsächlich per Buschtrommel. MIRIAM BROUCEK schubst das Phänomen nun endlich auch mal ins Erwachsenen-Internet aka auf kaput…

 

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Seit 2007 betreibt Clemens Marschall unter dem nom de guerre “Rokko” sein Fanzine „Rokko’s Adventures“ in klassischer DIY-Manier mit einem die Grafik beisteuernden Freund, Michael Hanisch a.k.a. van Diego, und einigen fleißigen Helferleins, die für lau Texte, Fotos und ähnliches Material ranschaffen. Selbstausbeutung bis hin zum Briefmarken-Abschlecken.

„Wir haben alle möglichen Ideen gehabt, die zum Glück auf der Fernsehcouch in viel Rauch verpufft sind. Unter den Hirngespinsten war dabei: ein Altersheim schwarz anmalen, mit Riesenskulpturen den öffentlichen Raum blockieren, Briefkastln aufmachen und ‚Geschenke’ hinterlassen, eine Autowerkstatt übernehmen,…die meisten dieser Ideen haben keine Früchte getragen. Und irgendwann hab ich mir gedacht, ein Magazin nach eigenen Vorstellungen wär relativ sinnvoll im Vergleich dazu.“

Kein Schenkelklopfen
Ins Heft kommt laut Selbstbeschreibung „abwegiger Klunker zwischen Musik, Kunst, Film und Literatur, ausführliche Reportagen über interessante, mitunter obskure sub-, zwischen- und hochkulturelle Phänomene: Schädelbohrer, Oma, die Wiener Unterwelt, Olga Neuwirth, Joe Coleman, die Melvins oder Leichenpräparation.“ Diese Stichworte lassen durchklingen: bei Rokko’s Adventures wird Subkultur mit Hingabe kultiviert. Herzensangelegenheit ist alles Randständige in der Gesellschaft. Interviewpartnern und Untersuchungsgegenständen begegnet Rokko mit Neugier und ehrlichem Interesse. Er bleibt wohlwollend, auch wenn es darum geht, Themen wie Zoophilie oder Kaviarsex abzuhandeln. Rokko widmet sich auch immer wieder gerne den tragischen und vergessenen Helden der österreichischen Populärkulturgeschichte, von denen es – gesetzt, sie sind nicht frühverstorben – für ein derart kleines Land interessanterweise einige gibt: der ewig glücklose Eurovision Songcontest-Teilnehmer und Handtaschenräuber Tony Wegas, der patscherte ehemalige Boxeuropameister und weitgehende talentfreie Sänger Hans Orsolics oder der selbsterklärte Indianer und ebenfalls ehemalige Eurovision Songcontest-Teilnehmer Hansi „Waterloo“ Kreuzmayr (der allerdings, wohlsituiert, sich selbst nicht als „tragisch“ wahrnimmt). Sein Zugang, den Menschen dabei möglichst unvoreingenommen zu begegnen und einfach zu schauen, was denn da so daherkommt, ohne die Geschichte groß zu inszenieren, ermöglicht journalistische Perlen, bei denen Menschen Einblicke in ihr Leben geben, die sie ohne das nötige Vertrauen niemals zulassen würden. Der (gegenseitige) Respekt bleibt aufrecht: keine antrainierte Anarcho-Attitüde, keine intellektuell verbrämte Sozialpornographie, keine Authentizität on display, kein Schenkelklopfen.
Genialischer Dilettantismus reicht dafür allein nicht aus – Hingabe und Liebe fürs Detail sind Methode. Wer eine abstrakte Fäkalskulptur in den Raum setzen will, der muss zuerst einmal detaillierte Vorstudien betreiben. Was wie aus der Hüfte geschossen wirkt, ist in Wirklichkeit mit gezielten und langen Recherchearbeiten verbunden, für die Rokko beinahe ununterbrochen unterwegs ist. Notiz am Rande: Rokko besitzt nur einen Festnetz-Anschluss, kein Mobil-Telefon. Da er aber pausenlos „herumstrawanzt“, ist er nur selten zu Hause – die Handylosigkeit ist somit eigentlich eine hervorragende Methode, sich Zudringlichkeiten aller Art zu entziehen und die persönliche Freiheit zu bewahren. Rokko scheut auch nicht davor zurück, körperliche und seelische Gesundheit aufs Spiel zu setzen, wenn’s um zwingende Heftbeiträge geht.

„In den zehn Jahren waren so viele komische und unglaubliche Geschichten dabei, viele zum Lachen, manche zum Weinen. Gefürchtet hab ich mich nur einmal, und das war, als ich für ein paar Tage bei der Serienkillerforscherin Sondra London in ihrem Altersheimzimmer am Boden gewohnt hab. Da bin ich festgesessen und war ihren Stimmungsschwankungen ausgesetzt. Aber wir sind im Endeffekt als Freunde auseinander gegangen und sie schickt mir seither zuverlässig kitschige Weihnachtskarten.“

Ziemlich fetzen
„Mehr oder weniger regelmäßig gibt es auch Rokko’s Adventures-Special Issues: von Fotoalben über selbst gefüllte Überraschungseier zu Schnaps aus Eigenproduktion, Tapes mit Field Recordings von ausgiebigen Lokalziehern, ägyptischen Entenstatuen oder verkohlten Toastscheiben. Da kann man ruhig die strikte Definition einer Heftausgabe ein bisschen ausreizen und schauen, wie weit die Leute mitgehen, ob sie’s kaufen oder sagen: ‚So ein Blech!’ Das führt wieder zu den Anfangsideen der ganzen Unternehmung, als es das Heft noch nicht gegeben hat: Menschen mit Geschenken im Briefkastl überraschen. Ohne ein gewisses Maß an Unberechenbarkeit wär es ja fad.“

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Toast

Mein Verdacht, die Obsession von Rokko für alles Anders- und gerne auch Abartige müsse entwicklungspsychologisch auf ein frühes Kindheitstrauma zurückzuführen sein, war ein grober Fehlschluss – zwar oberösterreichische Landkindheit, diese war, bis auf die Gaudi-Volksfeste und Bierzelt-Nazis, aber nicht weiter nachhaltig verstörend. Positives Erweckungserlebnis war vielmehr die Erkenntnis, dass nicht alles, was an Kunst und Musik leiwand ist (streng subjektiv gesehen, natürlich), zwingend in England oder den USA entstehen muss. Die – wiederum oberösterreichische – Experimental-Noise-Rock-Band Bulbul zeigte dem jugendlichen Rokko ausgerechnet im Rahmen eines Wien-Ausfluges vor, dass man auch von einem europäischen Provinzkaff aus ziemlich fetzen kann.

Abzeichen eines Kinderschwimmkurs
Tatsächlich fungiert das Fanzine eigentlich als Chronik des Kosmos, den „Rokkos’s Adventures“ erschließt. Im Kern geht es schließlich darum, alles was für interessant befunden wird, genauer unter die Lupe zu nehmen, auf Erkundungsreisen zu gehen und Menschen kennen zu lernen, die sich im Idealfall als neue Verbündete und Freunde entpuppen, oder aber die Menschen nach Wien zu lotsen, wenn man dafür auch die eigene Bettstatt als Übernachtungsmöglichkeit zur Verfügung stellen muss. Aus jeder neuen Begegnung kann sich eine neue Geschichte ergeben. Bild, Ton und Text sind sowieso eng miteinander verwoben, schon allein weil jedes neues Heft im Rahmen eines – auf gut wienerisch – „Festls“ präsentiert wird, bei dem Lesungen, Konzerte und Trinkerei eins werden. Dazu hält Rokko immer wieder Happenings ab, sei es dass er sich gemeinsam mit Band und Hermes Phettberg (nackt bis auf einen Jeans-Tanga, im Rollstuhl) in einer Mischung aus Lesung und Wall of Noise in einer Kunstfuzzi-Galerie austobt, Voodoo Jürgens in einem ranzigen Beisl ohne Bühne ein Konzert vor Hooligans spielt, oder aber in der Kantine des Österreichischen Rundfunks Stefanie Sargnagel durch ein Megaphon liest (das Namedropping muss sein). Abonnenten bekommen im Übrigen in Fix-&-Foxi-Manier immer ein kleines Gimmick beigelegt – das kann eine EP von einer befreundeten Band (dabei handelt es sich in der Regel um etwas mit viel Krach und Gebrüll), ein Print eines befreundeten Künstlers oder obskure Fundstücke (Abzeichen eines Kinderschwimmkurses, Sektenpamphlet, nach Alkohol und Fett stinkender Bierdeckel) sein. Und einmal wurden bei einem Wettbewerb für die Einsendung der besten Fotos eigener Narben Rokko’s Adventures-Abos vergeben.

Rokko Anal & The Coathangers mit Hermes Phettberg (Foto: Kurt Prinz)

“Scheiß dir nix”
Das Fanzine-Format reicht aber natürlich schon lange nicht mehr aus, um alles Treiben zu dokumentieren. Daher haben sich mittlerweile drei Bücher zum Output gesellt. „Avant-Garde From Below – Transgressive Performance“, eine Untersuchung über Kunst und Kriminalität, Avantgarde und Terrorismus mit der Kernaussage, dass die Bühne mitunter das probatere Mittel sein kann, sich an seinem Umfeld abzuarbeiten und Inneres auszuagieren, als Amok zu laufen, ist das Ergebnis eines langen Stellungskriegs rund um seine Dissertation am Institut für Musikwissenschaften der Universität Wien. Das bereits in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts für seine reaktionäre Grundeinstellung berüchtigte (jedwede E-Musik-Komposition nach dem Ersten Weltkrieg ist irrelevant, U-Musik sowieso indiskutabel) Institut war not amused über den Studenten, der schon seine 140 Seiten starke Diplomarbeit einer Lärm-und-Krach-Band namens Melvins samt philosophischer Metaebene – „scheiß dir nix“ – widmete. Ein subversiv veranlagter Professorengeist erwies sich jedoch als bestärkender Mentor und bewegte Rokko schließlich zu Dissertation und Buchprojekt. Die Melvins-Historie ist übrigens als Spezialausgabe von „Rokko’s Adventures“ erschienen, aber längst ausverkauft – die Melvins haben davon selbst gleich 300 Stück geordert.

„Golden Days Before They End” wiederum entstand deshalb, weil Rokko gern mit seinem Freund Klaus Pichler – der fürs Heft regelmäßig Fotostrecken liefert – in die in Wien sprichwörtlichen „Beisln“, „Branntweiner“ und „Bauchstich-Hüttn“ einkehrt. Diese kleinen, für ihr Stammpublikum lebenswichtigen Spelunken verschwinden nach und nach aus dem Wiener Stadtbild, sei es weil Besitzer und Besucher wegsterben, oder sich der Betrieb finanziell nicht mehr aufrechterhalten lässt. Ein Stück Gesellschaftskultur und Zeitgeschichte, das dokumentiert werden musste. Klaus Pichler lieferte dazu sagenhafte Momentaufnahmen – schöner war der Trinkeralltag nie!

zzz © Klaus Pichler

Charlyü im Las Palmas

Bauchredner und Feuerwehrmann
„Dass die Bücher sehr unterschiedlich sind – das war vielleicht ein Unfall, wobei im Grunde sind meine Interessen einfach breit gestreut. Ich wehre mich nicht, wenn mir scheinbar zufällig gute Geschichten unterkommen, bzw. bin ich eigentlich eh dauernd unterwegs, damit ich wieder in neue Obsessionen falle.“

Das jüngste Werk widmet sich der Kultur- und Sittengeschichte des Wiener Praters, mit seiner Vergangenheit als Schauplatz zahlreicher Freak- und Sideshows des 19. Jahrhunderts für Rokko naturgemäß ein ganz besonderer Ort. Als er „gerade über menschliche Kanonenkugeln forschte“ lernte er Robert Kaldy-Karo, kennen, Direktor des Circus- und Clownmuseums Wien, Zauberkünstler und ehemaliger Feuerwehrmann. Mit diesem Wissenschafter der Wiener Unterhaltungskunst ergaben sich immer wieder Kooperationen, nicht zuletzt das gemeinsame Buch.

„Rokko’s Adventures war schon alles Mögliche: mexikanisches Zauberpulver, Diskette, Präservativ, Schnitzeljagd, Schweinepfote, Außenkommando, Band, stirngeprumzt und böhmisch einkaufen. Und Rokko’s Adventures würd auch funktionieren als Kartenspiel, Wirtshaus, Fernsehsendung, Bauchredner oder offizielle Lehrausbildung. Und mindestens eins davon wird sicher noch passieren.“

(Fotos bis auf Coathangers und Phettberg: Clemens Marschall / Klaus Pichler)

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