Freitag, 28.07.2017
Literatur-Prekariat

„Alle sind davon betroffen“ – Indie-Verlage nach der VG Wort-Reform

Viele deutsche Independent-Verlage befinden sich aktuell in einer schwierigen Situation, die im April 2016 ihren Anfang nahm in einem Urteil des Bundesgerichtshofs. Darin wird festgelegt, dass Verlage nicht mehr an den Millionen-Einnahmen der Verwertungsgesellschaft Wort (kurz: VG Wort) beteiligt werden sollen. Die Gesetzeslage nach dem Urteil sieht nun vor, dass das Geld ausschließlich den Autoren zustehe. Kaput-Autor Florian Kölsch traf sich mit Jonas Engelmann vom verdienten aber leidlich mittellosen Ventil Verlag – es sollte ein Gespräch werden über mehr als nur eine Branche im Umbruch.

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Vorweg geschickt: Ja, hier geht es um richtig viel Geld: Alleine im vergangenen Jahr nahm die VG Wort, die ihr Geld aus der Bibliotheks- und Kopiergerätnutzung generiert, knapp 185 Millionen Euro und sitzt auf einem Vermögen von einer halben Milliarden Euro.
In den Jahren vor der Gesetztesreform floss das Geld aus dem VG-Wort-Topf pauschal je zur Hälfte an Autor und Verlag, ab 2012 wurde – da sich solch ein Urteil wie das des BGHs schon abzeichnete – die 50%-Beteiligungen der Verlage nur noch unter Vorbehalt ausgezahlt, sprich: Das Geld muss „eventuell“ zurückgezahlt werden.
Schnell erkannte die Buchwelt, was auf sie zukommen könnte. Jörg Sundermeier, Verleger beim Verbrecher Verlag, schrieb in einem Kommentar in der FAZ, dass ein „Baustein aus dem Fundament unserer Literaturlandschaft entfernt wurde“, während der Börsenverein, der Dachverband der deutschen Buchbranche, vermelden ließ, dass das Urteil „kulturpolitisch höchst problematisch“ sei.
Problematisch ist nach dem Urteil nun auch die Lage beim Ventil Verlag. Der Verlag soll, als Folge der Gesetztesreform, den vorbehaltlich ausgeschütteten Anteil an den VG Wort-Geldern aus den Jahren 2012 bis 2014 zurückzahlen. Die Summe: Ein fünfstelliger Betrag. Für einen unabhängigen Kleinverlag ist das in der Regel nur schwer oder auch gar nicht zu stemmen. Als einen Lösungsansatz überlegte sich nun der Kleinstbetrieb eine Crowdfundingaktion. Am vorletzten Mittwoch, dem 28. Juni, wurde der Aufruf gestartet: 15.000 Euro sollen erzielt werden.

Was waren eure Gedanken als klarwurde, dass ihr aufgrund der Reform nun der VG Wort Geld zurückzahlen müsst?
Jonas Engelmann: Es war ja bis zuletzt offen, ob es durchkommt. Das hat sich ja über Jahre hingezogen, dieses ganze juristische Hin und Her. Als es dann klar war, dass wir das zurückzahlen werden müssen, gab es schon einmal einen Moment wo wir dachten, ob wir das jemals können. Dieses Geld wurde in den letzten Jahren nur unter Vorbehalt ausgezahlt. Einige Verlage haben es dann schon nicht abgerufen, in Voraussicht, dass sie es nicht behalten dürfen. Wir haben es aber abgerufen, weil wir im Ganzen auf solche Beträge auch angewiesen sind.

Wie war das denn vor der Vorbehaltsauszahlung geregelt?
Bis zu dem juristischen Urteil war es ja so: Im Wissenschaftsbereich – der auf unsere Bücher ja zum größten Teil zutrifft – also alles, was nicht Belletristik ist – war es so, dass von dem Geld, welches die VG Wort ausschüttet, 50% die Autoren und 50% die Verlage bekommen. Das war so die Situation in den letzten Jahrzehnten. Ab dem Moment wo es die Klage gegen die Aufschlüsselung dieses Geldes gab, hat die VG Wort den Anteil an die Verlage nur noch unter Vorbehalt ausgezahlt. Bei den Autoren stand zwar auch unter Vorbehalt dabei, aber da war es klar, dass sie es eh behalten dürfen. Es waren die normalen Beiträge, keine Pauschalen – es wurde das ausgeschüttet, was die Verlage normal bekommen hätten. Zumindest in den ersten Jahren dieses Verfahrens, in den letzten zwei Jahren dann allerdings nicht mehr.

Hast du gerade viel Kontakt zu anderen Verlagen?
Die meisten Verlage mit denen wir so zu tun haben im Independent-Sektor, die sich unabhängig von großen Geldern und Geldgebern bewegen, für die sind solche VG Wort-Gelder nicht unerheblich im Jahresbudget. Das sind so – sagen wir mal – hohe, vierstellige Beträge. Das sind 5.000 bis 6.000 Euro im Jahr. Auf Buchdruck umgerechnet kann man dafür die erste Auflage von zwei bis drei Titeln drucken. Deswegen waren wir auch immer darauf angewiesen das abzurufen und als uns klar wurde, man muss das zurückzahlen war unklar, wie das funktionieren soll. Das ging aber eigentlich allen Verlagen so.

Also nicht nur Independent- sondern auch Großverlage?
Die müssen dann natürlich viel höhere Summen zurückzahlen, ja. Wenn sie das Geld abgerufen haben sollten, dann kann man sich das ja hochrechnen. Da müssen wohl zum Teil Millionen zurückgezahlt werden müssen. Das wissen wir aber nicht genau – wir wissen das nur bei uns, wieviel das ist und bei befreundeten Verlagen. Und wir wissen auch, dass diese Beträge für Kleinverlage das Ende bedeuten können. Wenn sie zum Beispiel keinen Kredit bekommen zum Zurückzahlen. Letzte Woche hat auch der erste Verlag mit der Begründung der VG Wort-Rückzahlungen aufgegeben.

Welcher war das denn?
Der A1-Verlag aus München. Sie sind in Liquidation gegangen. Aber das ist generell für alle Kleinverlage sehr schwierig, denn die Gesetzesreform betrifft nicht nur die VG Wort, sondern auch die VG Bild-Kunst. Das waren sozusagen zwei Klagen, die parallel verhandelt wurden. Alle Verlage, die irgendwelche Bücher mit Bildern veröffentlichen, sind davon auch betroffen. Das sind zwei verschiedene Instanzen, an die wir jetzt Geld zurückzahlen müssen.

20170518_152048_resizedWie ist so der allgemeine Tenor in der Branche und wie versucht man, mit der Situation umzugehen?
Alle Verlage gehen damit unterschiedlich um. Es gibt Verlage, die Leute entlassen. Es gibt Verlage, die bestimmte Buchprojekte nicht in Druck geben können oder für Buchprojekte ein Crowdfunding machen, um es realisieren zu können. Manche legen alte Titel nicht mehr auf, weil sie an Druckkosten sparen müssen. Und es gibt Verlage, die ihre Autoren nicht mehr bezahlen können.

Hier setzt auch diese Option der Verzichtserklärung ein.
Genau, das ist eine Möglichkeit ein Bisschen etwas abzufedern. Indem man die Autoren bittet, auf ihren Anteil, den sie jetzt zusätzlich bekommen, zu verzichten. Also genau auf den Anteil, den die Verlage vorher bekommen haben. Ob sie das machen weiß man nicht, denn das ist ein anonymes Verfahren, das rein den Autoren überlassen bleibt. Das Problem ist: Gleichzeitig ist es auch so, dass im Independent-Sektor die Autoren genauso prekär dastehen wie die Verlage. Wenn man dann als Autor die Möglichkeit hat, durch die Rückzahlungen 400 oder 500 Euro mehr zu haben, dann nimmt man sie vielleicht und denkt nicht so sehr an den Verlag. Ist ja auch normal. Und das ist vielleicht auch das Problem: Im Independent-Sektor leben alle mehr oder weniger am Existenzminimum. Autoren und Verlage haben nicht viel Geld – alle versuchen das aber gemeinsam irgendwie am Laufen zu halten.

Wie verstehst du – ob vor oder nach Reform – das Verhältnis zwischen Verlag und Autoren?
Bis jetzt war das auch immer klar, dass das letztendliche gemeinsames Buchprojekt ist: Es gibt ja nicht nur die armen Autoren und die reichen Verlage, die dann das ganze Geld einsacken. Es besteht ein gemeinsames Interesse von Autor und Verlag, die Bücher gut zu lektorieren, schön zu gestalten – man bringt ein Buch gemeinsam auf den Markt. Und die künstlerischen Leistungen des Verlags waren bisher auch immer ein Grund, dass dem Verlag ein Teil dieser VG-Wort-Gelder zusteht.

Aus was setzen sich denn diese Gelder eigentlich grundlegend zusammen?
Alle Bibliotheken, alle Kopierer an Universitäten zum Beispiel geben für jede Kopie, für jedes Buch das ausgeliehen wird einen ganz geringen Prozentsatz an die VG Wort und das wird dann sozusagen umverteilt. Wenn ein Buch von uns dann in einer Bibliothek steht und der Autor dadurch, dass es sich zehn Leute ausleihen theoretisch zehn Bücher weniger verkauft, kriegt er halt dadurch eine Entschädigung. Aber an sich wäre es ja nur fair, wenn wir auch eine Entschädigung bekommen, weil wir ja auch zehn Bücher weniger verkaufen. Daher kommt halt dieser Solidaritätsgedanke: Woher kommt das Geld, wie wird es verteilt. Und das ist plötzlich weggebrochen.

Wieso wollte jemand mit einer Klage diesem – doch schon seit Jahren bestehenden – Solidaritätsprinzip entgegenwirken?
Was diesen Autor, der da geklagt hat, genervt hat, ist trotz allem nachvollziehbar. Er hat in einem Wissenschaftsverlag Bücher veröffentlicht, wo es ja die Regel ist, dass du für eine Dissertation, die die veröffentlichen willst, nicht nur selbst layouten musst, sondern auch noch geschätzt 5000 Euro Druckkosten irgendwo auftreiben musst und dann im Endeffekt noch froh sein kannst, wenn der Verlag 100 Stück davon druckt. Da kann man als Autor schon einmal sagen: „Ok, das System ist eher ungut, vor allem wenn der Verlag noch die Hälfte des VG Wort-Geldes bekommt – dann will ich alles haben.“ Das ist irgendwo nachvollziehbar. Das Problem ist nur, dass die juristischen Mühlen anders mahlen und am Ende alle Verlage die gleiche Behandlung erfahren. Und in dem Moment wird es ungerecht. Wir sind nämlich kein Druckkostenzuschussverlag. Es wird eben nicht differenziert in dem Urteil und darin liegt das große Problem. Alle sind davon betroffen, eben auch die, die keine Kohle von den Autoren verlangen.

Ingo Rüdiger, ebenfalls Mitarbeiter beim Ventil Verlag, schaltet sich ein. Er nippt vorher noch schnell an seiner Cola.

Ingo Rüdiger: Was ich ja noch den Hammer finde… Der Initiator des Ganzen, ein gewisser Herr Vogel, gehört auf Autorenseite einer Fraktion an, die immer noch nicht aufgegeben haben und fordern, dass die Verlage alles zurückzahlen müssen seit Inkrafttreten dieses Gesetztes. Das war ja auch mindestens im Gespräch.

Ab wann müsst ihr zurückzahlen?
Jonas: Wir müssen insgesamt drei Jahre zurückzahlen: 2012, 2013 und 2014. Die letzten beide Jahre wurden nicht ausgezahlt. Und das eben für VG Wort und für VG Bild-Kunst. Wir hatten jetzt das Glück, dass wir einen Bankkredit bekommen haben, der natürlich trotzdem schwer wiegt und den wir dann abstottern müssen. Dann kam die Frage: Wie kann man das abfedern?

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Wo habt ihr denn bei den Plänen zur Abfederung konkret angesetzt?
Jonas: Im Verlag sind wir nicht viele und wir versuchen zwar davon zu leben, können es aber eh nicht – genauso wenig wie unsere Autoren nur von den Büchern leben können. Genauso haben wir alle auch noch andere Jobs. Aber dennoch wäre es natürlich schön, wenn man sich nicht nur eine symbolische Aufwandsentschädigung für eine Dreiviertelstelle auszahlen könnte. Das schien uns angesichts der Summe, die wir zurückzahlen sollen – kann man das sagen?

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Jonas: Wir sind ja hier kein Geheimnisträgerverband – es sind 20.000 Euro, die wir zurückzahlen müssen. Wenn wir das auf einen Schlag hätten begleichen müssen, hätten wir uns für den Rest des Jahres nichts auszahlen können. Wir können aber auch nicht umsonst hier arbeiten.

Ingo: Wir hätten auch keine Bücher drucken können.

Jonas: Es gibt dann noch die Option des Entlassens. Entlassen können wir uns aber nicht, wir sind eh nicht angestellt, weil wir uns das nicht leisten können. Die Optionen waren, keine Bücher mehr oder wir arbeiten nicht mehr.

Aber dann hattet ihr ja noch eine andere Idee!
Genau, das Crowdfunding. Damit können wir das alles noch ein wenig auf stabile Beine stellen. Und letztendlich ist das Ziel der Sache, zumindest einen Teil dieser Schulden, die wir jetzt aufnehmen mussten, zurückzuzahlen um das Herbstprogramm finanzieren zu können. Diese Finanzierung ist unser konkretes Crowdfunding-Ziel. Es geht aber auch darum, dass der Verlag weiterlaufen kann.

Hat schon ein anderer Verlag im Falle VG-Wort es mit Crowdfunding versucht?
Wir sind jetzt der erste Verlag der das angesichts der VG-Wort gemacht hat, auf diese Weise. Es läuft auch ganz gut bis jetzt, mehr als die Hälfte ist schon drin. 15.000 Euro haben wir angesetzt. Das Problem ist, wenn wir 15.000 Euro zusammenkriegen, haben wir nicht 15.000 Euro am Ende: Wir haben noch Abgaben: Steuer, Gebühr für die Crowdfunding-Plattform, und so weiter. Es ist dann nicht komplett da, aber es wäre trotzdem eine gewisse Erleichterung.

Eure Autoren und Freunde helfen ja ordentlich mit beim Crowdfunding: Autoren stellen signierte Bücher und mitunter einen gemeinsamen Sauna-Besuch bereit, Dirk von Lowtzow hat euch Sachen zur Verfügung gestellt. Die Liste ist lang.
Also wir haben letztendlich Freunde, Autoren und Menschen die mit uns in den letzten Jahren zu tun hatten, angefragt, ob sie bereit wären, irgendetwas zur Verfügung zu stellen. Sei es nun eine Zeichnung, ein signiertes Buch oder Sonstiges. Und dann haben wir natürlich auch noch Bücher angeboten. Buchpakete, Buch/Platten-Pakete, alles was wir so an Möglichkeiten haben. Und es gab dann auch viel Resonanz, wie man auch sieht an den vielen Dankeschön-Nachrichten auf der Webseite. Ab nächster Woche komme auch noch ein paar Sachen dazu, eine Lesung mit Torsun Burkhardt zum Beispiel. Nachdem das losging, fingen auch Leute an von sich aus auf uns zuzugehen und meinten, dass ihnen nicht klar war, dass es so schwierig sei für Kleinverlage und dass sie gerne unterstützen würden.

Gab es schon Resonanz in den sozialen Medien oder in der Presse?
Der Aufruf wurde inzwischen auch schon wahnsinnig oft bei Facebook geteilt. Das Börsenblatt hat darüber berichtet. Auch die Kurt Wolff-Stiftung, eine Stiftung für unabhängige Verlage, hat sich eingeschaltet. Sie haben nach der Sache mit dem A1 Verlag und unserem Crowdfunding jetzt einen offenen Brief an die Bundesregierung geschrieben mit der Bitte, eine rechtliche Sicherheit zu schaffen in dieser schwierigen Situation. Es wird jetzt wahrgenommen als Thema.

Ihr seid ja jetzt einer der ersten Verlage, der damit so an die Öffentlichkeit geht. Wann ziehen die anderen Verlage nach?
Das Ding ist, glaube ich, dass es vielen Verlagen so geht wie uns. Sie können eh nicht von dem leben, was sie machen. Weil es eben ein strukturelles Problem ist in der deutschen Verlagslandschaft. Reich wird damit niemand. Und bei uns ist zum Beispiel alles immer knapp kalkuliert.

Aus was besteht denn euer Herbstprogramm, das ihr durch das Crowdfunding sicherstellen wollt?
Das sind sechs bis sieben Bücher. Zum Teil auch solche mit sehr vielen Seiten. Das Simon Reynolds-Buch, also das Glam-Buch, hat alleine im Original schon 600 bis 700 Seiten. Das muss halt auch erstmal finanziert werden und so eine Übersetzung ist auch nicht unerheblich.

Seid ihr wieder bei null wenn das Crowdfunding-Ziel erreicht ist?
Ja. Also nicht ganz bei null, immer noch im Minus. Aber wir sind das gewohnt. Damit wären wir wieder an einem Punkt, an dem wir normal arbeiten können. Zumindest halbwegs.

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Ein Highlight der Crowdfunding-Aktion: Das echte Demo-Tape der Frühneunziger Band von CDU-Generalsekretär Peter Tauber ist auch zu erstehen…

Information
Aktuell hat der Ventil Verlag durch sein Crowdfunding-Projekt schon fast 9.200 Euro eingenommen. Das Crowdfunding geht noch bis Mitte August, Spenden können auf der StartNext-Seite des Verlags abgegeben werden.

Alles weitere zum Ventil Verlag und dessen Programm gibt es hier

 

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