Sonntag, 19.11.2017
„The Misandrists“

Wer hat Angst vor der lesbischen Intifada? Bruce LaBruce über seinen neuen Film

Dass eine lesbisch-feministische Terrorgruppe die Menschheit bedroht, ist nicht nur eine Angst „besorgter Bürger“ und AfD-AnhängerInnen in diesem Land – es ist auch der Plot des neuesten Films der kanadischen Queer-Filmikone Bruce LaBruce.

„The Misandrists“ ist der Titel und der Film kann als lose Fortsetzung von „The Raspberry Reich“ (2004) gesehen werden. Schon damals taten es ihm gewalttätige Revolutionäre an, als er lose die Geschichte der Roten Armee Fraktion mit Fickfilmchen-Elementen kombinierte. Doch statt „Join the homosexual intifada“ gilt es nun, die explizit lesbische Intifada zu joinen. Bruce LaBruce rührt also mal wieder eine Mischung an, die man aus den meisten seiner Filmen kennt und Trash- wie Alliterationsfans begeistern wird: Porno, Propaganda und Provokation. Auch seine Punkwurzeln wird die Ikone des Queercore und Fanzine-Pionier, der schon schwuler Punk war, als man dafür selbst noch in der Szene auf die Fresse bekommen hat, diesmal wieder durchscheinen lassen. Zu all dem hat er PHILIPP MEINERT ein paar Fragen beantwortet.

x-sWie kommt man auf die Idee, einen Film über lesbische Terroristinnen zu drehen?
Das geht zurück auf meinen Film „Raspberry Reich“, der 2004 gedreht wurde. Einige meiner lesbischen Freundinnen und Leute, die mich auf Filmfestivals ansprachen, waren enttäuscht, dass es darin weder lesbischen Content noch sonstige Referenzen darauf gab. Ich habe dann versprochen, auch mal einen Film über lesbische Terroristinnen zu drehen, um eine Balance herzustellen. Ich habe ja bereits ein paar Filme mit einem ausschließlich männlichen Cast gedreht, zum Beispiel „Hustler White“ und „LA Zombie“. Auch in Skinflick“ gibt es nur eine weibliche Nebenrolle. Es war also an der Zeit, einen Film mit einem fast ausschließlich weiblichen Cast zu drehen. Eigentlich führt das schon zurück auf meine Zeit an der Schule und der Uni. In der High School habe ich Texte geschrieben, in dem es darum ging, dass Feminismus die einzige Möglichkeit ist, die Welt zu verändern. Später habe ich dann noch einen Kurs zu Psychoanalyse und Feminismus besucht. In der Uni waren es dann radikale linke Gruppen, die mich interessiert haben. Im ersten Semester besuchte ich einen Kurs über Protestkultur und wir nahmen viel zum Thema Feminismus durch. Da schrieb ich ein Paper über Feminismus, in dem ich Juliet Mitchell mit Doris Lessing und ihrer feministischen Philosophie vergleiche. Meine Filme haben oft akademische Elemente. Ich habe mich sehr gern damit beschäftigt. Zunächst war ich eher Filmkritiker und kein Filmemacher, aber ab einem bestimmten Punkt hat mich das desillusioniert und ich wollte die Theorie in die Tat umsetzten.

Letzte Woche hast du die Dreharbeiten beendet. Was kannst du über die Arbeit an „The Misandrists“ erzählen?
Es war toll. Das Ganze war eher ein Experiment. Wir haben fast den ganzen Film in einem winzigen Dorf in Brandenburg namens Gantikow, zwei Autostunden von Berlin entfernt, gedreht. Es geht ja um lesbische Separatistinnen im Nirgendwo, die ihre Revolution planen. Daher musste es auch dort spielen. Dabei lebte ein Großteil der Crew in demselben Haus, in dem wir auch gedreht haben oder in unmittelbarer Nähe in Hotels. Ich wollte, dass dadurch ein Band zwischen den Frauen, die mitspielen, entsteht. Das hat auch funktioniert. Außerdem gab es in dem Haus kein Internet und zur Beheizung nur einen Ofen, den wir nicht immer anmachen konnten. Es war also sehr kalt den ganzen Tag über und es gab keine Ablenkung, das hat uns diszipliniert, schnell mit dem Drehen fertig zu werden.

x-btrViele deiner Filme spielen in Berlin. Was ist deine Verbindung zur Stadt?
Ja, meine beiden Lieblingsdrehorte sind Los Angeles und Berlin. Sie sind beide absolut gegenteilig. In Deutschland gibt es noch diese alte europäische Kultur und viel Geschichte. Hier hat man teilweise so eine ständige Mitternacht. Die Leute leben hier noch sehr natürlich, alles ist ziemlich gotisch. In Los Angeles ist es immer Tag, es scheint ständig die Sonne und das Klima ist ein ganz anderes. Einfach sehr amerikanisch. Beide Städte sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht. In Berlin habe ich nach dem Mauerfall meinen ersten Film „No Skin Off My Ass“ zum Teil gedreht. Ich hatte viel über die lokale Punkszene gehört und wollte damals unbedingt zwei Bars, die Berlin Bar und das Cafe Anal, die in den frühen 90ern existierten, besuchen. Ich habe mich also in die Stadt verliebt. Dann habe ich meinen späteren Berliner Produzenten Jürgen Brüning, der von Buffalo in New York mal nach Toronto kam, gefragt, ob er nicht meinen Film produzieren wolle.

Du bist bekannt für deine erbarmungslose Kritik am schwulen und queeren Mainstream. Wird das auch wieder zu finden sein?
Schwule werden kein so großes Thema sein, es ist ja ein Lesbenfilm. Aber es geht zum Beispiel auch um Probleme von Transgender mit Lesben. Es gibt ja Feministinnen, die Transfrauen vorwerfen, keine echten Frauen zu sein und sie deswegen ablehnen sondern dass sie rein sexuelle Motive hätten, Frauen zu sein. Diese Behauptung wird in „The Misandrists“ thematisiert. Schwule wiederum werden als Teil des Patriarchats kritisiert. Das schwule Patriarchat ist ja kaum zu unterscheiden vom Hetero-Patriarchat. Die Schwulenbewegung, wie sie sich in Amerika, Kanada oder Europa entwickelt hat, scheint komplett auf weiße Mittelklasse-Männer fokussiert. Bereits in den 80ern waren wir in unseren Fanzines und frühen Filmen sehr kritisch. Schon damals gab es viele Rassisten und Misogyne in der Schwulenszene, die auch sehr zwischen lesbischen und schwulen Belangen getrennt haben. Gegen diese Art von Hierarchisierung habe ich stets angekämpft. Wenn ich mal kurz ausholen darf: Sagt dir der Bechdel-Test etwas? Damit sollen Frauenrollen in Filmen getestet werden. Ein Film besteht den Bechdel-Test, wenn es im Film mindestens zwei Frauenrollen gibt, die sich im Film auch unterhalten und es nicht um Männer geht. Den besteht aber fast kein Hollywood-Film. Mein Film besteht diesen Test zu 1000 Prozent. Im Gegenteil, es werden ausnahmsweise mal die Männer marginalisiert und ihnen wird gewünscht, dass sie nicht existieren.

Nach Filmen wie „Geron“ oder „Pierrot Lunaire“ und einer Retrospektive im Museum of Modern Arts kommt es mir so vor, als würdest du in den letzten Jahren etablierter, ja, gemäßigter erscheinen. Gehst du mit „The Misandrists“ zurück zu deinen Wurzeln?
Solche Vorwürfe bekomme ich häufig, auch von Seiten der Medien. Als ich 1991 „No Skin Off My Ass“ mit einem Budget von 14.000 Dollar gemacht habe, kamen bereits die ersten Sellout-Vorwürfe aus der Punkszene. Insofern kenne ich das schon. Ja, „Geron“ war der erste Film, den ich gemacht habe, der keinen expliziten Sex hatte. Eine romantische Komödie, eine mainstreamigere Geschichte und mit mehr Narrativ. In den Medien wurde es dann so dargestellt, als hätte ich mich schon wieder verkauft. Die Variety schrieb, der Film wäre schlaff geworden. Aber „Pierrot Lunaire“, der danach kam, war schon wieder wesentlich experimenteller und hat auch eine explizite Masturbationsszene und in dem Film schneidet ein Transmann einem anderen Mann die Genitalien ab und klebt sie sich an seine Vagina. Das war also wieder ein extremer Untergrundfilm. Ich mag es, beide Genres zu bedienen.

Du finanzierst „The Misandrists“ unter anderem mit Kickstarter. Dort willst du 23.000 Euro einsammeln. Was passiert, wenn du das Geld nicht zusammen bekommst?
Ach, da gibt es Mittel und Wege. Ich habe noch zwei weitere Filme in der Produktion, die beide ein wesentlich höheres Budget haben. Zur Not würde ich zur kanadischen Filmförderung gehen, aber es dauert sehr sehr lang, bis man da Geld bekommt und ich möchte nicht rumsitzen und warten, bis das passiert. „The Misandrists“ wollte ich unbedingt drehen aber ich wusste bereits, dass die Finanzierung schwierig wird. Und Crowdfunding lässt mir auch einfach die Freiheit, extremen Kram zu machen ohne Produzenten, die mir reinreden wollen. Ich glaube fest daran, dass wir die Menschen von unserer Idee überzeugen können, und die Finanzierung am Ende klappen wird.

The Misandrists”: http://themisandrists.com/ https://www.youtube.com/watch?v=YyFUWVBt8dw
Facebook-Seite “The Misandrists”: https://www.facebook.com/TheMisandrists/?fref=ts
Kickstarter-Seite “The Misandrists”: https://www.kickstarter.com/projects/themisandrists/the-misandrists-a-movie-by-bruce-labruce
Bruce LaBruce: http://brucelabruce.com/

13100961_970871033028984_4335279384176807161_n

Bruce LaBruce und Philipp Meinert

 

Verlagssitz
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop Aquinostrasse 1 | Zweites Hinterhaus, 50670 Köln | Germany
Team
Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
Autoren, Fotografen, Kontakt
Advertising
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop
marketing@kaput-mag.com
Impressum – Legal Disclosure
Urheberrecht /
Inhaltliche Verantwortung / Rechtswirksamkeit
Kaput
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop ist eine Publikation des Verlagshauses Kaput.